18. Juli 2016


Leserfrage: Vertrauen wir zu viel?

Leser H. schreibt

Ich kümmere mich schon seit 20 Jahren um meine Finanzen und habe es jetzt, mit knapp 40 Jahren alles andere als bereut.
Eine Sache fehlt mir allerdings noch für die endgültige Tiefenentspannung bei der Geldanlage: Das volle Vertrauen in die Beständigkeit des Systems. Entweder dass die Politik einzelner Länder umschlägt und es zu Enteignung oder zu Defakto-Enteignung durch Inflation und extreme Besteuerung kommt, oder aber dass es zu Unregelmäßigkeiten beim Broker oder Fondsgesellschaften kommt.
Vertrauen wir zu viel?
Sind wir naiv, weil wir über Jahrzehnte Geld einzahlen und als einzige Garantie dafür digitale Zahlen auf dem Bildschirm sehen?
Nicht einmal wie früher Aktienurkunden in den Händen halten?
Was wäre, wenn nach einem groß angelegten Cyberangriff der Depotstand auf Null stünde? Wie würde ich beweisen können wie hoch der Stand sein müsste?
Was ist wenn Chinas/Russlands/Indiens… Regierung ausländische Anleger enteignet?
Ich habe deswegen keine schlaflosen Nächte. Aber wenn ich gefragt werde, auch keine Antwort hierauf.
Außerdem würde ein diesbezüglich hohes Risiko – entgegengesetzt zu Kommer – eine Höhergewichtung von Gold, inländischen Immobilen und einen Homebias bei deutschen Aktien rechtfertigen.
Was ist Ihre Meinung hierzu? Wie hoch schätzen Sie Risiko und Schadenshöhe ein?

Der Finanzwesir antwortet

Lieber H., ich schließe mich Ihnen an:

"Ich habe deswegen keine schlaflosen Nächte. Aber wenn ich gefragt werde, auch keine Antwort hierauf."

Damit ist alles gesagt und wir können uns wieder dem Leben zuwenden.

Aber schauen wir doch einmal genauer hin: Leser H. kümmert sich seit 20 Jahren um seine Finanzen. Seit 20 Jahren heißt: seit 1996.

Was war so los in den letzten 20 Jahren?

  • 1996: Bill Clinton wird wieder gewählt, der Internet-Boom beginnt auch in Deutschland, die Telekom geht an die Börse.
  • 1997: Lady Di stirbt.
  • 1998 / 1999: Kosovo-Krieg, Zweiter Tschetschenienkrieg, die RAF erklärt ihre Auflösung, SAP geht an die Börse.
  • 1999: Jar Jar "Michse" Binks tritt in unser Leben.
  • 2000: Die Dotcom-Blase platzt, der Neue Markt stürzt von seinen Höchstständen in den Keller.
  • 2001: 11. September, Apple stellt den ersten iPod vor.
  • 2002: Der Euro kommt.
  • 2003: Die Börse Frankfurt wickelt den Neuen Markt ab. Der zweite Irakkrieg beginnt.
  • 2004: Der Weihnachts-Tsunami in Südostasien tötet rund 230.000 Menschen.
  • 2008 / 2009: Sub-Prime-Krise
  • 2009: Die Abgeltungssteuer und die Reform der Erbschaftsteuer treten in Kraft.
  • 2011: Kernschmelze in Fukushima
  • 2014: Ebola in Westafrika
  • in allen 20 Jahren: Im Nahen Osten brennt es immer irgendwo.

Eine ganze Menge ist passiert. Aber wir sind noch da. Niemand ‒ auch ich nicht ‒ kann

"Risiko und Schadenshöhe einschätzen".

Wer das behauptet, lügt.

Die Sorgen im Einzelnen

"Was ist wenn Chinas/Russlands/Indiens … Regierung ausländische Anleger enteignet?"

Warum sollten diese Volkswirtschaften das tun? Nur weil in China und Russland nicht unbedingt lupenreine Demokraten an der Macht sind? Warum soll ein autoritäres Regime unbedingt schlecht für Anleger sein?
Die Inder sind eine junge Nation, die nach vorne will. Hier wollen eine Milliarde Menschen ein Haus mit Strom und fließend Wasser, ein Auto, Netflix auf einem 65-Zoll-Fernseher und eine jährliche Fernreise. Das kostet einen Haufen Geld. Warum sollte Indien ausländischer Anleger verjagen?

"Außerdem würde ein diesbezüglich hohes Risiko – entgegengesetzt zu Kommer – eine Höhergewichtung von Gold, inländischen Immobilen und einen Homebias bei deutschen Aktien rechtfertigen."

Ach wirklich? Warten Sie mal ab, bis meine Generation, die geburtenstarken Jahrgänge in Rente geht. Ein Fünftel (22 %, laut statistischem Bundesamt) ist kinderlos. Denen ist die Zukunft egal, die denken nicht weiter als bis zu ihrem Tod.
Aber auch wir Eltern wollen nach einem Arbeitsleben unsere wohlverdiente Rente haben und werden die Regierung wählen, die das möglich macht.
Sehr gut zu besteuern sind die reichen Immobilienbesitzer. Das pfeifen ja die Spatzen von Dächern: "Ein durchschnittlicher Immo-Besitzer ist reicher als ein durchschnittlicher Mieter."
Was die deutschen Aktien angeht: Welche wären das? Etwa Adidas? Eher nein, 91 % des Kapitals werden von Ausländern gehalten. Oder die Bayer AG? Auch nicht. 80 % des Kapitals sind in nicht-deutscher Hand.
Mit anderen Worten, wann ist eine Firma deutsch?

  • Wenn sie mal in Deutschland gegründet wurde?
  • Wenn sie ihren Hauptsitz in Deutschland hat?
  • Wenn sie tatsächlich in Deutschland Steuern zahlt?
  • Wenn die Aktionäre überwiegend aus dem Inland kommen?
  • Wenn die Vorstandsvorsitzende nicht Taj Mahal, sondern Erika Mustermann heißt?
  • Wenn am Werkstor ein deutscher Schäferhund wacht?

"Oder aber dass es zu Unregelmäßigkeiten beim Broker oder Fondsgesellschaften kommt."

Das wird garantiert vorkommen. Das nennt man Betrug und dagegen gibt es Gesetze. Sie als Anleger können dieses Risiko minimieren, indem Sie sich für einen renommierten und regulierten Anbieter entscheiden und der superbilligen Klitsche aus Zypern einen Korb geben.

Das Gold würde ich überspringen. Entweder die Verhältnisse sind zivilisiert, dann bringt Gold als Rohstoff keine Rendite.
Wenn es unzivilisiert wird, halte ich ein Haus mit Garten, einen Waffenschein, handwerkliche Qualitäten und gute Freunde für wichtiger. Gold oder Axt? Ich nehm’ die Axt. Und dann Ihr Gold.

"Was wäre, wenn nach einem groß angelegten Cyberangriff der Depotstand auf Null stünde? Wie würde ich beweisen können wie hoch der Stand sein müsste?"

Nun, ich hoffe auf das Back-up der Banken und Broker. Ja, das ist nur eine Hoffnung. Aber wenn ich von Hamburg nach München fliege, hoffe ich auch auf einen nüchternen Piloten, einen genau arbeitenden Fluglotsen und darauf, dass beim Landeanflug in München keine bayrisch-sturköpfige "Mir-san-mir"-Krähe in die Turbine gerät.
Will sagen: Das ganze Leben ist eine Kette von Hoffnungen.
Aber als alter, analoger Mann habe ich noch ein Ass im Ärmel: Ich drucke das Internet aus. Ich habe keine coole Fintch-App, sondern drucke jede jämmerliche Depotbewegung aus. Ich werde die Cyberkrieger unter einem Papierberg begraben.

Was also tun?

Das Fachwort der Stunde heißt Resilienz (von lat. resilire "zurückspringen", "abprallen").

Die Resilienz, auch psychische Widerstandsfähigkeit genannt,

"ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen."
Quelle

Was bedeutet:

  1. Rückgriff auf persönliche Ressourcen = Nicht alles in einen Korb legen. Die Kriegskasse muss immer noch ein paar Euros hergeben.
  2. Rückgriff auf sozial vermittelte Ressourcen = Freunde muss man haben.

Na ja, aber im Kern ist es das platte „Die Krise als Chance“, „Der Mensch wächst am Widerstand“, diese ganzen Sprüche aus dem Poesiealbum der Motivations-Gurus.

Vertrauen wir zu viel?

Keine Ahnung. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Fakt ist: Vertrauen senkt die Transaktionskosten. Wenn ich vertraue, muss ich nicht mehr prüfen. Prüfen kostet Zeit und Geld.
Sie müssen für sich selbst entscheiden: "Wie balanciere ich zwischen Vertrauen und Kontrolle?"

Was ich gar nicht mag

Wenn jemand diese ‒ grundsätzlich unlösbaren Probleme ‒ als Vorwand nimmt, um nichts zu tun.
Ja, die Probleme, die Leser H. anspricht, sind wichtig und und des Nachdenkens wert. Aber da sie grundsätzlich unlösbar sind, müssen wir uns damit abfinden und auf Sicht fliegen.
Immer wieder schreiben mir Leser: Sie wären jetzt bereit, ETFs zu kaufen. Aber erst müsse ich in meine Glaskugel schauen und ihnen sagen, wie es nach dem Brexit / in China / mit der deutschen Rentenversicherung … weitergeht.
Bevor sie das nicht wissen, könnten sie unmöglich das Risiko eines ETF-Kaufes eingehen.
Ich empfehle in meiner Antwort-Mail dann immer ein gutes Tagesgeldkonto.

Fazit

Das Leben ist Game of Thrones. Tiefenentspannung gibt’s nicht.

(awa)

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Soll ich Ihnen eine E-Mail schicken, wenn ich einen neuen Artikel veröffentliche?

Ja, ich bin dabei!

kostenlos, kein Spam, keine Weitergabe der E-Mail-Adresse, jederzeit kündbar, Datenschutz

Abgelegt unter Geldanlage, Grundlagen, Anleihen, Portfolio, Altersvorsorge, ETF, Leserfrage



Das könnte Sie auch interessieren

  1. Die vier G, die ein erfolgreicher Anleger braucht
  2. Vorstellung: Leser-Portfolio
  3. ETF: Thesaurierend oder ausschüttend?
  4. Leserfrage: Wozu diversifizieren? Landen nicht alle Firmen irgendwann im MSCI World?

Kommentare

Sven sagt am 18. Juli 2016

Schöne Frage und eine schöne Antwort. :)

Was mir nach der ganzen Krisenaufzählung gefehlt hat war die eigentliche Punchline. Dass wir alle noch hier sind ist zwar evident, aber wenig überraschend.
Dass unser Geld noch da ist vielleicht schon eher. Insofern kann man ja mal einen Blick auf den MSCI World werfen und feststellen: Auch von 1996 (820,36 Punkte) bis 2015 (1.662,79 Punkte) ist der MSCI World fleißig weitergeklettert (https://de.wikipedia.org/wiki/MSCI_World#Geschichte). Im Mittel, versteht sich.


Uwe sagt am 18. Juli 2016

Sehr schöne Antwort.
Fazit: Ab und zu einfach mal ein wenig gesunden Menschenverstand einsetzen.


ChrisS sagt am 18. Juli 2016

Guter Beitrag, Albert, und wichtig, um die Menschen mal wieder zu erden. Krisenangst wird ja nicht weniger. Meine Meinung hatte ich auch schon in einem anderen Kommentar zum Thema schon eingebracht, aber ich kann gern nochmal auf einige Punkte eingehen.

"Eine Sache fehlt mir allerdings noch für die endgültige Tiefenentspannung bei der Geldanlage: Das volle Vertrauen in die Beständigkeit des Systems. "

Die vollständige Tiefenentspannung wirds nicht geben, und vielleicht auch nie geben können. Wenn man mal verschiedene kapitalmarkttheoretische Modelle studiert, steigt man ja auch schnell dahinter, dass es Rendite (also zB. die langfristige Überrendite von Aktien gegenüber dem risikolosen Basiszins) nicht umsonst, sondern immer nur als "Belohnung" für das Eingehen solcher (auch quasi-)unternehmerischen Risiken gibt.

Man muss auch nicht das "volle Vertrauen" ins System haben, um sich daran zu beteiligen oder davon zu profitieren. Gerade weil ich ja nicht weiß, was die Zukunft so alles bringt, ist die vernünftigste Methode, mich durch Diversifikation, also "von alles ein bischen" so einigermaßen durchzuwurschteln, also verschiedene Assets, die in unterschiedlichen Szenarien wirken können.
Wie groß da was jeweils gewichtet werden soll ist jedem selbst überlassen nach seinen persönlichen Kompromiss aus Ertragserwartung und Risikotoleranz. Das Instrument Aktie hat jedenfalls in den letzten hundert Jahren (wo zum Beispiel auch zwei WELTkriege dazwischen waren, wohingegen die letzten 20 Jahre ja nur Kleinkram sind) überlebt und sich als langfristig profitabel erwiesen. Firmen wie Siemens, Daimler und Co haben beispielsweise schon mehrere deutsche Staatswesen und Währungen hinter sich, dass nur mal so als Inspiration dafür welchen von beiden Akteuren man eher langfristig vertrauen könne.

" Entweder dass die Politik einzelner Länder umschlägt und es zu Enteignung ...."

Da Aktien einen Anteil am Unternehmen bedeuten, käme eine Enteignung derselben einer Verstaatlichung gleich. Ganz zynisch betrachtet könnte man ja auch feststellen, dass man sich beim ewigen Kampf Politik gegen Wirtschaft lieber auf letztere Seite schlagen sollte, denn die scheint ja anscheinend den Kampf zu gewinnen.

"...oder zu Defakto-Enteignung durch Inflation und extreme Besteuerung kommt..."

Wer sich ein bischen mit Geschichte auskennt (kann ich sowieso nur jedem raten, sich damit zu beschäftigen, was alles schonmal dagewesen war, weil es den realistischen Blick aufs wesentliche und mögliche schult) weiß auch wie früher teilweise die Inflationsraten und Steuerquoten aussahen.
Alles schon mal dagewesen, na und ? Demgegenüber sind wir heute eher im "easy mode" unterwegs, aber selbst wenn es mal wieder etwas mehr anzieht und wehtut, werden wir es wie in der Vergangenheit auch wieder überleben.

"...oder aber dass es zu Unregelmäßigkeiten beim Broker oder Fondsgesellschaften kommt."

Da müsste jemand was dazu sagen, der sich besser mit IT-Security auskennt wie wir, aber soweit ich das sehe bringt mich das auch nicht unbedingt aus dem Schlaf.
Nicht weil es keine "Unregelmäßigkeiten" geben würde, im Gegenteil, die gibt es immer wieder mal, aber weil die Daten doppelt und dreifach redundant verkehren richtet sich das meist wieder auch alles irgendwie schon ein.
Oder wenn du ein allgemeines Grundmisstrauen gegen das Virtuelle ("...alles nur noch Nullen und Einsen auf irgendnem Server") meinst, tja daran muss man sich wohl halt gewöhnen, denn ein zurück zu den guten alten Holzhäckseln wirds im fortschreitenden Informationszeitalter nicht geben.

"Sind wir naiv, weil wir über Jahrzehnte Geld einzahlen und als einzige Garantie dafür digitale Zahlen auf dem Bildschirm sehen?"

Puh, wenn du jetzt einen Gegensatz zwischen dem guten "Echt-Geld" und unsicheren "Virtual-Geld" aufmachen willst, möchte ich dir ja fast garnicht erzählen, dass auch im Hintergrund der Scheine und Münzen, die du so als "Geld" in den Händen zu halten glaubst, nicht alles wirklich so schön und unzweifelhaft abläuft wie du vielleicht denkst.
Auf Youtube kannst du dir jedenfalls stundenlang Filmchen dazu anschauen, die alle mehr oder weniger zwischen seriöser Systemkritik und Aluhut-Panikmache liegen (relativ gefährlich, wenn man eins von dem anderen nicht unterscheiden kann, lol).
Am Ende hat beides, das bedruckte Papier oder die Zahlen auf dem Bildschirm, nur die Bedeutung die wir als Menschen ihm jeweils zumessen. Wenn du glaubst, eine anfassbare Namens-Aktie schützt dich wirksam vor einem Cyberangriff, ja dann schau mal wie du welche herbekommst. Ist etwas teurer, aber man hat dann ja auch schön was zum an die Wand hängen ;-)

"Was wäre, wenn nach einem groß angelegten Cyberangriff der Depotstand auf Null stünde? Wie würde ich beweisen können wie hoch der Stand sein müsste?"

Wie gesagt, da müsste sich jemand zu Wort melden der sich genauer mit der Infrastruktur des globalen Finanzsystems auskennt. Ansonsten bleibt erstmal nur dir selbst mal die Mühe zu machen, dich in das Thema einzulesen, wenn es dich wirklich bewegt. Vielleicht wirst du da beruhigendes finden, vielleicht nicht.

"Was ist wenn Chinas/Russlands/Indiens… Regierung ausländische Anleger enteignet?"

Hat Albert schon gesagt, diese Länder sind ja erstmal viel eher daran interessiert, überhaupt Kapital von ausländischen Investoren anzuziehen. Das hat eine nicht unwesentliche mäßigende Wirkung (mehr als zum Beispiel alle Sonntagsreden und Schönwetterpolitik).

"Ich habe deswegen keine schlaflosen Nächte. Aber wenn ich gefragt werde auch keine Antwort hierauf."

Ich sag dir mal was, und das meine ich ernst, nicht nur flapsig: Es gibt eine gewisse theoretische Wahrscheinlichkeit dass ein großer Meteorit auf der Erde einschlägt und alles höhere Leben auslöscht.
Die Astronomen können dir genaueres sagen, aber es besteht die Chance dass aller paar Millionen Jahre sowas mal vorkommt. Nun gibt es dagegen aber auch keinerlei Gewissheit, ob das nun direkt morgen oder erst in x-tausend Jahren wieder passiert (nur eine Gewissheit, unsere private Geldanlage wird dann unser geringstes Problem sein).
Als Kind habe ich mich sehr für Dinosaurier interessiert, und mich hat der Gedanke seither nie mehr losgelassen. Und auch was die rein "irdische" Perspektive angeht, möchte ich mir mal meine Oma nehmen.
Die hatte auch mehrere Staaten (und ihre Zusammenbrüche), Krieg und Vertreibung, verschiedene Währungen (und damit verlorene Ersparnisse) miterlebt. Ihr Leben war viel härter als meins hoffentlich je sein wird, aber sie ist trotz dessen im hohen Alter glücklich und zufrieden im Kreis der Familie eingeschlafen. DAS ist am Ende, was mir auch wichtig ist, und nicht wie mein Kontostand sein wird.

"Außerdem würde ein diesbezüglich hohes Risiko – entgegengesetzt zu Kommer – eine Höhergewichtung von Gold, inländischen Immobilen und einen Homebias bei deutschen Aktien rechtfertigen."

Wenn du dir von Inländische Immobilien und Aktien, also vom deutschen System allgemein, noch am ehesten Sicherheit versprichst, dann mach das so.
Wie gesagt, ich kann lieber am ehesten noch damit "ruhig schlafen" in dem ich garnicht erst groß einen Gegensatz zwischen den Extremen "alles nur korrupte Drittweltdiktaturen" und "nur Vertrauen ins sichere Deutschland" aufmache, sondern einfach über die ganze WELT diversifiziert verteilt investiere, was mir wiederum die Sicherheit gibt, mit allen eventuellen Szenarien einigermaßen umgehen zu können.
Genauso Gold, ich seh das relativ undogmatisch, studiere einfach die historische Ertragserwartung und die aufgetretenen Schwankungsbreiten und ermittle daraus ob und wie viel es zu deiner persönlichen Assetallocation passt.
Was mich halt nur vom Prinzip immer etwas nervt sind die penetranten Goldbugs, die einem das bunte Metall als Wunderabsicherung gegen die Finanzapokalypse verkaufen wollen, und ich mir dann immer nur denke "ja hey wenn wir wirklich an alles glaubt was ihr so verzapft (also das unsere Währung bald wertlos wird und uns nur Gold davor retten kann) warum wollt ihr anscheinend euer achsotolles Gold nur andauernd gegen unsere achsowertlose Währung eintauschen (also verkaufen) und loswerden?
Wenn es wirklich stimmt dass das globale Finanzsystem bald kollabiert und nur Gold einen davor schützt, warum tun die nicht eher all ihr Gold einfach behalten?". Ich habe darauf noch nie eine wirklich überzeugende Antwort bekommen, ausser natürlich dass da eben doch nur viel Eigeninteresse im Spiel ist.


Aniong sagt am 18. Juli 2016

Aktien haben sogar den zweiten Weltkrieg und die anschließende Währungsreform überlebt. Wer sich 1935 ein paar Aktien von deutschen Firmen gekauft hat, hat sie 1950 immer noch besessen.
Gut, sie waren zwischendurch kaum noch etwas wert, weil die Firmen doch ziemlich kaputt waren, aber irgendwann haben sich die Kurse wieder gefangen.
Und es war halt immer noch besser, mit 40 Mark und einem Depot voller zwischenzeitlich recht wertlosen Aktien zu starten, als nur mit 40 Mark und sonst nichts.
Wer sich Sorgen macht, dass plötzlich alle Aktien auf wertlos geschaltet werden, muss sich letztendlich eine größere Katastrophe als den zweiten Weltkrieg vorstellen. Auch in diesem Fall halte ich Aktien für sicherer als z.B. ein Tagesgeldkonto, das eine Währungsreform wie 1948 nicht überleben würde.

Der meiner Meinung nach beste Grund für Aktien und Fonds klingt aber fast schon wie eine Verschwörungstheorie: Mach, was die Reichen machen. In fast allen Ländern haben tendenziell die reichen Leute viel Macht und Einfluss.
Und was haben diese Leute? International Besitzanteile an Firmen, also haufenweise Aktien in allen möglichen Ländern. Genau diese Leute werden sich auch bei einem massiven Systemumbruch schon darum kümmern, dass genau dieser Teil des Kuchens schön erhalten bleibt.


Karl sagt am 18. Juli 2016

Einige Hundert Jahre historischer Erfahrung dürften die Antwort geben: Große "vertrauensvernichtende" Weltkrisen wie Kriege, Währungsreformen etc. haben Sachwerte am besten überstanden und Geldwerte am schlechtesten.
Sachwerte in diesem Sinne sind Immobilien, Grundstücke, Aktien, Gold. Es spricht viel dafür, dass die nächsten Krisen ebenfalls am ehesten mit Sachwerten "überlebt" werden können. Ergo: Eine möglichst hohe Sachwertquote für das eigene Portfolio realisieren und nur soviel Liquidität, wie nötig.


Matthias sagt am 18. Juli 2016

Zum Thema "Depotbestand auf Null":

Bei mir war es heute so weit. Ich weiß nicht, wann ich mich zum letzten Mal so erschrocken habe. Aber es war zum Glück nicht mein Konto:

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/sparen-und-geld-anlegen/comdirect-panne-wer-hat-in-mein-konto-geschaut-14346501.html


Dummerchen sagt am 18. Juli 2016

1999 war wahrscheinlich das traumatischste Jahr für mich. Damit war wirklich nicht zu rechnen.

SCNR
Dummerchen


Longus sagt am 19. Juli 2016

Auch jetzt kann man sich Aktien in effektiven Stücken ausstellen lassen. Ein Blatt Papier hindert aber keine Regierung daran, dieses nachträglich für wertlos zu erklären.
Aktien können genau wie Papiergeld, genau wie Fiatgeld gestohlen, vernichtet oder für unwirksam erklärt werden. Auch widerrechtliche Nennwertreduzierungen von staatlich garantierten Anleihen sind seit der letzten Finanzkrise vorgekommen. Aber nicht von den bösen Russen, sondern den hinterlistigen Österreichern...
Im Übrigen ist das "Enteignen" von Ausländern auch in Europa gang und gebe. Jede Regierung überlegt es sich 2x, ob sie Steuergelder für die Rettung einer Bank ausgibt, oder die Einlagen von Ausländern dran glauben lässt (Island, Finnland, Zypern...)

Das Problem an Russland, China und Indien sind deren Währungschwankungen. Die Staaten selber wissen sehr genau, dass sie ausländisches Geld brauchen und es sich deshalb nicht verscherzen sollen. Bei den Europäern bin ich mir inzwischen nicht mehr so sicher...


Leser J. sagt am 19. Juli 2016

"Gold oder Axt? Ich nehm’ die Axt. Und dann Ihr Gold."
"Ich werde die Cyberkrieger unter einem Papierberg begraben."

Danke für diese beiden Phrasen :D


Olek sagt am 19. Juli 2016

@ Finanzwesir:

"Nur weil in China und Russland nicht unbedingt lupenreine Demokraten an der Macht sind? Warum soll ein autoritäres Regine unbedingt schlecht für Anleger sein? Die Inder sind eine junge Nation, die nach vorne will. (...)"

Indien ist die größte Demokratie der Welt. China und Russland sind autoritär, wie Sie richtig schreiben. Ein Unterschied besteht für Anleger in den Punkten Stabilität, Rechtssicherheit und Effizienz. Zur Rechtsstaatlichkeit gehört auch der Schutz des Privateigentums, und der ist gerade in China nur leidlich gegeben, in Russland noch schlechter (laut einer bereits zum Thema Nachhaltigkeit verlinkten Bertelsmann-Studie http://blog.creating-corporate-cultures.org/2016/05/09/investieren-in-demokratie/ ).

Der Rechtsstaat allgemein ist unterdurchschnittlich ausgeprägt in Russland und liegt in China darnieder. Aus solchen Defiziten folgt in autoritären Staaten ein mangelndes Konfliktmanagement, das sich in vormals gelobten Staaten wie Tunesien und Ägypten beim Arabischen Frühling demaskieren kann.
Auf gewaltsam niedergehaltenen sozialen Protesten lassen sich keine stabilen Verhältnisse und damit auch keine zuverlässigen Geschäftsbeziehungen bauen.

Zu wirklicher Stabilität gehört, dass Konflikte nicht nur unterdrückt, sondern tatsächlich gelöst werden. Konfliktmanagement, und Konsensbildung insgesamt, funktioniert in Demokratien deutlich besser als in autoritär regierten Ländern. Darum investiere man langfristig in Demokratien.

Herzliche Grüße,
Olek


Resilienz sagt am 20. Juli 2016

Für mich haben Aktien mittlerweile keine / kaum Bedeutung mehr - mein Leben und Ich wollen in andere Richtung.

Weg von großen kommerziellen Lösungen zu kleineren liebevollen Lösungen. Und da haben Aktien und mein sauer (oder auch süß) verdientes Geld keinen Platz.

Wenn ihr mich jetzt fragt, wie mache ich das? Das ist nicht einfach, den einfach wird einem nur der Konsum und Kommerz gemacht. Aber ich will diese lebenslange Abhängigkeit nicht - von deren Essen, deren Trinken, deren Produkten, deren Politik - und dann auch noch Geld in deren Aktien? Nein danke, der Kreis würde sich damit schließen.

Meine Antwort darauf ist auch Resilienz - aber nicht nur auf den psychischen Teil bezogen sondern vor allem auch auf unser Ökosystem in dem wir leben (begonnen bei den eigenen 5m2 Garten wenn man welchen hat) und der Resilienz zu Beziehungen / Freundschaften.

Wie gestaltet man resilienten Lebens(t)raum? In dem man großteils zur Natur und naturverbundenen Methoden zurückkehrt. Die Natur lebt und nicht nur im Glaskasten versucht künstlich zu erhalten. Sehr viele dieser Methoden stecken in der Permakultur - aktuell eines der sehr guten Bücher und Praxisbeispiel zu dem Thema : http://www.wholesystemsdesign.com/resilient-farm-homestead-book/

Ich habe mir in letzter Zeit sehr viele "Lebensweisen" angesehen und angehört, bin Angehöriger einer Selbständigenfamilie (nicht Unternehmerfamilie - viele Leute kennen aber auch den Unterschied nicht... ), war engvertrauter von Unternehmern und anderen Selbständigen, war in einem Pharmakonzern beschäftigt, war in der Kommerzlandwirtschaft (="Boden und Ressourcen Zerstörerschaft"), habe mir Esetoriker angehört sowie Bibelverfechter und auch Gemeinschaften angesehen (bitte nicht mit Kommunen aus den 70ern verwechseln) .
Aus all diesen Einblicken, habe ich etwas entdeckt - und zwar jeder der etwas mit langfristigem Erfolg (definiert jeder anders) oder "besser als andere" macht, liebt etwas aus voller Überzeugung, quasi bedingungslos. Er liebt das Geld verdienen, liebt materielle Anhäufungen, liebt ein volles Depot, liebt es schneller zu sein als andere (Sport und Unternehmen), liebt es anderen Arbeit zu geben usw. Diese Liste könnte man ewig fortführen.

Doch was die allermeisten nicht machen, ist sich selbst zu lieben und seine Umwelt - und Ökosystem (dazu zähle ich auch andere Menschen sowie Freunde).
Denn wenn man das tut, ernährt man sich nicht mehr schlecht (nicht nur auf chemisvh/physikalischer Sicht sondern auch "wer hat es wo unter welchen Bedingungen für mich hergestellt" fragt man sich dann) - und vielem mehr. So und in weiterer Folge passen Aktien und unser Geldsystem, Politiksystem, Bikdungssystem und vor allem welche Werte unseren Nachkommen als wichtig vermittelt werden, leider überhaupt nicht zu einem resilienten Leben.

Also wenn man vielleicht gerade an dem Punkt ist, wo man die Sicherheit des aktuellen Wirtschafts/Politiksystem anzweifelt und deswegen Angst hat - vielleicht ist genau das der richtige Punkt sich einfach mal überhaupt auf was anderes einzulassen und mal zuzuhören.

In solch einem kurzen Beitrag das wiederzugeben, was in mir schwingt bei der Frage "Vetrauen wir zuviel?" ist schwierig. Eine fast "komplett" andere Meinung zu einem Thema unter Menschen kundzutun welche nicht deren Trägheit /Faulheit fördert (damit lässt sich eine Gruppe von Menschen fast am besten manipulieren) , kund zu geben ist gar nicht so einfach.

Ich werde vielleicht später noch eine Linkliste posten, die die Gehirnzellen anregt falls das erwünscht sein sollte.

in Ehre, ein Leser&Schreiber ohne Namen


Finanzwesir sagt am 20. Juli 2016

Hallo Resilienz,

"Ich werde vielleicht später noch eine Linkliste posten, die die Gehirnzellen anregt falls das erwünscht sein sollte."

Gerne

Gruß
Finanzwesir


wimi sagt am 20. Juli 2016

Ich denke es gibt eine Zwischenstufe, zwischen Aktiencrash und Apokalypse. Man denke nur mal an die Bilder aus Griechenland, wo man nur 50 Euro täglich abheben konnte.
Gold mag einem in der extremen Krise nicht viel bringen. Dennoch wertvoll, weil sehr gut transportabel und WertErhalt bis nach der Krise. Man denke sich mal in einen Bürgerkriegsflüchtling hinein. Gold im Wert von mehren tausend Euro kann man Problemlos am Körper tragen.
Bis zu dem Punkt an dem ich mein Kartoffelacker mit der Waffe schützen muss, würde ich es gar nicht kommen lassen.
Man sieht ja die Tage in der Türkei, wie schnell eine autoritäre Demokratie in eine Autokratie mit demokratischem Anstrich umschlagen kann. Eben noch ein bisschen SystemKritik bei Facebook, morgen schon Berufsverbot.
Die letzten Jahrzehnte bei uns waren m.E. die große Ausnahme.


Leni sagt am 21. Juli 2016

Hallo Resilienz,
ich würde mich auch wahnsinnig für diese Linkliste interessieren.

Schöne Grüße
Leni


Daniel sagt am 22. Juli 2016

@Aniong: "Aktien haben sogar den zweiten Weltkrieg und die anschließende Währungsreform überlebt. Wer sich 1935 ein paar Aktien von deutschen Firmen gekauft hat, hat sie 1950 immer noch besessen."

Das ist leider Quatsch. Natürlich gibt es Kriegsgewinnlern, die ihr (Aktien)Vermögen über den krieg retten konnten, aber ich denke das war nur eine Minderheit.

  1. Durch Flucht, Enteignung, Ermordung haben Millionen Menschen alles verloren, selbstverständlich auch ihre Aktien.

  2. Der "Neustart" Deutschland in Form von BRD+DDR hat den Großteil der Aktienvermögen vernichtet. Die IG Farben wurde zerschlagen, Unternehmen auf dem Boden der DDR haben aufgehört zu existieren, Aktienvermögen von DDR-Bürger wurden faktisch enteignet etc.

Carsten sagt am 22. August 2016

@Daniel Mal was zum Thema "Quatsch"...

Interessanterweise konnten genau die Aktionäre der IG-Farben ab 1953 ihre Aktien in die der Nachfolgeunternehmen umtauschen.

Und wer waren die Nachfolger?

u.a. BASF, Hoechst, Bayer


Maike sagt am 05. September 2016

Hallo!
Ich finde das man sich nicht früh genug um seine Altersvorsorge kümmern kann. Habe mir deshalb auch eine Private Lebensversicherung mit Ansparfunktion zugelegt damit ich fürs Alter vorsorgen kann. Auf diese Idee kam ich, nachdem ich einige Zeit im Internet verbrauchte und mich dann hier [[Spamlink entfernt]] näher über die Möglichkeiten einer privaten Altersvorsorge informiert hatte.

liebe Grüße Maike


Finanzwesir sagt am 05. September 2016

Bezaubernde Maike,

"Auf diese Idee kam ich, nachdem ich einige Zeit im Internet verbrauchte..."

es wäre wunderschön, wenn Du aufhören würdest meine und die Zeit meiner Leser zu verbrauchen und einfach mit der Spammerei aufhören würdest. Ich lasse doch sowieso nichts durch.

Mit freundlichen Grüßen
Finanzwesir


Das Finanzwesir-Seminar - für alle ETF-Selbstentscheider.

Die Seminarreihe: Passiv investieren mit ETFs. Werden Sie zum souveränen Selbstentscheider.


Der Finanzwesir kommt zu Ihnen via Twitter, E-Mail oder als RSS-Feed: Artikel | Kommentare.
Auf Feedly folgen.


Artikel durchsuchen


Neuste Kommentare

Lesenswert

Diese Blogs und Foren kann ich empfehlen.

Meine Finanz-Bibliothek

Das liest der Finanzwesir

Die 5 wichtigsten Artikel

Alle Artikel