12. November 2021


Diese 4 Bio-Strategien sollten Sie kennen

Dieser Penisneid der Ökonomen auf die Physiker hat mich schon immer amüsiert. Das verzweifelte Verlangen ernst genommen zu werden und endlich den MA (Master of Arts) durch einen MS (Master of Science) zu ersetzen, führt zu einer solchen Weltsicht:

Tail Value at Risk

Risikomanagement als Rechenaufgabe. Parameter reinkippen und dann geschüttelt, nicht gerührt servieren. Eine Supersache in statischen Systemen.
Und in dynamischen Systemen?
Eher so semi würden meine Töchter sagen.
Aber die Börse ist doch dynamisch, oder?
Auf jeden Fall. Ich würde sogar sagen: Sehr dynamisch. Die Börse kann man nur statisch machen, in dem man ein rabiates "Jetzt-nehmen-wir-mal-an"-Regiment führt.
Das wollen wir heute mal nicht tun. Heute besuchen wir die Biologen und besprechen mit denen die Frage: "Wie verhalten sich Anlagestrategien an der Börse?" Die Biologen erzählen uns: Es gibt vier evolutionäre Konstellationen:

  1. Beutetier / Raubtier
  2. Verdrängungswettbewerb
  3. Symbiose
  4. Schmarotzertum

Predatorischer Verdrängungswettbewerb mit parasitären Tendenzen - das klingt zumindest schon mal nach einer interessanten Netflix-Serie. Auf die Börse übertragen bedeutet das:

Beutetier / Raubtier

Das was in der Biologie das Paar Lemming und Hermelin ist, ist an der Börse die Kombi Preis- versus Fundamentalstrategie.
Die Lemminge sind sehr fortpflanzungsfreudig. Alle 30 Tage vier bis acht Junge. Da können die Hermeline nicht mithalten. Also vermehren sich die Lemminge explosiv. Die Hermeline sind dann irgendwann auch Legion und das Gemetzel geht los.
Wenn dann die Lemminge Mangelware sind, hungern die Hermeline. Tote Hermeline fressen aber keine Lemminge mehr. Also: Alle wieder zurück auf Start und die nächste Runde wird eingeläutet.
Entscheidend: Die Populationsgrößen schwanken. Sie können sogar enorm schwanken. Aber Ausrottung steht nicht auf dem Programm.
An der Börse ist es ähnlich. Die Preisstrategen schauen nur auf die Preise. Fundamentaldaten sind egal. Hauptsache die Kurse steigen. Das Warum ist egal. Derweil krebsen die Fundamentalisten mit ihrem Value-Ansatz herum. Wenn die Preise steigen, ist Value nicht viel wert.
Ein paar von den Bilanzlesern und CEO-Besuchern halten aber irgendwie doch durch. Und irgendwann hat sich das Ganze ziemlich weit vom echten Leben entfernt. Und dann sagt einer der Value-Leute: "Im Geschäftsbericht steht ganz unten im Anhang auf Seite 245, dass der Kaiser aber keine Kleider an hat." Und dann verebbt das Momentum.
Auch hier schwingt das Pendel zwischen Momentum und Value hin und her; aber keine der beiden Strategien wird ausgerottet.
Die Finanzwissenschaft kennt das als Grossman-Stiglitz-Paradox und hat dafür gleich mal den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis vergeben.
Wenn die Märkte effizient sind und die Kurse sämtliche verfügbaren Informationen enthalten, warum soll ich dann Geld und Zeit in die Recherche investieren?
Nur: Wie soll sich ein Preis bilden, wenn niemand sich die Mühe macht die Fundamentaldaten zu prüfen und dann zu entscheiden: "Ja, es ist gerechtfertigt für eine Aktie dieser Firma mit diesen Aussichten die Summe X zu bezahlen."
Mit anderen Worten: Die Börse ist mal mehr und mal weniger informationseffizient. Das Grossman-Stiglitz-Papier als PDF: On the Impossibility of Informationally Efficient Markets

Verdrängungswettbewerb

Die ökologische Nische wird von einem Neuankömmling besetzt. Die Alteingesessenen werden verdrängt.
Das Beispiel aus der Biologie: Der rote amerikanische Sumpfkrebs. Frisst alles, verbreitet die Krebspest, vermehrt sich ohne Ende und läuft zur Not auch mal zwei Kilometer über Land, wenn er sein altes Biotop in eine Jauchegrube verwandelt hat.
Übler ist nur der Marmorkrebs. Der braucht noch nicht mal Sex. Der macht’s sich selbst via Parthogenese. Da kann der europäische Edelkrebs nicht mithalten.
Begrüßen Sie mit mir in der Rolle des Ami-Krebses den ETF. Der klassische, aktiv gemanagten Aktienfonds brilliert als edel beschlipster Traditionskrebs.
Für eine TER von 0,2 % läuft der schlaue Anleger auch schon mal zwei Kilometer über Land und lässt sich in einem anderen Tümpel nieder.
Hier gibt es keine Populationsdynamik, sondern der aktiv gemanagte Fonds wird - wie der europäische Flusskrebs - in Nischen zurückgedrängt.

Symbiose

Finde Nemo und Du hast eine Symbiose. Die Anemone bietet Schutz. Die Nemos bringen der Seeanemone eine Extrarendite, indem sie die Tentakel sauber halten und die Fressfeinde der Anemone verjagen.

Symbiose = Einer braucht den anderen und zusammen geht es beiden besser.

Die Börsensymbiose: Aktien und Derivate.
Mit Derivaten - das sind diese ominösen Krisenalpha-Fonds, aber auch selbst gehandelte Puts und Calls - kann ich mich gegen die Schwankungen des Aktienmarktes absichern.
Aber Derivate sind zwingend auf die Aktien angewiesen. Keine Aktien, keine Derivate.
Diese Symbiose ist nicht zwingend. Aktien ohne Derivate geht auch. In der Natur hat auch nicht jede Seeanemone einen Clownsfisch. Diese Seeanemonen erkennt man an ihren stark verkürzten Tentakeln. Stark verkürzte Tentakel bedeutet: Diese Anemone hat es schwer Rendite zu machen.

Schmarotzertum

Der Schmarotzer nimmt nur, gibt aber nichts. Jeder Parasit braucht einen Wirt. Die hohe Kunst ist es, den Wirt nur zu schädigen, ihn aber nicht zu töten. Parasiten sind hoch spezialisiert. Einfach mal so den Wirt wechseln, das geht nicht.
Ok, wer sind denn nun die Finanzparasiten?
Kommt drauf an, wen man fragt. Das Spektrum reicht von "keiner" bis "die gesamte Finanzbranche".
Jedes Ökosystem hat Parasiten. Also auch das Ökosystem Börse. Aber ein ganzes Ökosystem, das nur aus Parasiten besteht? Hm, mein Bioleistungskurs ist nun schon ein bisschen her; aber das halte ich auch nicht für plausibel.
Hochfrequenzhändler kommen meiner Meinung nach der Definition einem Parasiten schon sehr nah. Ist das wirklich noch Liquiditätsbeschaffung oder nur noch Selbstzweck? Vor allem vor dem Hintergrund, dass diese Art von Fonds sofort alle Handelsaktivitäten stoppt, wenn die Liquidität auszutrocknen droht.
Ein Hochfrequenzfonds spielt das Hase-und-Igel-Spiel. Wenn eine Rentenkasse rebalancen muss, spurtet der Hochfrequente voran, sammelt die Aktien ein und verkauft sie dann teuer weiter.
Das halte ich für parasitär, denn nur der Hochfrequenzfonds profitiert.
Die Wale reagieren auf die Hochfrequenzbedrohung, indem sie in Dark Pools wechseln, in denen solche Handelsstrategien nicht toleriert werden.
Schlecht für den Parasiten.

Fazit

Betrachten Sie doch mal die Finanzmärkte durch die Biobrille. Die Börse ist menschengemacht und überall wo Mensch draufsteht ist Bio drin. Und menschliches Verhalten lässt sich nun mal sehr schlecht mit LaTeX beschreiben. Obwohl ich es immer sehr bewundert habe, wenn meine Studienkollegen das Füllhorn des griechischen Alphabets über die Seiten ihrer Diplomarbeit ausgegossen haben.
Nur ganz manchmal habe ich im Stillen gedacht: "Füllhorn oder Büchse der Pandora?"
Aber, na ja, dass ist dann eine Geschichte für ein anderes Mal.

(awa)

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Kommentare

La Tech sagt am 13. November 2021

Ich verstehe es nicht. Die Formel könnte ich im LaTeX eintippen. Mehr kann ich mir aus dem Artikel nicht entnehmen.


Kuno sagt am 14. November 2021

Ein interessanter Aspekt die Börse einmal aus der „biologischen Brille zu betrachten.

Wieso habe ich nur das Gefühl, dass sich bei der Argumentation die Katze etwas in den Schwanz beißt?

Die Argumentationskette geht ja ungefähr so: Ökonomen nutzen komplizierte mathemathische Modelle (die zugegebener Maßen nicht immer zutreffend waren, siehe „Value-at-Risk“-Ansatz und Finanzkrise 2008), schauen wir uns heute daher bei der Biologie um. Dort kämpfen bei der Beutetier-Beschreibung Preis- und Fundi-Anhänger um die Vorherrschaft und es wird das Fazit gezogen: Die Börse ist mal mehr und mal weniger informationseffizient. Nur: Das Paper von Grossmann und Stiglitz begründet seine Analyse genau auf jenen mathematischen Modellen, von welchen bei der metaphorischen Darstellung Abstand genommen werden wollte?


rubbeldiekatz sagt am 14. November 2021

Ganz klar fehlen hier als Parasiten die Strukturvertriebe. Machen den Kunden nicht bankrott aber ärmer - und leben köstlich von deren verbrannter Rendite.


Hans sagt am 29. November 2021

Ronald Owen Perelman war 1990 mit US$ 2,87 Mrd. drittreichster Amerikaner

Das exakt betragsgleiche (!) Vermögen besitzt er noch heute (siehe Forbes) obwohl der S&P 500 – Index seither von 330 Punkten um das 14 fache gestiegen ist zzgl. Dividenden.

Hätte sich Ronald Perelman 1990 mit jungen 47 Jahren in den Ruhestand verabschiedet und sein Vermögen seither marktbreit in den S&P 500 investiert stünde er damit besser da als heute.

Laut dem englischsprachigen Wikipedia besaß er um 2018 ca. US$ 19,8 Mrd. Vermögen.

Durch eine hohe Fremdfinanzierung und singulären erheblichen Investitionen in Branchen die von der Coronakrise besonders schwer getroffen wurden mußte sich Ronald Perelman in einer Art Notverkauf von Beteiligungen zu niederen Kursen trennen sowie Luxusgüter wie Kunstwerke und Yachten veräußern um seine Verbindlichkeiten zu reduzieren.

Für mich ist es in diesem Zusammenhang verblüffend daß selbst sehr reiche Personen hier beratungsresitent sind und vergleichbar wie Kirk Kerkorian in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 während unerwarteter wirtschaftlicher Krisen existenzielle Verluste erleiden die sie angesichts ihres Lebensalters nicht wieder aufholen können.

Insofern sollte jeder private Investor mit weniger Kapital sich die Marktarithmetik zunutze machen um marktbreit passiv investiert nach 20 Jahren Anlagedauer automatisch zu dem oberen Drittel der Investoren mit der besten Rendite zu zählen. Dies unterstützt durch das "Informationsparadoxon" nämlich dem Umstand daß die Rendite des Marktes ohne jeglichen weiteren Informationen erzielt werden kann.

Auf dem Blog von Hans gibt es hierzu diesen Artikel: Warum aktives Investieren schlecht funktioniert


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