13. Juli 2015


Muster, ich sehe Muster

Kennen Sie Skinner?

Burrhus Frederic Skinner wurde 2002 in der Fachzeitschrift Review of General Psychology als der bedeutendste Psychologe des 20. Jahrhunderts bezeichnet.

Herr Skinner ist der Erfinder der nach ihm benannten Skinner-Box. Im Groben läuft das so ab:

  1. Tier kommt in Käfig (die Skinner-Box). B. F. Skinners Lieblingstiere waren Tauben.
  2. Tier muss etwas tun (Hebel drücken, auf eine markierte Fläche picken).
  3. Wenn Tier das Gewünschte tut, gibt’s eine Belohnung.

Das Tier erkennt ein Muster: "Wenn ich das tue, passiert jenes". Die Wissenschaftler nennen das "operante Konditionierung".

Schön, was geht’s mich an. Bin ich eine Taube, lebe ich ein einem Käfig?

Kommt gleich.
Wir erinnern uns: B. F. Skinner war nicht irgendein Heini, sondern gilt als der bedeutendste Psychologe des 20. Jahrhunderts.

Skinner hat sich eines Tages gedacht: "Was passiert eigentlich, wenn ich der Taube einfach so alle 15 Sekunden Futter in den Käfig schütte?"
Ja, was soll schon sein, Taube im Schlaraffenland ‒ nix tun, trotzdem Futter abgreifen. Taube hockt vor Futteröffnung und schnappt sich alle 15 Sekunden ein Leckerli.
So hat der gute Skinner sich das gedacht.
Was haben die Tauben gemacht?
Sie sind in Hysterie verfallen. Sie entwickelten wirre Rituale, mit denen sie die Zwischenzeit überbrückten: Manche stolzierten herum und machten zwischendurch Umdrehungen, andere hielten ihren Kopf in eine der oberen Ecke des Kastens, dritte nickten mit dem Kopf, als wollten sie einen Ball treffen und wegschleudern.

Skinners Interpretation

Die Tauben verbinden die Bewegung, die sie gerade ausführen, wenn das Futter zufällig in der Öffnung erscheint, automatisch mit der Belohnung. Deshalb führen sie diese Bewegung in Zukunft häufiger aus.
Damit war die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Tauben auch bei der nächsten Futterladung wieder diese typische Bewegung machten und nun erst recht "glaubten", ihr Verhalten habe das Futter auftauchen lassen.

Jetzt kommen Sie als Anleger ins Spiel

Durch Konditionierung verbinden Menschen und Tiere Vorgänge, die eigentlich nicht in einem ursächlichen Zusammenhang stehen.

Menschen brauchen Muster. Deshalb neigen wir dazu, hinter einer Kette von Ereignissen Zusammenhänge zu sehen. Wenn wir uns einmal für eine Hypothese entschieden haben, tun wir alles, um die Gültigkeit dieser Hypothese zu bestätigen.

Der amerikanische Psychologe Stuart Vyse schildert in seinem Buch "Die Psychologie des Aberglaubens" ein Experiment, das einen weiteren Aspekt des Aberglaubens erklären kann.
Er ließ Studenten des Connecticut College in New London im US-Bundesstaat Connecticut an einem Videospiel teilnehmen, bei dem auf dem Bildschirm ein Gittermuster mit fünf mal fünf Kästchen zu sehen war und in der Ausgangssituation links oben ein Kreis ruhte. Dieser Kreis ließ sich mithilfe zweier Tasten nach rechts und nach unten bewegen. Aufgabe der Versuchsteilnehmer war es, den Kreis durch das Gittermuster zu bewegen und möglichst viele Punkte zu erzielten.
Die Studenten hatten keine Ahnung, welche Bewegung einen Treffer auslösen würde. Sie mussten das selbst herausfinden. In einem Durchgang des Experimentes erhielten die Teilnehmer Punkte, sobald der Kreis sich in den unteren drei der fünf Reihen bewegte, was die Probanden auch recht schnell durchschauten.
Als in anderen Versuchen jedoch die Punkte rein zufällig verteilt wurden ‒ also nichts mit den Bewegungen des Kreises auf dem Bildschirm zu tun hatten ‒ geschah etwas Merkwürdiges:
Die Studenten begannen, wilde Theorien darüber aufzustellen, wie das Spiel funktionieren würde.
"Man muss ganz bestimmte Kästchen treffen, die von Versuch zu Versuch wechseln, sodass man nie genau weiß, welche es sind", sagte einer. Ein anderer glaubte, man müsse bestimmte Felder vermeiden, und eine Studentin war überzeugt davon, die Tasten für die Steuerung des Kreises müssten ganz langsam gedrückt werden.

Interessant ist auch, wie die Studenten ihre Misserfolge deuteten, wenn sie sich getreu ihren Hypothesen verhielten und dennoch nicht mehr Punkte erzielten.
Dann zweifelten sie nicht etwa an ihrer Vorstellung, wie das Spiel funktionierte, sondern glaubten, sie hätten Fehler beim Spielen gemacht. Als die Versuchsleiter den Probanden offenbarten, dass die Punktvergabe in Wahrheit zufällig erfolgt war und ihre Überlegungen nicht stimmten, waren die meisten sehr überrascht und konnten es kaum glauben.

Außerdem neigen abergläubische Vorstellungen dazu, beibehalten zu werden und sich selbst zu verstärken.
Wenn bei Naturvölkern der Medizinmann einen kranken Stammesangehörigen trotz Geisterbeschwörung nicht heilen kann oder der Regentanz keinen Regen bringt, dann zweifeln die Menschen nicht etwa an der Magie als solcher, sondern suchen nach Erklärungen für das Versagen:
Vielleicht ist der Schamane unfähig oder böse Geister haben ihre Finger im Spiel gehabt?
Wird der Kranke aber wieder gesund oder es regnet dann doch, sehen die Menschen einen eindrucksvollen Beweis für die Macht der übernatürlichen Kräfte, der ihnen lange in Erinnerung bleibt.

Passiver versus aktiver Anleger

Der passive Anleger hockt stur vor der Futterrinne und wartet auf die Ausschüttung, die so sicher ist wie das Amen in der Kirche.

Der aktive Anleger führt seine Veitstänze auf und glaubt mit seinem abergläubischen Excel-Gerechne, irgendwelche Muster und Kausalitäten entdeckt zu haben.

Deshalb ist passives Anlegen auch viel schwieriger als aktives Anlegen. Einen Hund müssen Sie auch erst ausbilden, damit er einem Ball nicht hinterher springt, sondern ruhig sitzen bleibt.
Genau so müssen Sie sich als passiver Anleger das menschentypische Verhalten: "Da, da, ein Muster! Ich muss reagieren!" abtrainieren, denn:

Es gibt kein Muster. Da ist nichts.

Fazit

Nicht nur Tauben, auch der Homo sapiens ist ein zwanghafter Mustererkenner. Stehen Sie doch mal auf und schauen Sie in den Himmel. Ich garantiere: Sie sehen keine Wolken, sondern Drachenköpfe, Flugzeuge und was weiß ich nicht noch alles.
Denken Sie an die tanzenden Tauben des B. F. Skinner, wenn Ihnen mal wieder einer weismachen will, er hätte Muster in den Märkten entdeckt.

(awa)

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Abgelegt unter Neurofinance, Konditionierung, Skinner



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Kommentare

Ric sagt am 13. Juli 2015

Hallo Finanzwesir,

sehr tiefgründiger Artikel. Auch das Beispiel mit den Urvölkern fand ich gut. Leider ist die Erkenntnis für die Menschen in Afrika schade, denn würden sie sich anstatt auf die Wunderheiler auf die moderne Medizin verlassen, würde es Ebola in der Form gar nicht geben.

Ich denke, man sollte sich bevor man eine Entscheidung trifft und das nicht nur beim investieren vorher Studien ansehen, und allgemein tiefgreifender mit der jeweiligen Thematik beschäftigen.
Viele Leute gucken dem Versicherungsvertreter in seine blauen Augen und schwups unterschreiben sie alles.

Wir beide haben als Ingenieure berufsbedingt eher die Eigenschaft kritisch zu sein und die Dinge zu hinterfragen. Was den Unterschied zwischen den Leuten die Erfolgreich sind und denen die sich über den Tisch ziehen lassen ausmacht ist finde ich die Selbstverantwortung die viele Menschen leider nicht für sich übernehmen.
Dazu hat der US-Amerikanischer Psychologe Martin Seligmann einige Tests durchgeführt. Ich habe darüber auf meinem Blog einen Artikel veröffentlicht.

Viele Grüße Ric

Auf dem Blog von Ric gibt es hierzu diesen Artikel: Selbstverantwortung


Pierre sagt am 14. Juli 2015

@Finanzwesir

Der Ingenieur mal wieder auf fremden Pfaden (meinem Zuhause, der Psychologie) unterwegs.:-)

Im Kern ok. Skinner - unter Psychologen längst überholt & höchst umstritten und weitestgehend auf Grund der Messmethodik und empirischen Vorgehensweise anerkannt & weniger wegen den Inhalten "seiner Theorie" dem Behaviourismus.

Skinner ging davon aus, dass der Mensch auschliesslich nach Reiz -> Raktionsmuster funktioniert. Dazwischen ist nix bzw. Black Box. Heute wissen wir, dass wir u.a. durch Emotionen, Interaktion mit anderen oder situationale Effekte beeinflusst werden. Im Behaviourismus wurde eines der bisher unethischsten Experimente durchgeführt (mal nach little Albert suchen). Skinner hat übrigens seine Kindern nach seinen eigenen Aussagen mit den Mitteln der operanten Konditionierung erzogen. Gruselige Vorstellung.

Was ich sofort unterschreibe: Börse kann insofern konditionieren, dass sie eine direkte Belohnung liefern kann. Genau, wie der Glücksspielautomat oder das Casino. Mit diesem Mittel arbeiten viele Finanzdienstleister, Tradingseiten usw.


Finanzwesir sagt am 14. Juli 2015

Hallo Pierre,
armer Albert, als Namensvetter und Vater hat man da gleich doppelt Mitleid.

Mir ging´s vor allem um die unselige Musterkennung, um diesen zwanghaften Wunsch auch in rein zufälligen Dingen die lenkende Hand hinter den Kulissen zu finden.

Nun habe ich zweimal im Psycho-Revier gewildert und beides mal hat es Dir nicht so ganz gefallen ;-)

Wie wär's, wenn Du mal selbst zur Feder greifst und als Psychologe über die psychologische Seite des Geldanlegens schreibst? Das wäre doch mal interessant!
Ich glaube mittlerweile, dass der finanzielle Erfolg zu 90% an der Psychologie hängt. Es ist noch keiner daran gescheitert, weil er nicht nicht richtige ETF-Kombi am Start hatte. Solange die Produkte nicht mit möderischen Gebühren beladen sind, kann man als Anleger nicht wirklich was falsch machen.
Es ist doch wie bei der Formel 1: Wenn der Wagen konkurrenzfähig ist, macht der Fahrer das Rennen.
Die Kurve zieht sich zu, Hamilton von links, rechts droht das Kiesbett - schaff ich die Lücke noch? Ein Weltmeister hat den Mut und das Vertrauen in seine Fähigkeiten und bleibt auf dem Gas.
Genau so ist es beim Geldanlegen: Verdient wird an der Börse, wenn die Kanonen donnern. Das wußte schon seine Lordschaft Carl Mayer von Rothschild. Mut und Willen entscheiden das Rennen.

Also lieber Pierre, klick mal auf http://www.finanzwesir.com/kontakt/ und melde Dich ;-)

Gruß
Finanzwesir


Rico sagt am 14. Juli 2015

Toller Artikel. Ich glaube dennoch, dass die Muster an der Börse in gewisser Weise funktionieren, weil die Kurse eben von den Menschen gemacht werden, die an die Muster glauben. Im Spiel haben die Probanden keinen Einfluss auf das Ergebnis gehabt, aber an der Börse beeinflusst die Masse der Mustergucker durchaus das Ergebnis.

Auf dem Blog von Rico gibt es hierzu diesen Artikel: Erfolgreich sparen


Pierre sagt am 14. Juli 2015

@Finanzwesir

Danke für die "Einladung". Ich lasse es mir mal durch den Kopf gehen und melde mich dann ggf.

Nein, ich fand Deinen aktuellen Ausflug recht gut. Übrigens, Du weisst sicherlich, dass ein Ingenieur bedeutenden Einfluss auf die (Arbeits- und Orga)Psychologie hatte: https://de.wikipedia.org/wiki/Frederick_Winslow_Taylor

Sehr empfehlenswerte "Kollegen" zum Thema Geldanlage sind die Herren Kahneman & Tversky, Gigerenzer und der Journalist Jason Zweig. Allesamt natürlich auch Befürworter der passiven Geldanlage.

Viele Grüße!

P.S.: Um den Bogen zu Deinem Artikel zu schlagen. Ein Thema, das die Psychologie zunehmend beschäftigt, ist das Suchtpotenzial der Börse. Die Anzahl der Klienten, die sich auf Grund dessen in Therapie begeben, steigt. Wenn man sich genauer damit beschäftigt - und da sind wir wieder bei Skinner - dann ist der Unterschied zwischen dem Spielhallengänger und dem Trader/Zocker nicht wahnsinnig groß, nur das Ersterer gesellschaftlich negativ angesehen wird, obwohl Letzterer größere Summen "verspielt".


Finanzwesir sagt am 14. Juli 2015

Hallo Pierre,
ja, überleg's Dir mal. Ich glaube, Du könntest eine Bereicherung für diesen Blog sein.
Thema Sucht: Die einen werden panisch, wenn sie das Wort Aktien hören (das MEGA-Risiko!!!, never, ever) und die anderen werden süchtig (Zocker).
Da frage ich mich doch: Sind das womöglich nicht die zwei Seiten einer Medaille? Sind da womöglich ähnliche Gehirnareale aktiv, nur einmal Vollausschlag nach links und einmal Vollausschlag nach rechts. Wie gesagt, keine Ahnung, nur Spekulation.

Was den guten Taylor angeht, so bin ich mir nicht sicher, ob er wirklich eine Zierde für den Ingenieursstand ist oder eher auf der dunklen Seite der Macht gewirkt hat. ;-)

Gruß
Finanzwesir


Uwe P. sagt am 27. Juli 2015

Unser ganzer Wahrnehmungsapparat ist darauf ausgelegt, in einem "Rauschen" Muster zu erkennen. Das reicht schon weit in die Tierwelt zurück, bereits bei Kaltblütern ist das ausgeprägt. Es geht stets darum entweder Beute oder feinde zu entdecken. Typischerweise sind diese versteckt / getarnt, so dass wenige sichtbare Teile zu einem sagen wir mal plausiblen Ganzen zusammengefügt werden.

Dieser in der Natur breit angelegten Fähigkeit sind wir auf Gedeih und Verderb ausgesetzt. Die meisten der optischen Täuschungen beruhen auf unserer Fähigkeit, plausible, d.h. schon öfter gesehene Muster zu extrahieren.

Man kann die Mustererkennung nicht einfach per freiem Willen abschalten. Nicht hinsehen, das ginge vielleicht. ETFs kaufen und deren Entwicklung (erstmal) nicht verfolgen zum Beispiel.


JoJo sagt am 10. Oktober 2015

Als privat Anleger geht in die Richtung gar nichts.

Die Profis jedoch bestimmen den Markt und haben auch Marktmacht, der private hat keine. Hinter einem Muster steht eine Entscheidungskette, zb das goldman diese oder jene Aktie massiv...? Tja was denn, short long, Future, Option Leerverkauf oder sonstige Derivate? Solange man das nicht weiß kann man das Spiel nicht spielen.

Für alle die von zu Hause aus den Markt verfolgen, Finger weg von den "Boden Bildung mit bärischer Flagge" Artikeln!