23. April 2014


Gibt es eine optimale Depotzusammenstellung für Buy-and-hold-Anleger?

Um die Pointe gleich vorwegzunehmen: Für einen langfristig denkenden Privatanleger, der eine passive Anlagestrategie verfolgt, macht es keinen großen Unterschied, ob man nur in die Anlageklassen Aktien und Anleihen investiert oder noch in Gold, Rohstoffe, Immobilienfonds und Windkraft.

Die ganzen ausgetüftelten Gewichtungen à la „Wir investieren 15 % des Geldes in Aktien großer Firmen, nehmen dann noch 10 % Aktien kleiner, aufstrebender Firmen dazu, dann 5 % in Gold …“ sind für die Katz.
Die ganzen mit großem Excel-Aufwand geführten Grabenkriege für 5 % mehr dieses oder 5 % weniger jenes sind vollkommen unnötig, denn sie bringen langfristig keinen nennenswerten Zusatzgewinn.

Wieso sind die meisten Depots viel komplexer als nötig?

Weil es unserer Erfahrung im täglichen Leben entspricht.

1. Gleichartige Probleme bringen gleichartige Lösungen hervor. Nehmen wir Kakteen und Euphorbien (Wolfsmilchgewächse) als Beispiel.
Beide leben in den Trockengebieten dieser Erde. Die Kakteen in der neuen Welt, die Euphorbien in der alten. Beide Gattungen sind biologisch nicht im geringsten verwandt. Aber beide sind der gleichen Anforderung ausgesetzt „Sieh zu, dass du deinen Wasserhaushalt in den Griff kriegst.“
Also haben beide ihre Körper zu Wasserspeichern umgebaut und verzichten auf klassisches Blattgrün. Für Laien ist es nicht einfach, einen Kaktus von einem Wolfsmilchgewächs zu unterscheiden.

2. Die erste Lösung ist nie die Beste. Klar gibt man sich Mühe mit dem ersten Modell, aber man lernt aus den Erfahrungen und verbessert die Nachfolger kontinuierlich. So hat es VW zu insgesamt sieben Golfgenerationen gebracht. Jede Generation ist dabei besser, aber natürlich auch komplexer als ihre Vorgängergeneration.

Auf die Finanzwelt übertragen bedeutet das:

  1. Für jede finanzielle Anforderung muss es ein optimales Depot geben. Dieses Depot ist so zusammengesetzt, dass es optimal an die Anforderungen angepasst ist und maximale Renditen liefert.
  2. Man wird das Ziel „optimales Depot“ nicht gleich erreichen, aber wenn man geduldig optimiert, also passende Wertpapiere kauft und unpassende verkauft, wird man irgendwann ein optimales Depot erreicht haben. Je mehr Erkenntnisse man gewinnt, umso genauer kann man sein Depot ausbalancieren. Dazu braucht man natürlich auch mehr Positionen.

Beide Vorstellungen sind leider Finanzmythen. So läuft das Spiel nicht.

Der Mythos vom optimalen Depot

Mebane Faber hat auf seinem Blog einmal ausgerechnet, wie sich die verschiedensten Anlagestrategien entwickelt haben. Zwar beziehen sich die Ergebnisse auf den US-Markt, aber da der US-Finanzmarkt weltweit eine dominierende Rolle spielt, sind die Ergebnisse auch für deutsche Anleger relevant. Er hat acht ausgetüftelte Portfolios bedeutender Finanzstrategen mit einem Simpel-Depot bestehend aus 60 % US-Aktien und 40 % US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit vergleichen. Herr Faber hat einen Zeitraum von 40 Jahren (1973 bis 2013) betrachtet.

Das Fazit seines Artikels Asset Allocation Strategies: Wer seine Wertpapiere kauft, um sie zu behalten (passiver Buy-and-hold-Ansatz), der fährt mit dem aus nur 2 Assetklassen bestehenden Primitiv-Depot genau so gut wie mit einem ausdifferenzierten Portfolio mit 11 Assetklassen.
Sämtliche relevanten Erfolgskennzahlen liegen um maximal 2 % auseinander. Für Mebane Faber ist klar: Der Aufwand, den man treiben muss, um ein ausgefuchstes 11-Positionen-Portfolio aufzubauen, lohnt sich nicht.
Wenn Sie es genauer wissen wollen: Meb Faber hat aus diesem Artikel ein Buch gemacht: Global Asset Allocation: A Survey of the World’s Top Asset Allocation Strategies (English Edition)*

Global Asset Allocation: A Survey of the World’s Top Asset Allocation Strategies (English Edition)

Bonus: Ein einfaches Portfolio ist auch einfacher zu verwalten. Wenn man einen Sparplan aufsetzt, müssen nur zwei bis drei Positionen bespart werden, und auch die Steuererklärung wird gleich viel einfacher.

Der Vermögensverwalter Dr. Hannes Peterreins schlägt in seinem Blog-Artikel "Wie kommen die Quoten beim Global Strategy zustande?" in dieselbe Kerbe. Er schreibt unter anderem

Wenn jemand anderes eine andere Gewichtung für besser hält, also beispielsweise USA deutlich mehr, Japan weniger, dann soll mir das recht sein. Ich kann hier nicht argumentieren, dass „meine“ Gewichtung besser ist und eine andere schlechter.

Fazit

Es gibt für Passivanleger keinen Heilgen Gral, sondern viele Wege führen nach Rom. Man hat als Anleger bei der Zusammenstellung seines Portfolios deutlich mehr Freiheitsgrade als vermutet. Da es keine optimale Depotzusammensetzung gibt, kann man sich - solange man halbwegs vernünftig diversifiziert - sein Depot so zusammenstellen, dass man gut schläft. Dabei muss das Depot noch nicht einmal übermäßig viele Positionen enthalten. Auch mit einem einfachen Depot lassen sich gute Ergebnisse erzielen.
Eine Optimierung des Portfolios findet nicht statt. Wenn man sich einmal für eine bestimmte Zusammensetzung entschieden hat, bleibt man dabei. Also gerade kein ingenieurmäßiges Herumschrauben und Optimieren, sondern sture Konstanz sind gefragt.
Im obigen Beispiel wurden die Depots über 40 Jahre hinweg nicht verändert.
Meinen Vorschlag für eine passive Anlagestrategie präsentiere ich im Aufsatz "So würde ich mein Geld investieren".

Update vom 03.06.2014

Auf Geldexperimente gibt es das „Schimpansen Portfolio passiv“. Schlägt sich aktuell ganz wacker.
Soviel zum Thema „Nur Finanzprofis können Rendite bringen“.


(*)Affiliate-Link: Das Buch wird für Sie nicht teurer, aber wir erhalten eine kleine Provision.

(awa)

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Kommentare

Juan sagt am 05. April 2015

Hallo Finanzwesir,

nachdem ich schon lange den Privatanleger und das Zendepot lese, habe ich jetzt auch Dein Blog entdeckt und bin begeistert! Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

Aber zu dieser Ausarbeitung möchte ich Kritik anmelden. Oben schreibst Du:

"Das Fazit seines Artikels Asset Allocation Strategies: Wer seine Wertpapiere kauft, um sie zu behalten (passiver Buy-and-hold-Ansatz), der fährt mit dem aus nur zwei Assetklassen bestehenden Primitiv-Depot genau so gut, wie mit einem ausdifferenzierten Portfolio mit elf Assetklassen. Sämtliche relevanten Erfolgskennzahlen liegen um maximal 2 % auseinander. Für Mebane Faber ist klar: Der Aufwand, den man treiben muß, um ein ausgefuchstes 11-Positionen-Portfolio aufzubauen lohnt sich nicht."

Dieses Argument kann ich nicht nachvollziehen.
In Deinem allerersten Artikel "Was 1,8% ausmachen" führst Du sehr schön vor Augen, was für ein Delta nach 30 Jahren durch besagte 1,8% jährliche Mehrkosten - oder anders gesagt: 1,8% Minderrendite - entsteht. Wenn wir uns die Tabelle von Meb Faber ansehen, stellen wir fest, dass zwischen der Bernstein Strategie mit einer geometrischen Rendite von 10,49% und dem Permanent Portfolio mit 8,88% CAGR eine jährliche Differenz von 1,61% besteht. Nach 40 Jahren Laufzeit beträgt die Differenz der Endsummen zwischen den beiden Allokationen 80,24%! Auch gegenüber dem 60/40 Depot erreicht Bernstein am Ende der Betrachtungsphase eine Mehrrendite von 44,46%.

Das sind doch Riesenunterschiede, die so manche Urlaubsreise finanziell ermöglichen oder zunichte machen können, und folglich lohnt es sich, dem Asset-Mix viel Beachtung zu schenken. Die jährlichen geringen prozentualen Abweichungen entfalten auf der Zeitachse eine enorme Kraft, und es lohnt sich eben doch, ein feinkörniges Portfolio aufzubauen! Dass natürlich andere 40-Jahres Zeiträume andere Ergebnisse ergeben können, und Bernstein nicht immer als Sieger hervorgehen muss, steht auf einem anderen Blatt.

Viele Grüsse Juan


Finanzwesir sagt am 11. April 2015

Hallo Juan,
danke für das Lob.
Was die ETFs angeht: Dann nimm Bernstein. 25% US Stocks, 25% Small Cap Stocks, 25% International Stocks, 25% Bonds sind für mich noch kein ausgefuchstes Depot ;-)
100 Dollar in vier gleich große Häufchen aufteilen und dann drei Häufchen in Aktien und eins in Anleihen - ziemlich simpel.

Wo bleibt das Gold, die Immobilie, Venture Capital, wo bleibt die Aufteilung der Anleihen in Untergruppen?
Schau Dir mal das El-Erian Portfolio an. Da sind 8% für "Special Situations" reserviert. Oder das Arnott Portfolio mit seinen 10 Positionen. Das sind die echten Excel-Quäler. ;-)

In meinem Artikel über die ETF-Cocktails geht es genau darum: ETF-Depot erst mit mit minimalem Aufwand (2-4 ETFs) aufbauen und dann nur noch durchhalten. http://www.finanzwesir.com/blog/etf-index-rendite-vergleich

Gruß
Finanzwesir


Dieter sagt am 13. November 2016

Hallo mein lieber Finanzwesir,

ich habe meisten Ihrer Blogs gelesen. Eines ist mir jedoch noch nicht klar: Soll man sein Depot aufzustocken bei fallenden Kursen, oder soll man nichts tun und alles einfach laufen lassen.

Mit Tagesgeldkonten und den 0,x % Rendite-Staatsanleihen habe ich so meine Probleme, andererseits soll man ja auch nicht "alle Eier in einen Korb legen". Ich würde lieber einen Teil meines Geldes (10 %) auf physisches Gold setzen. Mache ich damit einen Fehler?


ChrisS sagt am 13. November 2016

Hallo Dieter,

"Soll man sein Depot aufzustocken bei fallenden Kursen, oder soll man nichts tun und alles einfach laufen lassen."

Im Grunde "soll" man halt das machen, was man sich selbst als Strategie vorher so festgelegt hat. Da die meisten Leute, gerade als Anfänger und Einsteiger, nicht schon von Beginn an mit einem großen Betrag zur Einmalanlage gesegnet sind, ist die daraus notwendigerweise resultierende (und daher oft empfohlendste) vernünftige Strategie der "regelmäßige Sparplan".
Darüber sind auch hier im Blog schon so einige Artikel geschrieben worden - wenn du die schon gelesen hast, kennst du ja die wesentlichen Argumente dafür und den Sinn hinter regelmäßigen Sparplänen (und wenn du die Artikel dazu noch nicht gelesen hast, gib das einfach in die Suchfunktion ein).

Wer sich also vorgenommen hat, in festen Intervallen (zb monatlich) einen festen Geldbetrag (zb 100€, etc.) ins Depot zu investieren, sollte das also natürlich und unbedingt weiterführen - eigentlich sogar ganz egal ob die Kurse grad steigen oder fallen.
Klar, rein "psychologisch" investiert sichs immer viel leichter wenn alles schön steigt, aber man muss halt auch durchhalten und weiter zukaufen wenn es die Aktien auch mal grad "billiger" zu haben gibt. Gerade dann bekommt man ja fürs gleiche Geld mehr Anteile, und ist damit stärker an der späteren Erholung wieder beteiligt.

Ansonsten gilt auch der Ratschlag, eine zu sich selbst passende(!) Asset-Allokation der Risikoklassen zu haben. Ebenfalls ein bereits oft wiederholtes Thema, eben nur soviel Kapital in zB Aktien zu verteilen, dass einem ein -50% Crash dieser Positionen, bezogen aufs Gesamtvermögen, nicht um den Schlaf (und damit zu vermeidbaren psychologischen Fehlhandlungen, wie zB im Verlust verkaufen) bringt.

"Ich würde lieber einen Teil meines Geldes (10 %) auf physisches Gold setzen. Mache ich damit einen Fehler?"

Kommt halt darauf an, wie du "Fehler" definierst. Zumindest problematisch ist, dass du Gold gedanklich in einen Absatz mit anderen "Sicherheits"-Anlagen wie Tagesgeld und Staatsanleihen setzt - ich würde etwas Abstand von diesem Vergleich nehmen, denn ganz unabhängig ob Gold selbst nun gut oder schlecht ist, es ist auf jedenfall kein Tagesgeldersatz oder so.

Zu Gold selbst gibt es hier auch schon einige Artikel, die du ja vllt kennst (oder wenn nicht = Suchfunktion), deshalb müssen wir hier eigentlich nicht nochmal eine Grundsatzdiskussion pro/contra darüber führen. Die Argumente des Finanzwesirs, warum er nicht in Gold investiert, hat er jedenfalls schon nachvollziehbar dargelegt, du kannst dich nun dem anschließen, oder andere Ansichten haben - jeder ist für seine eigenen Anlageentscheidungen selbst zuständig, denn nur man selbst muss ja auch mit deren Konsequenzen schlussendlich leben.
Mach was du willst und womit du dich wohlfühlst - wenn es am Ende auch wirklich nur bei einer 10% Allokation bleibt, ist das ja nicht soviel dass es für dich ruinös wird, sollte es sich doch als "Fehler" herausgestellt haben (erwarte dir damit aber auch auf der anderen Seite davon nicht so viel, vorm nächsten Weltuntergang gerettet werden zu können etc.).


Couponschneider sagt am 07. Januar 2017

Einfachheit ist auch mein Motto. Ich habe nur eine Asset-Klasse: Die Aktie. Diversifikation betreibe ich nur über die Aktienwahl (Branche, Standort). Alles andere habe ich immer als Zeitverschwendung betrachtet. Ich brauche keine Rohstoffe. Ich habe lieber Unternehmen, die Rohstoffe haben oder fördern. Ich brauche keine Immobilien, weder direkt noch in Form von REITs. Meine Unternehmen haben Immobilien. Ich brauche auch keine Anleihen. Meine Unternehmen haben Anleihen. Ich lasse mich auch nicht lumpen und nehme wegen der Niedrigzinsphase einen Kredit auf. Meine Unternehmen können viel mehr von der Niedrigzinsphase profitieren, weil die bessere Konditionen aushandeln können als so ein kleiner Couponschneider mit dem Traum vom Haus.