14. Oktober 2014


Leserfrage: Soll ich mein Geld in langlaufende Anleihen stecken?

Leser A. fragt

Es heißt, dass man für den risikoarmen Teil nur in Anleihen mit kurzer Laufzeit (kleiner fünf Jahre) investieren soll.
Bei der Performance der letzten Jahre scheint eine Festgeld-Leiter allerdings die bessere Wahl. Nun überlege ich, ob es sinnvoll ist, länger laufende Anleihen dem Portfolio beizumischen.
Ich erwarte hier nicht so sehr bessere Rendite, sondern vor allem eine negative Korrelation zu den Aktien, was das Gesamtrisiko senken und den Vorteil des Rebalancings steigern soll. Wenn ich zwei negativ korrelierte Anlagen habe und eine abstürzt, dann macht die andere einen Überschuss, den ich zum Nachkaufen der ersten benutzen kann. Hätte ich Festgeld, müsste ich den Anlagebetrag stärker verringern, um Geld zum Nachkaufen zu haben.
Nun frage ich mich:

  1. Ist das sinnvoll?
  2. Sollte ich diese Anleihen zum risikoarmen oder risikoreichen Teil zählen oder irgendetwas dazwischen?

Der Finanzwesir antwortet

Zuerst sollten wir klären: Ab welcher Laufzeit ist eine Anleihe langfristig? Folgende Unterteilung hat sich in der Praxis herausgebildet:

  • kurzfristig (bis 4 Jahre)
  • mittelfristig (4 bis 8 Jahre)
  • langfristig (mehr als 8 Jahre)

Leser A. interessiert sich für Anleihen mit einer Laufzeit von mehr als 8 Jahren. Diese Anleihen werden im Jahr 2022 oder später fällig.

Der zweite Wunsch: Eine negative Korrelation zum Aktienmarkt. Wie bekommen wir das hin? Mit Anleihen. Aber nicht mit irgendwelchen Anleihen, sondern nur mit Anleihen von sehr gut bewerteten Schuldnern. Firmenanleihen und Staatsanleihen von zweifelhafter Qualität (Argentinien, Griechenland) sind viel zu aktiennah.

Bei einer echten Panik geht es an der Börse zu wie in der Serengeti. Einer brüllt "Löwe", und die ganze Herde rast in eine Richtung davon. In solchen Situationen schauen die Anlageklassen nicht ins Lehrbuch, sondern korrelieren mit dem Faktor eins und sausen parallel nach unten. Die einzigen Wertpapiere, die dann noch Widerstand leisten, sind die "sicheren Häfen". Hochklassige, mit AAA bewertete Schuldner wie die Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Schweiz, Schweden, Kanada oder die USA.

Wenn die zwei Kriterien "langlaufend" und "Top-Schuldner" sind, dann kommen beispielsweise Bundesanleihen infrage. Bundesanleihen haben eine Laufzeit von 10, 12, 15 und 30 Jahren.

Risiken langlaufender Anleihen

Ich sehe drei Risiken

  1. Zinsänderungsrisiko: Wenn die Zinsen steigen, dann verliert der Kurs des Langläufers. Noch weiter fallen können die Zinsen bei einem Leitzins von 0,05 % ja nicht. Es sei denn, wir bekommen negative Leitzinsen. Von fallenden Zinsen profitieren kann ein Langläufer deshalb meiner Meinung nach nicht.
  2. Inflationsrisiko: Wenn die Inflation in den nächsten Jahren anspringt, vernichtet ein Langläufer mit einem Zinssatz von 2,5 % das Ersparte.
  3. Rating-Risiko: Jede Staatsanleihe ist nur so gut, wie die Steuermoral der Bürger dieses Landes. Wenn der Staat nicht genug Steuern einnimmt, kann er weder die Zinsen zahlen, noch die Anleihe zurückzahlen. Wenn Zweifel an der Schuldnerqualität eines Landes aufkommen, wird aus dem AAA schnell ein AA+ oder gar ein AA. Das wirkt sich auf den Kurs der Anleihe natürlich verheerend aus.

Langläufer bedeutet: Wir reden über Anleihen, die frühestens 2022 fällig werden. Ich habe mir den Halbjahresbericht des "ETFlab Deutsche Börse EUROGOV® Germany 10+, WKN ETFL21" angesehen. Dieser ETF hält aktuell Anleihen, die zwischen 2024 und 2044 fällig werden. Zum Jahr 2044 fällt mir nur ein, dass ich da vielleicht schon tot bin. Wie sich die politische und wirtschaftliche Situation in den kommenden 30 Jahren entwickelt: Keine Ahnung!
Um die Risikofrage zu beantworten: Eine kurz laufende deutsche Staatsanleihe gehört für mich zum risikoarmen Teil des Depots. Je länger die Laufzeit, umso risikoreicher die Anlage. Anleihen mit Laufzeiten jenseits der 10 Jahre würde ich aus politischen Gründen als risikoreich einstufen. Gibt es die EU in 10 Jahren noch? Sind die Rettungsschirme stark genug für die nächste Krise?
Aktien verlieren in so einer Großkrise massiv an Wert, haben aber auch die Chance, nach der Krise wie der Phoenix aus der Asche aufzusteigen. Anleihen werden in solchen Situationen mit einem Federstrich entwertet (deutsche Anleihen in Reichsmark nach 1945) oder abgewertet (Argentinien-Anleihen).

Operative Kosten einer Anlage in Anleihen

Während Aktien kein Verfallsdatum haben, sind Anleihen sterblich. Im Laufe der Jahre wird aus einem Langläufer ein Kurzläufer. Zum Endfälligkeitstermin wird ausbezahlt und das war‘s.
Wer nur Langläufer im Depot haben möchte, muss sich erst eine Strategie überlegen und dann regelmäßig umschichten.
Ein Beispiel: Keine Anleihe soll kürzer als 10 Jahre laufen. Aber ich will auch nicht dauernd umschichten. Also kaufe ich Anleihen mit einer Restlaufzeit von 15 Jahren und halte diese fünf Jahre. Dann verkaufe ich und packe mir neue 15-Jährige ins Depot.
Ich kann mir auch eine Anleihenleiter basteln, mein Geld fünfteln und dann fünf Portionen mit Restlaufzeiten von 11, 12, 13, 14 und 15 Jahren ordern. Dann verkaufe ich jedes Jahr ein Fünftel und packe es am langen Ende wieder drauf.

Während ich bei Aktien Buy-and-hold machen kann, muss ein Anleihendepot gepflegt werden. Das kostet Zeit und Geld. Ich kann meine Strategie entweder über eine Direktanlage tätigen, dann muss ich die Anleihen auswählen und trage die Orderkosten, oder ich übertrage diesen Job einem ETF. Dann kann ich wieder Buy-and-hold machen, muss aber Kostenquoten von 0,12 % (ComStage ETF iBoxx EUR Sov. Germ. Capped 10+, WKN ETF523) bis 0,16 % (iShares eb.rexx Government Germany 10.5+yr, WKN A0D8Q3) akzeptieren.

Rebalancing

Beim Rebalancing halte ich Folgendes für bedenkenswert:

  1. Wer verlässt den sicheren Hafen, wenn an der Börse die Wogen hochschlagen? Rebalancing bedeutet: Ich verkaufe meine Anleihen zu einem Zeitpunkt, an dem alle Welt sie mir aus den Händen reißt, um dafür etwas zu kaufen, was kein Mensch will. Das ist ein psychologisches Problem.
  2. Das zweite Problem ist profaner: Nehmen wir an, dass meine Anleihen um 10 % an Wert gewonnen haben. Wenn ich für 110 Euro Anleihen verkaufe, sind das 10 Euro Kursgewinn. Die muss ich versteuern. Mir stehen nur noch 107,36 Euro für das Rebalancing zur Verfügung. Den Rest kassiert der Finanzminister (25 % KapSt plus 5,5 % Solidaritätszuschlag = 26,375 % Gesamtbelastung). Mit Tagesgeld kann ich steuerneutral rebalancen.
  3. Beim Verkauf einer Anleihe fallen Verkaufskosten an. Dieses Geld steht ebenfalls nicht für das Rebalancing zur Verfügung. Bei Beträgen unter 1.000 Euro lohnt sich ein Verkauf nicht, weil die Gebühren prozentual sehr hoch sind. Bei einem 1.000-Euro-Verkauf fallen leicht 10 Euro Spesen an. Das sind 1 %! Festgeld überweist man kostenfrei aufs Verrechnungskonto des Depots und kann dann Einkaufen gehen.

Was tun?

Im Bereich operative Kosten gewinnt die Festgeldleiter, die beschriebenen Risiken muss jeder Anleger selbst bewerten. Bleibt das Argument "vereinfachtes Rebalancing".
Ich würde Excel anwerfen und ausrechnen, wie groß der Effekt ist.
Angenommen, mein Portfolio besteht zu 60 % aus Aktien und zu 40 % aus risikoarmen Anlagen (Weltportfolio-Theorie). 20 % des risikoarmen Anteils soll aus langlaufenden Anleihen bestehen. Das ist in meinen Augen schon eine recht ordentliche "Beimischung". Im Portfolio stehen sich 60 % Aktien und 8 % (20 % von 40 %) Langläufer gegenüber. Die restlichen 32 % sollen Fest- und Tagesgeld sein. Alleine die Kursschwankungen der Aktien und Anleihen machen ein Rebalancing nötig.
Unser Depot vor dem Crash

Position Wert
Aktien 6.000 €
Langläufer 800 €
Festgeldleiter 3.200 €
Summe 10.000 €

Jetzt setzt eine heftige Korrektur ein. Die Aktien verlieren 30 % ihres Wertes, die Langläufer freuen sich über Kursgewinne von 10 %.
Unser Depot nach dem Crash

Position Wert
Aktien 4.200 €
Langläufer 880 €
Festgeldleiter 3.200 €
Summe 8.280 €

Aus der 60/40-Verteilung des Depots ist jetzt eine 51/49-Verteilung geworden. Um wieder auf unsere Zielverteilung zu kommen, brauchen wir

  • Einen Aktienanteil von 4.968 € (60 % von 8.280 €)
  • Einen Anleihenanteil von 3.312 € (40 % von 8.280 €)

Wir müssen 768 Euro aus dem risikolosen Anteil verkaufen und diesen in Aktien investieren. Die Kursgewinne unserer Langläufer tragen 10,1 % zu dieser Summe bei. Der Löwenanteil des Rebalancings muss die Festgeldleiter beisteuern.

Jetzt gilt es zu überlegen: Sind diese 10 % die operativen Kosten und das zusätzliche Risiko wert? Das muss jeder für sich entscheiden.
Auch die von mir verwendeten Zahlen sind nur ein Beispiel. Sie haben 70 % im risikoarmen Teil und nur 30 % in Aktien? Dann setzen Sie Ihre Zahlen ein. Sie glauben nicht, dass langlaufende Anleihen in der Krise nur um 10 % steigen? Dann setzen Sie eben 20 % oder 30 % ein.

Fazit

Rechnen Sie den Effekt mit Ihren Zahlen durch und bewerten Sie dann Aufwand, Risiko und möglichen Ertrag.

(awa)

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Soll ich Ihnen eine E-Mail schicken, wenn ich einen neuen Artikel veröffentliche?

Ja, ich bin dabei!

kostenlos, kein Spam, keine Weitergabe der E-Mail-Adresse, jederzeit kündbar, Archiv | Datenschutz

Abgelegt unter Strategie, Geldanlage, Grundlagen, Zinsen, Rendite, Rebalancing, Anleihen, ETF, Leserfrage



Das könnte Sie auch interessieren

  1. Chill mal, Papa! Wie man seine Kinder für Geld interessiert ...
  2. Blogparade: Was kommt nach der finanziellen Freiheit?
  3. Soll ich mein Leben mit Kleinscheiß vertrödeln?
  4. Nur die Ahnungslosen streuen ihr Geld breit

Kommentare

Akim sagt am 16. Oktober 2014

Unter dem Mantel einer Fondsgebundenen Rentenversicherung könnte man Rebalancing zumindest steuerneutral durchführen, da hier keine Abgeltungssteuer anfällt. Gerade beim Kleinstaufträgen verlangen die Banken oft ein Minimum von 10,- pro Order, bei der Versicherung fallen "nur" prozentuale Gebühren bei Käufen und Verkäufen (ich habe was von 0,3% im Kopf).
Natürlich hat die fondsgebunde RV auch einige Nachteile, so fallen Verwaltungsgebühren an und leider bieten die Versicherungen nur eine sehr geringe Anzahl an ETFs an. Der Großteil der RV sind klassische Fonds, also fallen zusätzlich Ausgabeaufschläge und hohe lfd. Managementgebühren an. Und die Frage, aktives oder passives Investment.

Nicht verschweigen sollte man auch die Gefahr, dass ein besparter ETF aus dem Katalog der Versicherung fliegt und kein ETF Ersatz dafür auftaucht. Vlt. wäre ein Produkt wie der Arero Fonds eine Alternative, wo die Klassen Aktien, Renten, Rohstoffe passiv über ETfs abgebildet werden und der Anbieter selbst jährlich ein Rebalancing vornimmt. Irgendwie habe ich (ohne Excel) das Bauchgefühl dass Rebalancing auf dem Papier bei Stiftungen und Großanlegern besser funktioniert als bei Normalsterblichen.

VG
Akim


Finanzwesir sagt am 16. Oktober 2014

Hallo Akim, von diesen Mischprodukten halte ich nichts. Eine Versicherung soll mich vor Ereignissen schützen, die mich ruinieren. Von einer Versicherung erwarte ich keine Rendite, sondern eine gute Absicherung zum fairen Preis.

Die ganzen Nachteile, die Du bereits aufzählst ruinieren die Rendite. Warum soll ich für die Provision des Versicherungsvermittlers aufkommen und dann noch den Fondsmanager durchfüttern?
Die Kleinstaufträge kann man vermeiden, indem man das anzulegende Geld auf einem Tagesgeldkonto sammelt und dann anlegt. Dieses Geld kann dann gleichzeitig zum Rebalancing genutzt werden. Damit ist die Steuerthematik vom Tisch. Außerdem will ich die ETFs kaufen, die ich für gut erachte und mir nicht vorschreiben lassen, in welche Fonds ich mein Geld stecken darf. Man darf sich das nichts vormachen: Die Versicherung sucht die Fonds werden ja nicht danach aus, ob sie für mich besonders gut geeignet sind, sondern danach, wie fett die Vertriebsprovisionen sind, die die Versicherung abgreifen kann.

Was Dein Bauchgefühl angeht: Ja, man braucht etwas Disziplin, aber wenn man sein Portfolio entsprechend in Excel pflegt (darum kommt man nicht herum), dann sieht man sofort, wohin man sein Geld schieben muss.
Bei mir hat das in den letzten Jahren immer gut geklappt. Ich glaube, so schwer ist das nicht.

Grüße Finanzwesir