14. März 2022


Sparplan stoppen wegen Ukraine-Krieg?

Leserin Y. fragt

Bezüglich meines ETFs wollte ich Sie um Rat fragen.
Auch wenn man kaufen soll, wenn die Kanonen donnern, bin ich mir nun doch nicht sicher, ob ich vielleicht momentan einfach mal meinen Sparplan pausieren oder runterfahren sollte?
Ist es sinnvoll, monatlich 300 Euro in MSCI World und EM zu investieren, wenn der Kurs in den Keller geht? Ich weiß, man kauft ja Anteile und die können dann sehr schnell wieder hochgehen. Trotzdem bin ich mir unsicher.

Der Finanzwesir antwortet kurz

Weiter machen.

Der Finanzwesir antwortet länger

Indexing bedeutet: In guten, wie in schlechten Zeiten. Der Index hat nun mal keine eingebaute Risikokontrolle. Sein Auftrag: Sei immer investiert und liefere die Marktrendite. Und das machen wir auch. Denn, wie war noch mal die Strategie?

Die Indexingstrategie

  1. Unser Glaubenssatz: Langfristig wird alles besser (siehe "Factfulness" von Hans Rosling).
  2. Wir wollen breit diversifizierten Mitbesitz. World plus EM = über 40 Millionen Menschen arbeiten in den Firmen, an denen wir beteiligt sind.
  3. "Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache." (Archilochos) - wir sind Igel; und die große Sache, die wir wissen nennt sich "Rückkehr zum Mittelwert". Auch bekannt
    • als Abschätzung nach oben: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel,
    • als Abschätzung nach unten: Kurz vor Tagesanbruch ist die Nacht am Dunkelsten.

Indexer sind Stoiker und Stoiker konzentrieren sich auf die Dinge, die sie ändern können. Alles andere nehmen sie gelassen hin.

Was können wir ändern?

So wie ich das sehe, hat Leserin Y. vier Optionen etwas zu tun.

  1. Demonstrieren
  2. Spenden
  3. Einen Ukrainer aufnehmen
  4. Kämpfen

Keine Option: Sich in der Nachrichtenflut suhlen und alles ganz, ganz schrecklich finden. Für hochtourigen Stress ohne "fight or flight" ist der Mensch nicht gemacht. Das endet entweder in Übersprungshandlungen (ich stoppe meinen Sparplan) oder in Magengeschwüren.
Und da ist sie wieder, meine Nachrichtendiät. Je nach Gusto entweder eine feminine Heulschmonzentte auf Netflix oder alle Folgen von "Stirb langsam" statt Tagesschau und Social-Media-Latrinenparolen (ist altmodisch für Fake-News).
Wer mehr wissen will, liest "Die Kunst des digitalen Lebens, ein Ratgeber für den News-freien Alltag" von Rolf Dobelli.

Martkttiming

Das Corona-V

MSCI World Corona-V

Punkt [1]

 19. Februar 2020: Der MSCI World hat seinen Jahreshöchststand erreicht

Punkt [2]

 16. März 20202: 100 World-Euros sind nur noch 68 Euro wert. Der MSCI hat in weniger als einem Monat 32 Prozent verloren. Der vernünftige Anleger stoppt seinen Sparplan.

Bereich [3]

Die Kurse berappeln sich, nur um dann am 23. März noch einmal um drei Prozent nachzugeben. Der vernünftige Anleger sieht sich bestätigt. Klarer Aufprall einer toten Katze. "Dead cat bounce" ist das Fachwort, wenn Kurse aus großer Höhe abstürzen, einen Boden finden und noch einmal leicht hoch hüpfen, bevor sie dann endgültig liegen bleiben.

Die Nachrichtenlage am 23. März

"Der deutsche Aktienmarkt ist sehr schwach in die neue Woche gestartet. Der Dax verliert 2,1 Prozent auf 8.741 Punkte. Die Ankündigung praktisch unbegrenzter Anleihekäufe durch die US-Notenbank, also das US-Pendant zum Vorgehen des früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi, verpuffte an den Märkten weitgehend.
"Es hilft doch nichts", merkte ein Händler frustriert an. Die Fed könne durch Wertpapierkäufe keine Produktionsstätten wieder hochfahren, die wegen der Corona-Krise stillgelegt worden seien. Für eine nachhaltige Erholung müsse sich zunächst eine Besserung in der Corona-Krise selbst abzeichnen."
ntv

Der vernünftige Anleger: "Gut, dass ich da raus bin!"

Bereich [4]

Unentschlossenes Seitwärtsgezappel. Ich sach’ Euch, da kommt doch schon die nächste Katze vom Dach geflogen.

Der Pfeil [5]

Die Bullen setzen zur Renditestampede an und lassen den vernünftigen Anleger im Staub zurück. Ab da ging es nur noch aufwärts mit den Kursen. Und ich habe weiß Gott mehr als eine Mail von frustrierten Anlegern erhalten, die sich im Herbst ihre Frühlingsvernunft schöngeredet haben und natürlich gefragt haben: Soll ich jetzt noch einsteigen?

Meine stoische Antwort: Time in the market beats market timing.

Die Subprimekrise

 9. März 2009: Der Tag, an dem der S&P 500 seinen tiefsten Stand hatte. Die Nachrichtenlage: Wie aus einem Roland-Emmerich-Film.
General Motors: fast bankrott, ein Hedge-Fonds-Manager rät seinen Kunden zum Waffenkauf. Denn, sollte der S&P 500 noch weiter fallen, sei mit sozialen Unruhen zu rechnen. Und das beste zum Schluss:

"Finanzfachleute erklärten den Anlegern, dass "Kaufen und Halten" tot sei und dass die einzige Möglichkeit, in Zukunft am Markt Geld zu verdienen, darin bestünde, den Zeitpunkt des Handels strategisch zu wählen und die Gewinne zu nutzen, wann immer man sie bekommen könne."
Forbes

Zwischenfazit

Kurz nachdem Fachleute etwas als tot bezeichnen, steht meist die Aktion Phoenix ins Haus. Aschehaufen sind billig zu haben - für Phoenixe muss man schon tiefer in die Tasche greifen. Leider investiert kein vernünftiger Anleger in Aschehaufen. Deshalb bleibt die Asche-zu-Phoenix-Rendite den Unvernünftigen vorbehalten.

Was sollte Y. tun?

Einfach weiter sparen. Wenn der Konflikt regional bleibt, werden sich die Kurse schon wieder erholen. Keines der 23 Industrieländer führt Krieg und von den 25 Schwellenländern befindet sich nur eins im Krieg. Die Ukraine ist gar nichts. Weder Schwellenland, noch Frontierland. Russland hat ein Gewicht von 3 - in Worten drei - Prozent im MSCI Schwellenlandindex.
Vor Russland liegen

Land Gewichtung
China 31,76 %
Taiwan 16,15 %
Indien 12,37 %
Süd Korea 12,26 %
Brasilien 4,98 %
Rest (da steckt Russland drin) 22,48 %

Dazu kommt: Die maktkapitalisierte Gewichtung Industrieländer / Schwellenländer liegt bei rund 85 zu 15 Prozent. Weltweit hat Russland also eine Gewichtung von 3 Prozent von 15 Prozent. Googlen Sie mal mit der Bildersuche nach "internationale Handelsströme". Dann sehen sie: Die internationalen Highways führen an Russland vorbei.

Wenn das ein regionaler Krieg bleibt, dann bedeutet das für die Finanzmärkte: "Et hätt noch immer jotjegange".
Wenn es kein regionaler Krieg bleibt, rückt die Frage: Was mache ich mit meinem Sparplan in den Hintergrund.

Situationen wie diese muss ein Buy&Holder einfach ignorieren. Das ist der emotionale Preis, den man für diese Art der Geldanlage bezahlen muss. Dafür gibt es dann aber auch mehr ETF fürs Geld.

(awa)

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