19. März 2014


Welcher Aktienindex ist der Richtige?

Indexfonds basieren auf einem Index, wie der Name schon sagt. Aber was ist ein Index überhaupt? Ein Index ist nichts weiter als ein Set von Regeln. Firmen, die den Kriterien entsprechen, werden in den Index aufgenommen. Dann wird in regelmäßigen Abständen nachgeschaut,

  • ob alle Firmen, die sich im Index befinden, den Regeln noch entsprechen. Wer den Regeln nicht mehr entspricht, fliegt raus.
  • ob es Kandidaten für eine Neuaufnahme gibt. Da Indizes meist vom Umfang her begrenzt sind (so umfasst der DAX beispielsweise 30 Werte), muss es für jeden Aufsteiger auch einen Absteiger geben. So kennt man’s ja aus der Hitparade.

Der DAX als Beispiel

Jeder Index wird von einem Anbieter veröffentlicht und gepflegt. In unserem Fall ist das die Deutsche Börse AG. Sie legt die Kriterien fest, nach denen eine Firma in den Index aufgenommen wird, und aktualisiert die Zusammensetzung des Index in regelmäßigen Abständen. Für den DAX hat die Deutsche Börse AG als Regelset unter anderem festgelegt, dass

  • der DAX 30 Firmen umfassen soll,
  • die Werte entsprechend ihrer Streubesitz-Marktkapitalisierung gewichtet werden sollen (man hätte hier genauso gut eine Gewichtung nach Börsenwert oder nach Eigenkapital einführen können),
  • ein Unternehmen im Prime Standard gelistet sein muss,
  • ein Unternehmen fortlaufend in Xetra gehandelt werden muss,
  • ein Unternehmen mindestens einen Streubesitz von 10 % aufweisen muss,
  • ein Unternehmen seinen Sitz in Deutschland haben muss oder oder den Schwerpunkt seines Handelsumsatzes an Aktien in Frankfurt und einen Sitz in der EU haben muss,
  • die Zusammensetzung des Index einmal pro Quartal aktualisiert wird.

Diese Regeln hat die Deutsche Börse AG festgelegt. Letztendlich kann aber jeder sein eigenes Regelset aufstellen und darauf einen Index begründen.

Was bedeutet das für Sie als Anleger? Sie müssen genau schauen, wie der Index konstruiert ist. Passt das vom Anbieter vorgegebene Regelwerk zu Ihren Investmentplänen?
Der DAX beispielsweise ist ein schlechter Index, gehässige Zungen behaupten sogar, der DAX sei gar kein Index, sondern ein Marketing-Instrument. Warum?
Weil er nicht marktbreit genug ist. Er umfasst nur 30 Firmen, Indizes wie der MSCI World (umfasst die weltweit größten Firmen) bestehen aus über 1.500 Positionen. Selbst die Top-Position (aktuell Apple) macht nur 1,49 % des Index aus. Selbst wenn Apple sich jetzt in dieser Sekunde in Luft auflösen würde und alle Aktien komplett wertlos würden ‒ dem Index wäre dieser Totalausfall egal, denn das Schadenspotenzial ist auf 1,49 % begrenzt.
Das ist der Vorteil eines breit aufgestellten und robusten Index. Im Vergleich dazu der DAX. Siemens, die aktuelle Top-Position, stellt knapp 10 % des Index dar. Schwächelt Siemens, wackelt auch der DAX.

Enge, hausgemachte Spezialindizes wie z. B. DJ Global Titans (50 von 40.000 Aktiengesellschaften) oder enge Branchenindizes sind eher als Marketing-Instrumente zu verstehen, die dem Kunden eine künstliche Segmentierung vorgaukeln und dazu dienen, immer neue „Produktinnovationen“ am Markt zu platzieren.
Gerade bei Branchenindizes geht der Hauptvorteil eines Index, sein Diversifikationseffekt, verloren. Der von der Firma STOXX herausgegebene Automobil-Index ist ein besonders krasses Beispiel: Er besteht aus 19 Werten, Daimler dominiert mit 30 %. Da kann ich Daimler, VW und Renault auch gleich direkt kaufen und habe so mehr als die Hälfte des Index mit drei Positionen erledigt.

Welches Konzept verfolgt der Index-Anbieter?

Von den Spezialindizes einmal abgesehen, hilft es auch, das grundsätzliche Konzept der Index-Anbieter zu verstehen. Basiert der Index auf der Marktkapitalisierung der jeweiligen Firmen oder auf ihren Umsätzen?
Ein Index, der die Firmen nach Marktkapitalisierung gewichtet, ist anfällig für Spekulationsblasen. Nehmen wir als Beispiel die wilden Dotcom-Jahre Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Aktien der jungen Internet-Firmen erreichten schwindelnde Höhen, die Marktkapitalisierung (Aktienkurs multipliziert mit der Zahl der ausgegebenen Aktien) war gewaltig. Oft waren Internet-Buden an der Börse teurer als gestandene Industrieunternehmen wie VW oder Siemens. Die Umsätze dagegen waren eher mau.
In einem Index nach Marktkapitalisierung sind solche Firmen überproportional vertreten. Wenn die Blase dann platzt, fliegen diese Firmen aus dem Index. Es wird turbulent. Der Index wankt und die Fonds, die diesen Index abbilden, haben hohe Transaktionskosten, denn sie müssen Aktien umschichten. Die abgestürzten Werte müssen verkauft werden, und die Aktien der neu im Index vertretenen Firmen müssen gekauft werden.

Also doch lieber einen umsatzbasierten Index auflegen, in dem die alten Dickschiffe unter sich bleiben und die Jung-Hysteriker nicht vorkommen, weil ihre Umsätze einfach nicht groß genug sind?
Das ist auch nicht das Wahre, denn auch wenn viel Schrott am Markt war: Firmen wie Amazon oder Google waren auch Teil der Internet-Blase und Aktien dieser Firmen hätte man schon gerne frühzeitig im Depot gehabt.

Dieses Beispiel zeigt: Die Konstruktion eines Index beeinflusst seine Zusammensetzung und damit auch die Performance maßgeblich.
Es geht hier nicht um gut oder schlecht, sondern um „Passt zu mir“ oder „Passt nicht zu mir“. Ein Index nach Marktkapitalisierung ist nicht per se besser oder schlechter als ein Index nach Umsatz oder Bilanzgewinn. Es kommt auf Ihre Investmentziele an.

Worauf soll ich bei der Auswahl eines Index achten?

Wie breit deckt der Index den Markt ab, in den ich investieren will? Gerade im europäischen Bereich gilt „Euro“ ungleich „Europe“. Ein Index, der den Begriff „Euro“ Namen führt, investiert in den Euro-Raum, Unternehmen aus der Schweiz, Großbritannien oder Norwegen finden sich in diesem Index nicht. Wenn Nestlé und Vodafone auch mit dabei sein sollen, muss der Namenszusatz „Europe“ her. Ein Europe-Index betrachtet den europäischen Raum (geografisch gesehen). Ein Euro-Index betrachtet nur die Eurozone.
Grundsätzlich gilt: Breiter ist besser, weil repräsentativer und robuster. Für den US-Aktienmarkt ist deshalb der Index Standard & Poor’s 500 (S&P 500) relevanter als der nur aus 30 Werten bestehende Dow Jones. So war Microsoft beispielsweise bis 1999 nicht Teil des Dow Jones, obwohl Microsoft auch 1999 schon zu den weltweit größten Firmen zählte.

Wenn Sie in mehr als einen Indexfonds investieren möchten, stellt sich die Frage der Überschneidung der Indizes, die zu einer ungewollten Übergewichtung bestimmter Firmen oder Regionen führen kann.

Der DAX ‒ die 10 größten Werte machen 66 % des Index aus

Der DAX

Der MSCI World ‒ die zehn größten Werte machen 9,4 % des Index aus

Der MSCI World

Index und Fonds, wie spielt das zusammen?

Es gibt Finanzdienstleister, Firmen wie MSCI oder Russell, die sich Indizes ausdenken und diese konstruieren.
Es gibt Fondsgesellschaften, die diese Indizes lizenzieren und einen Fonds auflegen, der diesen Index abbildet. Dafür zahlt die Fondsgesellschaft Lizenzgebühren an die Index-Entwickler.
Der Index ist die Basis für den Fonds. Die Intelligenz der ganzen Unternehmung steckt im Index, die Fonds-Manager sind nur noch für die operative Ausführung zuständig. Ihre Aufgabe ist es, die Kosten möglichst gering zu halten, damit der Fonds den Index möglichst genau abbildet. Im „echten“ Leben müssen Aktien gekauft und verkauft werden, und die Leute, die den Fonds managen, müssen auch bezahlt werden. Den Index schert das nicht. Diese ‒ unabwendbaren ‒ Transaktions- und Verwaltungskosten sind der Grund, warum ein Indexfonds nie die Performance des Index erreicht.

Auf welchem Index basiert mein Fonds?

Die Factsheets der jeweiligen Fonds sind ein guter Einstiegspunkt. Sie finden die Infos auf den Websites der Anbieter.
Für Amazon-Kunden gibt’s die Kindle-Ausgabe des Handbuchs der Indizes ‒ Ihr Leitfaden für erfolgreiche Indexinvestments. Dieses E-Book ist kostenlos und wird von der Commerzbank herausgegeben. Gedruckt würde dieses Handbuch gut 630 Seiten umfassen, aber

Alle Informationen zu den wichtigsten Indizes der Welt

brauchen eben Platz. Das Buch ist von 2008, aber seine grundlegenden Kapitel sind zeitlos. Seinem Anspruch „Ihr Leitfaden für erfolgreiche Index-Investments“ wird das Buch auch heute noch gerecht.

(awa)

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Kommentare

Winfried sagt am 05. Mai 2016

Vielleicht wäre noch die Unterscheidung wichtig, ob die Dividenden im Index enthalten sind, wie es z.B. beim DAX der Fall ist. Wenn nur die Kursentwcklung im Index berücksichtigt wird, gehen die Dividenden “verloren“.