23. April 2014


Gibt es eine optimale Depotzusammenstellung für Buy-and-hold-Anleger?

Um die Pointe gleich vorwegzunehmen: Für einen langfristig denkenden Privatanleger, der eine passive Anlagestrategie verfolgt, macht es keinen großen Unterschied, ob man nur in die Anlageklassen Aktien und Anleihen investiert oder noch in Gold, Rohstoffe, Immobilienfonds und Windkraft.

Die ganzen ausgetüftelten Gewichtungen à la „Wir investieren 15 % des Geldes in Aktien großer Firmen, nehmen dann noch 10 % Aktien kleiner, aufstrebender Firmen dazu, dann 5 % in Gold …“ sind für die Katz.
Die ganzen mit großem Excel-Aufwand geführten Grabenkriege für 5 % mehr dieses oder 5 % weniger jenes sind vollkommen unnötig, denn sie bringen langfristig keinen nennenswerten Zusatzgewinn.

Wieso sind die meisten Depots viel komplexer als nötig?

Weil es unserer Erfahrung im täglichen Leben entspricht.

1. Gleichartige Probleme bringen gleichartige Lösungen hervor. Nehmen wir Kakteen und Euphorbien (Wolfsmilchgewächse) als Beispiel.
Beide leben in den Trockengebieten dieser Erde. Die Kakteen in der neuen Welt, die Euphorbien in der alten. Beide Gattungen sind biologisch nicht im geringsten verwandt. Aber beide sind der gleichen Anforderung ausgesetzt „Sieh zu, dass du deinen Wasserhaushalt in den Griff kriegst.“
Also haben beide ihre Körper zu Wasserspeichern umgebaut und verzichten auf klassisches Blattgrün. Für Laien ist es nicht einfach, einen Kaktus von einem Wolfsmilchgewächs zu unterscheiden.

2. Die erste Lösung ist nie die Beste. Klar gibt man sich Mühe mit dem ersten Modell, aber man lernt aus den Erfahrungen und verbessert die Nachfolger kontinuierlich. So hat es VW zu insgesamt sieben Golfgenerationen gebracht. Jede Generation ist dabei besser, aber natürlich auch komplexer als ihre Vorgängergeneration.

Auf die Finanzwelt übertragen bedeutet das:

  1. Für jede finanzielle Anforderung muss es ein optimales Depot geben. Dieses Depot ist so zusammengesetzt, dass es optimal an die Anforderungen angepasst ist und maximale Renditen liefert.
  2. Man wird das Ziel „optimales Depot“ nicht gleich erreichen, aber wenn man geduldig optimiert, also passende Wertpapiere kauft und unpassende verkauft, wird man irgendwann ein optimales Depot erreicht haben. Je mehr Erkenntnisse man gewinnt, umso genauer kann man sein Depot ausbalancieren. Dazu braucht man natürlich auch mehr Positionen.

Beide Vorstellungen sind leider Finanzmythen. So läuft das Spiel nicht.

Der Mythos vom optimalen Depot

Mebane Faber hat auf seinem Blog einmal ausgerechnet, wie sich die verschiedensten Anlagestrategien entwickelt haben. Zwar beziehen sich die Ergebnisse auf den US-Markt, aber da der US-Finanzmarkt weltweit eine dominierende Rolle spielt, sind die Ergebnisse auch für deutsche Anleger relevant. Er hat acht ausgetüftelte Portfolios bedeutender Finanzstrategen mit einem Simpel-Depot bestehend aus 60 % US-Aktien und 40 % US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit vergleichen. Herr Faber hat einen Zeitraum von 40 Jahren (1973 bis 2013) betrachtet.

Das Fazit seines Artikels Asset Allocation Strategies: Wer seine Wertpapiere kauft, um sie zu behalten (passiver Buy-and-hold-Ansatz), der fährt mit dem aus nur 2 Assetklassen bestehenden Primitiv-Depot genau so gut wie mit einem ausdifferenzierten Portfolio mit 11 Assetklassen.
Sämtliche relevanten Erfolgskennzahlen liegen um maximal 2 % auseinander. Für Mebane Faber ist klar: Der Aufwand, den man treiben muss, um ein ausgefuchstes 11-Positionen-Portfolio aufzubauen, lohnt sich nicht.
Wenn Sie es genauer wissen wollen: Meb Faber hat aus diesem Artikel ein Buch gemacht: Global Asset Allocation: A Survey of the World’s Top Asset Allocation Strategies (English Edition)*

Global Asset Allocation: A Survey of the World’s Top Asset Allocation Strategies (English Edition)

Bonus: Ein einfaches Portfolio ist auch einfacher zu verwalten. Wenn man einen Sparplan aufsetzt, müssen nur zwei bis drei Positionen bespart werden, und auch die Steuererklärung wird gleich viel einfacher.

Der Vermögensverwalter Dr. Hannes Peterreins schlägt in seinem Blog-Artikel "Wie kommen die Quoten beim Global Strategy zustande?" in dieselbe Kerbe. Er schreibt unter anderem

Wenn jemand anderes eine andere Gewichtung für besser hält, also beispielsweise USA deutlich mehr, Japan weniger, dann soll mir das recht sein. Ich kann hier nicht argumentieren, dass „meine“ Gewichtung besser ist und eine andere schlechter.

Fazit

Es gibt für Passivanleger keinen Heilgen Gral, sondern viele Wege führen nach Rom. Man hat als Anleger bei der Zusammenstellung seines Portfolios deutlich mehr Freiheitsgrade als vermutet. Da es keine optimale Depotzusammensetzung gibt, kann man sich - solange man halbwegs vernünftig diversifiziert - sein Depot so zusammenstellen, dass man gut schläft. Dabei muss das Depot noch nicht einmal übermäßig viele Positionen enthalten. Auch mit einem einfachen Depot lassen sich gute Ergebnisse erzielen.
Eine Optimierung des Portfolios findet nicht statt. Wenn man sich einmal für eine bestimmte Zusammensetzung entschieden hat, bleibt man dabei. Also gerade kein ingenieurmäßiges Herumschrauben und Optimieren, sondern sture Konstanz sind gefragt.
Im obigen Beispiel wurden die Depots über 40 Jahre hinweg nicht verändert.
Meinen Vorschlag für eine passive Anlagestrategie präsentiere ich im Aufsatz "So würde ich mein Geld investieren".

Update vom 03.06.2014

Auf Geldexperimente gibt es das „Schimpansen Portfolio passiv“. Schlägt sich aktuell ganz wacker.
Soviel zum Thema „Nur Finanzprofis können Rendite bringen“.


(*)Affiliate-Link: Das Buch wird für Sie nicht teurer, aber wir erhalten eine kleine Provision.

(awa)

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Kommentare

Juan sagt am 05. April 2015

Hallo Finanzwesir,

nachdem ich schon lange den Privatanleger und das Zendepot lese, habe ich jetzt auch Dein Blog entdeckt und bin begeistert! Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

Aber zu dieser Ausarbeitung möchte ich Kritik anmelden. Oben schreibst Du:

"Das Fazit seines Artikels Asset Allocation Strategies: Wer seine Wertpapiere kauft, um sie zu behalten (passiver Buy-and-hold-Ansatz), der fährt mit dem aus nur zwei Assetklassen bestehenden Primitiv-Depot genau so gut, wie mit einem ausdifferenzierten Portfolio mit elf Assetklassen. Sämtliche relevanten Erfolgskennzahlen liegen um maximal 2 % auseinander. Für Mebane Faber ist klar: Der Aufwand, den man treiben muß, um ein ausgefuchstes 11-Positionen-Portfolio aufzubauen lohnt sich nicht."

Dieses Argument kann ich nicht nachvollziehen.
In Deinem allerersten Artikel "Was 1,8% ausmachen" führst Du sehr schön vor Augen, was für ein Delta nach 30 Jahren durch besagte 1,8% jährliche Mehrkosten - oder anders gesagt: 1,8% Minderrendite - entsteht. Wenn wir uns die Tabelle von Meb Faber ansehen, stellen wir fest, dass zwischen der Bernstein Strategie mit einer geometrischen Rendite von 10,49% und dem Permanent Portfolio mit 8,88% CAGR eine jährliche Differenz von 1,61% besteht. Nach 40 Jahren Laufzeit beträgt die Differenz der Endsummen zwischen den beiden Allokationen 80,24%! Auch gegenüber dem 60/40 Depot erreicht Bernstein am Ende der Betrachtungsphase eine Mehrrendite von 44,46%.

Das sind doch Riesenunterschiede, die so manche Urlaubsreise finanziell ermöglichen oder zunichte machen können, und folglich lohnt es sich, dem Asset-Mix viel Beachtung zu schenken. Die jährlichen geringen prozentualen Abweichungen entfalten auf der Zeitachse eine enorme Kraft, und es lohnt sich eben doch, ein feinkörniges Portfolio aufzubauen! Dass natürlich andere 40-Jahres Zeiträume andere Ergebnisse ergeben können, und Bernstein nicht immer als Sieger hervorgehen muss, steht auf einem anderen Blatt.

Viele Grüsse Juan


Finanzwesir sagt am 11. April 2015

Hallo Juan,
danke für das Lob.
Was die ETFs angeht: Dann nimm Bernstein. 25% US Stocks, 25% Small Cap Stocks, 25% International Stocks, 25% Bonds sind für mich noch kein ausgefuchstes Depot ;-)
100 Dollar in vier gleich große Häufchen aufteilen und dann drei Häufchen in Aktien und eins in Anleihen - ziemlich simpel.

Wo bleibt das Gold, die Immobilie, Venture Capital, wo bleibt die Aufteilung der Anleihen in Untergruppen?
Schau Dir mal das El-Erian Portfolio an. Da sind 8% für "Special Situations" reserviert. Oder das Arnott Portfolio mit seinen 10 Positionen. Das sind die echten Excel-Quäler. ;-)

In meinem Artikel über die ETF-Cocktails geht es genau darum: ETF-Depot erst mit mit minimalem Aufwand (2-4 ETFs) aufbauen und dann nur noch durchhalten. http://www.finanzwesir.com/blog/etf-index-rendite-vergleich

Gruß
Finanzwesir


Dieter sagt am 13. November 2016

Hallo mein lieber Finanzwesir,

ich habe meisten Ihrer Blogs gelesen. Eines ist mir jedoch noch nicht klar: Soll man sein Depot aufzustocken bei fallenden Kursen, oder soll man nichts tun und alles einfach laufen lassen.

Mit Tagesgeldkonten und den 0,x % Rendite-Staatsanleihen habe ich so meine Probleme, andererseits soll man ja auch nicht "alle Eier in einen Korb legen". Ich würde lieber einen Teil meines Geldes (10 %) auf physisches Gold setzen. Mache ich damit einen Fehler?


ChrisS sagt am 13. November 2016

Hallo Dieter,

"Soll man sein Depot aufzustocken bei fallenden Kursen, oder soll man nichts tun und alles einfach laufen lassen."

Im Grunde "soll" man halt das machen, was man sich selbst als Strategie vorher so festgelegt hat. Da die meisten Leute, gerade als Anfänger und Einsteiger, nicht schon von Beginn an mit einem großen Betrag zur Einmalanlage gesegnet sind, ist die daraus notwendigerweise resultierende (und daher oft empfohlendste) vernünftige Strategie der "regelmäßige Sparplan".
Darüber sind auch hier im Blog schon so einige Artikel geschrieben worden - wenn du die schon gelesen hast, kennst du ja die wesentlichen Argumente dafür und den Sinn hinter regelmäßigen Sparplänen (und wenn du die Artikel dazu noch nicht gelesen hast, gib das einfach in die Suchfunktion ein).

Wer sich also vorgenommen hat, in festen Intervallen (zb monatlich) einen festen Geldbetrag (zb 100€, etc.) ins Depot zu investieren, sollte das also natürlich und unbedingt weiterführen - eigentlich sogar ganz egal ob die Kurse grad steigen oder fallen.
Klar, rein "psychologisch" investiert sichs immer viel leichter wenn alles schön steigt, aber man muss halt auch durchhalten und weiter zukaufen wenn es die Aktien auch mal grad "billiger" zu haben gibt. Gerade dann bekommt man ja fürs gleiche Geld mehr Anteile, und ist damit stärker an der späteren Erholung wieder beteiligt.

Ansonsten gilt auch der Ratschlag, eine zu sich selbst passende(!) Asset-Allokation der Risikoklassen zu haben. Ebenfalls ein bereits oft wiederholtes Thema, eben nur soviel Kapital in zB Aktien zu verteilen, dass einem ein -50% Crash dieser Positionen, bezogen aufs Gesamtvermögen, nicht um den Schlaf (und damit zu vermeidbaren psychologischen Fehlhandlungen, wie zB im Verlust verkaufen) bringt.

"Ich würde lieber einen Teil meines Geldes (10 %) auf physisches Gold setzen. Mache ich damit einen Fehler?"

Kommt halt darauf an, wie du "Fehler" definierst. Zumindest problematisch ist, dass du Gold gedanklich in einen Absatz mit anderen "Sicherheits"-Anlagen wie Tagesgeld und Staatsanleihen setzt - ich würde etwas Abstand von diesem Vergleich nehmen, denn ganz unabhängig ob Gold selbst nun gut oder schlecht ist, es ist auf jedenfall kein Tagesgeldersatz oder so.

Zu Gold selbst gibt es hier auch schon einige Artikel, die du ja vllt kennst (oder wenn nicht = Suchfunktion), deshalb müssen wir hier eigentlich nicht nochmal eine Grundsatzdiskussion pro/contra darüber führen. Die Argumente des Finanzwesirs, warum er nicht in Gold investiert, hat er jedenfalls schon nachvollziehbar dargelegt, du kannst dich nun dem anschließen, oder andere Ansichten haben - jeder ist für seine eigenen Anlageentscheidungen selbst zuständig, denn nur man selbst muss ja auch mit deren Konsequenzen schlussendlich leben.
Mach was du willst und womit du dich wohlfühlst - wenn es am Ende auch wirklich nur bei einer 10% Allokation bleibt, ist das ja nicht soviel dass es für dich ruinös wird, sollte es sich doch als "Fehler" herausgestellt haben (erwarte dir damit aber auch auf der anderen Seite davon nicht so viel, vorm nächsten Weltuntergang gerettet werden zu können etc.).


Couponschneider sagt am 07. Januar 2017

Einfachheit ist auch mein Motto. Ich habe nur eine Asset-Klasse: Die Aktie. Diversifikation betreibe ich nur über die Aktienwahl (Branche, Standort). Alles andere habe ich immer als Zeitverschwendung betrachtet. Ich brauche keine Rohstoffe. Ich habe lieber Unternehmen, die Rohstoffe haben oder fördern. Ich brauche keine Immobilien, weder direkt noch in Form von REITs. Meine Unternehmen haben Immobilien. Ich brauche auch keine Anleihen. Meine Unternehmen haben Anleihen. Ich lasse mich auch nicht lumpen und nehme wegen der Niedrigzinsphase einen Kredit auf. Meine Unternehmen können viel mehr von der Niedrigzinsphase profitieren, weil die bessere Konditionen aushandeln können als so ein kleiner Couponschneider mit dem Traum vom Haus.


Pete sagt am 27. Oktober 2017

Lieber Finanzwesir,
Liebe Blog-Gemeinde,

nachdem ich das Buch vom Finanzwesir gelesen habe, bin ich beim Punkt Asset-Allocation hängen geblieben: Diese ist mit 90% entscheidend für den langfristigen Erfolg. Ich muss sagen: dieser Aspekt war mir beim / nach dem Durcharbeiten des Finanzwesir-Blogs nicht in dieser Dimension präsent / klar geworden.

Ich hatte mich die letzten Jahre v.a. darauf fokussiert, mein ETF-Depot regelmässig nach meiner Strategie zu rebalancieren. Humankapital (Sparquote) und frei werdende (z.B. Bausparvertrag, Festgeld, etc.) Gelder habe ich peu a peu im Rahmen eines regelmässigen mtl. Kaufs / Sparplans in die Assetklasse "Aktien" in Form eines weltweiten ETF-Depots angelegt.

Im Buch wird auf Asset-Ebene v.a. auf RK1 (Tages-, Festgeld, AAA-Anleihen-ETF) und RK3 (weltweites Aktiendepot) Bezug genommen.

Historisch bedingt gestaltet sich meine Asset-Allocation nun etwas anders, breiter, komplexer, nicht so schlank, mglw. nicht so clever:

  • RK1: Tages- und Festgeld, Bausparer. Keine Anleihen
  • RK2: klassische betr. Altervorsorge, Pensionskassen-Ansprüche (weltweites Portfolio, Schwerpunkt Anleihen, aber auch Liegenschaften, Aktien und Rohstoffe)
  • RK3: weltweites ETF-Depot, fondsgebundene Rentenversicherung
  • RK4: -
  • RK5: -
  • Zusätzlich noch fremdvermietete Wohnungen (1-Zimmer-Appartments in einer Studentenstadt), RK-Klasse - keine Ahnung.

Für mich ergeben sich 3 Fragen:

  1. bei der "klassischen" RK1/RK3-Konstellation: wie sieht Eure prozentuale Aufteilung aus, evtl. "altersadjustiert", also mit Verschiebung zu RK1 alle 5 oder 10 Jahre um 10%-Punkte?
  2. unter welcher RK-Klasse würdet ihr Immobilien einsortieren? Bei meinen Recherchen bin ich auf keine brauchbare RK-Klasse gestossen. Welchen Anteil würdet ihr auf die Assetklasse platzieren? Die Kommerschen 10%? Dann dauert's bei mir mit noch mit dem Rebalancing, und zwar Jahre... Aktuell steht für mich ein Verkauf nicht zur Diskussion. Die wissenschaftlich belegte Minderrendite von Immobilien ist mir bekannt. Die Immobilien habe ich 2010 und 2011 gekauft, "Kaufen oder Mieten" und den Blog kenne ich erst seit 2014/2015. Möglicherweise hätte ich sonst anders gehandelt.
  3. Wie würdet ihr die fremdfinanzierten Immobilien im Kontext der Asset-Allocation und beim Rebalancen bewerten? vielleicht: (konservativ) Kaufpreis / Marktpreis - Darlehen + Tilgung?

Ich würde mich über eine Rückmeldung mit Euren Meinungen zu diesen Punkten sehr freuen.

Viele Grüsse - Pete


ChrisS sagt am 30. Oktober 2017

| @ Pete

Ich glaube erstmal zum Einstieg ist es fürs Verständnis wichtig festzuhalten, dass die Begrifflichkeiten der "RK" (Risikoklassen) hier in der Laien-Community nicht ganz genau wissenschaftlich/rechtlich exakt und objektiv definiert sind - also man soll sich nicht unbedingt endlos daran aufhängen und rumgrübeln was nun wo hin gehört, denn da herrscht auch noch viel Ermessensspielraum.

Denn ansonsten gibt es nur endlose kreisdrehende Diskussionen, genau darüber eben in welche RK die Rente (überhaupt) gehört, ein Fonds gehört, eine fondsgebundene Rente gehört, eine Immobilie gehört, usw... das kann dann auch schnell in relativ müßige Nabelschauerei ausarten, bzw jeder hat da so seine eigenen Definitionen (zB du hast deine, und jemand anderes hat seine) - und das ist auch okay so, da wir alle unterschiedlich sind, unterschiedliche Ansprüche, Situationen und Bedürfnisse haben, und es daher nur gut und richtig ist das jeder seine individuell zu ihm passende persönliche Vorgehensweise hat.
Also das nur mal so, dass man sich da nicht so sehr darauf versteifen soll, zwanghaft ein "one-size-fits-all" herzustellen und allem überzustülpen. Ich weiß, gerade als Anfänger und Einsteiger will man am liebsten vor allem klare eindeutige Regeln an denen man sich orientieren und festhalten kann, aber nach etwas Zeit und mit Erfahrung stellt man dann meistens eh fest das es nur darum geht, einen eigenen Weg zu finden mit dem man selbst zufrieden ist (nicht andere).

Aber gut, zu deinen Fragen.

Eine Umfrage über die prozentuale RK1/RK3 Verteilung anderer Leute ist eigentlich wenig zielführend für dich, denn da sind die Menschen so unterschiedlich, wie eben ihre individuellen Situationen, Bedürfnisse und Risikotoleranzen.
Was nützt es dir zu wissen, wenn ein paar Leute zB eine 70/30 Verteilung haben, und andere Leute eine 30/70 Verteilung ? Du kannst dein Vermögen ja nicht nur nach der Mehrheitsentscheidung anderer aufteilen, sondern musst eine Allokation finden, die genau zu dir passt - denn nur du (und nicht andere) musst ja mit den Konsequenzen deiner Entscheidungen leben können.
Wie groß oder wenig zB dein Aktienanteil sein soll, können dir niemals andere Leute, sondern nur dur selbst sagen. Klar, fragt man sich da, wie soll ich das schaffen?
Das beantworten wir hier meist leicht mit dem Prinzip der "Assetallokation nach Risikotoleranz" per -50% Crashtest: Wer sein ganzes Vermögen in Aktien steckt, muss auch aushalten können dass es sich mal in zukünftigen Crashs halbiert - wer das nicht aushalten könnte, der muss eben seinen Aktienanteil bis zu einer persönlich noch ertragbaren Schmerzgrenze reduzieren.
Andersherum gesagt: wieviel Verlust kannst du aushalten ? Verdoppele diesen Prozentbetrag und du bekommst deine empfohlene Aktienquote, den Rest legst du lieber sicherer an.
Das ist ein relativ einfaches Vorgehen, das heißt man kann sich gut dran halten, und gut ist auch dass es eben genau auf dich persönlich zugeschnitten ist, und nicht auf irgendwelche andere mit anderen Vorstellungen, die nicht auf dich zutreffen mögen.
Genauso ist das auch mit dem Alter - anstatt da einen zwanghaften Automatismus nur an den Lebensjahren festzumachen würde ich auch hier immer noch eher nach der persönlichen Risikotoleranz agieren.
Erkennt man schon daran, wie absurd es ist, dass zwei unterschiedliche Menschen, nur weil sie gleich alt sind, die gleiche Aktienallokation haben "müssten"? Natürlich nicht, denn das sagt ja garnichts über die jeweils unterschiedlich sein könnende Risikotoleranz der beiden aus.
Es gibt Leute die vertragen auch im Alter noch einen höheren Aktienanteil, und müssen daher nicht umschichten. Genauso wie es auch andere gibt, die lieber mit weniger Schwankungen im Alter und einen sichereren Betrag kalkulieren wollen - und daher ihre Allokation über die Zeit entsprechend runterfahren (und ja, da sind solche "gleitenden Übergänge" wie zB "10 Jahre vor Entnahme jedes Jahr 10% umschichten" sicher besser als das zufallsabhängigere "zum Renteneintritt alles komplett verkaufen", um dem Risiko eines Börsencrahs just zu der Zeit etwas abzumildern).
Und das tolle ist, beide haben recht - jeweils für sich, da gibt es kein "nur eine Vorgehensweise ist richtig für alle", jeder sollte das tun was zu ihm persönlich passt.

Das Problem bei der Einordnung von "Immobilien" pauschal ist ja auch, das jede individuell ist und eine Bewertung "als Anlageklasse allgemein" erschwert bzw unmöglich macht. Eine Immobilie an einem attraktiven Standort, die man immer vermietet/verkauft kriegt, ist sicher vom Risiko her was anderes als ne Schrottimmobilie irgendwo in der Pampa.
Eine hohe Fremdfinanzierung ist sicher risikoreicher als viel Eigenkapital. Und so weiter, da gibt es also so viele individuell unterschiedliche Achsen, dass man darüber wenig pauschal sagen kann.
Und am Ende - was nützt es dir denn auch zu wissen, ob deine Immobilie jetzt RK1, RK2, RK3 oder sonstewas ist ? Also, welche Handlungen willst du daraus konkret ziehen?
Wenn du deine Immobilie als "sicher" einordnest (also zB RK1), meinst du dann deswegen dass du deshalb deinen RK3-Anteil aufstocken könnest ? (Da wäre ich vorsichtig - Immobilien kann man, zumindest als Kleinanleger, ja nicht wirklich "rebalancen", von daher ist es überhaupt relativ problematisch, sie ins starre "RK"-Schema pressen zu wollen).
Oder wenn du deine Immobilie als RK3 einordnest, heißt dass dann in der Konsequenz, du müsstest lieber noch deinen RK1-Anteil wieder ausbauen um dann ein "Gleichgewicht" herzustellen?

Zu den Kommerschen "10% Immobilien" - der meint damit am ehesten noch einen global diversifizierten REIT-ETF (übrigens auch wieder so eine Detail-Diskussion - sind REITS überhaupt von der Anlageklasse wirklich "Immobilien", oder snd es eigentlich eher einfach nur immer noch eine weitere Unterart der allgemeinen Anlageklasse "Aktien", nur eben halt von Unternehmen die im Immobiliensektor tätig sind? - Von ihrem Rendite/Risikoprofil sind sie jedenfalls den Aktien zuzuordnen), denn anders ist es für den normalen Kleinanleger mit 10% nicht zu machen.
Eine Immobilie selbst kaufen geht ja erst so hohem Kapitalbedarf los, dass (per 10% Gewichtung dieser Position) man für die anderen Anlageklassen ein Millionenvermögen haben müsste.
Auch relativ sinnlos ist es für den Kleinbürger zu sagen, ich hab mein Eigenheim oder ETW, also hab ich "die Anlageklasse Immobilien" abgedeckt - dass das so nicht funktioniert, erkennt doch auch jeder wenn man sagen würde "ich hab eine einzige Aktie gekauft, also hab ich die gesamte Anlageklasse Aktien abgedeckt".
Wenn das so nicht stimmt, funktioniert das mit den Immobilien ja auch nicht. Die eine, die man hat, ist ja mehr oder weniger zufällig rausgepickt, und kann garnicht repräsentativ für "die Anlageklasse" allgemein stehen. Hier trifft dasselbe Prinzip was ja auch zur Diversifikation über systematische und unsystematische Risiken gilt.

Beim Rebalancen kannst du deine Immobilien eigentlich nur schwer bis garnicht bewerten, da sie (selbst) nur schwer bis garnicht zu rebalancen sind. Wenn meine Immobilie im letzten Jahr 10% im Wert gestiegen ist, kann ich ja nicht einfach mal 10% meiner Immobilie verkaufen und umschichten, um wieder meine Ausgangs-Gewichtung herzustellen.
In der allgemeinen Vermögensaufstellung sind sie halt ein sprichwörtlich "immobiler Wert", und ja, wenn du wissen willst wie groß der ist, kannst du dich dem vielleicht noch am ehesten mit "aktuell realistischer Verkaufswert am Markt (konservativ, ohne viel Phantasie) abzüglich Restschuld" annähern, aber wegen der vielen Unwägbarkeiten bei der Bestimmung geht das nie so Excel-exakt auf die zweite Nachkommastelle wie man es von den anderen Anlageklassen gewohnt ist.


Pete sagt am 02. November 2017

@ Chris

Wow - vielen Dank für Deine differenzierte und umfassende Antwort!

Ich habe jetzt die Immo-Position als separate Anlageklasse ohne "Ausweisung einer RK-Klasse" abgebildet. Und grundsätzlich macht es whs. Sinn, sich nicht sklavisch einer RK-Klassifizierung zu unterwerfen. Hierzu habe ich folgenden interessanten Thread gefunden:

https://www.wertpapier-forum.de/topic/49401-90-des-anlageerfolges-werden-durch-die-asset-allokation-bestimmt/

Nach Analyse meiner Bestände und regelmässigen Anlagen (Sparplan, etc.) habe ich eine relativ ausgewogene Verteilung: Bei den Anlagen über das Jahr hinweg habe ich beinahe eine Verteilung RK1+RK2 zu RK3 (ETF-Depot) von 50:50. Bei RK1 steckt auch noch die Tilgung der Immobilien drinnen. Wenn ich mir meine Asset-Allocation anschaue sieht das ungefähr so aus: RK1 30%, RK2 10%, RK3 20% und Immobilien 40%. Ich denke, dass ist recht ausgewogen. Da wir uns voraussichtlich keine weiteren Immobilien zulegen werden, wird die RK3-Position mittelfristig auf 40-50% anwachsen. Und damit ist gut.

Ich bin jetzt Ende 30, so dass ich voraussichtlich nie mehr als 50% in Aktien investiert sein werde. Bei Unwettern an den Finanzmärkten behalte ich somit hoffentlich ein wenig mehr Gelassenheit. Ich denke, dass entspricht meiner Risikotragfähigkeit. Mir ist bewusst, dass ich damit on the long run vermutlich Renditepunkte auf der Strecke lasse.

LG Pete


Johannes sagt am 16. März 2018

Jeden Anleger treibt die Frage nach dem "perfekten Depot" um, daran wird auch die tausendste wissenschaftliche Studie nichts ändern.
Für mich war die (auch von Dir schon oft erwähnte) Studie der Steinbeis Hochschule in Berlin in Zusammenarbeit mit der ETFlab zur Asset Allocation ausschlaggebend.
Es hat in mir nachhaltig Eindruck hinterlassen, dass die Asset Allocation zu 90% für die Portfolioperformance verantwortlich ist. Ich habe mir daraufhin mal mein Portfolio angeschaut, mit erschreckendem Ergebnis! Ich habe die Anteile erfasst, kategorisiert und bin nun dabei mein Portfolio vom IST- zum SOLL-Zustand zu überführen. Das habe ich in einem ausführlichen Blogartikel dokumentiert.

Auf dem Blog von Johannes gibt es hierzu diesen Artikel: Meine Asset Allocation [Fehler, Ansatz, Umsetzung]


Das Buch zum Blog: 440 Seiten voller Informationen. Jetzt im Handel erhältlich.


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