28. April 2022


Buchverluste sind auch echte Verluste

Sharpe-Ratio, Sortino-Quotient, effiziente Marktgrenze - die Ökonomen haben eine Menge Excelkram erfunden, um die Qualität eines Portfolios zu beschreiben.
Ich bin einfach gestrickter Mann. Ich orientiere mich am Duck’schen Verständnis von Reichtum. Je voller der Geldspeicher desto besser.
Mein Wohlstand ist eine aufgezinste Perlenkette. Die Endsumme des Jahres x ist der Anfangswert des Jahres x+1.
Also: Zinseszins. Meine Rendite ist die geometrische Rendite und Verluste mag ich nicht.

Szenario 1: 50 % Verlust

Jahr Schwankung Anfangswert Endwert geometrische Rendite
1 5% 100 € 105 €
2 -50% 105 € 53 €
3 40% 53 € 74 €
4 5% 74 € 77 € -6,27% (23 € Verlust)

50 Prozent Verlust sind möglich und historisch belegt (Schwellenländer 2008: -53 %). Aber, Actio gleich Reactio - was tief fällt, saust auch wieder nach oben. Plus 40 Prozent? Klar, kein Problem.

  • S&P 500 Growth Index 1998 (+42 %)
  • MSCI Emerging Markets Index 2007 (+39 %) und 2017 (37 %)
  • Russel 2000 Growth Index 2013 (43 %)

Der Gesang der Sirenen: "Sitz’ es aus. Sei ein Stoiker. Dann kommt alles wieder zurück."
Manchmal habe ich das Gefühl, dass manche Anleger dieses "Aushalten um jeden Preis" sogar als ethisch wertvoll ansehen. Nur wer sich mit massiven Verlusten kasteit, darf sich dann am zweistelligen Aufschwung laben.
Nur die Harten kommen in den Garten! Eine sehr protestantische Sichtweise.
Mathematisch schlichtere Gemüter rechnen: 50 % Verlust, dann 40 % im Plus und nächstes Jahr dann noch mal 5 %, da ist das Depot ja mit minus fünf Prozent fast wieder ausgeglichen.
Leider nein, denn die Prozentrechnung ist nicht linear. Die wenigsten Menschen erfassen intuitiv, wie sich Prozent-, Wurzel-, Exponential- und Logarithmus-Funktionen entwickeln. Leider besteht die gesamte Reichtumsmathematik aus diesem Kram. Da hilft nur Excel. Kommen wir zum zweiten Szenario.

Szenario 2 - der Deal mit den Börsengöttern

Keine Lust auf ein Blutbad im Depot. Liebe Börsengötter, kann man da nicht was machen? Kann man, aber die Götter verlangen ein Opfer. Gut, wie wäre es mit folgendem Deal: Verluste halbiert, Gewinne halbiert? Statt minus 50 % nur minus 25% und statt plus 40 % nur plus 20 %.
Reicht den Göttern nicht. Börsengötter sind auch ein bisschen gierig.
Folgender Deal: Wir rechnen mit absoluten Zahlen: 25 % weniger Verlust und 25 % weniger Gewinn.

  • minus 50 % => minus 25 %
  • plus 40 % => plus 15 %

"Letztes und bestes Angebot"
E. Musk

Also wohlan, so sei es. Wie entwickelt sich das Depot?

Jahr Schwankung Anfangswert Endwert geometrische Rendite
1 5% 100 € 105 €
2 -25% 105 € 79 €
3 15% 79 € 91 €
4 5% 91 € 95 € -1,25 % (5 Euro Verlust)

Erstaunlicherweise bestens. Um 50% des Verlustes zu vermeiden, haben wir auf 63 % des Aufschwungs verzichtet. Trotzdem ist unser Geldspeicher voller als beim ersten Szenario. Wir haben nur 5 statt 23 Euro verloren.
Hätten sich die Börsengötter mit dem ersten Vorschlag begnügt (Verlust und Gewinn werden halbiert), dann hätten uns im vierten Jahr nur 78 Cent zum Ausgleich gefehlt.

Warum ist das so?

Die geometrische Rendite ist eine Mimose. Kaum gibt’s Verluste, schrumpelt sie zusammen. Fünf Prozent Minus wiegen schwerer als fünf Prozent Plus.
Wobei: Bis etwa 15 Prozent wiegen Plus und Minus in etwa gleich viel.

Verlust Zurück auf Null
5 % 5,26 %
10 % 11,11 %
15 % 17,65 %

Das sollte noch mit Aussitzen zu schaffen sein. Ab 20 Prozent Verlust wird es interessant. Da sollte man sich über eine Volatilitätsbremse Gedanken machen.

Verlust Zurück auf Null
20 % 25 %
30 % 43 %
40 % 67 %
50 % 100 %

Bei Verlusten über 50 % saust das Ganze dann sehr schnell gegen Unendlich. 82 % Verlust (Maximalverlust des Dow Jones in der großen Depression) bedeutet: Der kümmerliche Rest muss um 455 % wachsen, nur um wieder auf Null zu kommen.
Letztlich geht es darum, die ganz großen Verluste zu vermeiden. Wer vollkaskomäßig jegliche Schwankung vermeiden will, landet entweder beim Garantieprodukt oder im Tagesgeld.

Prozentrechnung nicht linear
Die Pest der Nichtlinearität der Prozentrechnung.

Fazit

Diese toxische Männlichkeit von der man jetzt so viel hört, hat keinen Platz an der Börse. Die Börse ist etwas für Warmduscher, Weicheier, Oreganoschmuggler und Volatilitätsvermeider.
Kein Platz für Menschen, die stolz Ihre Narben herzeigen wollen. Es ist schön, wenn man jung und hart genug ist, um solche Verluste aushalten zu können. Aber Geldanlage ist nicht die Tour de France. Ein "Quäl Dich Du Sau" wird nicht mit dem maillot jaune belohnt, sondern bekommt die rote Renditelaterne umgehängt.

Starke Verluste wirken sich im Depot so aus, wie wenn ein junger Mensch bei einem Unfall stirbt. Nicht nur er stirbt, sondern auch seine ganzen ungeborenen Kinder und Enkel. Ein ganzer Ast stirbt ab am Baum des Lebens.
Genau so ist es bei unserem ersten Beispiel: Der 50%-Crash eliminiert 53 Euro. Diese Euros sind unwiederbringlich weg. Darwin Award - die sind ein für alle Mal raus aus dem Aufzinsungspool.

Jim Rogers
Nur Amateure fragen nach der Rendite. Profis managen die Downside.

PS

Wer findet auch, dass Jim Rogers auf diesem Bild Ähnlichkeit hat mit der Schildkröte aus Rango?

(awa)

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