10. Juli 2014


Inventur machen - Im Kampf gegen die Flut der Dinge

Wie viele Dinge besitzen Sie und wie viele davon haben Sie heute, gestern oder zumindest diese Woche benutzt?
Wissen Sie eigentlich, was Ihnen alles gehört?
Mir ist hier – beim Ausmisten – eine alte Ausgabe der Brand Eins in die Hände gefallen.
In der Geschichte „Hab‘ aber Gut?“ geht es um Frau Gänß. Frau Gänß hat bei sich Inventur gemacht und ihren gesamten Besitz katalogisiert. Sie besitzt 2.506 Dinge – ungefähr ein Viertel von dem, was der Durchschnittsdeutsche so sein Eigen nennt. Sie hat 52.922 Euro für das Privileg ausgegeben, diese Dinge besitzen zu dürfen. Für die, die sich noch an die DM erinnern: Das sind gut 100.000 DM (mein erstes Jahresgehalt lag Mitte der Neunziger Jahre bei 45.000 DM). Aber für Dinge, die einem wichtig sind, sind 53.000 Euro nicht zu viel bezahlt.

Nun der Knaller: Von diesen 2.506 Dingen benutzt sie knapp die Hälfte (46,5 %) nicht. Sie hat für 1.165 Dinge bezahlt, ohne sie jemals zu nutzen. Selbst, wenn man davon ausgeht, dass diese Staubfänger nicht zu den hochpreisigen Dingen gehören, zwischen 10.000 Euro und 20.000 Euro wird Frau Gänß trotzdem versenkt haben.

Reich werden durch Kostenkontrolle

Nehmen wir an, sie hätte dieses Geld nicht ausgegeben, sondern für 30 Jahre angelegt. Als Rentnerin hätte sie dann zwischen

  • 23.565 Euro (10.000 Euro zu 3 % angelegt) und
  • 62.373 Euro (20.000 Euro zu 4 % angelegt) mehr

Die Renditen sind dabei Realrenditen, also ein echter Zuwachs nach Steuern und Inflation.

Bonuseffekt: Wer weniger besitzt, kommt mit einer kleineren Wohnung aus und muss keinen Keller oder eine Garage für seinen Plunder mieten. Sehr interessant in diesem Zusammenhang der Artikel von Tim Schäfer:

Es ist ein Milliardengeschäft in den USA geworden, Container zu vermieten. Ein zwei mal zwei Meter großer Eisenkäfig im Keller kostet 200 Dollar Miete monatlich.

Außerdem spart man Lebenszeit, denn die Staubfänger müssen schließlich geputzt werden. Und man spart sich Hunderte von Überlegungen „Behalten oder wegwerfen?“
Was da an Zeit draufgeht! Zeit, die man für wichtigere und schönere Sachen verwenden kann.
Gerade von dem Hintergrund meines „Ich will reich werden“-Artikels kann die Devise nur lauten „Wehret den Anfängen“. Lassen Sie die Flut der Dinge gar nicht erst ins Haus. Dieser Kruschtkram setzt sich wie der Schlamm bei einem Hochwasser in allen Ritzen fest und man wird ihn kaum noch los.

Die Medaille „Reich werden“ hat zwei Seiten: Kostenkontrolle und Steigerung der Einnahmen. Wenn Sie mehr verdienen wollen, müssen Sie

  • entweder jemanden finden, der Sie für die gleiche Arbeit besser bezahlt
  • oder mehr arbeiten.

Das braucht Zeit. Je nach Steuerklasse kommen von jedem Brutto-Euro nur 50 bis 80 Cent in Ihrer Geldbörse an. Wenn Sie dagegen einen Euro sparen, können Sie auch wirklich einen Euro mehr anlegen. Und das sofort.

Was kann man gegen die Flut der Dinge tun?

Ein Patentrezept habe ich nicht. Ich gehe die Sache so an: Jedes Ding, das in meine Wohnung will, muss sich bewerben und die folgenden Fragen beantworten

  • Warum soll ich dich kaufen, statt dich zu leihen?
  • Bestehst du nur aus Prestigewert oder hast du auch einen Nutzen? Dieser Nutzen muss nicht unbedingt im klassischen Sinne „nützlich“ sein. Es ist auch ok, wenn das Ding Spaß macht. Kein Mensch braucht gute Boxen links und rechts neben dem PC-Monitor, trotzdem bin ich sehr zufrieden mit meiner Teufel-Anlage.
  • Wenn ja, welchen Nutzen hast du? Wo konkret erleichterst oder verschönerst du mir das Leben?
  • Ist diese Erleichterung den Preis und den Aufwand wert?

Oft genug ist es so, dass ich nach zwei bis drei Fragen den Prozess entnervt abbreche und das Ding im Laden bleibt.

Ein Ding, das all diese Hürden übersprungen hat, kann trotzdem nicht damit rechnen, in jedem Fall neu gekauft zu werden. Medien und Elektronik kaufe ich – wann immer möglich – gebraucht.

Meine zweite Waffe gegen die Flut der Dinge ist eine Tabelle, in der ich alle Dinge eintrage, die meine Wohnung betreten und alle Dinge, die sie verlassen. So eine Art Besitzbilanz und der Bezugsraum ist meine Wohnung.
Die Tabelle sieht ungefähr so aus.

Eingehend

Nr. Datum Ding Kaufpreis
1 1.1.2014 Auto 20.000,00 €
2 2.3.2014 T-Shirt 17,50 €
3 2.4.2014 Tasse 6,34 €

Egal, ob Auto oder T-Shirt, ein Ding ist ein Ding und bekommt seine Zeile in der Tabelle.

Ausgehend

Nr. Datum Ding
1 12.01.2014 Paar Socken
2 06.03.2014 Hemd
3 30.04.2014 Teller

Ausgehende Dinge haben bei mir den Restwert Null.

Wozu der Aufwand? Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Ich glaube, das ist eine Typsache. Ich nutze Listen so wie Dumbledore sein Denkarium. Die Dinge sind sicher verwahrt und ich habe sie aus dem Kopf. Dieses „Ich merk mir das schon“ funktioniert bei mir nicht. Ich lande dann immer bei der gefühlten Wirklichkeit und die weicht oft erschreckend von der aufgeschriebenen Wirklichkeit ab.

Am Ende des Jahres sehe ich

  • Hat mein Ballast Besitz zugenommen oder abgenommen?
  • Was habe ich in Summe ausgegeben?
  • Wann habe ich welche Dinge gekauft?

Jetzt kann ich mir überlegen

  • Was nutze ich überhaupt? Wie viele Fehlkäufe habe ich produziert?
  • Habe ich in bestimmten Kategorien besonders viel ausgegeben? War das gerechtfertigt oder waren das eher Impulskäufe aus Langeweile?

Fazit

Wer Dinge nicht kauft, die er sowieso nie benutzt hätte, spart nicht, sondern setzt sein Geld vernünftig ein.
Sparen im Sinne von „Ich muss mich einschränken, ich kann mir das nicht leisten.“ Um zu wissen, was man eigentlich nie braucht, beziehungsweise wovon man schon mehr als genug hat, hilft es, Inventur zu machen.
Nach der Inventur heißt das Motto: Ausmisten und dann „Bestandskontrolle – Kampf dem Wildwuchs“. Wem das gnadenlose Ausmisten schwerfällt, dem empfehle ich das „Zwei-für-Eins“-Programm. Erst wenn zwei Dinge (nicht mogeln, für Socken gilt ein Paar = ein Ding) die Wohnung verlassen haben, darf ein neues Ding die Wohnung betreten. Fairerweise arbeitet man kategoriebezogen und tauscht nicht zwei Paar Socken gegen ein neues Auto.

(awa)

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Abgelegt unter Strategie, Grundlagen, sparen, Kosten, Ausgaben, Minimalismus, Reich werden



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Kommentare

Florian sagt am 11. Juli 2014

Interessanter Artikel. Nach welchen Kategorien unterteilst du deine Liste der Dinge? Zählst du Verbrauchsgüter und Konsumartikel (Batterien, oder wenn ich an meine Freundin denke: Cremes, Seifen usw. :) dazu?

Gruß Florian


Finanzwesir sagt am 11. Juli 2014

Hallo Florian, Verbrauchsgüter kommen nicht auf die Liste. Meine Rasierklingen nicht und auch nicht das Waschpulver oder Akkus. Es geht mir nicht um eine 100%ige Erfassung aller Warenströme, sondern darum den Überblick zu behalten. Ich kategorisiere auch nur grob in Medien (Bücher, DVDs, etc.), Bekleidung, Sonstiges. Wichtig ist: Das Raster muß grob genug sein, damit man es auch macht. Ich habe früher mal ein Haushaltsbuch geführt und dort wirklich unterschieden zwischen Einkäufen bei Aldi, Rewe, DM Drogiemarkt. Das hält man ein paar Monate durch und dann verpufft der Elan und man hört auf zu protokollieren. Jetzt - zweiter Anlauf - habe ich nur noch einen Posten der heißt "täglicher Bedarf", das ist das alles drin. Finde die Balance zwischen

  • genau genug um aussagekräftig zu sein und
  • grob genug, so dass sich der Aufwand in Grenzen hält. Ganz gut geeignet sind auch so Smartphone-Apps wie Wunderlist oder Evernote, da kann man das gleich beim Einkauf festhalten. Ansonsten natürlich Excel oder einfach ein Blatt Papier.

Gruß Finanzwesir


Nartsuk sagt am 13. Juli 2014

Das Thema Käufe/Konsum handhabe ich ähnlich. Allerdings benutze ich zur Bewertung eine andere Kenngröße. Die Bewerbungsfragen bei mir lauten:

  • "Um wieviel erhöht sich meine Lebensqualität durch den Kauf?"
  • "Ist der Preis dadurch gerechtfertigt?"

Liegt eine Sache nach dem Kauf nur herum, erhöht sich meine Lebensqualität dadurch überhaupt nicht. -> In jedem Fall zu teuer! Eine Waschmaschine z.B. erhöht meine Lebensqualität erheblich. Ebenso ein Auto (hier ist dann aber auf die Grenze zu achten, bis zu der der Zuwachs an Lebensqualität noch durch den Preis noch gerechtfertigt ist). Über die Kennzahl "Lebensqualität" lassen sich m.E. auch Ausgaben für z.B. Urlaub oder eine gute Flasche Wein (oder schottischen Whisky) auch besser bewerten. Statistiken über Einkäufe zu machen dagegen erhöht meine Lebensqualität überhaupt nicht, aber jeder wie er will ;-)

Fazit: Man kann sich durchaus einige schöne Dinge gönnen, aber eben nicht alles gleichzeitig. (Letztendlich läuft es auf die klassische Tugend der "Mäßigung/Besonnenheit" (temperantia/σωφροσύνη) hinaus, bzw. auf die darauf aufbauende Kunst weder ein verschwenderisches noch ein asketisches Leben zu führen.)


Finanzwesir sagt am 13. Juli 2014

Hallo Nartsuk, so geht es natürlich auch. Ich denke, die Vorgehensweise ist eher eine Charakterfrage. Bei vielen Käufen erkennt man erst im nach hinein "Das war nichts". Während des Kaufs ist man ja der Meinung "brauche ich dringend". Wer Protokoll führt, erkennt die Muster und kann sein Verhalten dann entsprechend ändern. Deine Vorgehensweise ist auf jeden Fall eleganter, weil mit weniger Aufwand verbunden. Dafür aber abstrakter. Man muß sich vorstellen können, was man mit seinem Neuerwerb alles anfangen wird.

Dein Fazit trifft auf jeden Fall zu. Wobei ich als Erbauer dieser Site besonders stolz bin, dass das mit den griechischen Buchstaben so gut klappt. ;-)

Gruß Finanzwesir


Alexander sagt am 21. Juli 2015

Hallo Finanzwesir,

ein großes Lob an dich, echt eine super Seite mit vielen interessanten Artikeln. Kannst du Excel Vorlagen empfehlen oder zur Verfügung stellen um eine Inventur durchzuführen?

Gruß, Alexander


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