09. März 2021


Und führe uns nicht in Versuchung...

Leser H. hat Glück gehabt. Seine Mail hatte den Betreff

TSI USA: Über 500 Prozent Performance + Neustart! Jetzt einmalige Chance nutzen! - DER AKTIONÄR

Ich wollte diese Mail schon wegkärchern, doch dann habe ich mich verklickt und statt auf Löschen auf Lesen geklickt.

Hier die Worte von H:

Ein Freund hat mir diese Strategie empfohlen. Er hat gute Erfahrungen damit gemacht. Ich überlege, einen Teil einer Erbschaft zu investieren.
Die angeführten Wachstumsraten dieses Depots sind beeindruckend und verlockend.
Man investiert in 9 Aktien des Nasdaq Composite. Alle zwei Wochen werden Aktien ausgetauscht, sofern die Trendstärke einer Aktie unter einen bestimmten Wert sinkt.
Es ist also ein rein rechnerisches Vorgehen ohne eine fundamentale oder technische Analyse.
Mir gefällt daran spontan, dass wie beim passiven Investieren eine Renditeschmälerung durch Gier oder Angst ausgeschlossen wird, solange man den Vorgaben folgt.
Man sollte schon eine gewisse Summe anlegen, da dieser Börsenbrief 1.000 Euro Gebühren kostet.
Wo ist der Haken?
Erstes Learning: Wenn der Finanzwesir Ihre Mail lesen soll, ist es klug, die Betreffzeile zu personalisieren, anstatt die Mail einfach nur weiterzuleiten. Nigeria wäre wirtschaftlich ruiniert, wenn ich jedes Angebot, das mich per Mail erreicht, annehmen würde. Deshalb hege ich eine gewisse Skepsis gegenüber hochprozentigen Betreffzeilen.

TSI USA - was ist das?

  • TSI = Trendstärkeindikator
  • USA = Das Investmentuniversum ist der Nasdaq Composite Index

TSI USA - Das Versprechen

100 % in drei Jahren – 1.000 % in 10 Jahren
Angetreten ist der TSI USA im März 2016 mit dem anspruchsvollen Ziel, das Depot innerhalb von drei Jahren zu verdoppeln. Aktuell beträgt die Performance mehr als +500 %. Bis 2022 steht die nächste Verdopplung an. Ein Backtest bestätigt: Das Ziel von 1.000 % bis 2026 ist realistisch.
Quelle

Vermarktet wird diese Strategie als gnadenloser Darwinismus.

  • Nur die Starken kommen durch
  • Eine brutale Auswahl
  • Erkämpfen sich regelmäßig auch hierzulande unbekannte Werte einen der begehrten Plätze im Portfolio.

Definitiv! Als ich diesen Satz gelesen habe, erschien Herr Musk vor meinem inneren Auge und ich sah ihn, wie er winselnd vor der Tür der Börsenmedien AG im schönen Kulmbach zusammenbrach und die verantwortlichen Redakteure Stefan Limmer und Stefan Sommer anflehte, Tesla doch in den erlauchten Kreis der Neun aufzunehmen.
Also, wenn der Aktionär dick auftragen kann: Das kann ich auch.
Was bleibt übrig, wenn wir die brutale Vertriebsrhetorik entfernen?
Ein solider Trendfolger.

Relative Stärke nach Levy

Im Kern arbeitet der TSI USA genau nach dieser Methode. In den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde der Amerikaner Dr. Robert A. Levy zum Pionier der sogenannten Momentum-Strategien. Seine Dissertation von 1968 ist auf Amazon für knapp 1000 $ zu haben.
Momentum bedeutet nichts weiter als: Eine Aktie, die gestiegen ist, wird weiter steigen, einfach deshalb, weil sie Schwung hat. Eine Aktie, die fällt, wird weiter fallen. Einzige Begründung: Die ist ja schon im Sinkflug.
Vergiss den Random-Walk-Quatsch: Kurse haben ein Gedächtnis. Gewinner bleiben tendenziell Gewinner und Verlierer bleiben tendenziell Verlierer. Dr. Levy hat das Konzept der "relativen Stärke" entwickelt.

Die Zutaten

  1. Ein Aktienuniversum
  2. Die Wochenschlusskurse der Aktien dieses Universums

Die Berechnung nach Levy

  1. Wir bilden den Durchschnitt der letzten 27 Wochenschlusskurse
  2. Wir teilen den aktuellen Wochenschlusskurs durch den ermittelten Durchschnitt
  3. Das Ergebnis ist der RS-Koeffizient. RS = relative Stärke.

Was nützt uns dieser RS-Koeffizient? Erst mal nix. Deshalb jetzt

Die Sortierung

Wir sortieren alle Werte unseres Aktienuniversums nach absteigendem RS-Koeffzienten.

  • RS-Wert über 1: Der aktuelle Schlusskurs (der Zähler) ist höher, als der Kursdurchschnitt der 27 letzten Wochen (Nenner) => Die Aktie ist trendstark
  • RS-Wert unter 1: Der aktuelle Schlusskurs (der Zähler) liegt unter dem Kursdurchschnitt der 27 letzten Wochen (Nenner) => Die Aktie schwächelt

Die Umsetzung

Der Meister empfiehlt Folgendes

  • Gekauft werden – zu jeweils gleichen Teilen – die besten fünf bis sieben Prozent der Aktien der Rangliste.
  • Verkauft wird, wenn eine Aktie in die 31 Prozent der schwächsten Aktien der Rangliste abrutscht.

Auf TSI bezogen bedeutet das:

  • Das Anlageuniversum sind die 2.500 Firmen des Nasdaq Composite.
  • Diese Firmen werden in drei Subuniversen (Small-, Mid-, Large-Cap) eingeteilt.
  • Dann das Levy-Ranking und die drei trendstärksten Aktien der jeweiligen Töpfe sind dabei.

Die Modifikation
Wer nach "Trendfolge Levy verbessert modifiziert" googelt findet haufenweise Modifikationen

  • Statt 27 Wochen (ein halbes Jahr) 10 Wochen (knappes Quartal) bis 50 Wochen (ein Jahr)
  • Es werden nicht die trendstärksten 5 - 7 % gekauft, sondern bis zu 10 %. Oder immer eine feste Zahl an Aktien.
  • Der Abstieg wird an Volatilitätsparameter oder das Unterschreiten einer gleitenden Index-Linie gekoppelt

Das Pamphlet Verbesserung des Konzeptes der Relativen Stärke durch eine dynamische Komponente bzw. eine Relative Stärke/Ratio-Chart-Matrix von HSBC Trinkaus & Burkhardt bietet dem Excel-Connaisseur die Möglichkeit, seine Leidenschaften auszuleben.

Ich vermute, dass auch TSI USA einige Modifikationen unter der Haube hat. Aber grundsätzlich ist es ein trendfolgendes Modell, das mit dem Konzept der relativen Stärke arbeitet.
Soweit so seriös.

Das Problem lauert ganz woanders:

Baisse

Auf Aktien basierende Momentum-Strategien haben Schwierigkeiten in Bärenmärkten. Wer auf fallende Kurse setzen will, ist auf Aktienmärkten strukturell benachteiligt.
Leerverkauf bedeutet: Sie verkaufen Aktien, die Sie nicht haben. Die müssen Sie sich erst irgendwo leihen, dafür Sicherheiten hinterlegen und eine Leihgebühr bezahlen. Wenn der Kurs nicht fällt, sondern steigt, können Sie in existenzielle Schwierigkeiten kommen, weil Sie die Aktien ja wieder zurückgeben müssen. Also müssen Sie kaufen, egal, zu welchem Preis.
Wenn die Kurse dagegen Momentum nach oben haben und dann mal ein bisschen schwächeln, bedeutet das für Sie als Anleger nur: Abwarten und Tee trinken. Das können Sie aussitzen.
Bei fallenden Kursen sollten Privatanleger Strategien wie TSI USA besser aufgeben.

Wie toll ist der TSI USA wirklich?

Leser H. schreibt:

"Die angeführten Wachstumsraten dieses Depots sind beeindruckend und verlockend."

Stimmt das wirklich?

Der TSI USA ist ein konzentriertes Depot

Produkt Zahl der Aktien Rendite 2020 Infos
Vanguard FTSE All World (WKN A1JX52) 3.951 6,17% Factsheet FTSE All World
Lyxor Nasdaq 100 (WKN LYX00F) 102 36,13% Factsheet / Methodik
TSI USA 9 58,70% Leseprobe

So gehört sich das. Je konzentrierter das Investmentvehikel, umso mehr weichen die Ergebnisse von dem eines breiten Index ab. Entweder nach oben oder nach unten.

Diese Wachstumsraten sind verlockend, wenn man sie mit einem normalen Weltdepot vergleicht, das womöglich noch zu 30 Prozent aus Anleihen besteht. Hier schlägt der Ankereffekt zu. Gib mir irgendeine Zahl (beispielsweise die Rendite eines 70/30-Depots) und ich nehme die als Anker für meine Bewertungen meines hochkonzentrierten Trendfolge-Depots.
Genauso gut können Sie die letzten vier Zahlen Ihrer Telefonnummer nehmen, zwischen die zweite und dritte Zahl ein Komma setzen, dann ein Prozentzeichen anhängen und diese supergenaue (2 Nachkommastellen!) Zahl als Performance-Benchmark verwenden.

Lassen wir TSI doch einmal gegen Seinesgleichen antreten

Der Kampf der Renditetitanen

Ich habe mir mal auf die Schnelle drei konzentrierte Tech-Depots aus den Fingern gesaugt. Sie sind ziemlich simpel. Mehr so Buy & Hold und ein bisschen Rebalancing.

Nasdaq 10 aus 100

  • Ich dampfe den aktuellen Nasdaq100-Index auf seine zehn Toppositionen ein.
  • Ich diversifiziere naiv: Jede Position gewichte ich mit 10 %.
  • Ich rebalance jährlich.

Das sagt der Portfoliovisualizer

  • 2020: Bestes Jahr ever: +133 %
  • Aus 30.000 $ werden 211.043 $ (01.01.2016 - 31.12.2020)

Das Faang-Depot

Name Anteil
Facebook 20 %
Apple 20 %
Amazon 20 %
Netflix 20 %
Google 20%

Auch hier: Naive Diversifikation und jährliches Rebalancing. Das sagt der Portfoliovisualizer:

  • 2020: Bestes Jahr, +58 %
  • Aus 30.000 $ werden 118.426 $ (01.01.2016 - 31.12.2020)

Amazon solo

Aus 30.000 $ werden 144.562 $ sagt der Portfoliovisualizer und auch hier: 2020 bestes Jahr mit +76 %

Zwischenfazit

Der Portfoliovisualizer startet immer am 1. Januar 2016, das TSI-Depot war erst im März am Start. Der Portfoliovisualizer rechnet in Dollar, TSI wird in Euro berechnet. Wissenschaftlichen Kriterien hält dieser Vergleich nicht stand.
Was aber klar wird: Egal, ob mit relativer Trendstärke oder einfach nur willenlos All-in-Amazon: Wer seit 2016 konsequent auf ein konzentriertes "Irgendwas-mit-Tech"-Portfolio gesetzt hat, konnte nichts falsch machen.
Trendfolge im Techbereich liegt im Trend. Da hebt die Tide momentan alle Schiffe. Die 2020er-Renditen

Depot Rendite
TSI USA 58,7 %
10 aus 100 133 %
Faang 58 %
Amazon solo 76 %

Und schon wird aus einem TSI-Renditehelden ein ganz normales "Muss so". Aktuell reicht ein wurfstarker Pavian, um gute Renditen im Techuniversum zu erzielen.

Das Psychoproblem: Der Rückschaufehler

Lassen Sie uns ein Jahr zurückgehen. März 2020: Der Chinavirus ist jetzt eine offizielle Pandemie und die Börse im freien Fall.

  • Person 1: Leute kauft: Bunkert Techaktien! So billig kommt ihr nie wieder an diese Papiere. 2020 wird eines der besten Börsenjahre ever.
  • Person 2: Fliehet, verkaufet Eure Depots, rettet, was zu retten ist! Das Virus ist über uns gekommen! Wir werden alle sterben.

Wer hätte - im März 2020 - ohne! das Wissen vom März 2021 mehr Likes auf Facebook bekommen? Der egoistisch geldfixierte Optimist, der im Angesicht einer Pandemie ans Geld denkt? Oder der verantwortungsvolle Mahner?

Das gilt auch für das Jahr 2016.

  • 2021: Techaktien waren der Weg zur Überrendite. => Präteritum, so war’s in der Rückschau
  • 2016: Techaktien werden der Weg zur Überrendite sein. => Futur I, hoffnungsvolle Prognose, kann so kommen, muss nicht.

Aber was ist mit März 2026? Wird ein konzentriertes US-Tech-Depot auch die nächsten fünf Jahre jährliche durchschnittliche Wachstumsraten von 30 % bringen? Wie hoch ist der Himmel? Wann brechen die Bäume unter ihrem eigenen Gewicht zusammen?

Die Masterfrage: Wie weit dürfen wir diese Kurse in die Zukunft verlängern?

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt

Trendfolge ist nur für harte Hunde

Buy low, sell high, im Einkauf liegt der Gewinn. Das sind so die üblichen Sprüche an der Börse. Für Trendfolger gilt aber: Buy high, sell higher. Das ist eine ganz andere psychologische Situation.
Bei der Trendfolge kommt es weniger auf den Einstieg an, sondern auf die Monetarisierung, also den Ausstieg an. Wann ist der Trend wirklich zu Ende? Bis wann brauche ich Geduld und ab wann ist das Pferd wirklich tot?
Diese Fragen haben schon manchem Profi den Schlaf geraubt.

Praxisprobleme

Depotgröße

H. schreibt:

"Man sollte schon eine gewisse Summe anlegen, da dieser Börsenbrief 1.000 Euro Gebühren kostet."

Da hat er recht.

Depotgröße Kosten Börsenbrief Anteil
30.000 € 1.000,00 € 3,33%
50.000 € 1.000,00 € 2,00%
100.000 € 1.000,00 € 1,00%
250.000 € 1.000,00 € 0,40%
500.000 € 1.000,00 € 0,20%

Wie lese ich diese Tabelle? Wenn ich 30.000 Euro investiert habe, muss TSI USA 3,33 % besser performen als mein FTSE All World-Depot. Bezogen auf 2020 bedeutet das:

  • FTSE All Word: 6,17 %
  • TSI USA: 6,17 % + 3,33 % = 9,5 %

Für mich als Anleger sind die 9,5 % TSI-Rendite gleichbedeutend mit 6,17 % FTSE-Rendite. Eine andere Sichtweise: 58,7 % Jahresrendite des Jahres 2020 schrumpfen bei einem 30.000 Euro-Depot auf 55,37 % zusammen.
Jetzt klingt das albern. 58,7 % oder 55,37 % - das sind beides beeindruckende Zahlen. Aber wenn der Trend nicht mehr trendet und die Zahlen wieder einstellig werden, sind das die 3,33 % die grün von rot trennen.

Steuer

Momentum-Strategien sind steuerintensiv, denn

"Pünktlich mit Veröffentlichung der neuen Ausgabe des Börsenbriefs am 19.02. wartet eine Vielzahl neuer Kaufsignale darauf, umgesetzt zu werden."

Ich habe hier einmal den aktuellen Teilverkauf von Tesla nachvollzogen. Alles ohne Gebührenbelastung.

Tesla (A1CX3T) Datum Schlusskurse
Kaufkurs 03.02.20 140,92 €
Verkaufskurs 11.01.21 666,50 €
Position Wert
Kaufpreis 1.831,96 €
Verkaufspreis 8.664,50 €
Performance 473 %
Zu versteuern 6.832,54 €
Minus 801 € Freibetrag 6.031,54 €
Kap-Steuer & Soli (26,375 %) 1.590,82 €
Nachsteuergewinn 4.440,72 €
Nachsteuerperformance 242 %

Wir haben jetzt mit dem Tesla-Teilverkauf vom Januar unseren gesamten steuerlichen Freibetrag für 2021 aufgebraucht. Ab sofort werden wir jeden Tagesgeld-Cent und jeden MSCI-World-Euro voll versteuern müssen, und es warten noch so viele putzige kleine Momentum-Kaufsignale darauf, umgesetzt zu werden.
Was tun? Wir brauchen eine juristische Konstruktion, mit deren Hilfe wir die Steuerlast drücken können. Da landet man dann üblicherweise bei einer atypisch stillen GmbH oder UG. Wenn Sie das selbst machen, kostet es Zeit, und die Opportunitätskosten fressen einen Teil der eingesparten Steuer wieder auf. Oder Sie lassen machen, dann wandert ein Teil der Steuerersparnis gleich weiter zum Berater.

Was bleibt, ist ein um 25 % verzerrtes Rendite/Risiko-Verhältnis. Wir bekommen diese hohe Rendite, weil wir eine konzentrierte Strategie mit den entsprechendem Markt- und Sektorrisiko fahren. Dafür belohnt uns die Börse. Soweit so angemessen.
Die Steuer greift sich ein Viertel und so landen wir bei einer Bezahlung, die eigentlich für das hohe Risiko, das wir tragen, nicht angemessen ist.
Soviel zum Thema Renditeschmälerung. H. war der Meinung, dass nur Gier oder Angst seine Feinde wären, aber der Endboss Steuer sitzt immer mit am Tisch.

Was mir nicht gefällt

Ich habe zwei Probleme mit dieser Strategie

  1. Man bekommt alles vorgekaut
  2. Der Interessenkonflikt

Die vier G

Laut Kostolany braucht ein guter Anleger 4 G:

  1. Geld: vorhanden, H. hat geerbt
  2. Geduld: Kann ich nicht beurteilen
  3. Glück: wünsche ich ihm. Glück lässt sich beeinflussen. Je prognoseärmer man unterwegs ist, umso eher klopft das "Glück" an. Techaktie mit Momentum braucht eine Menge Prognosen.
  4. Gedanken: Will H. für 1.000 € jährlich delegieren

Meine persönliche Erfahrung: Gedanken sind das Fundament. Gedanken sind nicht alles, aber alles ist nichts ohne Gedanken.

Wobei Gedanken wie folgt definiert ist

"Wer sich Gedanken macht, hat eine Strategie. Ob diese Strategie richtig oder falsch ist, ist erst einmal nebensächlich. Wichtig ist nur, dass Sie überlegt handeln und Vorstellungskraft besitzen. Wo will ich in fünf, zehn, fünfzehn Jahren sein? Welche Weichen muss ich heute stellen, um meine zukünftigen Ziele zu erreichen?
Wer sich Gedanken gemacht hat und überzeugt von seinen Überlegungen ist, muss daran festhalten. Weder Freunde noch die Medien dürfen einen vom Weg abbringen."
Quelle

Genau das will H. delegieren. In guten Zeiten ist das kein Problem. Er bekommt zweimal monatlich seinen Börsenbrief und führt die Tradingideen aus.
Aber was passiert, wenn sich alles auflöst und Nervenstärke gefragt ist? Landen wir dann nicht da, wo wir schon mal gewesen sind, nämlich im Physikunterricht:
Der Abschreiber verkündet, dass das Auto mit einer Beschleunigung von 7 m/s lossaust.
Der Physiklehrer zeigt sich angetan. Hat nur eine kleine Frage: In der letzten Stunde wurde doch Geschwindigkeit als Meter pro Sekunde definiert. Wieso haben Beschleunigung und Geschwindigkeit jetzt die gleiche Einheit?
Der Nebenmann zischt noch: "m/s2", aber zu spät: Der Abschreiber geht unter, Herleitung ist sein Ding nicht.

Das ist die Situation von H. Er tippt Zahlen in eine Ordermaske, ohne die Herleitung zu verstehen.

H. hat zwei Möglichkeiten

  1. Alles selbst machen: H. entwirft sein eigenes Momentum-Modell. So schwer ist das ja nicht.
  2. Nichts selbst machen: H. heuert eine VPA (virtuelle private Assistentin) an. Die bekommt den Newsletter und setzt ihn mitleidlos um. Ist ja nicht ihr Geld. Monatliche Kosten: 10 - 30 Euro, denn die VPA ist eine deutschsprachige Akademikerin, die in Georgien, Bosnien oder einem anderen Billiglohnland lebt. Perfekt.

H. erkennt das Problem:

"Mir gefällt daran spontan, dass wie beim passiv Investieren eine Renditeschmälerung durch Gier oder Angst ausgeschlossen wird, solange man den Vorgaben folgt.

Alles gut, solange man den Vorgaben folgt.
Und hier ist das Modell des Börsenbriefs - psychologisch gesehen - prinzipiell mängelbehaftet. Der Börsenbriefschreiber lässt den Börsenbriefempfänger grundsätzlich bei der Umsetzung - und das ist alles, was zählt - alleine.
Nehmen Sie meinen Blog, den Podcast, die Seminare, das FinCamp: Alles schön und gut. Aber wenn auf das ergriffene "Und wie immer hat der Finanzwesir ja soooo recht" kein "just fuckin’ do it" folgt, ist alles verloren.
Kein Börsenbriefschreiber hat je bei seinen Abonnenten an der Haustür geklingelt: "Depotkontrolle! Kann ich mal Ihre Kontoauszüge sehen? Was haben Sie vom letzten Börsenbrief umgesetzt?"

Ein Börsenbrief verletzt den neunten Paragrafen des kölschen Grundgesetzes: "Wat soll dä Quatsch?". Der Börsenbrief liefert Handlungsanweisungen, aber kein Warum.

Der Interessenkonflikt

Der Börsenbrief ist ein rein redaktionelles Produkt. Soweit ich das recherchiert habe, haben weder Verlag noch die beiden Autoren nennenswert Skin in the Game. Der einzige Disclaimer, den ich finden konnte

"Der Autor Stefan Limmer hält unmittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate, die durch die Publikation etwaig resultierende Kursentwicklung profitieren: Tesla."

Egal, was die Compliance sagt: Mir wäre lieber, wenn bedeutende Teile der Altersvorsorge der beiden Autoren vom Erfolg dieser Strategie abhingen.
Wer sind Stefan Sommer und Stefan Limmer? Keine Ahnung. Das sind eher unbeschriebene Blätter. Bis auf die Kurzbios auf der Website von "Der Aktionär" habe ich nichts Nennenswertes gefunden. Zur Qualifikation der beiden kann ich mich deshalb nicht äußern.

Das Geschäftsmodell

100 Abos bringen 100.000 € Umsatz, 1.000 Abonnenten sind die Umsatzmillion. Das ist das klassische Mediengeschäft mit gegen Null gehenden Grenzkosten. Wenn die Autoren- und Serverkosten gedeckt sind, gilt für jedes weitere Abo: Umsatz = Gewinn.

Was bedeutet das für Leser H.? Wenn die Zeit gekommen ist, wird der Verlag diese Strategie nicht einmotten, so wie ich das mit meinen Terrassenmöbeln im Herbst getan habe, sondern weitermachen.
Das Vertriebskonzept setzt ebenfalls auf Momentum: Jetzt ist Druck auf dem Kessel, jetzt wird aggressiv geworben, jetzt nimmt man Schwung, um mit möglichst vielen Abonnenten in die Flaute zu gehen.
Niedlich - es gibt bereits die ersten, die den TSI USA shorten: Wer teilt sich mit mir das Abo?

Der zweite Interessenkonflikt mag sogar von Leser H. ausgehen: Für 1.000 € erwartet man einfach eine gewisse Handelsaktivität. Ein knallhartes "Füße stillhalten" gibt’s beim Finanzwesir umsonst und gratis.

Wo ist der Haken?

Das ist H.s Masterfrage. Der Finanzwesir antwortet: Es gibt keinen. Das aktuelle Börsenklima ist einfach optimal geeignet für diese Strategie. Mein Vorschlag wäre allerdings, meine 10-aus-100-Strategie zu verfolgen.

  • Erster Vorteil: Lizenzfrei für die Leser meines Blogs
  • Zweiter Vorteil: Steuersparender, weil nur Rebalancing
  • Dritter Vorteil: Viel mehr Rendite. Warum sich mit mickrigen 58 Prozent zufriedengeben, wenn man einen 108er haben kann. So nennen die das in der Lüneburger Heide, wenn man einen Heidegeist und einen Ratzeputz zusammenkippt.

So wird das auch mit diesem Momentum enden: Erst Megaparty (Wirt, bring’ er noch eine Runde 108er), dann kotzen alle. Aber die Party kann noch ein paar Jahre dauern. Trends sind manchmal erstaunlich widerstandsfähig.

Was soll Leser H. jetzt tun?

Ich würde Leser H. gerne ein Komma in die Hand drücken und mich mit dem Satz "Kaufet nicht verkaufet." empfehlen. H. entscheidet dann, wo er das Komma platziert.
Oder er schmeißt das Komma weg und hat dann beide Hände frei, um den Bullen echt bei den Hörnern zu packen. Es gibt TSI USA auch gehebelt. Das ist dann der echte Kampf Mann gegen Aktie. Guckst Du hier.
Der Finanzwesir geht long Popcorn.

(awa)

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Kommentare

Jürgen sagt am 10. März 2021

Hm. Ob es für die 10 aus 100 Strategie nicht vielleicht ein wenig zu spät ist? Oder noch zu früh. Je nach Sichtweise.


Marvin sagt am 10. März 2021

Wieder ein typischer Finanzwesir: Launig geschrieben, aber auch mit harten Fakten unterlegt, die schnell die Luft aus dem Ballon lassen. Gestolpert bin ich nur beim Satz

"Das aktuelle Börsenklima ist einfach optimal geeignet für diese Strategie."

Ich wette, dass die letzten Wochen hart an der Rendite geknabbert haben.
Trotzdem glaube ich an die Momentum Strategie. Ich habe neben dem MSCI World auch einen MSCI World Momentum.


Mort sagt am 10. März 2021

Hi, Wie immer ein super Artikel! Insbesondere die Kritikpunkte "Man bekommt alles vorgekaut" und "Der Interessenkonflikt" finde ich unheimlich wichtig. Sowas wird gerne übersehen, weil man es nicht in harte Zahlen packen kann.

Ausgehend von der "10-aus-100-Strategie" habe ich mir dann die Frage gestellt, wie sich dann die Top Aktien eines Indizes langfristig (15 Jahre+) im Vergleich zum gesamt Index entwickeln würden. Sprich, anstatt z.B. den gesamten MSCI World zu kaufen, kaufe ich nur die Top 10 Aktien gewichtet nach Marktkapitalisierung. Einmal jährlich rebalance ich und tausche ggf. aus, falls eine der Aktien aus den Top 10 geflogen ist.

Die Argumentation ist ja immer, dass ich damit nicht besser fahre, als mit dem gesamten MSCI World und deshalb den gesamten Index kaufen kann. Aber ist dem so? Ich habe zu dem Thema spontan keine "harten Zahlen" gefunden und allgemein scheint es schwierig zu sein, historische Daten über die Zusammensetzung von Indizes zu finden.


Tulpenmanie sagt am 11. März 2021

@Mort:
habe ich mal beim Global Titans 50 ausprobiert (10 aus 50). Von iShares-ETF gibt es relativ lange zurückreichende Zusammensetzungen.

Resultat: leichte Underperformance

Ist ja auch logisch, sonst würde es an der Spitze keinen Wechsel geben.


Finanzwesir sagt am 10. März 2021

Hallo Marvin,

"Ich wette, dass die letzten Wochen hart an der Rendite geknabbert haben."

Das mag ja sein, aber mir geht es um die generelle Großwetterlage und die ist bullisch. Im März 2020 hat der TSI auch Federn lassen müssen.


Finanzwesir sagt am 10. März 2021

Hallo Jürgen,

"Ob es für die 10 aus 100 Strategie nicht vielleicht ein wenig zu spät ist?"

Genau das meine ich mit meinem Satz "Wie weit können wir diesen Trend in die Zukunft verlängern?". So in der Rückschau ist es klar, dass TSI USA eine fantastische Strategie war. Aber wenn wir nach vorne blicken, sieht das auf einmal gleich ganz anders aus.

Gruß
Finanzwesir


Marcel sagt am 20. März 2021

Toller Artikel! Schön, dass der Finanzwesir wieder mehr schreibt. Einfach nur großartig! Weiter so, ich bleibe dran!


Klaus sagt am 20. März 2021

Ich frag emich bei solchen Angeboten immer:

"Warum halten die Jungs nicht einfach die Klappe, verdienen sich eine Million nach der anderen und lachen abends beim Bier über die ganzen anderen Deppen?"

Sind die wirklich soo menschenfreundlich oder steckt irgend etwas anderes dahinter?
Meine Vermutung ist, daß sie auf diese Art und Weise mehr Geld kassieren, als sie kassieren würden wenn sie ihren eigenen Tipps folgen.
Aber vielleicht bin auch auch nur überkritisch und es handelt sind wirklich um Menschenfreunde.


Fridolin sagt am 29. März 2021

Herrlich - so habe ich das noch gar nicht betrachtet!
Wie viele ETFs a la monster-vorheriger Rendite ich in meinem Depot habe. Leider komme ich das jetzt so schnell nicht mehr raus! Ich warte erstmal, bis ich den Einstiegskurs erreicht habe...hoffentlich


Michael sagt am 30. März 2021

@Klaus : es geht weniger um "Menschenfreundschaft" sondern um den Wunsch nach Ruhm und Anerkennung.

Ganze Industrien (Hermes, LVMH) leben davon, daß viele Leute bereit sind, etwas unsichtbares (Geld) in etwas greifbares, bewunderswertes zu tauschen.


Selbstanleger sagt am 03. April 2021

Was denkt der Finanzwesir zu dem von Jan Beckers / Bit Capital gemanagten Fonds "Global Internet Leaders"?

Ist das eine Art Nachfolger des von Kurt Ochner verwalteten Multistock Special German Stock Fund, bei dem dieser nach ersten Erfolgen durch das sodann rasch zufließende Anlegerkapital infolge der marktengen investierten Werte seine eigene Anlageblase schuf, ähnlich dem von Cathy Wood verwalteten Ark Innovation ETF?

https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Ochner

Oder tatsächlich eine glückliche Anlagealternative?

Selbst bei längerfristig erfolgreichen Unternehmen am Neuen Markt wie Nemetschek waren Teilwertabschreibungen auf zuvor überteuert erworbene Unternehmen Grund für einen Kursverlust von über 90% bis 2003. Das wird m. E. bei vielen der heute getätigten Unternehmensübernahmen kaum anders sein bzw. es werden Kryptowährungen zum Höchstkurs erworben.

Auf dem Blog von Selbstanleger gibt es hierzu diesen Artikel: Neuer Markt 2.0?


Fridolin Hinterhuber sagt am 08. April 2021


Finanzwesir sagt am 20. April 2021

Hallo Selbstanleger,
ich kenne den Fonds nicht. Deshalb kann ich nichts dazu sagen. Aber vielleicht kennt einer der Leser ihn ja.

Gruß
Finanzwesir


Andre sagt am 25. April 2021

Es ändert an der Aussage zwar nicht viel, aber in der Berechnung der Steuern ist ein Fehler: Es sind ~386 % nach Steuern. Und der Nachsteuergewinn enthält natürlich den Freibetrag. Insgesamt: (8664-1590)/1831

Sorry, der Nerd in mir musste das korrigieren :)


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