14. April 2022


Wann und wo kaufe ich meinen ETF?

Leser L. schreibt

Ich interessiere mich für das Finden des optimalen Kaufkurses und des optimalen Börsenplatzes bei ETFs.
Konkret möchte ich den ETF VanEck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders kaufen und frage mich, ob ich den einfach blind bei Xetra kaufen kann und ob die Angabe des auf der Website genannten Kurses als Limit ausreichend ist, um nicht zu viel zu bezahlen.
Unter "Börsennotierungen des VanEck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders UCITS ETF" sind internationale Börsen genannt. Manchmal komme ich erst Abends zum Handeln. Dann sind die deutschen Börsen bereits geschlossen. Interessant ist dann ein Handel an internationalen Börsen. Wie stelle ich fest, wo das sinnvoll ist?
Häufig wird auch der Kauf direkt vom Emittenten beim Broker angeboten. Ist das sinnvoll für mich als Kunden oder normalerweise nicht?

Der Finanzwesir antwortet

Blind bei Xetra? Ja, aber nur wenn

  1. das Wertpapier (egal ob Aktie, Anleihe oder ETF) marktbreit und liquide ist, also in der Brot & Butter-Klasse angesiedelt ist,
  2. Sie werktags zwischen 15:30 Uhr und 17:30 Uhr handeln. Das ist die Zeit der maximalen Liquidität und deshalb der fairsten Preise. Hier überlappen sich Wallstreet und Xetra.

Ob sich der VanEck als Brot&Butter qualifiziert? Keine Ahnung, dass muss L. prüfen. Wie viele Anteile will er kaufen? Wie viele Anteile stehen bei der jeweiligen Börse im Orderbuch? Ist L. mit seiner Tranche ein kleiner Fisch oder ein Marktbeeinflusser?
Ich würde nicht nur bei Xetra handeln, sondern mir zumindest die vier größten Handelsplätze anschauen

Handelsplatz Orderbuchumsätze 2021
Xetra 1.555 Milliarden Euro
Tradegate 378 Milliarden Euro
Börse Stuttgart 107 Milliarden Euro
Börse Frankfurt 55 Milliarden Euro

Letztlich ist das eine verwirrende Kombi aus ständig wechselnden Kursen und einer nicht einheitlichen Preisstruktur.

  • Tradegate verlangt keine Gebühren, sondern lebt von der Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs.
  • Die Börsen haben den Ehrgeiz den Spread möglichst gering zu halten und verlangen für diese Dienstleistung eine Gebühr.
  • Überlagert wird das Ganze noch durch vertriebliche Aktionen zwischen Broker und Börse. Dann entfallen für bestimmte Produkte beispielsweise die Transaktionsgebühren.

Ich habe mich mal einen Tag hingesetzt und Papiertrading betrieben. Welche Gebühren wären beim Kauf von verschiedenen marktbreiten ETFs (Tranche zwischen 1.000 und 10.000 Euro) angefallen?

Mein Ergebnis

Sie drucken die Liste der Börsenplätze aus und beauftragen dann den legendären Finanzschimpansen mit einem Dartwurf. Der Handelsplatz, der jetzt einen Pieks zu beklagen hat, bekommt den Deal.
Maximales Verlustpotential: 2,50 € pro 1.000 Euro, die Sie investieren. Das sind 0,25 %. In den meisten Fällen war ich ein bis ein Euro fuffzich vom Optimum entfernt. Wie viel Aufwand wollen Sie für 0,1 % - 0,15 % betreiben?

Brot&Butter-Produkt plus viele Marktteilnehmer = überall bekommt man mehr oder minder den gleichen Preis.

Umkehrschluss: Wer Exotenkram nachts um halb drei handeln will, bekommt natürlich Mondpreise.

Ausländische Börsen

Das sehe ich hier nicht. Der VanEck ist ein in den Niederlanden domizilierter ETF mit einer Vertriebszulassung in der EU. Den kann man wunderbar an einer deutschen Börse kaufen. Ausländische Börsen sind immer dann interessant, wenn ein Wertpapier

  • überhaupt nicht in Deutschland handelbar ist oder
  • die Liquidität an der Heimatbörse - dort wo das Wertpapier seine Erstnotiz hat - viel höher ist.

Es geht wie immer um die Markttiefe (wie viele Handelsteilnehmer gibt er). Hohe Markttiefe und ein ausgewogenes Käufer/Verkäufer-Verhältnis = faire Preise.

Dazu kommt: Wie hoch sind die Kosten, die der Broker für eine Auslandsorder in Rechnung stellt. Bei der Comdirect sieht das so aus

Inland Ausland
Grundentgelt und Orderprovision: 4,90 € + 0,25 % des Ordervolumens
min. 9,90 €, max. 59,90 €
Grundentgelt und Orderprovision: 7,90 € + 0,25 % des Ordervolumens
min. 12,90 €, max. 62,90 €, zzgl. fremder Spesen

Ist das akzeptabel?
ich persönlich würde - wenn die Liqudität es hergibt - immer eine deutsche Börse und damit eine deutsche Girosammelverwahrung bevorzugen.

Kauf bei der KAG

KAG = Emittent = Fondsgesellschaft.

So hat man früher (bis Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, dann kam dieses Neuland) Fonds gekauft. Man hat - meist über einen Finanzanlagenvermittler - einen Kauf- oder Verkaufsauftrag platziert. Entweder per Brief, Fax oder Telefon. Die Fondsgesellschaft hat die Aufträge dann am nächsten Morgen zum Schlusskurs des gestrigen Tages ausgeführt.

  • Per Brief: Den Brief heute absenden, 1- 3 Tage später kommt er bei der Fondsgesellschaft an, die Poststelle öffnet den Brief und trägt ihn - hoffentlich noch am gleichen Tag - in die entsprechende Abteilung. Die führt dann am nächsten Tag aus. Dann: Brief zurück. Dauer: Eine Woche Minimum. Das, Freunde, das ist echtes Buy & Hold!
  • Per Fax oder Telefon: Ausführung am nächsten Tag zum Schlusskurs des Einsendetages. Dann: Brief zurück.

Zu welchem Kurs man ge- oder verkauft hat, stand im Brief. Man erteilt also eine Order, ohne den Kurs zu kennen.

Statt Brief, Fax oder Telefon ist das heute eben eine Eingabemaske in der App. Aber das Prinzip ist das Gleiche. Kein ET (Exchange traded), sondern einfach nur ein "F" für Funds. L. kauft den Schlusskurs und da L. direkt mit der KAG handelt, gibt es auch keinen Spread (Differenz aus Kauf- und Verkaufskurs). Aber es ist eben ein Überraschungsei.
Wichtig zu prüfen: Welche Gebühren verlangt der Broker in diesem - doch eher speziellen - Fall? Flatex nimmt 5,90 Euro pro Order.

"Ist das sinnvoll für mich als Kunden oder normalerweise nicht?"

Ich habe das für mich nie als sinnvoll angesehen. Die Dinger heißen ETF, also will ich das auch nutzen und sie wie Aktien an der Börse handeln. Mir dauert das zu lange. Ich will das Thema vom Tisch haben. Wenn ich kaufe, will ich sofort sehen: "Hat geklappt, fertig."

Wenn die Kurse zum Börsenschluss hin nachgeben, hat es sich gelohnt auf den Schlusskurs zu warten. Wenn die Kurse anziehen, hätte man besser vorher gekauft. Aber wie der Tag endet, weiß keiner.

Fazit

Wer kauft, um zu behalten, für den sind Kaufpreise ein Nachkommathema. Es reicht keine Fehler zu machen. Wer zu liquiden Zeiten ein Mainstream-Produkt kauft, bekommt einen fairen Preis. Das Problem: Es geht um echtes Geld. Beim Kaufprozess wird aus einem abstrakten Excelsheet ein konkreter Vorgang. Geld wechselt den Besitzer. Und da will man sparen und optimieren - auch wenn man keinen großen Hebel hat.
Kaufkosten sind einmalige Kosten und - zumindest hier in Deutschland - sind die Broker sehr, sehr günstig. Die Rangfolge sieht wie folgt aus

  • Kaufkosten nicht minimieren kostet ein paar Euro sofort. Ursache und Wirkung sind direkt gekoppelt. Das triggert die Amygdala: Panik, wir müssen Kosten sparen!!
  • Ein falsch zusammengestelltes Depot (zu teure Produkte, renditeschwache Produkte) kostet über die Jahre tausende bis zehntausende von Euro. Ursache und Wirkung sind weitestgehend entkoppelt, ein passender Benchmark fehlt meist: Alles schick, keine Aufregung nötig.
  • Wer einem Schneeballbetrüger wie Bernard L. Madoff oder einer Naturgesetzausheblerin wie Elizabeth Holmes aufsitzt: Ruin. Aber der Kaffee war immer sensationell.

Was soll L. tun?

Einfach kaufen. Ein Limit von plus fünf Cent auf den aktuellen Kurs eintragen. Schützt vor dem Szenario "erbrechende Unpaarhufer vor Arzneimittelabgabestellen". Sorgt aber ansonsten dafür, dass der Deal durchgeht und L. sich wieder den wichtigen Dingen des Lebens widmen kann.
Ja, aber dann zahlt L. ja womöglich fünf Cent "zu viel".

Gedankenexperiment

L. loggt sich um 16:00 Uhr ein und sein VanEck-ETF steht bei 33,40 €, sein Limit: 33,45 €.
Hätte L. sich um 15:30 Uhr eingeloggt, wäre sein Basispreis 33,27 Euro gewesen. Oder 33,56 Euro - wer weiß dass schon.
Oder er loggt sich um 17:00 Uhr ein, dann ist sein Bezugspreis 33,14 Euro.
Oder er wollte sich um 15:30 / 16:00 / 17:00 Uhr einloggen. Hat aber dreimal nicht geklappt, weil ein Zoom-Call den nächsten gejagt hat. Was für ein Tag! Also, dann eben morgen. Morgen wird der VanEck aber bei 34,02 € notieren und L. wird sich ein Loch in den Bauch freuen, weil er - buy the dip! - bei 33,99 € zum Zug kam.
Lange Rede kurzer Sinn:

  1. L. will zu irgendeinem zufälligen Zeitpunkt kaufen.
  2. Zu diesem zufälligen Zeitpunkt spuckt der Kurszettel einen ebenso zufälligen Kurs aus.
  3. Dieser doppelte Zufall wird jetzt zum amtlichen Bezugspunkt gekürt und fürderhin mit Klauen und Zähnen verteidigt.
  4. Wie bescheuert muss man sein. Der Psychoprofi weiß natürlich: Nix bescheuert, das ist der gefürchtete Ankereffekt.

Und wenn L. am Nachmittag immer Zoom-Konferenzen hat? Nun, dann eben ab 10:00 Uhr. Xetra öffnet um 9:00 Uhr. Sollte es irgendwelche Erschütterungen der Macht gegeben haben, sollten die sich bis 10:00 Uhr beruhigt haben. Wenn nein, steht’s in den Schlagzeilen und L. ist gewarnt. Morgen ist ja auch noch ein Handelstag. Für uns ETFler reicht die deutsche Liquidität im Allgemeinen aus. 15:30 Uhr - 17:30 Uhr ist mehr so die 150%ige Nummer in Sachen Liqudität.
Liqudität hat nichts mit der Preisentwicklung zu tun. Liqudität bedeutet nur: Die Trades können abgewickelt werden. Ob bei steigenden oder fallenden Kursen hängt seit Kostolany davon ab, ob es

"mehr Papiere als Idioten gibt oder mehr Idioten als Papiere."

Ansonsten: Es gibt ja immer noch die Möglichkeit einen Sparplan einzurichten.

In eigener Sache

Kaufen, verkaufen, wann, wie, wo… Alles nicht so einfach.
Am 20. April 2022 bin um 18:00 Uhr als Speaker auf dem FinMent-Kongress 2022 "Effizienter Vermögensaufbau mit regelmäßigem Börseneinkommen" eingeladen.
Richy Dittrich von der Börse Stuttgart war schon dran. Sein Vortrag wurde aber aufgezeichnet, steht also zur Verfügung.
Mein Kollege Luis Pazos von "Nur Bares ist Wahres" präsentiert am 18. Mai.
In meinem Vortrag behandele ich die Basics des Indexings. Interesse: Hier kostenlos anmelden - nicht nur für meinen Vortrag. Die gesamte Vortragsreihe ist kostenlos.

(awa)

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