06. September 2021


Siegen ETFs sich zu Tode?

2008 war das Konzept den breiten Markt zu kaufen und dann passiv rumzusitzen vollkommen obskur. Heute hat auch das Sonderheft "Laura - Haus & Garten" eine ETF-Ecke.
"Kauf einen ETF" ist heute das Äquivalent zu "nobody ever got fired for buying IBM". Mit einem ETF kann man nichts falsch machen. ETFs sind die sichere Bank. Der ETF-Sparplan ist das neue Bausparen.
Kann es sein, dass auch "zu viel des Guten" gibt?
Darüber haben wir mit Jan Altmann von JustETF gesprochen. Haben wir da nicht den Bock zum Gärtner gemacht? Wie ETF-kritisch wird jemand sein, der seinen Lebensunterhalt bei einer Firma verdient, die die Buchstaben ETF im Namen hat?
Wir halten Jan für die richtige Wahl, schließlich war er es, der vor über 20 Jahren dieses Segment neu an der Börse Frankfurt etabliert hat. Wenn jemand die Stärken und Schwächen des Konstrukts ETF kennt, dann er.

Der ETF-Markt ist groß

Im Markt werden signifikante Summen bewegt. Weltweit sind 4 Billionen Dollar in ETFs angelegt.

ETFs in Deutschland

Sparpläne

Im Juni 2021 wurden gut 2,7 Millionen Sparpläne mit einem durchschnittlichen Volumen von 180 € angelegt. Das sind monatlich 486.000.000 Euro, also eine halbe Milliarde monatlich. Bei einer Kostenquote von 0% (Neobroker), 0,9 € (Postbank), 1% (Onvista), 1,5% (Comdirect, Consors), 2,5% (S-Broker, Targobank) bringt das monatlich Umsätze in Millionenhöhe.

Angelegtes Volumen

Bis Ende Juni 2021 waren es 2,65 Milliarden Euro. Insgesamt stiegt das Volumen von 7,5 Milliarden (2014) auf 47,6 Milliarden € (2020) - eine gute Versechsfachung. Und dann das erste Halbjahr 2021: Steigerung von 47,6 auf 64,7 Milliarden Euro. Ein Plus von 17,1 Milliarden (36 % in 6 Monaten).
Ist das noch gesund?

Inwieweit weckt das die Begehrlichkeiten der Broker? Bei diesen Volumen lohnt es sich für Handelsplatz und Broker Absprachen zu treffen. Sparpläne werden automatisiert ausgeführt. Da hat der Kunde wenig Einfluss auf den Kurs. Die Broker sollen auf der einen Seite alles für umsonst machen und auf der anderen Seite müssen sie den Wünschen der Eigentümer nach Rendite nachkommen. Ist der Sparplan da als der neue "Bausparer" der Renditebringer für alle Beteiligten außer dem Sparer?

Ein so stark wachsender Markt zieht immer mehr Teilnehmer an.

  • Ist das gut, weil: Konkurrenz belebt das Geschäft?
  • Ist das schlecht, weil: Wenn so viel Geld fließt, dann zieht das auch Nachtschattengewächse an?

ETFs und der abnehmende Grenznutzen

Und der Herr sprach: Du sollst nur einem Index huldigen und siehe, der Index soll umfassen sämtliche Nationen die man Industrieland oder Schwellenland nennt und er soll kapitalgewichtet sein. Denn siehe, nur dann wirst Du Einzug halten ins Passivparadis. So oder so ähnlich hat der gute Bogle das ja formuliert. Brot&Butter-ETFs und gut.

Mittlerweile listet JustETF 1.664 ETFs auf, ExtraETF sogar 1.969 - das ist ein ETF-Pantheon, der selbst einen Hindu beeindruckt. Wer soll sich da noch zurechtfinden? Ist das nicht vollkommen kontraproduktiv?

  1. Kontraproduktiv zum einen, weil es vollkommen verwirrt (siehe Marmeladenexperiment: Mehr Auswahl führt zu weniger Umsatz)
  2. Kontraproduktiv, weil es die Boogl’sche Idee des marktbreiten Anlegens ad absurdum führt.
  3. Sind Themen-/Nischen-, Sektor-, Dividenden-ETFs nicht einfach nur eine Chance für die Industrie die Gebühren zu erhöhen?
  4. Sind gehebelte und inverse ETFs nicht eine Perversion des Boogle’schen Gedankens?

ESG/SRI-ETFs

  • Sinnvoll oder Greenwashing?
  • Wie grün können Großkonzerne denn überhaupt sein?
  • Ist das nicht auch nur eine Möglichkeit die Vergleichbarkeit zu vermeiden und die Gebühren zu erhöhen?

Wie gefährlich sind ETFs

"Billionaire activist investor Carl Icahn, now calling ETFs “Dangerous”."

Der Kapitalmarkt ist ein reflexives Biest. Jede Aktion hat ihre eignen Quer-, Neben und Seiteneffekte. Ab wann sind ETFs (egal ob als passive oder aktive Tools) so groß, dass sie durch ihre schiere Masse den Markt verzerren?
Letztlich sind ETFs ja Momentum-Investitionen: Wer hat, dem wird gegeben. Die großen Werte werden gekauft weil sie groß sind. Der Index gibt es so vor. Das pusht die Kurse der Großen unabhängig von den Fundamentaldaten.

Stimmt das überhaupt? Ist der ETF-Markt mittlerweile so groß, dass das eine Rolle spielt? Und wenn: Ist das ein Problem, oder mittelt sich das wieder aus? Wenn die FAANGs nicht mehr so performen werden sie eben nach unten durch gereicht.

Die Michael-Burry-Prophezeiung

Die FED kauft auch ETFs und verzerrt so den Markt zusätzlich.

"The Fed has bought $8.7 billion worth of ETFs.

Herr Burrys Analogie: Die Preisfindung wird durch Aufkäufe der EZB im Bereich Zinsprodukte gestört, der ETF zerstört die Preisfindungsprozesse im Aktienbereich.
Wenn zu viele Menschen ETFs kaufen, wer kümmert sich dann noch darum den fairen Preis für die Aktien zu finden, aus der denen der Index besteht? Dann hängt der Preis nicht mehr davon ab, was die Fundamentaldaten sagen, sondern einfach von der zuströmenden Liquidität. Wenn die einbricht, dann fallen die Preise.
Ist das eine ernst zunehmende Bedrohung oder ein Hingespinst? Womöglich können ja 99% in ETFs investieren, weil es reicht, wenn 1% aktiv in Einzelaktien unterwegs sind.

Liquidität

Wenn die Märkte nicht mehr rund laufen können die ETF-Kurse enorm von den Kursen der in ihm enthaltenen Aktien abweichen. Ist der ETF nicht eher ein Schönwetter-Investment? Sobald die Marketmaker keinen Preis mehr stellen können, bricht der ETF-Kurs um 20% - 30% ein, obwohl der Index nur um 5% -6% eingebrochen ist.
Das betrifft ja besonders die Nischen-ETFs. Da versagt doch das Geschäftsmodell des ETFs weil es in der Krise schlicht keine Liquidität gibt. ETFs täuschen eine Liquidität vor, die es so in den Primärmärkten nicht gibt. Aber ist das wirklich so?
Aber: Werden ETFs womöglich für Probleme verantwortliche gemacht für die sie nichts können? Ist das denn wirklich relevant für einen langfristig anlegenden Privatanleger?

ETFs und Neobroker

In diesem Artikel geht es um eine Studie, die zeigt, dass ETF-Depots 1,1% schlechter abschneiden als Depots ohne ETFs. Der Grund: Die Leute handeln wie die Irren. Wird das durch die Kombi mit den Neobroker nicht noch verstärkt? https://www.barrons.com/articles/SB50001424052748704567604578416593357026504

Die Grenzen der ETFs

Wer nur einen Hammer hat, für den besteht die ganze Welt aus Nägeln. Ist das Instrument ETF wirklich das Allheilmittel für die Altersvorsorge breiter Bevölkerungsschichten?
Wo liegen Deiner Meinung die Grenzen des ETF-Investments?
Heute kann man ja Auto fahren ohne im geringsten zu verstehen, wie ein Otto-Motor funktioniert. Mein Vater hatte noch das passende Buch der Reihe "Jetzt helfe ich mir selbst" im Handschuhfach liegen. Lässt sich das auf ETFs übertragen: "Kauf’ das Zeug, musst nix von Börse verstehen?"

Fazit

Sollten unsere Hörer trotzdem in ETFs investieren und wenn ja in welche Kategorien?

Podcast anhören

Links zum Thema

Medienempfehlung von Jan Altmann

  • JustETF-Podcast
  • Generell die Publikationen der Stiftung Warentest zum Thema

Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs: Wie Privatanleger das Spiel gegen die Finanzbranche gewinnen von Gerd Kommer*
Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs: Wie Privatanleger das Spiel gegen die Finanzbranche gewinnen Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen von Nassim Nicholas Taleb*
Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen

Sponsor dieser Episode ist Blinkist

Blinkist ist eine App, die die Kernaussagen von Wissensformaten auf dein Smartphone bringt – in nur 15 Minuten pro Titel. Hört sich interessant an? Sie erhalten 25 % auf das Jahresabo Blinkist Premium unter: www.blinkist.de/Dinero.


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(awa)

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Kommentare

Eva sagt am 07. September 2021

Auf dem Blog von Eva gibt es hierzu diesen Artikel: Scalable Capital: Erfahrungen mit dem Neo-Broker


Sven sagt am 06. September 2021

Hm. Was ist denn das für ein Fazit, wenn da nur eine Frage steht? :D


Finanzwesir sagt am 07. September 2021

Hallo Sven,
na ja, dass Fazit werden wir hier nicht verraten, dazu musst Du schon den Podcast hören ;-)

Gruß
Finanzwesir


mrtott.blogspot.com sagt am 08. September 2021

Hallo, das Thema ETF ist heutzutage wirklich in aller Munde und wird extrem diskutiert. Aus meiner Sicht haben wir hier ein verhältnismäßig geringes Risiko, da mit geringen Kosten sehr breit diversifiziert werden kann. Es wird dadurch zwar in jede Blase mit investiert (aktuell amerikanische Techaktien), aber eben auch jedes Marktwachstum, was sich dann ungefähr ausgleichen sollte.
Die Frage, die in der nächsten Krise beantwortet wird ist, was passiert genau dann mit den ETFs? Ich klammere mal synthetische Varianten und andere Nischen-ETFs aus. Fraglich ist, was passiert, wenn die Kurse wirklich stark einbrechen und es zu automatisierten Massenverkäufen kommt. Die Fülle an Aktienkäufern wird es nicht geben, wodurch hier die Kurse etwas stärker einbrechen dürften. Allerdings sehe ich das Verlustrisiko eines nicht umsetzbaren Totalabverkaufs und eine damit einhergehende Senkung des Kapitals auf Null nicht.
Wahrscheinlich wird eine Krise "lediglich" durch passive Investments verstärkt, aber es dürfte weder ein größeres ETF-Investment der Auslöser, noch der Brandherd werden.

Ich hätte mir bei eurem Gespräch noch eine dritte Person gewünscht, die ETFs aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann, um ein sachliches Konfliktgespräch zu erzeugen.

Viele Grüße,
MrTott


suchenwi sagt am 12. September 2021

Die onvista-bank nimmt 1€ flat pro Sparplanausführung. Bei einer Sparrate von 100€ ist das 1%, bei den maximal möglichen 500€ nur noch 0.2%.


Ulrich Langer sagt am 12. September 2021

Seit rundd 20 Jahren bin ich in Einzelaktien investiert.
seit fünf Jahren fokussiere ich mich auf "Schaufelverkäufer" mit gutem Erfolg mit zunehmendem Alter betrachte ich auch ETFs für Portfolio - da sind mir die Faktor-ETFs über den Weg gelaufen.

Themenvorschläge für einen Podcast:

  • "Schaufelverkäufer"
  • Faktor-ETFs

Finanzwesir sagt am 13. September 2021

Hallo Herr Langer,
zum Thema Faktor-ETFs haben wir schon zwei Podcasts gemacht

  1. Faktor-ETFs und Smart Beta
  2. Kommer vs. Weber: Sind Faktor-ETFs wirklich Smart Beta?

Nicht ganz Faktor-ETFs, aber nah dran: Themen-ETFs

Aber was sind Schaufelverkäufer-ETFs?

Beste Grüße Finanzwesir


Das Finanzwesir-Seminar - für alle ETF-Selbstentscheider.

Die Seminarreihe: Passiv investieren mit ETFs. Werden Sie zum souveränen Selbstentscheider.


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