29. Juli 2014


Hilfe, meine Finanzen sind ein gordischer Knoten

Ich habe einen Bausparvertrag, mein Arbeitgeber hat irgend so eine betriebliche Altersvorsorge, da sollen wir alle mitmachen, hat die Tante vom Personalbüro gesagt. Wird ja auch direkt vom Gehalt eingezogen, der Arbeitgeber tut auch was dazu, aber frag mich nicht, wie viel. Dann liegt noch was auf‘m Tagesgeldkonto rum, aber die Zinsen sind ja auch nicht so der Burner. Vielleicht sollte ich mal so einen dieser Tagesgeldvergleiche im Internet runterladen.
Aber man kommt ja zu nix heutzutage. Nach der Arbeit hab ich keine Lust mehr und am Wochenende will man ja auch mal freihaben.

Ist das Ihre Tirade, wenn Sie am Grill stehen und Ihr Kumpel fragt: "Sag mal, Alter, wie machst du das so mit dem Sparen? Ich hab da im Fernsehen so eine Sendung über Altersarmut gesehen."

Mit anderen Worten: Der Garten Ihrer Finanzen besteht nicht aus sorgfältig gepflegten Beeten wachstumsstarker Zinspflänzchen, sondern ist mehr so bio. Böse Zungen würden behaupten: Kraut & Rüben.

In diesem Artikel möchte ich Ihnen einen Mentaltrick präsentieren, mit dem Sie das naturwüchsige Gewusel Ihrer Finanzen in den Griff kriegen.
Warnung: Dieser Artikel ist ziemlich lang und mäandriert munter durch die Gegend. Bis kurz vor knapp werden Sie sich fragen: "Und was hat das nun mit meinen privaten Finanzen zu tun?".
Ich verspreche: Es wird, #abernichtin140Zeichen.

Bier und Salzgebäck oder Tasse Kaffee am Start? Fangen wir an.

So wird das was mit den persönlichen Finanzen

Es begab sich zu der Zeit, als die Kinder des Finanzwesirs noch klein waren und man deshalb Familienurlaub auf dem Bauernhof ums Eck machte.
Die Finanzwesirin musste aus beruflichen Gründen am Montag noch einmal schnell ins Büro und fuhr deshalb zurück nach Hause, um sich passend einzukleiden. Raus aus den Freizeitklamotten, rein in die Businesskleidung und noch schnell in den Keller, die Schuhe aufpolieren.

KREISCH!! Kellertür blitzschnell zuschlagen. Wieder vorsichtig öffnen. ENTSETZT SEIN! Da ist WASSER im Keller! VIEL WASSER! WIESO IST WASSER IM KELLER? WASSER GEHÖRT NICHT IN KELLER!

Kurze Zwischenfrage: Was hat ein gefluteter Keller mit meinen privaten Finanzen zu tun? Antwort: Abwarten, kommt noch. Erst klären wir die Frage, was den Keller überschwemmt hat.

Am Wochenende ging ein mächtiges Gewitter über unserem Stadtteil nieder. In der Tagesschau reden sie dann von Jahrhundertunwetter, Bild kräht in solchen Situationen "Die Sintflut war da".
Das Gewitter hat die Kanalisation gründlich überfordert, die hat den Rückwärtsgang eingelegt und die Mischung aus Ab- und Regenwasser in die Häuser gedrückt.
Unser Bonusproblem: Wir waren erst vor kurzem eingezogen und mit zwei kleinen Kindern macht man nicht den Keller schön, sondern sagt den Umzugshelfern: Geht in die Fläche, stellt den ganzen Kram einfach auf den Boden. Regale sind eh total überbewertet.
Die Finanzwesirin sah sich einem stinkenden Chaos durchweichter Kartons, abgesoffener Werkzeugkisten, womöglich funktionsuntüchtiger Elektrogeräte (Waschmaschine, Trockner, Kühlschrank) gegenüber. Fünf Kellerräume mit Beton- oder Fliesenboden, ein Kellerraum mit Teppich.

Würde das auch als drastische Beschreibung Ihrer persönlichen Finanzen durchgehen?

Warum war die Finanzwesirin so entsetzt? Ganz einfach, weil sie im Kopf sämtliche Entscheidungsbäume bis zum Ende durchgerattert ist und an jeder Abzweigung in Richtung "schlimmer" abgebogen ist.

  1. Was ist, wenn die Waschmaschine kaputt ist?
  2. Woher bekommen wir eine Neue?
  3. Was ist, wenn der Händler die versprochene Lieferzeit nicht einhalten kann?
    3.1 Dann muss ich die Wäsche in die Wäscherei geben. 3.1.1 Nehmen die auch Kinderwäsche?
    3.1.2 Wenn die Kinderwäsche nehmen, wird die dann auch so gewaschen, dass das der zarten Kinderhaut nicht schadet?
    3.2 Was ist, wenn die Maschine dann geliefert wird, aber nicht richtig funktioniert?

Ich hör dann mal auf. Das Prinzip ist klar geworden. Bei einem Computer würden jetzt die Schaltkreise schmelzen: System overload!
Tür zu und nix wie weg.

Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Sie Ihre persönlichen Finanzen betrachten?

Jetzt Auftritt ich!
Ich habe die Muli-Nummer gemacht. Mulis? Ja Mulis – die kennen Sie doch aus dem Western. Stoisches Viech trottet durch die staubige Sierra.
Ich habe mich weniger für die Gesamtsituation interessiert, sondern einfach mal die sechs Türen ausgehängt und in die Garage zum Trocknen gebracht.
Sechs Wabenkerntüren, die wiegen nicht viel und sind in 30 Minuten raus. Ein türenloser Keller sieht schon richtig nackt aus. Der erste optische Erfolg.

Wichtig: Auch weiterhin nicht weiter als bis zur eigenen Nasenspitze denken!

Als nächstes kommt das Kabuff unter der Treppe dran: Vier Plastikbottiche, die höher waren als die Flut. Raus damit und nach 50 Minuten: Victory! Der erste Raum ist leer.
Victory? Na ja, ist das nicht eher Selbstbetrug? Wenn man doch nur mal den Teppich im Kellerraum links betrachtet …
Tja, das Muli hat aber Scheuklappen auf und trottet stumpf und hirnlos zwischen Keller und Garage hin und her. Das Muli sieht das Elend nicht, sondern nur den nächsten Karton im nächsten Kellerraum.
Ein Karton ist nur ein Karton. Einen Karton in die Garage zu tragen ist wirklich keine Heldentat, das kann jeder. Und danach noch einen, und danach noch einen …
So habe ich mich zwei Tage durch den Keller gewühlt. Dann hatte ich gewonnen.

Was hat das jetzt mit meinen Finanzen zu tun? Auch hier hilft die Muli-Strategie. Ihre Finanzen überfordern Sie, Geldanlage ist ein gordischer Knoten? Nun, dann geben Sie Ihrem Gehirn doch einfach mal frei und tragen Sie Ihre Besitztümer zusammen. Nicht vom Keller in die Garage, sondern vom Aktenordner in eine Excel-Tabelle.
Ich habe hier eine Datei, die heißt gesamtüberblick.xls und ist ein halbes Megabyte groß. 2008 habe ich angefangen. Damals hatte die Datei nur einen Reiter, mittlerweile sind es 20 geworden. Ich habe ganz winzig angefangen und unter der Überschrift "Kontenliste im August 2008" aufgeschrieben, bei welcher Bank wir welches Konto haben und was da so drauf ist. Das lässt sich prima in zwei Stunden erledigen. Dann hat man die Sache aber auch schon schick formatiert. Das ist meine persönliche Schwäche. Die Zahlen sind gleich drin, aber dann muss das noch ein bisschen aufgehübscht werden.
Damit wäre dann der erste Raum fertig.
Der nächste Raum wären dann die Versicherungen. Welche habe ich, was kosten die mich?

Ganz wichtig: Scheuklappen auflassen! Immer Muli bleiben. Nicht schon beim Erfassen der Konten auf die Versicherungen schielen! Damit macht man sich nur verrückt.
Denn: Die Waschmaschine war voll ok, der hat die Flut nichts gemacht.

Fazit

Klug vorausplanen ist eine feine Sache, aber manchmal muss es die Muli-Strategie sein. Wenn man das Gefühl hat, eine Sache nicht in den Griff zu bekommen, ist es lohnend, erst einmal eine Bestandsaufnahme zu machen. Bestandsaufnahme bedeutet in diesem Fall: Nur zusammentragen, nicht werten. Wären private Finanzen nicht so privat, könnte diesen Job jeder beliebige Dienstleister machen.
Nach der Bestandsaufnahme darf das Gehirn dann wieder eingeschaltet werden. Ich steuere mittlerweile die gesamten Familienfinanzen über diese Excel-Datei. Klein anfangen und je nach Bedarf immer weiter an- und ausbauen.
Hätte ich 2008 nicht ganz stumpfsinnig diese Bestandsaufnahme gemacht, hätte ich jetzt nicht so ein gutes Gefühl, was unsere Finanzen angeht.
Unseren Finanzen hat die Muli-Strategie sehr gut getan.

(awa)

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Kommentare

Der Privatier sagt am 30. Juli 2014

Eine sehr schöne Geschichte, die mich in sehr vielen Details an eigene Erlebnisse erinnert!

Nicht nur, dass ich in unserem ersten Haus gleich mehrfach den Keller trocken gelegt habe. Das erste Mal glaube ich schon vor unserem Einzug. Allerdings waren wir dadurch gewarnt und hatten nachher fast alles leicht erhöht stehen. Und mehr als 10-20cm kam das Wasser nie.

Aber darum ging es in Deinem Beitrag ja eher am Rande. Es ging ja mehr um die Herangehensweise an scheinbar unüberwindbare Probleme. Und was Du die "Muli-Strategie" nennst, erinnert mich an einen meinen früheren Chefs, der - wenn einer seiner Mitarbeiter mal wieder über die unendlich umfangreichen, langwierigen und komplizierten Arbeiten klagen wollte - zu sagen pflegte: "Wie isst man einen Elefanten? Scheibchenweise!" Oder ein anderes immer wieder gerne zitiertes Motto: "Einfach mal anfangen." (Den Rest sehen wir dann später.)

Speziell, was die privaten Finanzen angeht, ist diese Strategie sicher genau die richtige. Mir ging es bei meinem Plan zu Beginn zwar weniger um eine Gesamt-Übersicht, sondern primär um die Frage, ab wann mein Kapital (und die Einkünfte daraus) ausreicht, um meinen Lebensunterhalt zu sichern. Ohne einen Job als Angestellter. Sprich: Wann ich aufhören kann zu arbeiten.

Und auch eine solche Fragestellung ist im Nachhinein durchaus komplex - aber man kann ganz einfach anfangen. Da reicht ein Excel-Sheet mit 5 oder 6 Spalten. Das kann man dann Stück für Stück ergänzen, verfeinern und optimieren. Und irgendwann sagen: Jetzt ist genug! (Das Kapital - oder die Arbeit am Excel-Sheet. Oder beides.)

Gruß, Der Privatier

Auf dem Blog von Der Privatier gibt es hierzu diesen Artikel: Vorschlag für einen Finanzplan


Finanzwesir sagt am 31. Juli 2014

Hallo Privatier, wir sind dann auch schlauer geworden und haben in Regale investiert und die neue Kühltruhe stand auf Bierkisten. Aber alles umsonst, wir hatten dann nie mehr so viel Regen.

Gruß Finanzwesir


Covacoro sagt am 02. August 2014

Schönes Bild - Mulistrategie - ist gut zu merken. Bin schon gespannt, wie der Finanzwesir uns Themen wie Verlustaversion, Einstandspreis-Anker etc. nahe bringen wird.


Finanzwesir sagt am 02. August 2014

Ok, ich schau mal. Eigentlich wollte ich jetzt noch einen Artikel schreiben "Wie finde ich den perfekten ETF". :-)

Gruß Finanzwesir


SeBo sagt am 25. August 2015

Hi,

ich wäre ja schon daran interessiert mal einen Blick in deine Uber-Excel-Tabelle zu werfen ;) Vielleicht legst du ja Teile davon einmal offen oder gibst Excel-Tipps für die Geldanlage.

Darf ich einmal fragen, ob du ein Haushaltsbuch in Excel führst?

Ich habe beruflich mit Software zu tun und werkle gerade abends an einer Haushalts-Buch App für die Windows-Welt, da ich bisher nichts gefunden habe das mich voll zufriedenstellt.

Gruß, SeBo


Finanzwesir sagt am 25. August 2015

Hallo SeBo,
was meine Excel-Tabelle angeht: Die ist super für mich, aber ein unverständliches Hin- und Her für andere. Sie ist eben kein Produkt, sondern war immer nur für den internen Gebrauch gedacht.

Frage an Dich: Was meinst Du konkret mit "Excel-Tipps für die Geldanlage." Welche Probleme möchtest Du gelöst beziehungsweise welche Fragen angesprochen haben?

Mein Haushaltsbuch in Excel sind gut 30 Kategorien, in 5 Kategorien plus ein paar Kennzahlen. Das war´s. So simpel wie möglich und so aussagekräftig wie nötig. Das hat mich aber ein paar Jahre gekostet, bis ich so weit war. Ich schmeiße beispielsweise alle Haushaltsausgaben in eine Rubrik. Egal ob Lebensmittel, Drogerieartikel oder Glühbirnen und Friseurbesuche, alles einträchtig vereint in der Rubrik "Lebensmittel, Drogerie, Bäcker". Alles ziemlich originell und an keinen offiziellen Buchhalter- oder DIN-Schema ausgerichtet.

Ich trage einfach alle Einkaufszettel ein & dazu die Kontobewegungen in Excel ein. Das ist nichts automatisiert, keine coolen APIs oder automatische Abfragen. Nur der Finanzwesir vor seinen 2 Monitoren, der händisch und primitiv alles eintippt. Dazu spielt Spotify.... ;-)

Deshalb auch meine holzschnittartige Vorgehensweise. Ich war auch mal superfiligran, habe das aber nur 6 Monate durchgehalten. Ich will eigentlich nur wissen, was kommt rein, was geht raus und gab es diesen Monat eine finanzielle Besonderheit, wie beispielsweise "Urlaub bezahlt".

Ich habe also eine grobe finanzielle Landkarte und fliege ansonsten nach Sicht. In Kombination mit meiner notorischen Lustlosigkeit zu shoppen reicht das. Wer natürlich 1.000 Löcher in der Geldbörse hat, muss vielleicht schärfer kontrollieren ;-)

Gruß
Finanzwesir


Thimplicity sagt am 13. April 2017

Auch wenn der Post schon was aelter ist - ich habe fuer unser Haushaltsbuch angefangen Buxfer zu nutzen: https://www.buxfer.com/


Finanzwesir sagt am 13. April 2017

Hallo Thimplicity,
das ist doch ein US-amerikanisches Produkt. Funktioniert das auch mit deutschen Banken?

Gruß
Finanzwesir


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