14. November 2018


Schritt für Schritt: Wie kommt die ETF-Ausschüttung auf mein Konto?

Der Ausschütter überweist das Geld aufs Verrechungskonto.
Soweit so verkürzt.

Doch wer nachdenkt stellt fest: DSGVO-Alarm!

  1. Woher weiß denn die Fondsgesellschaft, dass ich 57 Anteile eines ihrer Fonds besitze?
  2. Wer hat gepetzt und der Fondsgesellschaft meine Kontonummer verraten?

Zeit für Finanzforensik. In diesem Artikel klären wir

  1. Der ETF hält Aktien. Ihm stehen deshalb die Dividenden zu. Doch wie kommt die Dividende zum Fonds?
  2. Ich halte ETF-Anteile. Also stehen mir die Dividenden zu - und noch zehntausenden Anderen. Wie schafft es der ETF die richtige Summe Geld in die richtigen Geldbeutel zu schütten?

Wie schafft es die Dividende in den Fonds?

Nehmen wir als Beispiel den ETF901. Einen replizierenden Ausschütter auf den DAX von Comstage.

Eckdaten zum Fonds

Alles per 14.11.2018

  • Fondsvermögen: 78.426.238 EUR
  • Umlaufende Anteile 683.800
  • Nummer eins im Index: SAP mit einer Gewichtung von 9,49%

SAP-Investorrelations veröffentlicht im Neuland folgendes

  • Hauptversammlung am 17. Mai 2018
  • Dividende pro Aktie: 1,40 €
  • Auszahlung am dritten Werktag nach der Hauptversammlung

Bisschen Mathe

  • SAP-Anteil am Fonds: 7.442.650 €
  • SAP-Kurs am 14.11.18: 91,54 €
  • Der ETF hält 81.305 SAP-Aktien

Zeitlicher Ablauf

Der 17. Mai war ein Donnerstag. Hier fiel der Beschluss: SAP zahlt 1,40 € pro Dividende.

Jetzt kommt die Geldkaskade

  1. Wer hortet den gesamten Streubesitz? Der Zentralverwahrer. Hier die Clearstream International S.A. Also überweist die SAP-Buchhaltung einfach die gesamte Dividende für den Streubesitz an die Clearstream und ist fertig. Das sind immerhin 1.122.238.404 € (1.228.504.000 Aktien, 65,25% davon im Streubesitz).
  2. Was tun mit 1,1 Milliarden Euro? Clearstream schaut nach und stellt fest: ETF901 hält 81.305 Aktien. Also wandern 113.827 € aufs Fonds-Girokonto (ja, auch Fonds haben Girokonten, wie Sie und ich).
  3. Drei Werktage später, am Dienstag, den 22. Mai schauen die Fonds-Manager auf dem Girokonto bei der BNP Paribas Securities Services nach und finden dort die 113.827 €. BNP Paribas Securities Services ist die Depotbank des Fonds.
  4. 15% - das sind 17.074,05 € - schicken die Fonds-Manager als Tribut an den den Scholzomat.
  5. Der Rest - das sind 96.752,95 € - wird jetzt auf die 683.800 Anteilsscheine verteilt und dann an die ETF-Besitzer überwiesen.
  6. Ein schlauer Fonds-Manager steht auf und sagt: "Lasst uns das Geld doch lieber behalten."
  7. Compliance kriegt Schnappatmung.
  8. Der Fonds-Manager deutet auf den ultimativen Dividendenkalender und sagt: "Fresenius hatte am 18. Mai Hauptversammlung, die Deutsche Bank hat jetzt am Donnerstag Dividendentermin und Bayer einen Tag später. Lasst uns das doch gebündelt überweisen. Spart Kosten."
  9. Die Erbsenzähler aus dem Controlling sind begeistert. Bei einer TER von 0,15% gibt’s nicht viele Erbsen zu zählen. Da ist jede Hülsenfrucht, die im Haus bleibt Gold wert.
  10. Compliance gibt auf. Gegen Kostensparen ist kein Kraut gewachsen.

Also warten alle auf den kommenden Geldsegen. Wirecard beendet die deutsche Dividendensaison 2018 am 21. Juni und nach ein paar fondsinternen Formalismen (der Verwaltungsrat darf sich auch noch mal wichtig machen) ist es dann am 18. August 2018 soweit: "Geld marsch!"

Aber wohin? Dieses Rätsel lösen wir in Teil zwei:

Wie kommt die Dividende zu mir?

Ausführendes Organ: Die Depotbank des Fonds. Die BNP Paribas Securities Services erhält die Anweisung: "Ausschütten."
Jetzt kommt wieder die Geld-Kaskade.

  1. Die Depotbank des Fonds überweist an den Zentralverwahrer (Clearstream) alles was im Dividendenpot ist. Das Geld verlässt zu diesem Zeitpunkt das Fondsvermögen.
  2. Der Broker (bei mir Consors) erhält vom Zentralverwahrer die Dividenden für die gesamten Bestände.
  3. Consors schaut nach wie viele ETF-Anteile ich habe, zieht den Scholzomat-Anteil ab, packt mir den Rest aufs Verrechnungskonto und beballert mich mit MiFID-Papier.

Laufzeit der Kaskade: Zwei Tage.
Und: Nix mit DSGVO-Alarm. Das Ganze ist sehr konspirativ organisiert. Jeder weiß nur das, was er wissen muss, um seinen Schritt der Kaskade bedienen zu können.

  1. Das einzige, was die Comstage-Buchhaltung weiß: 100% der Ausschüttung geht an den Zentralverwahrer. Eine Kontonummer, eine Überweisung.
  2. Der Zentralverwahrer weiß welcher Broker wie viele Anteile des ETF901 verwalten. Also teilt die Buchhaltung das Geld entsprechend auf und überweist die entsprechenden Anteile an die einzelnen Broker. Wir reden hier von - grob geschätzt - 50 bis 70 Überweisungen, die der Zentralverwalter anstoßen muss.
  3. Die Masse der Transaktionen findet brokerintern statt. Der Broker verteilt die Ausschüttungen dann auf seine Kunden. Das ist schnell getan. Teuer ist die Compliance. Alles wird dokumentiert, ausgedruckt und dem Kunden zum abheften zugeschickt. Deshalb mag kein Broker ETFs mit Ausschüttungs-Diarrhö (Scheiß REIT, schüttet zwölf mal im Jahr aus!).

Und demnächst an dieser Stelle: So läuft das beim Thesaurierer.

(awa)

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Kommentare

Finanzfux sagt am 14. November 2018

Danke für diese wertvolle Aufklärungsarbeit!
Was mir noch nie ganz klar ist ist die Besteuerung (dies wurde auch in einigen Podcast-Folgen bereits angeschnitten): auf welcher Basis führt der Fonds 15% ans Finanzamt ab?
Sind es 15% weil es ein deutscher Fonds ist?
Wie viel sind es bei irischen oder luxemburgischen Fonds? Wenn es dort nämlich weniger ist wären deutsche Fonds benachteiligt.....


Geldfrau sagt am 14. November 2018

Lieber Finanzwesir,
dafür kriegst'e eine 1 mit Sternchen von mir. Ein Sternstunde der kleinen Finanzbildung für Zwischendurch. Danke dafür! :)


Daniel sagt am 15. November 2018

Lieber Finanzwesir,

auch von mir gibt es eine Eins mit Sternchen. Vielen Dank dafür, dass du zunächst kompliziert erscheinende Sachverhalte so verständlich und unterhaltsam zusammenfasst!


Ramstein sagt am 15. November 2018

Fast.

"Consors schaut nach wie viele ETF-Anteile ich habe, zieht den Scholzomat-Anteil ab, packt mir den Rest aufs Verrechnungskonto und beballert mich mit MiFID-Papier."

Da fehlt ein Detail: Connors muss noch prüfen, welche Teilfreistellung für den Fonds anzuwenden ist, um den "Scholzomatanteil" zu ermitteln.


Arne sagt am 16. November 2018

@ Finanzfux:

Seit 1.1.2018 und Inkrafttreten des Investmentsteuergesetzes zahlen alle Fonds auf deutsche Divs 15%. Das Auflageland des Fonds ist dabei egal. Es sind 15%, auch wenn es für einen deutschen Fonds Körperschaftssteuer ist und für einen ausländischen Fonds eine deutsche Quellensteuer. Nur eine andere Steuerart.
Es gab bis Ende 2017 mal eine Zeit der Bevorzugung von deutschen Fonds (bei deutschen Divs), aber das ist vorbei. Deshalb hatten deutsche Fonds mit hohen deutschen Divs IN DER VERGANGENHEIT (sprich 2015 bis 2017) einen Vorteil. Aber jetzt nicht mehr.


tedus sagt am 16. November 2018

Doofe Frage weil neu in dem Thema: Kann mir das mal eine ins Beamtendeutsch übersetzen. Ich bin neu in dem Thema (und btw. falls jemand in der Zukunft den Artikel liest kann er mit Scholz nicht wirklich was anfangen)

  1. werden 15% beim Fondansbieter fällig -> auf die Summe der Aktiendividende
  2. werden 15% beim Finanzwesir fällig -> auf die Summe der Fondsdividende

ist das beides mal Abgeltungssteuer? Sprich Fonds werden grob gesagt mit 30% besteuert. Skandal :P.


Sebastian sagt am 16. November 2018

@ tedus
diese Frage oder vielmehr die Antwort würde mich auch interessieren. Warum zweimal besteuert?
Gruß
Sebastian


Janw sagt am 16. November 2018

Warum wird 2x an den Scholzomat abgeführt?

Danke
Jan


Ramstein sagt am 16. November 2018

"Warum wird 2x an den Scholzomat abgeführt?"

Die erste Steuer ist Quellensteuer, die auf Dividenden fällig wird. In der Vergangenheit gab es für deutsche Quellensteuer eine Gutschrift ("anrechenbare Quellensteuer"), für im Ausland erhobene QS nicht. EU sagt: Benachteiligung EU-ausländischer Firmen.
Also: Anrechenbarkeit gestrichen.
Dafür neu eingeführt: Teilfreistellung, die auch für Kursgewinne gilt.
Die zweite Steuerabführung ist die Abgeltungssteuer des Anlegers.
In Summe bei einem diversifiziertem Aktienportfolio sollte es jetzt etwas günstiger sein.


Arne sagt am 16. November 2018

@ Janw und Sebastian:

Im Endeffekt wird sogar dreimal besteuert:

  • Die Dividende wird aus versteuerten Erträgen der AG bezahlt.
  • Der Fonds zahlt 15% Körperschaftssteuer auf die deutschen Dividenden
  • Der Investor zahlt Abgeltungssteuer

Aber: Um die Doppelbesteuerung (aus Schritt 2 und 3) abzumildern, gibt es die Teilfreistellung von 30% bei Aktienfonds (für Privatanleger).
Diese wird auf Kursgewinne und Ausschüttungen des Fonds angewendet.
Da kann man schöne Vergleichsrechnungen anstellen, wann ein Fonds besser und wann schlechter gegenüber einem Direktinvestment in Aktien ist. Das Ergebnis ist aber je nach Situation sehr unterschiedlich, insbesondere da die Teilfreistellung auf auf Kursgewinne angewendet wird.


hanseli sagt am 18. November 2018

Im Prinzip stimmt so die Kaskade, jedoch ist immer noch eine Zahlstelle dazwischen geschaltet.
Der Schuldner zahlt an die Zahlstelle und es gibt eine Marktinformation an alle Marktteilnehmer insbesondere die Zentralverwahrer, ihre Ansprüche geltend zu machen (es sei denn, es gibt ein Aktienregister o.ä.).
Die Zahlstelle überweist dann an die verschiedenen Zantralverwahrer wie Clearstream FFT, Clearstream LUX, Euroclear, SIX, DTCC, Banca Italia, KELER, ... nach Höhe deren Anmeldung. Die Zentralverwahrer verteilen dann wieder weiter, hier dann meist ohne Anmeldung der Ansprüche, da ab hier die Bestände in der Kette dann klar sind.
Der Fonds wiederum zahlt auch wieder über eine Zahlstelle an alle möglichen Zentralverwahrer ...usw usw.

Die beschriebenen 100%-Zahlungen gehen also immer nur vom Schuldner an seine Zahlstelle (eine Bank) und ab da wird dann schon aufgeteilt.


@Arne sagt am 18. November 2018

Stimmt Alles.

Für Buy&Holder sind Direktinvestments in den meisten Fällen von Vorteil, insbesondere wenn man die QSt angerechnet bekommt und keine Fondskosten mehr zahlen muss ...und wie Kursgewinne in X Jahren(zehnten) besteuert werden, kann heute keiner sagen. Buy&Holder brauchen aber Kapital, um breit diversifizieren zu können.

Für Personen, die Positionen nur wenige Monate oder bis zu ganz wenige Jahre halten wollen, ist direkt oder indirekt fast egal.

Je länger man investieren möchte, desto eher lohnen sich Direktinvestments.


Pete sagt am 20. November 2018

Hallo Finanzwesir,

Vielen Dank für den schönen und informativen Blogpost.

Eine Nachfrage zum Prozess in Teil 1: Was passiert mit den ausgeschütteten Cashpositionen, bspw. SAP vom 22.05.2018-18.08.2018. Werden diese Gelder angelegt, gibt's da irgendwelche Zinsen oder knabbert da die Inflation. Das die Auszahlung in einem Haps sinnvoll und kosteneffiziente ist - geschenkt.

Ich würde mich sehr über eine kurze Rückmeldung zu diesem für mich offenen Punkt freuen.
Liebe Grüße, Pete


Finanzwesir sagt am 22. November 2018

Hallo Maxim und Pete,
der ETF schuldet Euch die Indexperformance. Wie er das macht ist seine Sache.
Das Fonds-Management kann

  • zwischenthesaurieren, also Aktien kaufen,
  • das Geld auf einem Girokonto parken,
  • Derivate zur Absicherung nutzen

Das sind taktische Entscheidungen, die von Policy, Regulierung und der Markteinschätzung abhängen. Wenn der Fonds Wertpapierleihe betreibt, hat er noch eine weitere Einnahmequelle, um etwaige Tracking-Error zu glätten.

Gruß
Fiannzwesir


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