16. Februar 2014


Wie bin ich finanziell gut aufgestellt?

Wenn Sie Ihr eigener Finanz-Coach sind, müssen Sie denken wie ein Fußballtrainer. Sie brauchen eine Defensive, die das Tor schützt, und eine Offensive, die vorne punktet.

Die Defensive

Die Finanzverteidigung nennt sich Versicherung. Diese Versicherungen sind Ihre Leibwache. Ihr Job ist es, sich zwischen Sie und alle existenziellen Risiken zu werfen. Existenzielle Risiken sind Risiken, die Ihnen einen Schlafplatz unter der örtlichen Brücke bescheren. Die 3 apokalyptischen Reiter heißen

  1. Ruinöse finanzielle Haftungsforderungen. Hier kontern Sie mit der passenden Haftpflichtversicherung (Familienhaftpflicht, Kfz-Haftpflicht).
  2. Ein extremer Vermögensschaden. Gemeint ist hier der Verlust einer Immobilie, auf der womöglich noch Schulden lasten. Die Feuerversicherung schafft Abhilfe.
  3. Gesundheitliche Probleme, die eine Erwerbstätigkeit ganz oder teilweise unmöglich machen. Hier greift das Duo aus Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung. Bei Familien mit einem Haupternährer kann eine Risikolebensversicherung als Ergänzung sinnvoll sein. Wie gesagt, kann, muss aber nicht.

Das war’s. Größer muss die Leibwache nicht werden. Eine große Leibwache zu unterhalten ist kostspielig. Dieses Geld fehlt dann in der Offensive. Der Bund der Versicherten bietet auf seiner Website eine Bedarfsermittlung an.

Die Offensive

Hier soll Ihr Geld mehr Geld verdienen. Am Start sind die sogenannten Finanzprodukte. Hier ist die Situation noch übersichtlicher als bei den Versicherungen. Es gibt nur drei echte Finanzprodukte, von denen zwei für Privatanleger relevant sind.

  1. Die Beteiligung: Jemand hat eine Geschäftsidee, aber zu wenig Geld, diese alleine umzusetzen, also sucht er sich Partner. Diese Partner gehen mit ins Risiko, partizipieren aber auch an allen Gewinnen. Prominente Vertreter: Die Aktie und der geschlossene Fonds (diese Dinger, bei denen man sich an Immobilien, Schiffen oder Windkraftanlagen beteiligt).
  2. Die Anleihe: Jemand braucht ‒ aus welchen Gründen auch immer ‒ Geld. Also leiht er sich welches. Der Deal hier: Geld gegen Zinsen. Egal, ob der Kreditnehmer mit dem Geld einen grandiosen Erfolg erwirtschaftet oder es verkonsumiert, dem Kreditgeber kann es egal sein, er bekommt seine Zinsen und am Ende sein eingesetztes Kapital zurück. Sollte sich der Kreditnehmer als Luftikus entpuppen, ist auch ein Totalverlust möglich. Dieses Ausfallrisiko berücksichtigt der Kreditgeber durch die Höhe der Zinsen. Top-solvente Kreditnehmer zahlen geringere Zinsen als Habenichtse. Prominente Vertreter: Tages- und Festgeld, Pfandbriefe und Anleihen.
  3. Der Terminkontrakt: Hier verspricht der Verkäufer dem Käufer die Lieferung einer Ware (beispielsweise ein Doppelzentner Weizen in Premiumqualität) zu einem bestimmten zukünftigen Termin (beispielsweise in neun Monaten) zu einem bestimmten Preis (beispielsweise 100 Euro). Der Käufer verpflichtet sich, diese Ware dann auch zu diesem Preis abzunehmen. Der Vorteil: Der Produzent kann schon vor der Aussaat abschätzen, mit welchen Ernteerlösen er rechnen kann. Der Käufer weiß, was ihn seine Rohstoffe kosten werden und kann seine Kalkulation entsprechend aufbauen. Für Privatanleger sind Terminkontrakte nicht relevant.

Die Bastardprodukte

Die Finanzindustrie kreuzt gerne Defensiv-Produkte wie Versicherungen mit Offensiv-Produkten wie Aktienfonds und bezeichnet diese als Innovation. Das mag schon sein ‒ ein Porsche als Pritschenwagen ist auch eine Innovation. Aber er liegt schlechter in der Kurve als ein normaler Porsche und kann weniger transportieren als ein echter Transporter.
Besonders bösartige Vertreter der Bastardprodukte sind die politischen Bastardprodukte wie Rürup und Riester. Diese Burschen kombinieren eine durch horrende Gebühren kastrierte Ertragskraft mit einem Stapel Kleingedrucktem. Diese Produkte sind überreguliert. Viele Regeln sind politisch motiviert und können in der Zukunft geändert werden, ohne dass man als Einzahler etwas dagegen tun kann.
Für die Game-of-Thrones-Seher unter uns noch mal ganz martialisch: Die Versicherungen sind mein Schild, der mich vor den Schlägen des Lebens schützt. Aktien und Anleihen sind mein Schwert, mit dem ich mir den finanziellen Erfolg erkämpfe.
Klar kann ich meinen Schild mit fiesen Stacheln verstärken (eine Versicherung mit einem Aktienanteil pimpen), aber dann kann es sein, dass ich meinen Schild nicht schnell genug hochreißen kann und einer der Lannister-Burschen mir die Kehle durchschneidet.
In diesem Zusammenhang interessant ist der Artikel "Warum Garantiefonds nichts taugen".

Was ist zu tun?

Zuerst wird die Defensive aufgebaut. Erst wenn die existenziellen Risiken abgedeckt sind, kann es darum gehen, ein Vermögen aufzubauen.

(awa)

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Soll ich Ihnen eine E-Mail schicken, wenn ich einen neuen Artikel veröffentliche?

Ja, ich bin dabei!

kostenlos, kein Spam, keine Weitergabe der E-Mail-Adresse, jederzeit kündbar, Archiv | Datenschutz

Abgelegt unter Strategie, Versicherung, Aktie, Anleihe, Terminkontrakt, Bastardprodukt



Das könnte Sie auch interessieren

  1. Leser D: Das ist meine Drittel-Strategie
  2. Auf zur Zinsjagd!
  3. Inventur machen - Im Kampf gegen die Flut der Dinge
  4. Leserfrage: Das Haus ist abgezahlt, was nun?

Kommentare

Bjoern sagt am 07. Februar 2016

Rürup und Riester, wirklich nicht empfehlenswert?


Christoph (der Stillhalter) sagt am 08. Februar 2016

@ Bjoern

Wenn du mich fragst höchstens so ein maximales Förderungskonstrukt mit 60 Euro Eigenbeitrag p.a., Förderung für sich selbst und die Kinder umgesetzt in einem kostenlosen Banksparplan. Dann kann man hoffen zur Rente hin einen guten Versicherer zu finden, der dann die Verrentung übernimmt.

Bei dem Rest machst du mehr die Versicherung reich als dich selbst und begibst dich in ein großes rechtliches Risiko. Sterbetafel, Versicherungsgesetzgebung etc. kann man schnell ändern bzw. ändert sich dauernd. Außerdem ist Riester, Rürup und der ganze Wahnsinn einfach viel zu kompliziert.

Sei lieber selbst Herr über dein Geld, beschütze es eiskalt vor Leuten die Provisionen kassieren und lass es hart für dich arbeiten anstatt für jemand anderen.

Kapitalbildende Versicherungen machen nur einen reich und das ist der, der sie verkauft.


Finanzwesir sagt am 08. Februar 2016

Hallo Bjoern,
genrerell bin gegen Riester. Siehe: http://www.finanzwesir.com/blog/was-spricht-gegen-riesterrente
Das Probem mit Riester: Im Allegemeinen bringt es nichts. Aber ein definitives "vergiß es" kann man erst aussprechen, wenn man den Einzelfall geprüft hat.
Ob sich Riester lohnt, hängt ab vom

  • Familienstand: verheiratet / ledig, Kinder / keine Kinder
  • Einkommen: sicherer Arbeitsplatz, befristet, Gehaltsentwicklung in den nächsten Jahren
  • Deiner Lebensplanung: Willst Du bis 67 durcharbeiten oder früher aufhören oder mittendrin mal ein Sabbatical einschieben / Elternzeit nehmen...

Letzendlich hilft nur eins: Vorurteilsfrei ansehen und gegebenfalls verwerfen. Das ist aber etwas, was den meisten Leuten Probleme bereitet: "Nun habe ich schon so viel Zeit da rein gesteckt, jetzt muss auch ein Abschluß her."
Qualifiziertes Verwerfen gilt nicht als Erfolg. ;-)

Dazu kommt: Was für ein Riester soll's denn sein: Banksparplan, Fondssparplan, Wohnriester? Riester ist ja nicht gleich Riester, da muss man schon differenzieren ;-)

Wir haben uns für einen "Subventions-Abgreif-Riester" entschieden. Alle Kinder auf die Frau, maximale Förderung einstreichen und gut. Kein Aufwand und der Staat gibt das Geld. Der stille Christoph hat das in seinem Beitrag politisch etwas korrekter bezeichnet aber sein Vorschlag läuft genau darauf hinaus.

Als "Vermögensbildung" oder "Altersvorsorge" würde ich das nicht bezeichnen.

Zu Rürup kann ich gar nichts sagen. Das hat mich nie interessiert. Ist aber vielleicht auch eine Aussage. ;-)

Gruß
Finanzwesir


Matthias sagt am 28. Juni 2016

4% Rendite auf kurze oder auf lange Sicht

Lieber Finanzwesir und übrige Fachleute,

eine Frage zur praktischen Umsetzung von angenommenen langfristigen ETF-Renditen im Vergleich zum selbstgenutzen Eigentumszimmer.

Der Kandidat hat 100.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto. Es gibt 2 Alternativen zur Anlage:

  1. Anlage des Geldes in Welt-ETFs mit einer erwarteten durchschnittlichen jährlichen Rendite von 4% über eine Laufzeit von 20 Jahren. Der Kandidat wohnt weiterhin zur Miete in einer 1-Zimmerwohnung für 500 Euro Miete.
  2. Kauf einer 1-Zimmerwohnung am trostlosen Stadtrand für 100.000 Euro (alles drin). Das Hausgeld beträgt 160 Euro pro Monat.

Mir kommt es jetzt auf keinen Fall auf folgende Details an:

  • Entwicklung des Werts der Wohnung
  • Stimmen die oben angegebenen Parameter
  • Eigentum ja oder nein als Grundsatzfrage
  • Etc.

Ich möchte einfach nur darauf hinaus, dass die Differenz zwischen Szenario 1 und 2 in den monatlichen Zahlungen für Miete bzw. Haugeld ca. 4% von 100.000 Euro ausmacht. In Szenario 1 kann ich aber erst nach 20 Jahren über den Gesamtbetrag verfügen. In Szenario 2 erhalte ich die Rendite monatlich "bar" als Differenz zwischen Miete und Hausgeld.

Wenn nun alle anderen Parameter außer Acht gelassen werden, müsste man doch das Eigentumszimmer kaufen, oder?

Danke!
Matthias


Finanzwesir sagt am 28. Juni 2016

Hallo Matthias,
das ist eine Laborsituation, die ich für vollkommen praxisfern halte. Mit so etwas beschäftige ich mich nicht.

Gruß
Finanzwesir


Matthias sagt am 28. Juni 2016

Hallo Finanzwesir,

Respekt! Ich hätte gedacht, dass es viele Alleinstehende gibt, die genau vor der Frage stehen, ob sie die operativen monatlichen Lebenshaltungskosten (Hausgeld ersetzt Miete) durch den Kauf einer Eigentumswohnung dauerhaft senken wollen, oder lieber weiterhin zur Miete wohnen und das Geld in Welt-ETFs langfristig investieren.

Aber wenn du sagst, das sei eine Laborsituation, dann muss ich mich in meinem Labor damit alleine weiter beschäftigen.

Gruß Matthias


Schleichdi sagt am 28. Juni 2016

Hallo Matthias,

ja, stimmt, es ist eine Laborsituation. Du zahlst 340 € nicht als Miete. 340 x 12 = 4.080 €, also gut 4%.
Wenn du das wirklich als Rendite betrachtest und niemals über das Hausgeld hinaus in den Werterhalt der Wohnung investieren musst, dann ist die Rendite einen Tick höher als die 4% durch den ETF.

Um so zu rechnen, muss man aber wirklich alle anderen Paramenter außer Acht lassen. Z. B. wird doch die Miete im Laufe der Jahre ziemlich sicher steigen, ebenso wie das Hausgeld. Wenn die Abstand zwischen Hausgeld und Miete größer wird, steigt der Vorteil für den Wohnungskäufer, wird er kleiner, ist der Mieter im Vorteil.
Unser ETF-Investor muss dann aber auch in seiner Mietwohnung am trostlosen Stadtrand wohnen, weil sonst allein die Wohnqualität für die Miete spräche bei ansonsten gleichen Bedingungen... aber na gut, ich sollte ja alle anderen Parameter außer Acht lassen.

Eine Annahme in deinem Fallbeispiel ist aber aus meiner Sicht falsch:

"In Szenario 1 kann ich aber erst nach 20 Jahren über den Gesamtbetrag verfügen. In Szenario 2 erhalte ich die Rendite monatlich "bar" als Differenz zwischen Miete und Hausgeld."

Nein. Du kannst ja einen ausschüttenden ETF kaufen, dann erhältst du die Rendite in beiden Fällen monatlich. Oder du kaufst einen thesaurierenden ETF und legst im Szenario 2 die Rendite ebenfalls verzinslich an (mit 4%, um vergleichen zu können), so dass du dann in beiden Szenarien die Rendite zwar mit Zinseszins, dafür erst am Schluss erhältst.


Finanzwesir sagt am 28. Juni 2016

Hallo Matthias,
die Frage

"operative monatlichen Lebenshaltungskosten durch den Kauf einer Eigentumswohnung dauerhaft senken oder lieber mieten langfristig in ETFs investieren"

ist eine sehr wichtige und weichenstellende Frage, über die man sich auf jeden Fall ganz viele und ganz ernsthafte Gedanken machen sollte. Die selbstenutzte Immobilie ist eine Lebensstilentscheidung. Du aber hackst links und rechts das Wesentliche weg. Was übrigbleibt ist eine dürre Excelkalkulation.
Diesen Unfug machen die Ökonomen mit ihrem Homo oeconomicus auch. Sie reduzieren den Menschen auf ein blutleeres Monster und wundern sich dann, dass ihre tollen Modelle in die Grütze gehen. Dabei haben sie so toll integriert und differenziert und sind die Höhere Mathematik einmal rauf und wieder runter gelaufen.
Das ist Quatsch. Der Kauf einer Eigentumswohnung ist eine Herzenssache. Natürlich muss man irgendwann auch rechnen, aber es muss zum eigenen Lebensstil passen. Du schreibst.

"Kauf einer 1-Zimmerwohnung am trostlosen Stadtrand für 100.000 Euro."

  1. Da haben wir es, das Adjektiv: Des einen "trostlos" ist des anderen "schön ruhig und ich kann immer mit dem Hund raus".
  2. Was wenn der Single Matthias auf Freiersfüßen wandelt und es dann jemand gibt, der ihn Papa nennt? Verkaufen oder Einstieg in ein Leben als Vermieter?
  3. Was, wenn Du Deutschland verläßt, weil Dir Dein Arbeitgeber den Job in Singapur anbietet, den Du schon immer haben wolltest?
  4. Nach allem, was ich bis jetzt gehört habe, gibt es nur eine Versammlung, die grauenhafter ist als ein Elternabend und das ist eine Wohnungseigentümerversammlung. ;-)

Und dann willst Du nicht über

"Eigentum ja oder nein als Grundsatzfrage"

reden? Das ist doch das Wichtigste. Ich kauf doch keine Wohnung, bloß weil das blöde Excel das vorschlägt ;-)

Wenn Du schon rechnen willst: Deine Eigentumswohnung hat einen Wert von maximal 90.000 Euro. Zwischen 8% und 15% sind Kaufnebenkosten, die verdunsten einfach.
Beim ETF jaulen die Leute schon, wenn man sie mit einer Verdopplung der Kostenquote von 0,2% auf 0,4% bedroht ;-) Deine Wohnung muß erstmal über 10% im Wert steigen, damit Du wieder über Wasser bist.

Was mir auch noch nicht klar ist: Was bedeutet "Hausgeld"? Sind das die Nebenkosten des Mieters oder steckt da auch eine Instandhaltungsrücklage mit drin?

Instandhaltungsrücklage: Angemessenheit der Ansparung / 1 Höhe der Rücklage

Nur die Ansammlung einer angemessenen Instandhaltungsrückstellung entspricht ordnungsgemäßer Verwaltung, wobei sich die Angemessenheit nach den besonderen Umständen des Einzelfalls bestimmt. Bei der Bemessung der Instandhaltungsrücklage und des jährlichen Beitrags hierzu haben die Wohnungseigentümer einen weiten Ermessensspielraum. Nur wesentlich überhöhte oder aber zu niedrige Ansätze können gegen die Grundsätze ordnungsmäßiger Verwaltung verstoßen.

Zweite Berechnungsverordnung

Anhaltspunkte für die Bemessung der Instandsetzungsrücklage bietet zunächst § 28 Abs. 2 der Verordnung über wohnungswirtschaftliche Berechnungen (Zweite Berechnungsverordnung – II. BV). Hiernach dürfen pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr bei zurückliegender Bezugsfertigkeit von weniger als 22 Jahren höchstens 7,10 EUR, bei einer solchen von mindestens 22 Jahren höchstens 9 EUR und einer solchen von mindestens 32 Jahren höchstens 11,50 EUR als Instandhaltungskosten angesetzt werden.

Praxis-Beispiel

Instandhaltungsrücklagenberechnung

Die Wohnanlage ist 15 Jahre alt. Die Instandhaltungsrücklage soll 7,10 EUR je qm Wohnfläche im Jahr betragen. Für eine 75 qm große Wohnung würde sich demnach eine monatliche Instandhaltungsrücklage von 44,38 EUR errechnen.

Gruß
Finanzwesir


Matthias sagt am 28. Juni 2016

Hallo Schleichdi und Finanzwesir,

vielen Dank, dass ihr euch des Themas angenommen und mir Antworten gegeben habt. Ich habe in den vergangenen Monaten sämtliche Artikel und Kommentierungen auf dieser Webseite gelesen und das Thema "Pro und Contra Wohneigentum" hast du, Finanzwesir, ja auch in anderen Artikeln bereits ausführlich, genau wie jetzt auch, kommentiert. Diese Seite ist übrigens für mich persönlich extrem wertvoll für das Umkrempeln des eigenen Lebens gewesen.

Bei mir ist tatsächlich die Sondersituation, dass mich das ganze zukünftige potenzielle Lebensleid, das bei vielen anderen Lesern beachtet werden muss (mögliche Änderung der familiären Situation, Arbeitsplatzveränderung, eingeschränkte Gestaltungsmöglichkeiten des Wohnraums, schlimme Nachbarn, Wohneigentümerversammlung, Papa werden, Eltern pflegen etc.) nicht betrifft und in diesem Leben nicht mehr betreffen wird.
Ich könnte es erklären, aber als Arbeitsannahme, dass ich links und rechts abhacken darf, könntet ihr es auch einfach glauben. Dennoch ist es aus deiner Sicht, Finanzwesir, natürlich wichtig, das hier zu schreiben, da 99% der Käufer von Wohneigentum diese Punkte nicht genug berücksichtigen und in die Falle tappen.

Das einzige, was auch mich noch hart treffen kann, ist Krankheit. Aber wenn man das als Argumentationspunkt zulässt, sich kein Eigentum zuzulegen, dann kann ja niemand eine Wohnung oder ein Haus kaufen. Insofern bin ich tatsächlich eine Laborratte, die das nach Excel entscheiden kann und wird.

Daher würde ich jetzt gerne nochmal auf das reine Excel zu sprechen kommen:

Es wurde der Wert und die Entwicklung der ursprünglichen Investitionssumme als wichtiger Punkt aufgeführt, also ob die 100.000 Euro nun 100.000 Euro (im Fall ETF) oder 90.000 Euro (im Fall 1 Zimmer Apartment 40qm) wert sind, und was bei dem Apartment alles im Laufe der Abnutzung über die Jahre gezahlt und getan werden muss (was nicht in den Instandhaltungsrücklagen enthalten ist), um die Wohnung im Wert zu erhalten.
Außerdem sind Immobilien aktuell vielerorts ohnehin schon sehr teuer. Ok. Das verstehe ich. Weiterhin wurde eine mögliche Veränderung des Hausgelds (inkl. Instandhaltungsrücklagen) im Vergleich zur Entwicklung der Miete angesprochen. Das kann sich positiv oder negativ auswirken. Ok. Das verstehe ich auch.

Die Quintessenz ist aus meiner Ansicht nun, dass ihr der Auffassung seid, dass die Reduzierung der operativen Lebenshaltungskosten im Fall des Kaufs einer Eigentumswohnung nicht auf Dauer in der angegebenen Höhe gelingen wird, richtig?

Also:

Szenario 1:
Ich investiere 100.000 Euro, die ich locker übrig habe, in Welt-ETFs. Hier ist eure Meinung, dass ich "realistischer Weise", sofern ich 20 Jahre lang wegschaue, nach 20 Jahren mit einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von konservativen 4% nach Steuern rechnen kann.
Zur Ausnutzung des Steuerfreibetrags, zum Rebalancing und damit quartalsweise auch mal die Kasse klingelt und der Lebensunterhalt zu kleinen Teilen bestritten werden kann, wähle ich gerne auch ausschüttende ETFs (1,8% bis 2%).

Nach allem, was ich hier bisher gelesen habe, könnt Ihr diesem Szenario sicher zustimmen, oder?

Szenario 2:
Ich wohne aktuell in einem 1-Zimmer-Apartment, das viele andere als "trostlos" bezeichnen, zur Miete. Für mich persönlich ist es perfekt. Ich zahle 500 Euro Miete (Abbuchung von meinem Konto an den Vermieter).
Ich könnte das Apartment für 100.000 Euro (inkl. aller Kosten), die ich "locker übrig" habe, kaufen und zukünftig ein monatliches Hausgeld von 160 Euro (inkl. Rücklagen) bezahlen.
Meine Milchmädchenrechnung (ganz unabhängig vom aktuellen und zukünftigen Wert der Wohnung) ist nun, dass ich damit monatlich 340 Euro netto mehr auf dem Konto habe, die auch nicht steuerlich relevant sind, wie Dividendenausschüttungen von ETFs. Das ist deshalb eine Milchmädchenrechnung, da die 160 Euro zum dauerhaften Betrieb (z.B. Sonderumlagen) der Wohnung nicht ausreichen und ich damit die Rendite von Szenario 1 nicht erziele.

Richtig zusammengefasst? :-)

Danke!
Matthias


Finanzwesir sagt am 29. Juni 2016

Hallo Matthias,

"Dass mich das ganze zukünftige potenzielle Lebensleid, u.a. Wohneigentümerversammlung nicht betrifft..."

Du kannst also eine Einzimmer-Eigentumswohnung kaufen ohne Dich mit einer Wohneigentümerversammlung herumzuschlagen?
Ok, Du bist wirklich ein spezieller Fall ;-)

Das wunderbare an Deiner Situation: Du musst nicht die Katze im Sack kaufen. Du kennst Deine Wohnanlage. Du weiß, wo es klappert und kaputt geht. Du kannst ganz lässig alle wichtigen Recherchen durchführen. Sprich doch mal den Hausmeister an und lass Dich rumführen. Frag nach der Heizung, wann muß die erneuert werden, wann wurde das Dach das letzte Mal erneuert?
Mach Dich im Internet schlau über die Standzeiten von

  • Heizung
  • Dach
  • Regenrinnen
  • Wasserleitungen
  • Stromleitungen
  • Fassade
  • Fenstern
  • Müsste das Treppenhaus mal wieder gestrichen werden?

Frage Deinen "Noch"-Vermieter nach den Abrechnungen der letzten 10 Jahre und arbeite die gründlich durch. 160 Euro incl Rücklagen scheint mir sehr wenig zu sein.
Gibt's einen Reparaturstau? Wenn 10 Jahren nicht viel gemacht wurde, kommen demnächst die großen Summen auf Dich zu. Häuser müssen permanent gepflegt werden. Ist so ähnlich, wie wenn Du Dir einen Hund anschaffst, da hast Du auch immer Geschäft.

Mach Dich schlau, was die Stadt vorhat. Werden Gebühren erhöht? Gibt es neue Auflagen? Ist das Hauptabwasserrohr bereits saniert? Ist die deutschlandweite Auflage das Regenwasser auf dem Grundstück zu behalten bereits umgsetzt?
Gibt es sonstige kommunale/bundeslandweite/nationale Auflagen, die noch umgesetzt werden müssen?
Baurecht ist ein heilloses Kuddelmuddel, da mischen alle mit.

"Das ist deshalb eine Milchmädchenrechnung, da die 160 Euro zum dauerhaften Betrieb (z.B. Sonderumlagen) der Wohnung nicht ausreichen"

Keine Ahnung. Eins ist sicher: Das Haus wird jedes Jahr älter und die Pflege teuerer und der Hausmeister wird auch nicht billiger. Die 160 Euro sind deshalb eine Untergrenze. Das Ganze muß zumindest mit der Inflationsrate dynamisiert werden.
Wie oben gesagt, mach die Due Diligence. Gekauft ist schnell, aber dann musst Du Dich um Dein Eigentum kümmern.

Gruß
Finanzwesir

PS: Ist das Haus schon gedämmt? Wenn ja, dann wirst Du 5 - 10 Jahrer nach der Dämmung Deinen Spaß haben, wenn die alles wieder runterreißen, weil die Fassade vollkommen verrottet ist. Wenn nein, dann wirst Du das wohl demnächst bezahlen müssen (und dann siehe Fall 1).


Matthias sagt am 29. Juni 2016

Hallo Finanzwesir,

ich habe es wirklich final verstanden. Ich danke dir für alle aufgeführten Punkte.

Gruß
Matthias


Canstiill sagt am 25. Dezember 2016

Ich finde die Fragen von Matthias sehr konkret und sehr interessant. Die gleiche stelle ich mir auch.

Deine Antwort, Finanzwesir, kann ich dann wie folgend zusammenfassen: Wegen allen Gründen, die du erwähnst hast, kommen so viele Kosten bei einer Eigentumswohnung, dass eine Investition in World ETFs langfristig immer attraktiver ist, richtig?

Wir wissen alle, dass Kosten bei Eigentumswohnung falle. Mir haben aber die quantitative Argumente gefehlt, die in dem konkreten Fall von Matthias zeigen, dass ETFs finanziell interessanter sind.