04. März 2022


Leserin A. will mehr Kontrolle

Leserin A. schreibt

Ich würde gerne anhand von breit gestreuten Indizes mit einem ETF-Sparplan einen Teil meiner Altersvorsorge aufbauen (passives Investieren, stures Buy-and-Hold).

Bei der Zusammenstellung meines Portfolios habe ich mich mit dem Thema Risiko auseinander gesetzt. Soweit ich von meiner Recherche erfahren habe, setzt sich das Risiko meines Portfolios aus der Gewichtung zwischen risikoarmen und risikobehaftetem Teil zusammen.
Innerhalb des risikobehafteten Teils (in meinem Fall ETFs) könnte ich das Risiko ja auch noch etwas steuern, indem ich beispielswesie eine höhere Gewichtung von Schwellenland-Indizes vornehme als 70/30. Meine Frage ist jetzt: Ist die Möglichkeit einer Risikosteuerung bei der Ein-Index-Lösung (nur ein ETF auf ein Index wird bespart) nicht viel geringer?
Ich kann schließlich keine Gewichtung zwischen Industrie- und Schwellenländern vornehmen, da diese vom Index vorgegeben sind.
Alles, was ich jetzt noch steuern kann, bezieht sich auf das Verhältnis von dem, was auf meinem Tagesgeldkonto als risikoarmer Teil liegt und das, was ich in mein Depot stecke als risikobehafteter Teil. Das erscheint mir so, als würde ich mit der Ein-Index-Lösung mehr "die Kontrolle abgeben".
Ist die Ein-Fonds-Lösung dann überhaupt sinnvoll?

Der Finanzwesir antwortet

A. hat recht. Wenn Sie sich für einen ETF auf den MSCI ACWI oder den FTSE All World entscheidet gibt Sie einen Freiheitsgrad auf.
Welche Hebel hat A.?

  1. Das Verhältnis risikoarm zu risikobehaftet
  2. Die Gewichtung von Industrie- zu Schwellenländern

Welcher Hebel ist der längere?

Das Steinbeis Research Center for Financial Services in München hat das untersucht.
Asset Allokation

Die Assetallokation dominiert. Assetallokation meint hier nicht: "Bisschen mehr Schwellenländer - oder doch lieber Small Caps?", sondern " Börse ja, nein?"
Es geht um die Hauptassetklassen. Tagesgeld versus ETF, das macht die Rendite.

Rendite ACWI plus Tagesgeld

Rendite ACWI Tagesgeld
So fächern die Renditekurven auf, wenn man den ACWI mit Tagesgeld versetzt. Deutlich mehr Fächer als beim Mix World und Schwellenländer.

Rendite MSCI World plus Schwellenländer

Egal, ob 80/20, 70/30, 60/40 oder gar 50/50 - so groß ist der Unterscheid nicht
80 % MSCI World, 20 % Schwellenländer
70 % MSCI World, 30 % Emerging Markets
60 % MSCI World, 40 % Schwellenländer
50 % MSCI World, 50 % Emerging markets

Vier mal mehr oder weniger die gleiche Kurve. Ok, 50/50 setzt sich zwischen 2009 und 2015 etwas ab, aber nur, um dann 2021 doch wieder eingefangen zu werden.

Vergleich der verschiedenen Kombis

Alle sind mit 10.000 € gestartet. Wir betrachten drei Stichmonate

  • August 2011 (maximaler Vorsprung von 70/30)
  • August 2021 (10 Jahre später)
  • Januar 2022 (aktueller Wert)

Die Nulllinie: Der ACWI, denn einfacher geht geht es nicht.

Depot Vermögen per Aug. 2011 Delta zu ACWI ACWI-Delta % Vermögen per Aug. 2021 Delta zu ACWI ACWI-Delta % Vermögen per Jan. 2022 Delta zu ACWI ACWI-Delta %
World 39.664 € -2.089 € -5,00% 167.151 € 4.740 € 2,92% 164.403 € 5.578 € 3,51%
ACWI 41.753 € 0 € 0,00% 162.411 € 0 € 0,00% 158.825 € 0 € 0,00%
Depot World 70% / EM 30% 52.702 € 10.950 € 26,22% 166.609 € 4.198 € 2,58% 161.464 € 2.639 € 1,66%
Depot Nordamerika 30% / Europa 30% / EM 30% / Pazifik 10% 53.269 € 11.517 € 27,58% 158.060 € -4.351 € -2,68% 152.559 € -6.266 € -3,95%
  • Zum Stichmonat August 2011 war der MSCI World um 5 % schlechter als der ACWI. Kraftvoll davon gestürmt: 70/30 und das Vierer-Depot.
  • August 2021: Der "Ich-bin-nur-Industrieländer"-ETF ist Renditesieger, die Könige von 2011 haben ihren Vorsprung verspielt.
  • Januar 2022: Der MSCI World baut seien Vorsprung aus.

Fazit

Breit diversifiziert ist breit diversifiziert

Breit, breiter, am breitesten geht nicht. Wer 23 Industrie- und 26 Schwellenländer im Depot hat, ist bereits maximal diversifiziert.
Ob nun 30 oder 60 Prozent USA am Start sind: egal.
Ob es vier oder nur ein ETF ist: auch egal.
Für einen sturen Hodler wie Leserin A. sind zehn Jahre ein Wimpernschlag. Wenn sich der MSCI World binnen eines Wimpernschlags vom letzten auf den ersten Platz vorarbeiten kann, bedeutet das für uns: Kriegen wir die Nicht-arm-sterben-Rendite? Ja! Gut, dann Haken dran. Finanzen geregelt - Freiräume geschaffen.

breit diversifiziert Sie sollten diese vier Graphen nicht als vier getrennte Linien betrachten, sondern als einen Fluss, dessen Ufer das Vertrauensintervall bilden, in dem die Rendite hin und her mäandriert. Wie das so ist bei ungezähmten Flüssen: Mal rücken die Ufer nahe zusammen, dann wieder bilden sie einen breiten Strom, aber letztlich fließt alles in die gleiche Richtung.
Wenn Sie eine andere Rendite wollen, müssen Sie sich einen anderen Fluss suchen. Der hier liefert das 8%-Grundrauschen. Mal rauscht 70/30 ein bisschen stärker, dann wieder der ACWI.

Ich will aber mehr

Geht klar. Dann tauschen Sie den MSCI World gegen den MSCI World Small Caps aus und den MSCI Emerging Markets gegen den MSCI Emerging Markets Small Cap. Dann sieht das so aus:
MSCI World Emerging Markets Small Caps
In jeder Krise die Phoenix-Nummer. Erst im Fegefeuer der Volatilität brennen, dann steil nach oben. Muss man aber mögen. Das ist ein All-in-Geschäft und nichts für die 10-Prozent-Beimischer.
MSCI World Emerging Markets Small Caps

Und: Man muss es aushalten kein Amazon, kein Google, kein Apple im Depot zu haben. Die Top fünf des World SC:

  1. Marathon Oil Corp
  2. Quanta Services
  3. Kimo Realty Corp
  4. LPL Financial Holdings
  5. Builders Firstsource

Schon mal davon gehört?

Was soll Leserin A. tun?

  1. Den Börsenanteil so justieren, dass sie gut schlafen kann.
  2. Anfangen. Die Kontrolle hat sie eh in dem Moment verloren, in dem sie ja zu Mr. Market gesagt hat. Börse ist gelebter Kontrollverlust.

(awa)

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Kommentare

Dixie sagt am 06. März 2022

Guter Artikel! Im Ergebnis ist die „Investiererei“, zumindest für die meisten Privatanleger, aus meiner Sicht tatsächlich so einfach. Kurz gefasst: Börsenanteil so hoch, wie die individuelle Risikotoleranz es aushält. Den Rest eben nicht an die Börse, da ist angefangenen von der schnöden Barreserve je nach persönlichen Vorlieben vieles denkbar. Dafür bedarf es nicht zwingend komplizierter Konstruktionen. Den Börsenteil in einen breitgestreuten ETF, wobei die Auswahl eher unerheblich ist und damit hat es sich. Danach die Nerven bewahren und besser nichts tun bzw. Dinge im Leben die Spaß und Freude bereiten.

Beste Grüße
Dixie


Herr M sagt am 04. März 2022

"Die Assetallokation dominiert."

Stimme zu. Aber:

"Assetallokation meint hier nicht: "Bisschen mehr Schwellenländer - oder doch lieber Small Caps?", sondern " Börse ja, nein?"

ist mir dann doch ein wenig zu kurz gedacht. Will sagen: Es gibt an der Börse nicht nur Aktien und es gibt abseits der Börse nicht nur Tagesgeld. Spannende Beimischungen "innerhalb" der Börse wären indirekte Immobilieninvestments via REITs sowie Edelmetalle; außerhalb der Börse gibt es Bitcoin und co. Im Sinne einer maximal diversifizierten Assetallokation ist es sinnvoll, in möglichst viele verschiedene Assetarten zu investieren, die langfristig vernünftige Rendite versprechen und deren Risiken gleichzeitig möglichst unabhängig voneinander sind. Damit lässt sich bei gleicher Rendite das Risiko senken oder bei gleichem Risiko die Rendite erhöhen.


Felix Haupt sagt am 07. März 2022

Wie schlägt sich der Democratic Alpha Fonds in der aktuellen Krise?


Finanzwesir sagt am 08. März 2022

Hallo Herr M.,

"... ist mir dann doch ein wenig zu kurz gedacht. Will sagen: Es gibt an der Börse nicht nur Aktien und es gibt abseits der Börse nicht nur Tagesgeld. Spannende Beimischungen "innerhalb" der Börse...."

Absolut richtig. Nur, was ich seit 2014 immer wieder lernen musste: Wer da steht, wo Leserin A. steht, braucht keine spannenden Beimischungen. Für solche Menschen ist die Frage MSCI ACWI oder FTSE All World spannend genug.
Diesen Menschen hilft die holzschnittartig verkürzte Ansage: "Ja, mit einem ETF machst Du nichts falsch. Es wird fürs nicht arm sterben reichen."
Das ist wie mit den Fahranfängern. Wer noch nie hinterm Steuer saß, für den sind 30 Stundenkilometer ein Höllenritt. Einmal geradeaus und zurück - das reicht.
Selbstverständlich schließt das nicht aus, dass aus dem Fahranfänger irgendwann ein leidenschaftlicher Küstenstraßenkurvenkünstler wird.
Aber bevor man zur spannenden Beimischung kommt, muss man erst mal das Basissubstrat am Start haben. Sonst kann man ja nix beimischen.
Gruß
Finanzwesir


Finanzwesir sagt am 08. März 2022

Hallo Felix,

"Wie schlägt sich der Democratic Alpha Fonds in der aktuellen Krise?"

Wie erwartet. Die ETFs verlieren und die Alpha-Fonds gewinnen.

Hier ein Auszug aus dem Performance-Update für die KW9

Assenagon Alpha Volatility 12,01%
Schroder Gaia Bluetrend 8,28%
Winton Trend 5,96%
Dunn WMA Institutional 5,49%
Crabel Advanced Trend 3,53%
Lyxor Epsilon Global Trend -3,36%

Der Assenagon läuft weiter hervorragend. Klar, wenn ein Atomkraftwerk beschossen wird, reagiert die Börse nervös. Nervös = volatil und der Assenagon ist in seinem Element. Zwei Euro für einen Liter Super; das heißt: starker Trend – und so performen die Trendfolger dann auch. Bis auf den Lyxor. Der baut seine Verluste aus. Warum? Das hier ist eine Rohstoffkrise. Der Lyxor ist aber nicht – wie die anderen Trendfolger – an den Rohstoffmärkten aktiv, sondern hat seine Stärken im Bereich Währungen und Wertpapiere. Das hier ist nicht seine Krise. Irgendwann steht uns auch eine Währungskrise ins Haus und dann kann der Lyxor zeigen, was er drauf hat. Für jede Krise den richtigen Fonds.

Gruß
Finanzwesir


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