09. März 2015


Leserfrage: Wozu diversifizieren? Landen nicht alle Firmen irgendwann im MSCI World?

Als Reaktion auf meinen Gastartikel "Was tun in Zeiten des EZB-Wahnsinns?" auf Kritische-Anleger.de hat mich die folgende Leserfrage erreicht:

Leser P. fragt

Bei Ihrer Empfehlung, ein Aktiendepot auf MSCI World und MSCI Emerging Markets zu diversifizieren, habe ich jedoch ein Verständnisproblem.
Würde nicht ein Unternehmen mit einer ausgeprägten Entwicklung vom MSCI Emerging Markets-Index in den MSCI World-Index wechseln und damit diese Diversifikation langfristig überflüssig machen?

Der Finanzwesir antwortet

Wie die Namen der Indizes schon andeuten: Markets = Märkte. Es geht hier um Volkswirtschaften, nicht um einzelne Firmen.

  • Industrieländer: MSCI World Index
  • Schwellenländer: MSCI Emerging Marktes Index
  • Grenzmärkte: MSCI Frontier Markets Index

Wie werden die Volkswirtschaften einsortiert?

Wie im Leserfrage-Artikel "Können Index-Anbieter betrügen?" bereits beschrieben, verwendet die MSCI Inc. dazu das MSCI Market Classification Framework.

Folgende Kriterien spielen eine Rolle

  • Wirtschaftliche Entwicklung (Das Bruttonationaleinkommen muss eine gewisse Höhe haben)
  • Firmengröße und Liquidität des Marktes: Damit Aktien vernünftig handelbar sind, müssen die Firmen eine gewisse Größe haben und es müssen genügend Aktien frei handelbar sein.
  • Politische Kriterien: Ist es ok, wenn Ausländer Firmenanteile halten, gibt es Kapitalverkehrskontrollen, wie läuft der Handel ab (per Computer oder noch old-school mit Geschrei und Zetteln)?

Developed Markets

Die klassischen Industrienationen Europas und Nordamerikas plus Japan und Australien.

Developed Markets

Diese Länder sind Teil des MSCI World Index

Amerika Europa & Naher Osten Pazifisches Becken
Kanada, USA Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Israel, Italien, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden, Schweiz Australien, Hongkong, Japan, Neuseeland, Singapur

Emerging Markets

Das Schwellenland: Kein Entwicklungsland mehr, aber auch noch keine richtige Industrienation. Diese Länder sind oft die Werkbänke und Rohstofflieferanten der Welt.

Emerging Markets

Diese Länder sind Teil des MSCI Emerging Markets Index

Amerika Europa, Mittlerer Osten und Afrika Asien
Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru Ägypten, Griechenland, Polen, Katar, Russland, Südafrika, Türkei, Ungarn, Tschechische Republik, Vereinige Arabische Emirate China, Indien, Indonesien, Korea, Philippinen, Taiwan, Thailand

Frontier Markets

Die Frontier Markets, auch Grenzmärkte genannt, sind Volkswirtschaften, die zwar nicht mehr unterentwickelt sind, aber dennoch von ihrer Wirtschaftskraft nicht an die Schwellenländer heranreichen. Diese Märkte sind kleiner, weniger gut zugänglich und meistens weniger transparent als die Volkswirtschaften der Schwellenländer.
Die Grenzmärkte sind ein ziemlich heterogener Haufen.

  • Mauritius mausert sich still und leise zum Offshore-Banking-Paradies.
  • Nigeria liefert Öl.
  • Bangladesch näht für uns.
  • Estland ist zwar klein, aber voll digitalisiert.
  • Warum Kasachstan im Index ist? Keine Ahnung, vielleicht wegen Borat?

Frontier Markets

Diese Länder sind Teil des MSCI Frontier Markets Index

Amerika Europa & Ex-Sowjet-Republiken Afrika Naher Osten Asien
Argentinien Bulgarien, Estland, Kasachstan, Kroatien, Litauen, Rumänien, Slowenien, Ukraine Kenia, Mauritius, Marokko, Nigeria, Tunesien Bahrain, Jordanien, Kuwait, Libanon, Oman Bangladesch, Pakistan, Sri Lanka, Vietnam

Was bedeutet das für die Frage des Lesers?

Eine Firma ist immer Teil der Volkswirtschaft ihres Landes. Die folgende Tabelle zeigt das sehr schön. Egal, ob mit oder ohne Euro: Belgien und Schweden gehören zum Club der Industrienationen, während das Euroland Griechenland als Schwellenland gilt.

Land Bevölkerung Eurozone Index
Belgien 11,2 Millionen ja MSCI World
Griechenland 11 Millionen ja MSCI Emerging Markets
Schweden 9,6 Millionen nein MSCI World

Keine Firma kann zu Höhenflügen ansetzen, wenn die sie umgebende Volkswirtschaft nicht eine gewisse Kaufkraft und Korruptionsfreiheit mitbringt. Der Begriff "Industrienation" steht ja auch für Stabilität, Planbarkeit, vernünftige Infrastruktur. Sollte nach Frau Merkel ein SPD-Kanzler an die Macht kommen, dann ändert das erst einmal nichts. Wenn dagegen in Taka-Tuka-Land die herrschende Clique weggeputscht wird, sind sämtliche Verträge Makulatur.
Das führt dann dazu, dass sich keine eigene Wirtschaft entwickelt, sondern sich schnell bereichern wollende Herrscherfamilien Lizenzen vergeben und ausländische Minen- oder Agrarkonzerne das Land ausbeuten.
Ein Unternehmen kann nur dann

"eine ausgeprägte Entwicklung"

nehmen, wenn

  • die rechtlichen Strukturen des Heimatlandes es auch zulassen. Wer befürchten muss, dass die Herrscherclique sich die Filetstücke unter den Nagel reißt, gründet nicht.
  • genug ausgebildetes Personal zur Verfügung steht. Aufstieg in den MSCI World Index bedeutet: Arbeit auf Weltmarkt-Niveau.
  • die Infrastruktur stimmt. Strom sollte rund um die Uhr in beliebiger Menge zur Verfügung stehen. Schon daran scheitern die meisten Schwellenländer. Gut asphaltierte und banditenfreie Straßen sowie Telefon und Internet ohne Aussetzer sind auch ein Muss.

Fazit

Die Teilung der Welt in Industrienationen, Schwellenländer, Grenzmärkte und Entwicklungsländer wird uns noch lange erhalten bleiben. Die Sub-Sahara-Staaten wie die Zentralafrikanische Republik, der Tschad oder der Kongo haben noch einen langen Weg vor sich, bevor sie in das Segment "Frontier Markets" aufsteigen können.
Auch die Näherinnen Bangladeschs haben noch einen weiten Weg vor sich, bevor ihr Land ein Schwellenland wird.
Meine persönliche Meinung: Es wird Index-Auf- und -Absteiger geben, aber in diesem Menschenleben wird die Diversifikation nach Regionen sinnvoll bleiben.

(awa)

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Kommentare

Markus N sagt am 10. März 2015

Bisher kein Kommentar! Komisch.

Jetzt ist der Text schon werder zu lang noch zu kurz und visualisiert ist das Thema auch noch wunderbar und Niemand will seinen Senf dazugeben. Entweder passt das der Leserschaft nun auch wieder nicht oder es gibt dem einfach nichts hinzuzufügen.

Beste Grüße Markus N


T. sagt am 10. März 2015

Schöne Zusammenfassung. Danke!


Dummerchen sagt am 11. März 2015

@Markus N: Was soll man dem Artikel auch hinzufügen? Die Zuordnung der Länder ist doch mehr als deutlich erklärt und schön visualisiert - habe ich ähnlich übersichtlich noch nicht gesehen. Ein Kommentar a la "Hübsch!" führt ja kaum zu neuen Erkenntnissen und bauchpinselt höchstens den Autor, was ihn zwar freuen wird, aber sicherlich nicht dringend erforderlich wäre. Ich glaube, du verwechselst das mit seiner expliziten Nachfrage zum visualisierten "Erbseneintag" und den darauf folgenden Kommentaren.


Vercingetorix sagt am 20. Januar 2016

Was ich mir noch genauer anschauen will wie hoch ich in Zukunft den Anteil von Emerging im Depot halten will oder ob Frontiers dazu kommen sollen. Ich hab mir das noch nicht soo genau angesehen aber habe bemerkt das der Emerging market in den letzten Jahren zwar mehr Volatilität hatte jedoch von der Rendite her trotzdem nicht besser war.
Abgesehen davon natürlich das das wieder anders werden kann und man mehr Diversifikation hat klar.
Is mir halt aufgefallen und wollte ich los werden.
Was Frontier ist wusste ich vorher nicht hab das auch etwas mit Front running verwechselt (da wo Aktien kauft bevor sie in den Index kommen)
Danke dafür


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