Finanzwesir

Für Leute, die ihr Geld selbst anlegen

Mein finanzielles Glaubensbekenntnis

In diesem Posting möchte ich meine grundsätzlichen Überlegungen zu Finanzdingen darlegen. Lesen Sie dieses Posting, dann wissen Sie, wo ich stehe und können meine anderen Texte einordnen.

Finanzen geregelt - Freiräume geschaffen

Ich will nicht reich werden, sondern nicht arm sterben. Mir reicht es billig im Unterhalt zu sein und dann soviel Geld zu haben, dass ich den Rubikon of fuck you überschreiten kann.

Alles weitere erklärt John Goodman in diesem Filmausschnitt.

Wie klappt das jetzt mit dem nicht arm sterben?

Für mich ist eine gute Geldanlage

  1. Optimiert auf Krisenschutz – Besser einen Euro nicht verloren, als zwei verdient.
  2. Prognosearm – Jedes Wenn und Aber reduziert die Erfolgschancen.
  3. Pflegeleicht – Es gibt im Leben wichtigeres zu tun, als das Depot zu babysitten.

Optimiert auf Krisenschutz

Ich habe einen dynastischen Blick auf die Börse. Mich interessieren weder Quartale (so denkt die Finanzbranche) noch Legislaturperioden (so denkt die Politik). Ich denke in Börsenzyklen und schöpfe die Rendite mit einem Messbecher, der Dekaden fasst. Gerne ein halbes Jahrhundert und mehr.

Ein halbes Jahrhundert?

Warum nicht. Wer heute mit 30 anfängt sein Vermögen aufzubauen, wird hoffentlich 2071 noch erleben. Vielleicht sogar 2081. Langlebigkeit korreliert mit Wohlstand. Ich habe mit Mitte Dreißig mit der Börse angefangen und ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um dieses finanzielle Glaubensbekenntnis schreiben zu können. Als Mittfünfziger habe ich hoffentlich noch 20 bis 30 Jahre vor mir.

Diese Börsenzyklus-Sicht auf die Finanzmärkte hat mich zu der folgenden Erkenntnis geführt:

Unabhängig von allem Geschnatter in den Medien: Die Börsen kennen nur zwei Zustände.

Das Yin und Yang der Märkte

  • Konvergent. Alles läuft unaufgeregt auf einen fairen Preis hinaus. Käufer und Verkäufer halten sich die Waage. Der Markt funktioniert gut, neue Informationen werden effizient eingepreist. In diesem Zustand liefert der Aktienmarkt den Wertzuwachs. Das sogenannte Beta. Die Kurse steigen und die Aktionäre erfreuen sich an Dividendenausschüttungen. Beta = alle gewinnen gemeinsam
  • Divergent. Niemand kennt den fairen Preis. Die Kurse schwanken enorm, Unsicherheit breitet sich aus, die Liquidität trocknet aus. Viele wollen verkaufen, wenige wollen kaufen, die Kurse stürzen ab. In der Krise bilden sich Trends, die von klugen Anlegern ausgebeutet werden. In diesem Zustand liefert der Markt Krisen-Alpha. Alpha = gewinnen, wenn andere verlieren

Alpha und Beta im Aktienmarkt

Yin und Yang steht für die Idee, das zwei entgegengesetzte Eigenschaften in Harmonie existieren können und sich gegenseitig ergänzen. Ohne Yin kein Yang und umgekehrt. Mal dominiert das eine, mal das andere.
So ist es auch an der Börse. Im Chaos der Divergenz wird der Grundstein zu Konvergenz gelegt. Nach jedem Crash kehrt wieder Ruhe ein. Und die Hybris in der Konvergenz führt erneut in die Divergenz der abstürzenden Märkte.

Und wo ist da die Harmonie?
Wir brauchen die guten Zeiten um den Wohlstand zu mehren und die Krise sorgt dafür, dass niemand übermütig wird.

Ein Yin-Yang-Portfolio sollte in guten Zeiten im Markt mitschwimmen und in schlechten Zeiten so viel Krisen-Alpha sammeln, dass die Verluste an der Beta-Front zumindest halbwegs ausgeglichen werden. Den meisten Menschen ist es egal, ob sie langfristig drei, vier oder fünf Prozent verdienen. Es sind die elenden Schwankungen, die aufs Gemüt schlagen. Ich halte es für sinnvoller, die Verluste zu begrenzen, anstatt exorbitante Gewinne zu jagen, die dann doch wieder durch heftige Kursstürze aufgefressen werden. Geldanlage sollte ein langer ruhiger Fluss und kein kochendes Wildwasser sein.

Prognosearm

Je weniger Bedingungen ich an die Zukunft stelle, umso wahrscheinlicher passiert das, was ich mir wünsche. Deshalb habe ich meine Wünsche an die Zukunft minimiert.

"Wenn du einen Menschen glücklich machen willst, dann füge nichts seinen Reichtümern hinzu sondern nimm ihm einige von seinen Wünschen."
Epikur, griechischer Philosoph

Diese stoische Lebenseinstellung hilft auch beim Vermögensaufbau.

In guten Zeiten setze ich auf ETFs. Mein Glaubenssatz hier: Unverwüstlicher Optimismus. Ich bin fest überzeugt: Auch in Zukunft wird es Wachstum geben, es wird noch viele bahnbrechende Erfindungen geben, die unser aller Leben verbessern werden.

Für die schlechten Zeiten - wenn die ETFs zweistellig einbrechen - gibt es die Trendfolge. Auch hier brauche ich nur einen einzigen Wunsch an die Zukunft: Möge der Mensch so irrational bleiben wie er ist. Das Meiste, was uns zum Homo sapiens macht, haben wir vor 70.000 Jahren während der kognitiven Revolution gelernt. Verhaltensweisen, die wir seit 70.000 Jahren pflegen, werden nicht auf einmal verschwinden, nur weil sie an der Börse unpassend sind.

Ich bin deshalb optimistisch, dass Erich Kästner nach wie vor Recht hat.

Bei Lichte betrachtet sind sie im Grund noch immer die alten Affen."
Erich Kästner, Die Entwicklung der Menschheit (1932)

Pflegeleicht

Nichts geht über Buy & Hold. Die ETFs werden gekauft und dann im Depot endgelagert. Aber auch bei den Trendfolgern gibt es Buy & Hold. ch würde nie auf die Idee kommen selbst zu traden. Das überlasse ich den Profis. Eine Kombi aus ETFs und Alpha-Fonds muss her; und dann gilt das abgewandelte Zitat von Warren Buffet

"Wenn du nicht bereit bist, einen Fonds für zehn Jahre zu besitzen, denk nicht einmal daran, ihn für zehn Minuten zu besitzen."

Excel oder Psychologie?

Ich als Ingenieur sage Ihnen: Börse besteht zu 95 % aus Psychologie und zu 5 % aus Excel. Der alte Yoda hatte recht:

"Deine Gefühle erforsche junger Padwan"

Damit kommen Sie an Börse weiter als mit allen Rechenkünsten. Oder, wie Altmeister Kostolany es ausdrückte:

"Die ganze Börse hängt davon ab, ob es mehr Dummköpfe als Papiere gibt oder mehr Papiere als Dummköpfe."

Faszination Börse? Mir als Ingenieur ist das zu viel Drama. Deshalb halte ich eine strikte Nachrichtendiät. Mein Handy piept und liefert mir die nächste schlechte Nachricht. Ich lese sie und stelle fest: "Ich kann nichts tun." Ich fühle mich hilflos. Erlernte Hilflosigkeit führt erst zu schlechter Laune und endet in einer soliden Opferhaltung. Erfolgreiche Anleger sind keine Opfer, sondern Optimisten. Deshalb bleibt das Handy aus.

Was bedeutet das für Sie?

Das ist die aktuelle Version meines finanziellen Glaubensbekenntnisses und ich habe ein knappes Vierteljahrhundert für diesen Weg gebraucht.
Da auch Wissen eine Halbwertszeit hat, werde ich diesen Text mit Sicherheit noch öfter überarbeiten. Einmal pro Dekade gründlich auszumisten halte ich für sehr sinnvoll.

Yin Yang
Beta Alpha
die Börse ist effizient die Börse ist ineffizient

Das ganze Gerede von Yin und Yang, Alpha und Beta, die Börse ist effizient und ineffizient - das alles unter einen Hut zu bekommen kann ganz schön verwirrend sein. Lassen Sie sich von dem Philosophiegeschwafel eines alten Mannes nicht davon abhalten anzufangen - denn darum geht es. Fangen Sie heute mit dem Investieren an; dann können Sie in zwanzig Jahren genau so schlau daherreden wie ich.
Mein pragmatischer Vorschlag: Wenn Sie gerade erst vom Tagesgeld starten, dann möchte ich Ihnen die 2014er Version meines Glaubensbekenntnisses ans Herz legen. Es ist deutlich konkreter und hilft Ihnen hoffentlich beim Anfangen. Denn darum geht es: Anfangen! Und wenn es ein 25-Euro-Sparplan ist. Nur dann können Sie irgendwann sagen: "Finanzen geregelt - Freiräume geschaffen".

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