21. Juli 2015


Leserfrage: Was tun mit finanziellen Altlasten?

Leser C. fragt

Ich werde nur neu freiwerdende Mittel selbst in ETFs anlegen, die "Fehler der Vergangenheit" bleiben mir wohl erhalten: Ich habe eine selbst genutzte Immobilie, Renten- und Lebensversicherungen (zu alten Konditionen mit relativ hoher Zinszusage), einen kleinen Riestervertrag wegen der Förderung und ein selbst zusammengestelltes Sammelsurium aus Aktien, Fonds und ETFs (meist aus Zeiten vor 2009 deren steuerfreie Gewinne ich nicht riskieren möchte).

Sicher haben einige deiner Leser, die sich für das Thema interessieren und früher andere Entscheidungen getroffen haben, ähnliche Fragen an dich.

Welchen Weg würdest du einschlagen? Bist du auch erst später deiner Strategie gefolgt und hast alte Anlageentscheidungen angepasst?

Der Finanzwesir antwortet

Grundsätzlich gilt natürlich das, was ich im Artikel "Wie ich E.ON mal 5 Euro schenkte oder: Richtig Schluss machen" geschrieben habe.

Konkret auf diese Leserfrage bezogen: Jetzt alles vom Tisch zu fegen, ist Unsinn. Ich würde auch nicht von "Altlasten" oder "Fehlern der Vergangenheit" reden, sondern Folgendes tun:

Machen Sie sich klar, dass Sie mit zwei Psycho-Effekten kämpfen:

  1. Der Anker-Effekt. „Ich habe damals aber x Euro für diese Aktie bezahlt, darunter gebe ich sie nicht mehr her.“ Letztendlich geht es darum: Es gibt Zahlen aus der Vergangenheit, an denen man seine Entscheidung festmacht.
  2. Der Sunk-costs-Effekt. Das sind Kosten, wie Provisionen, die einfach weg sind. Egal, was Sie machen, dieses Geld kommt nicht mehr zu Ihnen zurück. Von daher dürfen sie bei einer Entscheidung zwischen zwei Optionen keine Rolle spielen.

Diese beiden Bastarde können Sie nur mit Bleistift und Papier, beziehungsweise Excel, austricksen.

Ihre Aufgabe

Ziehen Sie Bilanz. Wo stehen Sie finanziell und wo wollen Sie hin? Das Leben hat Sie aktuell an diesen Punkt geführt, und so schlecht ist das ja bis jetzt nicht gelaufen. Eine Immobilie plus Lebensversicherungen (im Plural!) und ein Aktien-Depot sieht für mich nicht nach Erfolglosigkeit aus.

Nun soll ein neuer Kurs gesteuert werden.
Prüfen Sie deshalb alle Engagements, ob sie noch zu Ihnen passen oder nicht. Wenn nicht: abstoßen, ansonsten behalten.
Deshalb sollten Sie Ihre bisherigen Engagements nicht einfach pauschal als "Fehler der Vergangenheit" verdammen. In dem Sammelsurium kann sich noch die eine oder andere Perle verstecken.
Sehen Sie es wie die Sanierung eines alten Hauses. Die Elektrik und die Heizung reißt man raus, aber den wunderbaren 80 Jahre alten Parkettboden schützt man. So hat man nachher ein Haus mit Flair und einer bezahlbaren Gasrechnung.
Es gilt, die bestehenden Produkte zu prüfen und dann sinnvoll in die neue Strategie einzubauen.
So habe ich das gemacht. Macht eine Menge Arbeit, lohnt sich aber. Da ich kein Hamster bin, sondern gut loslassen kann, habe ich bei dieser Säuberungsaktion eine Menge Positionen aus dem Depot gefegt und auch die eine oder andere Geschäftsbeziehung gekündigt.
Aber das ist eine Typfrage. Hier gibt‘s kein gut oder falsch. Ich bewerte eine Anlageform nicht nur nach finanziellen Kriterien, sondern auch nach dem operativen Aufwand, den sie verursacht.

Am härtesten wird es sicher sein, das Depot vorurteilsfrei zu prüfen. Die beiden Worte "steuerfrei" und "Gewinne" schalten jedes Gehirn zuverlässig ab. Bleiben die Gewinne überhaupt erhalten?

  • Wenn die Firmen schlecht wirtschaften, sinken die Kurse und die Gewinne schmelzen dahin.
  • Die Regierung kann jederzeit das Steuerprivileg kassieren. Ich wundere mich immer wieder über das Vertrauen in die Kontinuität unserer Regierungen. Wer die letzten zehn bis zwanzig Jahre Revue passieren lässt, wird feststellen: In den beiden Dekaden ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben, wenn es um die steuerliche Behandlung von Kapitalanlagen geht. Warum soll sich das in Zukunft ändern?

Ok, also verkaufen?
Nein, nicht verkaufen, sondern eine Liste aller Risiken aufstellen, diese dann bewerten und danach entscheiden.

Was die Versicherungen angeht: Auch hier würde ich prüfen, inwieweit diese Produkte noch passen und dann entweder

  • weiter einzahlen
  • weniger einzahlen (bis beitragsfrei stellen)
  • verkaufen

Das Allerwichtigste: Murmeln Sie immer wieder den aus Star Wars bekannten Spruch: "C., prüfe Deine Gefühle!"

Die Kobra im Reptilienhirn wartet nur darauf, blitzschnell vorzustoßen und die Kontrolle zu übernehmen.
Das Einzige, was die Kobra fürchtet, wie der Vampir den Holzpflock, ist die Schriftform.

Zum Weiterlesen

Wie ich E.ON mal 5 Euro schenkte oder: Richtig Schluss machen

(awa)

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Kommentare

Barbaz sagt am 21. Juli 2015

Mr. Money Mustache hatte grade den Artikel "If You Wouldn’t Buy it, You Should Probably Sell it". Finde heraus, was du für den Verkauf einer Anlage bekommen würdest und dann frage dich, ob du dieses Geld lieber in exakt diese Anlage oder eher in etwas anderes investieren würdest.


Marco sagt am 21. Juli 2015

Es heißt immer, Investieren sei kein Hexenwerk. Und das mag stimmen, für den der den Stift bereits in den Händen hält und mit der Schriftform vertraut ist.

Gäbe es da nur nicht diese behavioural finance und die Schwierigkeit endlich den Stift in die Hand zu nehmen.

Da wir alle nicht frei von Fehlern sind, begrüße ich Artikel dieser Art. Sie helfen an sich selbst zu arbeiten. Und geben ein wenig mehr Gespür für den Umgang mit der eigenen Wahrnehmung.

Auf dem Blog von Marco gibt es hierzu diesen Artikel: Compounding Wealth


Ric sagt am 23. Juli 2015

Ich denke wichtig ist es, sich erst einmal wirklich darüber klar zu werden, wo man steht und wohin man will. Es gilt zu Analysieren, welche Produkte man überhaupt hat und wie viel Geld in den jeweiligen Produkten steckt? Dann sollte man schauen, wie hoch ist der Verlust bei der Kündigung der Verträge und wie lange dauert es, bis man an sein Geld kommt. Das ist der erste Schritt zur Selbstverantwortung bei Investitionen.

Wenn die Verzinsung stimmt, macht es dann wirklich Sinn, alles mit Verlust zu kündigen. Ich würde wirklich jede einzelne Position separat betrachten und separat entscheiden. Wichtig ist es, als erstes Selbstverantwortung für seine Investitionen zu übernehmen und die Verantwortung nicht den Versicherungen zu übertragen, sondern selbst zu entscheiden.

Viele Grüße Ric

Auf dem Blog von Ric gibt es hierzu diesen Artikel: Selbstverantwortung


R, fast 50zig sagt am 23. Juli 2015

Finanzielle Altlasten,

Der Weg ist das Ziel - hat man das Ziel erreicht ergeben sich automatisch neue Ziele. (z.B. halten des alten Ziels) oder wie in dieser Frage Strategieänderung ?

Ich betrachte alte Renten / Lebensversicherung keinesfalls als finanzielle Altlasten.
Als ich 1982 meine Lebensversicherung abschloss gab es noch keinen DAX geschweige den ETF, nur wenige Fonds.
(DAX Einführung 1. Juli 1988). Die Aktienkultur sofern es Sie gibt, war auf wenige „Reiche“ geschränkt, die Kosten zu dieser Zeit sehr hoch.

Ich betrachte diese Entscheidungen als Zeichen/ Anlage der Zeit!
Man entschloss sich zu dieser Anlageform weil es in dieser Zeit nichts besseres gab. (Sicherheit, Altersanlage usw.).
Die garantierte Rendite / Verzinsung (bei meiner Lebensversicherung 5,1%), hier würden sich viele heutzutage die Finger danach lecken. (wird vielleicht wieder mal anders)

Bei der selbst genutzte Immobilie sieht es genauso aus, hat Vor und Nachteile,
Aber die Entscheidung hierzu als Altlast zu sehen, ist falsch.
Richtig wäre die getroffene Entscheidung zu hinterfragen ob heute, für die momentane und zukünftige Lebenssituation die selbst genutzte Immobilie noch richtig ist? Größe? Kosten? Alters tauglich?Kinder aus dem/der Wohnung/Haus?kleinere selbst genutzte Immobilie sinnvoller ?........

Sehen Sie sich als glücklich an, überhaupt solche Entscheidungen/Überlegungen treffen zu dürfen. Viele würden sich freuen wenn Sie vor solchen Luxus- Problemen stehen würden!
Ich gratuliere zu einem finanziell erfolgreichen Leben!

Jede Entscheidung immer im Kontext der Zeit sehen, in dem sie getroffen wurde.

Beim Sammelsurium Aktien, Fonds und EEFs geht es nur um EINES, hat die einzelne Anlage Zukunft, Gewinne realisieren? Passt die einzelne Anlage zu Ihrer heutigen Strategie noch? Gibt es überhaupt eine Strategie? und ist diese definiert? Was will man eigentlich ? und wohin?

Finanzwesir hat vollkommen Recht: Gefühle ausschalten!

Grüße


Struppy sagt am 03. August 2015

Lieber Finanzwesir,

lohnt es sich auch in ETFs zu finanzieren, wenn absehbar ist, dass in den nächsten 3-4 Jahren z.B. ein Hauskauf oder die Hochzeit ansteht und diese dann wieder verkauft werden müssten.

Manche ETFS haben in den letzten Jahren ja eine gute Rendite erwirtschaftet. Die möchte ich gerne mitnehmen.

Oder ist der Zeitraum zu kurz und das Risiko damit zu groß?

Besten Gruß
Struppy


Finanzwesir sagt am 06. August 2015

Hallo Struppy,
ich habe wenige kategorische Gebote, aber das folgende ist eines davon:

Wenn die Haltezeit unter 10 Jahren beträgt: Hände weg von Aktien!

"Manche ETFS haben in den letzten Jahren ja eine gute Rendite erwirtschaftet. Die möchte ich gerne mitnehmen."

Diese Rendite kannst Du nur mitnehmen, wenn Du bereits investiert bist. Dann solltest Du überlegen, ab wann Du anfängst zu verkaufen, um die Gewinne zu sichern.
Wenn Du noch nicht invesiert bist: Wer sagt, dass das mit den Kursen so weitergeht? Du kannst die Vergangenheit nicht einfach in die Zukunft projizieren.

Wenn es in der mittleren Zukunft einen fixen Zeitpunkt gibt, an dem die Summe X zur Verfügung stehen muss, dann kann man eine Baisse nicht mehr einfach aussitzen.

Gruß
Finanzwesir


Struppy sagt am 10. August 2015

Hallo Finanzwesir,

danke für deine Antwort.

Dann werde ich mich wohl besser zurückhalten und das Geld auf einem Tagesgeldkonto belassen.

Alles andere wäre tatsächlich wie pokern.

Besten Gruß
Struppy


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