29. April 2015


Dauerndes Handeln macht unglücklich

Hier erwartet Sie eine würzige Mischung aus Mathematik und Psychologie und am Ende der Beweis:

Permanentes Starren auf die Börsenkurse muss unglücklich machen.

Wenn ich Sie heute Abend frage: "Wie war Ihr Tag?", können Sie mir genau sagen, wann Sie aufgestanden sind und dass im Bus so ein Typ mit einer ganz komischen Mütze saß. Sie werden sich sogar daran erinnern, wann Sie aufs Klo gegangen sind.
Frage ich nächste Woche noch einmal nach, erinnern Sie sich vielleicht noch an den komischen Typen.
Frage ich in einem Jahr: "Genau vor einem Jahr: Was war das denn für ein Tag?" Dann werden Sie die Schultern zucken und sagen:"Ein Tag wie jeder andere auch."

Mit anderen Worten: Das Verhältnis "Nebengeräusche zu Wichtigem" ändert sich mit der Zeit. Die Nebengeräusche verschwinden im Nebel der Zeit. Was bleibt sind die wichtigen ‒ den Lebenskurs beeinflussenden ‒ Ereignisse.

  • An diesem Tag wurde meine Tochter geboren.
  • An diesem Tag starb mein Vater.
  • An diesem Tag wurde ich Geschäftsführer.
  • An diesem Tag stand ich vor den Niagarafällen.

An der Börse ist es genauso.

Schauen wir uns diesen Chart an. Ein Monat, 20 Handelstage. Die Börse zuckt hin und her.

Flash Crash

Beachten Sie den Absturz an Tag 9. Was ist dort passiert? Draghi hat gefurzt! Während einer wichtigen Pressekonferenz. Für die Auguren war das ein klares nonverbales Signal: Draghi scheißt auf die Märkte! Panikverkäufe!
Warum stiegen die Kurse dann am Tag darauf? Investigative Qualitätsmedien fanden heraus: In der EZB-Kantine gab es Flammkuchen. Entwarnung!

Lassen Sie uns eine Monatsbilanz ziehen:

  • Es gab 11 Aufwärtsbewegungen. Jede Aufwärtsbewegung ist ein emotionales Plus.
  • Es gab 9 Abwärtsbewegungen. Jede Abwärtsbewegung ist ein emotionales Minus.

Wenn wir uns jetzt vom Graswurzel-Level der täglichen Kursbeobachtung ein Stockwerk höher bewegen, stellen wir fest:
Der monatliche Betrachter sieht nur

  • Startkurs: 90 Euro
  • Endkurs: 122 Euro
  • macht ein Plus von 35 %. => Happy!

Der Flammkuchen-Flash-Crash ist vollkommen an ihm vorbeigegangen. Anders als der tägliche Beobachter erlebt er kein Wechselbad der Gefühle, sondern sieht nur ein Plus oder gegebenenfalls ein Minus. Aber nur eins, nicht zwanzig.

Für den Depot-Adler, der passiv im Börsenaufwind segelt, schnurren die ganzen lächerlichen Aufs und Abs 5.000 Meter unter ihm zu einer jährlichen Kennzahl zusammen.

Das Verhältnis "Nebengeräusche zu Information" verbessert sich im Laufe der Zeit. Je länger der Zeithorizont ist, um so verlässlicher können Sie eine Situation beurteilen.

Das Ganze lässt sich auch mathematisch beschreiben:

Zeithorizont Wahrscheinlichkeit eines Gewinnes
1 Jahr 93 %
1 Quartal 77 %
1 Monat 67 %
1 Tag 54 %
1 Stunde 51,3 %
1 Minute 50,17 %
1 Sekunde 50,02 %

Quelle: "Narren des Zufalls" von Nassim Nicholas Taleb

Schauen wir jetzt einem Day-Trader über die Schulter, der minütlich den Kurs checkt und acht Stunden in den Monitor starrt.

8 Stunden x 60 Minuten = 480 Minuten. 50,17 % aller Minuten sind glückliche Minuten, denn der Kurs steigt. Macht in Summe: 241 glückliche und 239 unglückliche Minuten. Und am Ende des Tages schleppt sich ein emotional vollkommen erledigter Händler nach Hause. Lange hält das kein Mensch aus.

Besonders perfide: Wir sind alle kleine Psychos. Unser Gehirn verbucht ein Plus nicht einfach als Plus und rechnet es dann gegen ein Minus, sondern wir bewerten die Aufs und Abs. Das Problem:

  • Egal, ob der Kurs ein "plus", ein "Plus" oder ein "PLUS" liefert, wir verbuchen stets ein Plus.
  • Bei einem Minus dagegen verbuchen wir immer ein MINUS.

Wir brauchen bis zu zweieinhalb Glücksmomente, um eine Enttäuschung aufzuwiegen. Negativ schlägt positiv. Immer. Das gilt für alle Lebensbereiche. Was erzählen Sie eher weiter? Eine negative Erfahrung oder eine positive?

Jetzt der Depot-Adler: Er schaut nur jedes Jahr einmal auf die Depotauszüge und in 93 % aller Fälle wird er sich freuen. Das bedeutet: Von den kommenden 20 Jahren werden 19 mit einem Plus abschließen. Selbst wenn wir für das eine vermurkste Jahr zweieinhalb Glücksmomente abziehen, gehen wir mit einem Glücksüberschuss von 16,5 in die nächsten 20 Jahre.

Fazit

  1. Über einen kurzen Zeitraum beobachten Sie nicht die Rendite Ihres Depots, sondern seine Schwankungen. Erst der Jahresauszug zeigt die Rendite.
  2. Emotional können wir das nicht verstehen. Egal ob Tages-Minus oder Jahres-Minus, für uns fühlt sich beides gleich an.

Arbeiten Sie sich nicht an Zufälligkeiten ab ‒ nichts anderes sind kurzfristige Kursschwankungen ‒ und verlassen Sie die emotionale Folterbank des Tradings.

Warum wohl stehen Feldherren auf dem nach ihnen benannten Hügel und sind nicht heroisch im Schlachtgetümmel zu finden?

Zum Weiterlesen

Warum Privatanleger immer zu früh verkaufen und zu spät verkaufen

(awa)

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Kommentare

Claudius sagt am 29. April 2015

Ich habe lang nicht mehr so über das Thema Geldanlage lachen können. Danke, dass Sie mir geholfen haben meinen heutigen Verlust nicht so ernst zu nehmen. Aber die Verlockung einfach mal ins Depot zu schauen ist bei mir immer relativ groß. Die großen Onlinebroker haben wohl nicht ohne Grund Smartphone-Apps programmiert aber man darf sich nicht so leicht beirren lassen. Gruß,

Claudius


Zeuge Draghis sagt am 29. April 2015

Draghi ist keinen Flammkuchen, er hat geschmack. Es gab an dem Tag sizilianische Bohnensuppe.


investor sagt am 30. April 2015

Ich saß in Vollzeit über drei Jahre auf einer solchen "emotionalen Folterbank des Tradings". Im Nachhinein muss ich sagen, es waren viel Zufall und Glück dabei, aber seelisch wäre ich irgendwann drauf gegangen. Zum Glück habe ich es irgendwann begriffen. Der Beitrag bringt es auf den Punkt! Ein wichtiger Punkt für mich, weshalb ich aufhörte, war auch dass dieser "Job" zur Vereinsamung führt, von Verblödung mangels Kommunikation mit Mitmenschen wollen wir gar nicht reden.


Dirk sagt am 01. Mai 2015

Toller Blog, danke dafür! Es ist immer sehr verlockend ins Portfolio zu schauen, aber man sollte wirklich ein wenig Abstand nehmen.


Paulchen sagt am 18. Juli 2015

Mich würde mal interessieren, was es für Wege gibt, sich in dem Punkt selbst zu disziplinieren. Ich gehöre zu der Kategorie "hyperaktiv".

Allgemein verbringe ich zuviel Zeit mit dem Denken ans Thema Finanzen.

Welche Tipps habt Ihr? Was funktioniert bei Euch?

Ich würde gerne dahinkommen, nur 1-2 mal im Jahr ins Depot zu gucken.


Sebastian sagt am 18. Juli 2015

Moin Paulchen,

ich habe mich bereits mit 18 das erste mal an die Börse getraut. Mit hart verdientem Geld + Taschengeld ;) Ich war und bin auch zu hibbelig und habe die Werte zu schnell wieder verkauft. Daher habe ich lange geglaubt: Für mich ist das alles nichts und habe die Börse lange Zeit gemieden.

Nun habe ich bei meinem neuen Versuch meine Hibbeligkeit versucht zu verlagern. Denn viel klarer war für mich: Ich möchte investieren und soviele Unternehmensanteile so günstig wie möglich erwerben. Wenn diese Ansicht erst einmal sitzt, kommt der Rest doch von selbst.
Also habe ich einen Sparplan aufgesetzt und daran meinen Spieltrieb ausgelassen. Viel sparen, wenig sparen. In verschiedene ETFs sparen, in nur 1 ETF sparen. Ich habe alles mal ausprobiert bis es sich für mich stimmig anfühlte. Ich kann nicht garantieren, dass jetzt alles so bleibt. Aber so wie es jetzt ist, fühle ich damit viel wohler. Das hat einfach mit meinem Typ zu tun, durchs Ausprobieren erarbeite ich mir für mich passende Konzepte. Bei der Geldanlage ist diese Vorgehensweise wohl nicht das Optimum aber besser als gar nicht zu investieren ist es allemal.

Gruß, SeBo


Dummerchen sagt am 19. Juli 2015

Hallo Paulchen,

was ist Dein konkretes Problem?

  • Hyperaktiv - was heißt das? Kaufst und verkaufst Du ständig an der Börse?
  • Zuviel Zeit für das Denken über Finanzen verbringen? Warum erscheint es Dir zuviel Zeit zu sein?
  • Nur 1-2 mal im Jahr ins Depot gucken als Ziel? Warum?

Im Grunde müsstest Du erstmal etwas genauer sagen, was Dein konkretes Problem ist.

Trotzdem kann ich versuchen, Dir einen Rat zu geben: Investiere passiv und automatisiere alle notwendigen Vorgänge:

Da Du diesen Blog gefunden hast, weißt Du hoffentlich schon, was passives Investieren ist und dass eine feste Assetallocation wichtig ist.

Du legst einen Sparplan fest, der monatlich einen festen Betrag in einen (oder mehrere) marktbreiten Indexfonds investiert und/oder aufs Tagesgeldkonto überweist.

Ist am Ende des Monats noch zuviel Geld auf dem Konto, überweist Du es ebenfalls auf Tagesgeldkonto.

Einmal im Jahr (mache Dir einen festen Tag aus - z.B. eine Woche nach Deinem Geburtstag) schaust Du nach, wie sich Dein Depot entwickelt hat. Dann und nur machst Du die Seite Deiner Depotbank auf und dann rebalanced Du u.U. auch mit dem Geld, das sich auf dem Tagesgeldkonto befindet.

Börsenmeldungen ignorierst Du einfach - die helfen Dir eh nicht weiter. Ebenso jede Form von Ratschlägen und Warnungen von Funk, Fernsehen, Presse, Freunden und Bekannten. Die Erkenntnis, dass all dieses kurzfristige Handeln keinerlei Mehrwert für Dich hat, ist das A und O bei dieser Strategie und Deinem Wunsch, Dein Verhalten zu verändern. Solange Du daran zweifelst, wirst Du immer glauben, aktiv sein zu müssen.

Leseempfehlung: http://www.finanzwesir.com/blog/aktiv-passiv-investieren (Und frag Dich nach dem Lesen des Artikels ruhig, warum mein Nickname "Dummerchen" ist...)

So würde ich vorgehen, wenn ich nur 1-2 Mal im Jahr ins Depot schauen und trotzdem finanziell erfolgreich sein wollte. Aber wie gesagt, Deine Frage ist wenig klar und Deine Lebensumstände wären sicher hilfreich zu wissen, wenn man Dir wirklich individuell helfen wollte.

Lieben Gruß
Dummerchen


Paulchen sagt am 21. Juli 2015

Hallo Dummerchen (+Sebastian),

vielen Dank für Eure Kommentare.

Der Kopf ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Ich habe nicht nur hier, sondern in vielen wirklich guten Blogs über das passive Investieren und eine sinnvolle Umsetzung gelesen. Das leuchtet mir ein. Ja, ich bin sogar überzeugt davon, dass es der "richtige" Weg ist (für mich).

Dennoch halte ich nicht lange durch. Ich schaue zu oft, lasse mich beeinflussen + verwerfe den Plan. Versuche es wieder und wieder. Lese hier was und "muss" dann was tun. Lasse mich zu schnell von meinem Plan abbringen. Ich weiss mittlerweile, dass dieses Verhalten nicht zielführend ist und mir sogar finanziell schadet.

Manchmal wünsche ich mir die Zeiten ohne Onlinezugang zurück, wo ich nicht ständig Zugriff habe usw.

Deshalb suche ich nach einen guten Möglichkeit mich zu disziplinieren. Das Paradoxe ist, dass mir das rational vollkommen einleuchtet. Ich würde es jemandem empfehlen, der mich um Rat bittet. Ich habe ca. 20 Jahre Zeit bis ich das eingesetzte Kapital benötige (ich habe bereits eine größere Summe angespart, also ging es bei mir weniger um den monatlichen Sparplan, sondern das Kaufen in Intervallen), meine Renditeerwartung ist mit ca. 3% vor Steuern und Kosten auch nicht unrealistisch.

Ich zweifele nicht daran, dass das passive Investieren etwas für mich ist. Ich zweifele nur daran, dass ich es ohne die Parameter zu ändern, durchhalten werde.

Meine Überlegung: a) Blicke ins Depot zu limitieren b) TANs wegsperren / Zugangsbarriere erhöhen c) Feste Zeiträume zum Investieren festlegen, z.B. alle 2-3 Monate d) Weniger Zeit auf Finanzblogs verbringen, ausser natürlich hier:-)

Mein Primatenhirn ist mir im Weg. Ich hoffe, das macht es deutlicher.

Für weitere Tipps bin ich sehr dankbar.

Liebe Grüße Paulchen


Paulchen sagt am 21. Juli 2015

@Dummerchen

Ich habe Deinen Kommentar jetzt ungefähr 10mal durchgelesen. Und er wird immer besser. Danke!