Finanzwesir

Finanzen geregelt - Freiräume geschaffen

14. Februar 2023


Wenn die Raptoren Amok laufen

Jede Profession hat ihre Berufskrankheit. Damit meine ich nicht, dass ein Bäcker "Lunge" wegen Mehlstaub hat, sondern das, was die Verhaltensforscher "Deformation Professionnelle" nennen.

"Wenn Ihr einziges Werkzeug ein Hammer ist, werden alle Ihre Probleme Nägel sein"
Mark Twain

Man entwickelt mit der Zeit eine ganz eigene Sicht auf die Dinge. Und dazu geh√∂rt eine Schw√§che f√ľr Szenarien, die von Nicht-B√∂rsianern als Verschw√∂rungstheorie abgetan werden.
Jede Schulbuchweisheit hat einmal ganz klein als Verschwörungstheorie angefangen. Irgendwelche Irren behaupten irgendwelche vollkommen idiotischen Dinge, die gegen Tradition und göttliche Ordnung verstoßen.
Beispiele? Der Aufbau unserer Galaxie oder das Thema Hygiene.
Heliozentrisches Weltbild? Ketzerei! Abschwören oder Scheiterhaufen. Erst 1822 entschied die die Kongregation der römischen und allgemeinen Inquisition, dass es ok ist, in einem Buch das heliozentrische Weltbild zu präsentieren.
Mikroben? Ich bitte Sie, kleines Viechzeugs, dass man mit blo√üem Auge nicht sieht? So ein Unfug. Und auch wenn Antoni van Leeuwenhoek schon im 17. Jahrhundert das Gewimmel in einem Tropfen Flusswasser unter seinem Mikroskop beobachtete, so hat es doch bis 1867 gedauert, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass es keine Zeitverschwendung ist, sich zwischen Pathologie und Krei√üsaal die H√§nde zu waschen. Bis dahin galten die Hygieneerkenntnisse des Ignaz Philipp Semmelweis unter √Ąrzten als "spekulativer Unfug". Der olle Querschwurbler starb dann auch unter ungekl√§rten Umst√§nden in der Landesirrenanstalt D√∂bling bei Wien.

Was bringt die Zukunft?

Die Zukunft

Wenn wir von heute aus in die Zukunft schauen sehen wir einen F√§cher m√∂glicher Zuk√ľnfte. Gute und schlechte. Normale Menschen extrapolieren ihr Heute auf √ľbermorgen und bleiben im Bereich des gesunden Menschenverstandes. Die Mutigen eher am oberen Rand, die Vorsichtigen eher am Unteren. Das ist der Bereich der inkrementellen Verbesserungen. Radikale Br√ľche gibt es hier nicht. Alles ist mehr oder weniger linear: Doppelter Aufwand, doppelter Erfolg, halber Aufwand, halber Erfolg.

Und dann gibt es noch Hamlet. Hamlet ist in den Randbereichen unterwegs.

"Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt."
William Shakespeare in Hamlet

Die Exponentialfunktion, ihr kleiner Bruder der Zinseszins sowie die Sprungfunktion leben in den Hamletbereichen. Linear ist hier nichts.

  • Doppelter Aufwand: achtfacher Gewinn (Exponentialfunktion) - oder nichts (Sprungfunktion).
  • Halber Aufwand: trotzdem achtfacher Gewinn oder nichts.
  • Ebenfalls m√∂glich: nicht achtfacher Gewinn, sondern achtfacher Verlust.

In den Hamletbereichen sind Ursache und Wirkung nur lose gekoppelt.

Der Bereich des gesunden Menschenverstandes ist uninteressant. Dieses Gezappel renkt die R√ľckkehr zum Mittelwert schon wieder ein.
Beobachtenswert sind die R√§nder. Und wie immer: Die negative Seite ist dabei wummsiger als die positive. Ich erwarte zehn Prozent Gewinn und bekomme zwanzig. Wunderbar, Doppel-Wumms. K√ľmmern muss ich mich um die andere Seite: Ich bekomme weniger als erwartet. Kann ich ungewummst noch die Miete zahlen oder muss ich das "w" gegen ein "b" tauschen.
Jeder erfolgreiche Börsianer hat verinnerlicht: Wenn etwas möglich ist, dann wird es irgendwann auch eintreten.
Mein Lieblingsfilm in dieser Hinsicht ist der erste Jurassic-Park-Film. Steven Spielberg fädelt eine Banalität nach der anderen auf - und am Ende laufen die Raptoren Amok. Alles ist komplett plausibel. Jeder Schritt folgt logisch auf den anderen, nur ist es eben so, dass der Meister immer konsequent in Richtung Desaster abbiegt.

Wenn Sie erfolgreich an der Börse sein möchten, brauchen Sie zwei Qualitäten.

  1. Bei jedem Konjunktiv biegen auch Sie in Richtung Desaster ab. In einem dieser pathetischen Ami-Filme (wei√ü nicht mehr welcher) sagt die Hauptfigur: "Was unterscheidet einen Marine von einem normalen Menschen? Wenn ein Marine Sch√ľsse h√∂rt, rennt er darauf zu."
  2. Sie mögen Mark Twain.

"Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, dann ist es Zeit sich zu besinnen."
Mark Twain

Anders ist an der Börse auch kein Blumentopf zu gewinnen. Wer sich eindeckt, wenn die Masse etwas nicht will und dann darauf sitzt, bis die Masse die eigene Meinung teilt, ist ein Valueinvestor und eine geachtete Gestalt an der Wall Street.
Nur wer im Abseitigen fischt, politisch unkorrekt ist und dahin geht, wo keiner hingehen will, kann an der Börse langfristig bestehen.
Dazu geh√∂rt auch ein breitgef√§chertes Interesse. Nur wer vielseitig interessiert ist, wird Chancen entdecken. Dazu geh√∂rt - auch Wissen hat eine Halbwertszeit - immer wieder Dinge √ľber Bord zu schmei√üen.
Man lernt im Laufe der Jahre instinktiv nein zu sagen, wenn alle ja sagen, nach rechts zu gehen, wenn alle nach links laufen und immer nach dem Sinn hinter dem Sinn zu suchen.
Kommen wir jetzt zur "Deformation Professionnelle".
Dieses Verhalten färbt auch auf andere Lebensbereiche ab. Man sieht seine Umwelt, seine Mitmenschen und die Tagesschau mit anderen Augen.

"Du hörst zu, lächelst, stimmst zu und tust dann, was du sowieso tun wolltest, verdammt noch mal."
Iron Man

Puh, muss ich mich jetzt mit Chemtrails, Echsenmenschen und Hohlwelttheorien auseinandersetzen?
Ja.
Echt jetzt, das ist doch schwachsinnig.
Das mag ja sein. Aber an der B√∂rse werden keine naturwissenschaftlichen Wahrheiten gehandelt, sondern Emotionen, Meinungen, Hoffnungen und Bef√ľrchtungen.
Wenn eine hinreichend große Zahl an Börsianern der Meinung ist, dass Olaf der Vergessliche ein Reptiloid (vulgo Echsenmann) aus der Hohlwelt ist, dann ist das so und die Kurse werden sich entsprechend bewegen.
Da k√∂nnen Sie noch so zetern. Sie werden warten m√ľssen, bis die Mehrheit erkennt, dass das mit der Hohlwelt ein kompletter Quatsch ist. Jeder wei√ü, dass die Welt eine Scheibe ist, die auf vier Elefanten ruht, die wiederum auf dem R√ľcken einer Schildkr√∂te stehen, die durchs All schwimmt.

Fazit

Verschw√∂rungstheorien gibt’s in zwei Geschmacksarten.

  1. M√∂gliches, dass sich aber kaum einer vorstellen mag. So wie Zweij√§hrige Verstecken spielen: H√§nde vor die Augen. Ich sehe Dich nicht, also siehst Du mich auch nicht. Alles, was meinen Horizont √ľbersteigt ist spekulativer Unfug.
  2. Unmögliches - an das aber viele Menschen glauben - wird zur Realität. Götter entstehen, indem Menschen an sie glauben. Irgendwann werden diese Götter als falsche Götter entlarvt. Aber die Menschheit ist gut darin, gleich wieder neue Götter zu finden.

Sie haben zwei Optionen

  1. Aussitzen. Das kann dauern und ist manchmal sehr schmerzhaft. Vor allem, wenn es sich um eine Verschw√∂rungstheorie der Kategorie zwei handelt. Also um eine Sache, die physikalisch unm√∂glich ist. Die B√∂rse kann l√§nger verschw√∂rungstheoretisch bleiben, als sie solvent. "Falsch liegen" und "richtig liegen, aber mieses Timing (viel zu fr√ľh)" unterscheiden sich an der B√∂rse nur marginal.
  2. Machen Sie sich einen Spa√ü draus und folgen Sie dem Trend. Egal ob Hohlwelt, Scheibe oder Kugel: Unterst√ľtzen Sie die aktuelle Sache. Aber fragen Sie nie nach dem Warum. Mr. Market die Sinnfrage zu stellen f√ľhrt zu nichts. Das musste selbst Sir Isaac Newton einsehen.

"Ich kann zwar die Bahn der Gestirne auf Zentimeter und Sekunde berechnen, aber nicht, wohin eine verr√ľckte Menge einen B√∂rsenkurs treiben kann."

(awa)

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