11. Juli 2014


Was ist Risiko?

Neben der Rendite ist das Risiko das zweite magische R-Wort im Finanzbereich. Während die Rendite das Vorzeigekind ist, ziehen die Banken beim Risiko die Voldemort-Nummer durch „Der Begriff, dessen Name nicht genannt werden darf.“

Nix Risiko, sind alles Chancen!

In allen anderen Lebensbereichen gilt es als intelligent und vorausschauend, wenn man sich vorher Gedanken darüber macht, was schiefgehen kann.

Das Wetter ist schön, lasst uns auf den Berg wandern. Wir nehmen aber trotzdem Regensachen mit. Das Wetter schlägt schnell um in den Bergen.
Bevor eine Firma ins Ausland expandiert, wird die Rechtsabteilung darauf angesetzt, mögliche Fallstricke zu finden.
Auch Feuerwehrleute stürmen nicht kühn in ein brennendes Haus, sondern prüfen, ob die Bude ihnen womöglich über‘m Kopf zusammenbricht. Kein Feuerwehrmann wird es als „Chance“ ansehen, unter brennenden Brettern begraben zu werden um dann – tolle Stunt-Show – so Bruce-Willis-mäßig wieder aufzutauchen.

Und ausgerechnet im Finanzbereich soll das anders sein? Ich glaube nicht. Auch hier gilt „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“.
Wer als Anleger die Risiken kennt, reagiert auch in kritischen Situationen souverän. Vogel-Strauß-Politik ist hier falsch am Platz.

Was ist Risiko?

Risiko ist nicht Ungewissheit. Beim Risiko ist die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines bestimmten Ereignisses bekannt.
Die Sterbetafeln der Versicherer bilden ein Risiko ab. Wie viele Menschen Ihres Jahrgangs und Ihres Geschlechts Silvester nicht erleben werden, ist ziemlich gut berechenbar. Da die Sterbewahrscheinlichkeit bekannt ist, können die Versicherer ihre Prämien kalkulieren. Risiko steht zwar im Ruf Voodoo zu sein, ist aber in Wirklichkeit nur Mathematik.
Wann Sie persönlich sterben werden? Das ist ungewiss. Ungewissheit ist „Nichts genaues weiß man nicht“. Bei der Ungewissheit versagt die Statistik.

Welche Risiken gibt es?

Letztendlich sind Geldanleger drei Arten von Investmentrisiken ausgesetzt. Eine Risikoart ist unvermeidbar, zwei Risikoarten lassen sich vermeiden.

Das Gesamtmarktrisiko

Das Marktrisiko ist unvermeidbar. Deshalb werden Geldanleger für die Übernahme dieses Risikos entschädigt. Wer mit geliehenem Geld Optionsscheine kauft, setzt sich dem Marktrisiko stark aus, wer nur eigenes Geld in Blue-Chip-Aktien investiert und ein Tagesgeldkonto führt, verringert sein Gesamtmarktrisiko. Eliminieren lässt sich das Marktrisiko aber nicht. Deshalb muss es durch die kluge Kombination verschiedener Anlageklassen so gemanagt werden, dass es den eigenen Vorstellungen entspricht.
Risikomanagement bedeutet in diesem Fall das Verhindern von dauerhaften nicht akzeptablen Verlusten. Wie lange „dauerhaft“ ist, hängt stark mit der eigenen Lebensplanung zusammen. 30 Jahre für den, der Geld für die Rente anlegt, 5 Jahre für den, der dann ein Haus bauen will.

Einzelwertrisiko und Aktiengruppenrisiko

Diese beiden Risiken sind vermeidbar. Investoren, die diese Risiken tragen, werden deshalb vom Markt nicht dafür belohnt.
Beide Risiken lassen sich durch Diversifizierung so weit „verdünnen“, bis sie verschwunden sind. Ein marktbreiter Indexfonds wie der MSCI World investiert in 1.611 Firmen. Die größte Position – aktuell Apple – macht nicht mehr als 1,73 % des Fondsvolumens aus. Selbst wenn Apple sich von heute auf morgen in Luft auflösen würde – den Kurs des Fonds würde das nicht ernsthaft gefährden.

Einzelwertrisiko

Das Einzelwertrisiko lässt sich in die folgenden vier Unterrisiken zerlegen:

  1. Kursrisiko: Der Kurs einer Aktie kann fallen, einfach, weil die Mehrheit der Marktteilnehmer sie für überbewertet hält.
  2. Zinsrisiko: Wenn die Zinsen stärker als erwartet steigen und der Markt diese neue Entwicklung einpreist, fällt der Aktienkurs.
  3. Unternehmensrisiko: Das Management wirtschaftet schlecht, die Dividenden fallen aus. Die Firma wankt.
  4. Konkursrisiko: Das Management wirtschaftet so schlecht, dass die Firma pleitegeht.

Selbstverständlich haben auch Anleihen und Tagesgeldkonten ein Einzelwertrisiko. Anleihenkurse schwanken und der Schuldner kann insolvent werden. Tagesgeld ist dem Zinsrisiko ausgesetzt, und bei einer Bankenpleite kann man nur hoffen, dass der Einlagensicherungsfonds standhält.

Aktiengruppenrisiko

Die Aktienkurse von Firmen einer Branche bewegen sich oft im Gleichtakt. Mercedes gibt hervorragende Verkaufszahlen in China bekannt => auch die Kurse von VW und BMW steigen.
Ein neues Gesetz zur Regulierung des Strommarktes wird beschlossen => egal, ob RWE oder E.ON, die Kurse sämtlicher Versorger reagieren gleich.
Dabei kommt es gar nicht so sehr auf die Fakten an, sondern die Psychologie reißt die Kurse in die eine oder andere Richtung.
Es gibt auch ausgesprochene Börsenmoden. Dann investieren alle in Growth, Value oder Small Cap Aktien. Die Tide hebt dann alle Schiffe, egal, ob die wirtschaftliche Entwicklung einer Firma den Aktienkurs gerechtfertigt.
Umgekehrt, wenn ein Aktiensegment auf einmal „Pfui bäh“ ist, sausen die Kurse aller Firmen in den Keller.

Was bedeutet das für Sie?

Legen Sie Ihr Geld breit an. Diversifizieren Sie, vermeiden Sie das Einzelwertrisiko und das Aktiengruppenrisiko. Sie können so keinen Mehrertrag erzielen (siehe auch magisches Dreieck der Geldanlage). Mehr Risiko bedeutet in diesem Fall nicht mehr Ertrag.
Klar, in den investment-pornographischen Schriften lesen Sie immer wieder von gelungenen Einzelinvestments, aber „eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“. Nur, weil eine Sache ab und zu gut geht und dann entsprechend groß publiziert wird, bedeutet das nicht, dass diese Strategie auf breiter Basis Erfolg versprechend ist. Das passende Sprichwort zur Situation: „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“

Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Glauben Sie, dass Sie die Elite der internationalen Finanzmanager schlagen können? Woher nehmen Sie das Vertrauen, dass die von Ihnen ausgewählten Aktien wirklich besser abschneiden, als die Aktien, die ein Profi auswählt, der 60 Stunden in der Woche nichts anderes tut, als die Märkte zu beobachten?

Was ist Risikotoleranz?

Risikotoleranz bedeutet: Welche Kursschwankungen können Sie ertragen, ohne auszuflippen?
Wer risikoscheu ist, will oder muss die Schwankungsbreite seiner Geldanlage reduzieren und ist deshalb bereit, niedrigere Renditen in Kauf zu nehmen. Wer sich dem unvermeidlichen Gesamtmarktrisiko nicht so stark aussetzen möchte, muss niedrigere Renditen akzeptieren. So verlangt es das magische Dreieck der Geldanlage.
„Risikoscheu“ ist nicht unbedingt nur ein psychologischer Faktor. Jemand, der plant in einigen Jahren eine Immobilie zu erwerben, muss sein Marktrisiko reduzieren und ist deshalb gezwungen, einen guten Teil seines Geldes sicher und zinsarm zu parken.
Sehr langfristig denkende Anleger mit einem robusten Nervenkostüm haben hier einen Vorteil. Sie können ein höheres Marktrisiko eingehen, weil sie die größeren Schwankungen einfach aussitzen können.
Vergleichbar mit einem Flugzeug: Wer in Baumwipfelhöhe fliegt, kann sich keine Fehler erlauben. Deshalb fliegen Piloten bei Turbulenzen gerne hoch. Da kann die Maschine schon mal 1.000 Meter durchsacken. Solange im Cockpit keine Panik ausbricht, passiert nicht viel. Der Langfristanleger fliegt in 10.000 Meter Höhe. Wer sein Geld dagegen morgen braucht, darf auf keinen Fall in Turbulenzen kommen.
Die Luft ist dünn in 10.000 Meter Höhe. Deshalb sind in dieser Renditezone wenig Anleger zu finden. Zum einen, weil sie das Kapital nicht haben (Anlagen werden aufgelöst, um die Ausbildung der Kinder zu finanzieren oder die eigene Arbeitslosigkeit zu überbrücken), und zum anderen, weil die mentale Stärke fehlt.

Das ultimative Risiko

Damit kommen wir zum Master-Risiko:

Risiko ist, wenn man kein Geld hat, aber welches braucht.

Es darf nie passieren, dass am Ende des Geldes noch Leben übrig ist! Das Geld darf Ihnen nie ausgehen. Egal, ob es sich dabei um die Altersvorsorge handelt oder um die täglich benötigte Liquidität.
Nicht liquide zu sein, ist tödlich. Was nützt es, wenn man sein Geld zwar hochrentabel, aber für fünf Jahre fest angelegt hat und heute die Stromrechnung nicht bezahlen kann. Zwangsverkäufe sind immer extreme Minusgeschäfte.
Noch schlimmer ist es natürlich, wenn einem das Geld in einer Lebensphase ausgeht, in der es zu spät ist, noch welches zu verdienen.
Deshalb muss das Risiko gemanagt werden. So würde ich das machen.

(awa)

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Kommentare

Murphy sagt am 19. Oktober 2015

Vorweg ich bin kein Finanzexperte, aber ich finde es ist nicht scharf genug abgegrenzt was ein "vermeidbares Risiko, das nicht vom Markt honoriert wird" sein soll. Gegenbeispiel: Aktien zu kaufen ist vermeidbar, schließlich kann man genau so gut in Tagesgeld anlegen - aha, der Aktienmarkt und der Geldmarkt haben auch langfristig miteinander wenig zu tun und Ersterer genehmigt sich für höheres Risiko eine höhere Performance.

Ich sehe jetzt weiter keinen Widerspruch darin, den Aktienmarkt in weitere Untermärkte mit ihrem eigenen Chance/Risiko-Profil aufzudröseln, wo mehr Risiko auch gleichzeitig mehr Rendite bedeutet. Effizient bedeutet ja nicht, dass "der (gesamte Aktien-)markt alle gleich macht", sondern dass es schwierig bis unmöglich ist unter- oder überbewertete Assets im jeweiligen Untermarkt zu finden.

Oder sehe ich das falsch?