09. September 2014


Smart-Beta-ETFs: Das Trojaner-Problem

Leider sind ETFs auch nicht mehr das, was sie mal waren. Wie jede Industrie versucht auch die Finanzindustrie, jeden Trend maximal auszubeuten. Zum einen, um möglichst viel Umsatz zu generieren und zum anderen, um der Konkurrenz Paroli zu bieten.
Kennt man ja vom Kaufmann: Henkel will möglichst viele Regalmeter belegen. Deshalb bieten sie nicht nur Vollwaschmittel, sondern Waschmittel für Schwarzes, Buntes, Wolle und Feines sowie Waschmittel für 30 °C, 40 °C und 60 °C an. Und das ganze als Pulver und in flüssig. Damit ist das Regal voll und die Konkurrenz verdrängt.
Die ETF-Industrie macht es nicht anders. Irgendwo wird eine neue Investmentstrategie ausgerufen, zack gibt‘s den passenden Smart-Beta-ETF dazu. Keine Nische ist zu klein, um nicht mit einem ETF bedacht zu werden.
Der First Trust NASDAQ CEA Smartphone Index spezialisiert sich auf die Smartphone-Branche und der Nashville-ETF investiert nur in Firmen aus Nashville, Tennessee. So geht das endlos weiter. Als besonders verkaufsfördernd haben sich die Label "Smart Beta" und "Alternative Beta" erwiesen.

Das Trojaner-Problem

Dieser Konkurrenzdruck und die Tatsache, dass das aktive Fonds-Management in den letzten Jahren viel Prügel bezogen hat, "Zu teuer, unterirdische Performance", bringt die Finanzindustrie nun dazu, jedem Fonds, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, das Label "ETF" anzuhängen. ETFs werden in der Presse gelobt und genießen deshalb beim Publikum einen Vertrauensvorschuss.
Das erleichtert den Verkauf. Wenn man genau hinschaut, erkennt man: Smart-Beta-ETFs sind keine ETFs, sondern Trojaner.

Rekapitulation: Was war noch mal der Sinn von ETFs?

Um nicht in diesen Strudel aus neuen Produkten hineingerissen zu werden, hilft es, einmal zurückzutreten und sich darüber klar zu werden:

ETFs haben keinen Wert an sich, sondern sind Bausteine einer Strategie

Ich muss mir das auch immer wieder vor Augen halten, denn die tollen neuen ETFs schillern sehr verführerisch.

Da gibt es den Direxion iBillionaire Index ETF, der die Engagements von Finanzgrößen wie Warren Buffett, Carl Icahn, George Soros oder David Einhorn nachäfft.
Frauenpower gibt‘s im Pax Ellevate Global Women’s Index Fund. Dieser ETF investiert nur in Firmen, bei denen besonders viele Frauen in Führungspositionen sitzen.
Bei knapp 1.300 ETFs muss man sich eben etwas einfallen lassen, um das werte Publikum zu beeindrucken.

Persönliche Meinung: Der ETF-Markt ist produktmäßig ausgereizt. Alle für Privatanleger sinnvollen Produkte sind zu vernünftigen Kosten erhältlich. Jetzt kommt die Zeit der Sumpfblüten-ETFs.

So ist‘s richtig

Erst kommt die Anlagepolitik und dann die konkrete Produktauswahl. Das Problem: Die Anlagepolitik ist ein graues Mäuslein. Die Anlagepolitik sitzt still und schüchtern im Hintergrund auf ihrem Stuhl und wartet darauf, angesprochen zu werden.
Die Produkte dagegen sind heiße Feger (oder charmante Gigolos für die Leserinnen dieses Blogs). Die Produkte sehen sehr gut aus und umgarnen uns aktiv: "Hallo Süßer, wie wär‘s mit uns?".
Wer kann da schon widerstehen? Und schon ist wieder ein Produkt ins Depot gehüpft, das man da eigentlich gar nicht drin haben wollte.
Die Anlagepolitik sieht‘s und seufzt.

Wie lautet die Strategie?

Die strategische Entscheidung heißt: Indexing, also das passive Abbilden eines marktbreiten Index. Verschiedene Indizes in unterschiedlicher Gewichtung bilden dann das eigene Portfolio.
Um diese Strategie umzusetzen, braucht man Indexfonds. Indexfonds gibt es in zwei Varianten

  1. ETF = börsengehandelte Indexfonds
  2. klassischer Fonds, der von der Fondsgesellschaft ausgegeben und zurückgenommen wird.

ETFs haben sich auf dem deutschen Markt durchgesetzt, da sie kostengünstig sind und man sie jederzeit handeln kann.
Das bedeutet aber nicht, dass die ETFs jetzt frech werden dürfen. Sie sind nach wie vor nur Mittel zum Zweck. Zuerst kommt der Index (strategische Entscheidung), dann kommt die Auswahl des ETFs (taktische Entscheidung).

Auf welchen Index soll ich bauen?

Sinnvoll sind nur marktbreite Indizes, die mehrere Hundert Firmen umfassen.

Persönliche Meinung: Jeden Index, der weniger als 100 Positionen umfasst, sortiere ich aus.

Warum? Weil es beim Indexing darum geht "den Markt zu kaufen". Ich als Anleger will die Marktperformance abzüglich Kosten erwirtschaften.
"Der Markt", das sind alle Transaktionen. Alle Käufe und Verkäufe zählen. Dabei ist es unerheblich, ob ein großes Paket Coca-Cola-Aktien den Besitzer wechselt oder einige Aktien der Mini AG gehandelt werden.
Ein Index, der nicht mindestens 85 % der Transaktionen dieses Marktes abbildet, repräsentiert diesen Markt nicht und ist deshalb nicht geeignet, die Strategie des passiven Indexing umzusetzen.

Typische Vertreter sind die Indizes:

  • MSCI World
  • MSCI Emerging Markets (Schwellenländer)
  • MSCI ACWI (World plus EM)
  • S&P 500 (US Standardaktien)
  • Stoxx Europe 600 (europäische Aktien)
  • Nikkei 225 (japanische Aktien)
  • Für Nebenwerte: MSCI Small Cap USA, S&P SmallCap 600, Russel 2000

Das bedeutet: Gut 80 % der angebotenen Aktien-ETFs sind für ein passives Investment nicht zu gebrauchen.

Die Trojaner-ETFs: Auf welche ETFs sollte ich besser verzichten?

Strategie-ETFs, auch Smart-Beta-ETFs genannt

Egal, ob Hedge-Fonds, Minimum-Varianz-Strategie oder Volatilitätsindex: Diese ETF setzen eine aktive Strategie um. Mit einem klassisch-passiven Ansatz hat das nichts mehr zu tun.
Ist das schlecht?
Nein. Nicht, wenn man sich

  • zum einen bewusst für eine bestimmte Strategie entschieden hat und sich
  • zum anderen bewusst für ETFs als Vehikel entschieden hat, um diese Strategie umzusetzen.

Smart-Beta-Strategien bieten Ihnen die Möglichkeit, bestimmte Risikofaktoren wie beispielsweise Volatilität oder Währungsschwankungen gezielt zu steuern. Das bedeutet: Sie müssen wissen, was Sie steuern wollen und wohin Sie es steuern wollen.
Außerdem sollten Sie beurteilen können, ob Smart-Beta-Selektionskriterien wie die Höhe der Dividendenausschüttungen oder die Korrelation der Titel untereinander für Sie persönlich sinnvoll sind.
Mit anderen Worten: Sie sind aufgerufen, sich die Gedanken eines aktiven Anlegers zu machen.

Der Geburtsfehler der Smart-Beta-ETFs

Ein Smart-Beta-ETF ist ein aktives Produkt, das in einer Zwangsjacke namens Index steckt. Auch ein "alternativer" Index ist ein Index, und diesem Index hat der ETF zu folgen. Das Management kann nicht eigenständig die verschiedenen Risikofaktoren neu gewichten, sondern hat sich sklavisch an den Index zu halten.
Was soll das? Entweder ich glaube an die Überlegenheit meines Fonds-Managers, dann lasse ich ihm freie Hand und erwarte von ihm, dass er die ausgetretenen Pfade verlässt, die Trüffel im Unterholz findet und mein Geld möglichst indexfern anlegt. Oder ich glaube nicht an seine Überlegenheit, dann eliminiere ich ihn ganz und lege im indexbreiten Standard an. Aber ich kette mein Trüffelschwein doch nicht an und beschwere mich dann, dass es nichts findet.
Im übrigen frage ich Sie: Wie intelligent ist es zu glauben, dass ein allgemein bekannter Index den Markt langfristig schlägt?

Dazu kommt: Smart Beta ist teuer. Nehmen wir den S&P500-Index als Beispiel:

Der smarte db x-trackers S&P 500 Equal Weight ETF (WKN DBX0KM) hat eine Kostenquote von 0,3 %.
Der 08/15-ETF von der UBS, der S&P 500 SF ETF (WKN A1CTPT) hat eine TER von 0,05 %.
Das bedeutet: Smart Beta ist 600 Prozent teurer als das Standardprodukt. Dieser Kostenunterschied ist Ihnen sicher, ob die Performance genauso abhebt wie die Kosten, muss die Zukunft erst noch zeigen. Der smarte ETF wurde am 16. November 2011 aufgelegt, er ist damit gerade mal gut drei Jahre alt. Zu früh für eine abschließende Beurteilung der Intelligenz. Wir sehen uns dann nach der Pubertät in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts wieder.

Kastrierte ETFs

Damit sind schwankungsberuhigte und währungsabgesicherte ETFs gemeint.
Diese sedierten ETFs sind nicht empfehlenswert. Sie konterkarieren die passive Idee und produzieren nur unnötige Kosten. Die Banken lassen sich den Mehraufwand natürlich bezahlen.

Aktienmärkte schwanken nun einmal. Das ist ganz normal und liegt in der Natur der Sache. Schwellenmärkte schwanken stärker als die Märkte der entwickelten Nationen. Die Aktien kleiner Firmen schwanken stärker als die Aktien der Dickschiffe.
Niemand würde auf die Idee kommen, ein Boot auf hoher See fest zu verankern, wenn ein Sturm kommt. Die Besatzung ist viel sicherer, wenn das Schiff frei über die Wellen reiten kann.

Ein entfesselter ETF bringt langfristig die besten Ergebnisse. Nicht nur, weil die Kosten gering sind, sondern weil ein entfesselter ETF auch richtig Gas geben kann, wenn die Märkte steigen. Im Guten wie im Bösen: Er bildet den Markt ab.
Dieses "Verluste vermeiden" geht oft einher mit "bei Gewinnen nicht dabei sein". Verluste vermeiden ist das Verkaufsargument. Dass man bei den Gewinnen nicht dabei ist, fällt oft nicht auf, da man dazu die Performance des eigenen ETFs mit dem Standard-Index vergleichen müsste.

Nadelspitze Nischen-ETFs

Ein ETF, der so spitz ist, dass er die Nische in der Nische bedient, ist sinnlos. In diesem Fall sucht man sich die gewünschten Firmen heraus und legt sein Geld direkt an. Damit spart man sich die Verwaltungskosten des ETF und verliert nicht viel im Bereich Diversifikation.

Fazit

Auch für Finanzprodukte gilt:

  1. Immer das Unverfälschte kaufen.
  2. Die Dosis macht das Gift. Wenn 30 % Schwellenmärkte Ihnen zu riskant sind: Reduzieren Sie auf 20 % oder 10 %.

Ein echter Passiv-Anleger sucht sich den passenden Index heraus und nimmt dann den kostengünstigsten ETF, den er finden kann. Dieser ETF wird dann auf etwaige Steuerprobleme geprüft und ob die Konstruktion gefällt (replizierend oder swappend). Wenn es da Probleme gibt, nimmt man den nächst teureren ETF.

Lassen Sie sich nichts aufschwatzen, was Sie nicht brauchen. Die meisten Spezial-ETFs spielen mit der Angst oder der Gier der Anleger. Die Konstrukteure dieser ETFs versprechen entweder Sicherheit oder besonders gute Renditen. Das geht meist schief oder bringt zumindest nicht die gewünschte Überrendite.

(awa)

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Kommentare

Sebastian sagt am 05. Mai 2015

Hallo Finanzwesir,

ist aus deiner Sicht 0,3%-TER vergleichsweise teuer? Welche TER zahlst du für deine ishares Konfiguration?

Es gibt wohl leider für den S&P 500 viel günstigere ETF als für den MSCI World.

Grüße, Sebastian


Thomas sagt am 29. Dezember 2016

Die Frage von Sebastian würde mich auch interessieren. Wenn 0,3% schon teuer ist, dürfte man ja kaum einen marktbreiten ETF kaufen :-) Hier gibt es natürlich auch günstigere, aber z.B. der Ausschüttende auf den MSCI World von Ishares steht meines Wissens auch bei einer TER von 0,5%. Ich denke hier ging es nur um den Vergleich mit den Smart-Betas, aber vielleicht kann dies der Finanzwesir noch mal kurz klar stellen.