06. Mai 2015


Leserfrage: Soll ich mein Depot über Optionen absichern?

Leser Pin Gu fragt

Angesichts der gestiegenen Gefahr für weitere Rückschläge an den Börsen die folgende Frage:
Wie stehen Sie zum Thema Portfolio-Absicherung, z. B. bei einem Weltportfolio (70/30)? Hier denke ich vor allem an Optionen über Eurex.

Der Finanzwesir antwortet

Grundsätzlich halte ich von dem ganzen Abgesichere nicht viel.

Siehe hier:

Die Absicherung gibt es nicht umsonst. Sie schmälert die Rendite. Dazu kommt: Ich muss mich einarbeiten, um zu verstehen, wie die Absicherung funktioniert.

  1. Rein technisch: Wie funktioniert die Absicherung? Was passiert, wenn die Kurse sinken?
  2. Wann greift die Absicherung? Ich brauche eine Kurve, die mir zeigt: Bei x % Kursverlust fängt die Absicherung y % auf.
  3. Wie ist der Zusammenhang zwischen Kursverlust und Absicherung? Greift die Absicherung linear oder in Absätzen? Werden hohe Kursverluste stärker abgepuffert als geringe Verluste? Wird ein harter Absturz (30 % in zwei Wochen) genauso gepuffert wie ein schleichender Verfall (30 % in sechs Monaten)?
  4. Wie sicher ist die Absicherung? Ist das ein echter Limes oder können abstürzende Kurse meine Verteidigungslinien einfach überrennen?
  5. Was kostet mich das?
    • Wenn die Sicherung tatsächlich greift.
    • Wenn die Kurse nicht fallen und ich die Sicherung nicht brauche.
  6. Ab wann gebe ich Entwarnung? Irgendwann muss die Gefahr der sinkenden Kurse ja mal vorbei sein oder soll die Absicherung bis ans Ende aller Tage laufen?
  7. Hat das steuerliche Konsequenzen?

Fragen über Fragen …

Diese Fragen müssen beantwortet werden und das kostet Zeit. Das sind die berühmten Opportunitätskosten. Ich könnte in dieser Zeit

  • im Job Geld verdienen
  • mit der Familie einen Ausflug machen
  • der Frau schöne Augen machen / den Mann charmant anlächeln
  • mit den Kumpels Biere trinken / mit den Mädels Prosecco schlürfen
  • einfach nur rumlungern

Lösung à la Feuerzangenbowle

Da stelle me uns e mal janz dumm: Warum soll denn abgesichert werden?

Weil die möglichen Kursverluste als unerträglich hoch empfunden werden.

Ich habe 10.000 Euro in ETFs angelegt. Wenn ich mir vorstelle, die Kurse geben um 50 % nach - dann habe ich ja nur noch 5.000 Euro im Depot!

Das! halte! ich! NICHT! AUS!!

Deshalb will ich absichern.

Meine Meinung: eine legitime Forderung, aber der vollkommen falsche Ansatz.

Das Problem ist doch: Die absolute Schwankung wird als zu hoch empfunden. Nicht jeder ist dafür geeignet, in Revieren mit elf Meter Tidenhub zu fischen.

Was tun?

Wechseln Sie in ein Revier mit weniger Tidenhub. Mit Schwankungen von 2.000 Euro können Sie leben?
Dann verkaufen Sie ETF im Wert von 6.000 Euro. Wenn aus den verbliebenen 4.000 Euro dann 2.000 Euro werden, sehen Sie kalt lächelnd zu.
Wenn die Krise dann zu Ende geht, setzt dieses Zahnarzt-Gefühl ein: "Ich hab‘s überlebt. War doch nicht so schlimm."
Im nächsten Zyklus sagen Sie dann: "Ich bin ein Veteran. Ich halte das aus. Was bedeutet schon ein Kursrückgang von 5.000 Euro."

Der Mensch wächst an seinen Aufgaben.

Fazit

Die Finanzbranche beutet hier die Neigung des Deutschen zur Versicherung aus. Der klassische Dreiklang

  1. Horrorszenario entwerfen
  2. Dieses als alternativlos hinstellen (Sie müssen, sonst Altersarmut!)
  3. Flugs ein Gegenmittel aus dem Hut zaubern und dieses gegen eine kleine Gebühr feilbieten

Warum nicht einfach weniger anlegen und so die Schwankungen reduzieren?

Ja, aber die ganzen schönen Kursgewinne, die ich dann womöglich verliere …

Das ist nicht mein Problem. Für die Bändigung Ihrer Gier sind Sie selbst zuständig.

(awa)

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Kommentare

Claudius sagt am 06. Mai 2015

Ich verstehe die ganze Aufregung manchmal nicht. Mal davon abgesehen, dass die Börsen bis jetzt noch nicht um 50% abgestürzt sind - warum sollte man sich gegen ein Risiko absichern, was man bereit war einzugehen!? Ich meine wie soll das gehen? Ganz ohne Kosten, Nachteile oder Aufwand? Wohl kaum! Wenn Ich kein so hohes Risiko eingehen möchte, dann würde Ich jetzt verkaufen und mir risikoärmere Alternativen suchen. Ich persönlich nehme jedoch gerne ein bisschen Risiko in Kauf.

Wann man verkaufen sollte: http://plutosblog.com/2015/04/09/4-wege-zu-wissen-wann-man-seine-aktien-verkaufen-sollte/


Dummerchen sagt am 06. Mai 2015

"Ja, aber die ganzen schönen Kursgewinne, die ich dann womöglich verliere…"

Gier vs. Angst :-) - ja, als Anleger hat man es aber auch nicht leicht. Man möchte am liebsten risikolose Überrenditen. Blöd, dass es die so nicht gibt. Erinnert mich immer an den Spruch "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass".


Pin sagt am 07. Mai 2015

Es geht nicht nur um Gier! Sondern um berechtigte Sorge, wenn man sein ganzes Leben über Sparpläne in ETF investiert hat und nun zum Rentenbeginn mit entsparen anfangen muss. Natürlich muss man sich über das Thema Absichern Gedanken machen und sich die Zeit dafür nehmen.

@Claudius: du hast bestimmt weder KV noch Kfz Versicherung ;-)


Dummerchen sagt am 07. Mai 2015

@Pin: Es ist schon klar, dass es Dir nicht um Gier sondern um Angst geht. Ich bezog mich lediglich auf das Zitat aus dem Artikel.

Dass es Dir um die Zeit nahe des Rentenbeginns ging, erschloss sich mir nicht aus der im Artikel genannten Frage. Umso mehr ist es dabei wichtig, die Gewichtung zwischen risikoarmen und risikobehafteten Anlagen richtig zu wählen. Wenn Du zum Rentenbeginn keine Schwankungen mehr im Depot haben willst, musst Du halt mit zunehmender Nähe zum Stichtag Deine Gewichtung immer weiter anpassen. Vom Prinzip her recht einfach - ob Du wirklich keine Aktien mehr haben willst und wie steil der Ausstieg erfolgen soll, ist dann wieder eine Detailfrage, die jeder für sich selbst klarstellen muss.


Finanzwesir sagt am 08. Mai 2015

Hallo Pin, das Thema Entsparen ist wirklich nicht einfach. Es gibt die klassische Formel "Aktienanteil = 100- Lebensalter", andere Studien besagen wieder, das man besser fährt, wenn man auch im Alter einen hohen Aktienanteil hat.
Mir ging es in der Antwort darum aufzuzeigen, das man nicht einfach ein paar Optionen kaufen kann und das Problem ist gelöst.
Man braucht eine Strategie und sollte sich auch über etwaige Nebenwirkungen klar sein.

Gruß
Finanzwesir


Claudius sagt am 08. Mai 2015

@ Pin: Doch aber Ich schließe eine Kfz Versicherung ja auch nicht erst dann ab, wenn gerade im Auto sitze und mir ein Geisterfahrer entgegen kommt. Das mache Ich, wenn Ich mir das Auto zulege.
Ich verstehe aber auch deinen Einwand. Wenn Ich auf die Rente zugehen würde und sorgen vor einem Crash hätte, dann würde Ich jetzt bereits etwas auf Vorrat "entsparen".


Pin sagt am 08. Mai 2015

@Dummerchen: Warum soll ich mit zunehmendem Alter meine Aktienquote reduzieren? Diese Ansicht 100 - Lebensalter = Aktienquote ist längst Dank Statistik überholt. Denn wer mit 60/65 gesund ist, hat die statistische Wahrscheinlichkeit auf seiner Seite, zumindest in Industrieländern, im Schnitt kann er locker weitere 25 - 30 Jahre leben. Die meisten lebensverkürzende Krankheiten bekmmen wir zwischen 40 und 55 Jahre. Es geht also um Risikoeinschätzung und Stochastik. Ohne Hedging werden wir also nicht auskommen ;-) Es gibt inzwischen einige interessante Studien und Fachbeiträge dazu.


Dummerchen sagt am 08. Mai 2015

@Pin: Wo schrieb ich, dass Du Deine Aktienquote reduzieren sollst? -> "Wenn Du zum Rentenbeginn keine Schwankungen mehr im Depot haben willst..." (Wenn dem nicht so ist, brauchst Du den Dann-Teil auch nicht mehr lesen.)

Sorry, aber MIR musst Du nicht erklären, dass ein Reduzieren der Aktienquote auf 0 nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Als kleine Leseempfehlung (falls Du die Studien und Fachbeiträge nicht eh schon alle kennst): "Wade Pfau" könnte ein erster Anlaufpunkt für Dich sein.


Torro sagt am 09. Mai 2015

Lieber Finanzwesir,

ein Blog-Beitrag zum Thema "Entsparen" wäre höchst interessant (wirklich gute Texte zu diesem Thema kenne ich leider nicht). Wäre toll, wenn du diesbezüglich ein paar Überlegungen anstellen und uns deine geschätzen Gedanken mitteilen könntest.

Herzlich, Totto


Max sagt am 09. Mai 2015

Ich halte auch nichts von dem Abgesichere. Eine Option ist eine Versicherung, die so kalkuliert ist, daß der Verkäufter der Versicherung im Schnitt Gewinn macht.

Ich habe grundsätzlich nur die nötigsten Versicherungen KV, KFZ Haftpflicht, Privat Haftpflicht. Sie versichern Risiken, die mich u.U. ruinieren könnten. Man kann sich ausserdem nicht gegen alles versichern, denn das Leben an sich ist ein Risiko.

Für mein Depot benötige ich keine Versicherung. Ich wohne in einer bezahlten eigenen Immobilie und mein Depot ist diversifiziert: Aktien / Fremdwährungs-Anleihen / Cash / Gold. Das ist sicher genug.
Eine Depotversicherung ist genauso unnötig wie eine "Brillenversicherung".