17. Juli 2017


Podcast: Faktor-ETFs und Smart Beta – Der Finanzwesir rockt, Folge 40

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht.
In dieser Folge sprechen wir über Faktor-Investing, auch beworben als Smart Beta. Wobei William Sharpe (Nobelpreisträger & Erfinder der Sharpe Ratio) sagt, dass ihn dieser Begriff krank macht. An Smart Beta ist nichts smart. Es sind im besten Fall regelbasierte quantitative Strategien, die den industrialisierten und damit kostengünstigen Zugriff auf Faktor-Premiums erlauben. Dinge, die früher als heiliges Alpha zu einem hohen Preis verkauft wurden, weil nur aktive Guru-Manager dieses Alpha schöpfen konnten.
Wie gesagt: Im besten Fall. Im schlechtesten Fall sind es verzweifelte aktive Manager, die ihren Kram umbenennen und versuchen, auf der Smart-Beta-Welle noch ein paar Euros abzugreifen.

Im Laufe der Jahre haben die Ökonomen einen ganzen Faktor-Zoo auf die Beine gestellt. Die akademische Literatur kennt über 600 Faktoren. Wenn man die aber böse anschaut und den Rotstift zückt verschwinden die beiden Nullen und aus 600 werden 6.
Diese sechs sind beständig, weit verbreitet, robust, investierbar und logisch erklärbar.

  1. Beta-Faktor
  2. Size-Faktor
  3. Value-Faktor
  4. Momentum-Faktor
  5. Die Faktoren Quality & Profitability
  6. Term-Faktor

Wir schauen uns diese Faktoren an und versuchen, daraus ein Portfolio zu bauen. Das ist gar nicht so einfach, denn Faktoren bucht man nicht so einfach dazu. Faktoren-Prämien ersitzt man sich mit einem Zeithorizont von 15 bis 20 Jahren. Sie können Faktoren nicht einfach so zusammenrühren. Manche verstärken sich, andere löschen sich aus. Wer am Faktoren-Buffet willenlos "einmal alles" bestellt, hat gute Chancen auf die Performance eines MSCI World zum Wucherpreis.
Und wer das nicht macht, kriegt trotzdem einen Kater namens Tracking-Error-Regret. Mehr dazu im Podcast.

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Sharpe Ratio – Auf die risikobereinigte Performance kommt es an!

"8 %, will ich!", so denkt er, der Privatanleger. Blöd nur, dass er dabei blind für die Risiko-Krokodile ist. Die Sharpe Ratio sagt, gegen wie viele Krokodile Sie für jedes Renditeprozent antreten müssen.

Entwickelt wurde die Sharpe Ratio vom Nobelpreisträger William Sharpe (gut, dass Sharpe kein Bayer ist. Schickelgruber-Verhältnis klingt irgendwie nach Kir Royal).

Berechnung der Sharpe Ratio

Zuerst ziehen Sie die Verzinsung einer risikolosen Anlage (Tagesgeld) von der Rendite des ETFs ab. Die verbleibende Rendite teilen Sie durch das eingegangene Risiko. Dabei dient die Standardabweichung als Risikomaß. Es gilt: Je mehr Euros der ETF pro Risikoeinheit einbringt, desto höher die Sharpe Ratio.

Die Grundidee

Anleger wollen Rendite ohne Schwankungen (Volatilität).
Zwei Fonds liefern eine Rendite von 10 %. Einer schwankt um +/- 10 %, der andere um +/- 15 %. Ganz klar: Der Wenigschwanker wird gekauft.
Leider ist das nicht die Regel. Meist muss ich als Anleger aber zwischen Wertpapieren wählen, von denen eines zwar etwas schwächer in der Rendite, aber eben auch etwas weniger risikobehaftet ist. Hier gibt die Sharpe Ratio die notwendige Hilfestellung.

Das lässt sich an einem Beispiel illustrieren: Fonds A übertrifft die Tagesgeldrendite um 10 % pro Jahr. Die Standardabweichung betrug 20 %. Dies resultiert in einer Sharpe Ratio von 10/20, das lässt sich zu 0,5 kürzen.
Fonds B generierte lediglich 8 % pro Jahr, aber mit einer geringeren Standardabweichung (15 %), wodurch sich insgesamt eine etwas höhere Sharpe Ratio von 8/15 = 0,53 ergibt. Fonds A hatte die bessere Rendite, aber Fonds B lieferte mehr Rendite für das eingegangene Risiko und ist deshalb vorzuziehen.

Je höher die Standardabweichung (Volatilität) eines Fonds, desto höhere Renditen sind erforderlich, um eine hohe Sharpe Ratio zu erzielen. Dagegen benötigen Fonds mit geringerer Volatilität weniger hohe Renditen, um eine attraktive Sharpe Ratio auszuweisen. Eine hohe Sharpe Ratio garantiert somit nicht, dass ein Fonds risikoarm ist.
Auch ein wild schwankender "No-risk-no-fun"-ETF kann eine hohe Sharpe Ratio haben. Wenn die Rendite noch mehr Gas gibt als das Risiko, passt alles. Zumindest in Excel. Was Ihr Magen zu dieser Achterbahnfahrt sagt, steht auf einem anderen Blatt. Die Sharpe Ratio ist relativ. Sie können mit ihrer Hilfe ETFs vergleichen und sortieren, aber sie macht keine direkte Aussage über das eingegangene Risiko.
Eine Sharpe Ratio kleiner Null bedeutet: Besser verkaufen und in Tagesgeld umschichten. Dieses Investment erwirtschaftet noch nicht einmal den risikolosen Zinssatz.

Buchempfehlung des Finanzwesirs

Beide Bücher sind von Andrew L. Berkin und Larry E. Swedroe.

   
Your complete guide to factor-based Investing Your Complete Guide
to Factor-Based Investing:
The Way Smart Money
Invests Today
*
Alt text The Incredible Shrinking Alpha:
And What You Can
Do to Escape Its Clutches
*

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Kommentare

ChrisS sagt am 17. Juli 2017

wieder ein netter Podcast :-)

hab mich jedoch kurz gewundert, als du sagtest, das Smart Beta kein "aktives Investieren" wäre. Auf die Gefahr hin, da wieder die Diskussion über Definitionen aufzumachen, lässt sich jedenfalls doch mindestens darüber streiten, das Smart Beta Produkte immerhin mehr oder weniger wieder ein Schritt weg vom Grundprinzip des rein passiven, prognosefreien Investierens sind, also zumindest hin in Richtung "aktiv" gehen.
Es wird ja nicht mehr der Gesamtmarkt als solches (also soviele Aktien wie möglich, in der gleichen Gewichtung wie vom Markt vorgegeben) ohne jegliche Abweichungen/Veränderungen abgebildet, sondern in gewisser weise auch Stockpicking (man hält nur eine Unterauswahl der Aktien des Marktes, die eben den gewünschten Faktorkriterien entsprechen, und/oder gewichtet sie danach, alles um damit eben das erhoffte Renditepremium des Faktors abzugreifen) und Markt-Timing (die ausgewählten Aktien werden dann auch nicht mehr einfach endlos gehalten, sondern regelmäßig überprüft ob sie noch den Faktorkriterien entsprechen und bei Bedarf eben ausgetauscht) damit betreibt.
Da zu sagen, das sei ja noch nicht wirklich aktiv, nur als dem Grund weil der Handel ja nicht von menschlichen Fondsmanagern diskretionär (können denn "nur Menschen" aktiv handeln?), sondern hier jetzt innerhalb eines sturen regelbasierten Indexkonzeptes gemacht wird, wäre für mich noch keine befriedigende Erklärung. (übrigens tun ja auch die menschlichen Fondsmanager ihre Handelsentscheidungen meist nicht mehr einfach nur lari fari mit der Dartscheibe auswählen, sondern genauso unterstützt/vorgegeben durch ähnliche solche regelbasierte Auswahlsysteme).
Aber klar, da kommt man halt generell wieder in die alte Fundamentaldiskussion rein, was aktiv und passiv nun in der Theorie, und vor allem in der Praxis eigentlich bedeuten - mit allen Grenzen und Übergängen (zB ob allein nur die Auswahl bestimmter ETFs schon eine "aktive" Entscheidung ist?) und Missverständnissen (besonders oft kommt vor: "was ist, wenn ich aktive Produkte (wie zB Fonds) ja selbst als Endanleger bei mir eigentlich nur passiv rumliegen lasse?", oder auch: "man kann natürlich auch mit eigentlich passiven Produkten als Endanleger noch ziemlich aktiv herumhandeln") die das ganze halt so mit sich bringt.

Beim Hören ist mir noch aufgefallen, dass du gesagt hast "das (langfristige) amerikanische Marktrisiko war 8 Prozent". Das erste mal hab ich das noch für einen zufälligen Versprecher gehalten, aber da das mehrmals vorkam, fand ich es doch anmerkenswert bzw erklärungsbedürftig.
Du meinst damit wahrscheinlich natürlich die Marktrendite. Klar, die kann man zumindest ja auch noch als Risikoprämie bezeichnen (die man als Aktienanleger halt langfristig fürs tragen des Marktbetas gegenüber dem risikolosen Zins bekommt), aber wenn von Risiko selbst die rede ist, wird damit ansonsten ja meist etwas anderes, wie zB die Schwankungsbreite einer Anlage, gemeint.
Die war für den amerikanischen Markt auch höher als 8 Prozent, die Standandardabweichung hatte ihren langfristigen Durchschnitt so bei ca. 15%, phasenweise natürlich mal mehr und mal weniger.

Ein paar sonstige Kleinigkeiten im Podcast hätte ich, als jemand der sich ja auch mit dem Thema ein bischen beschäftigt hatte, vielleicht zwar auch etwas anders formuliert, aber im allgemeinen waren das schon gut verständlich passende Erklärungen, besonders halt für Neulinge. Und wer dazu sonst noch Fragen oder Unklarheiten hat, dem kann man ja hier im Kommentarbereich weiter helfen. :-)


Tom sagt am 17. Juli 2017

Toller Podcast. Du sagst dass die smarten ETFs, die viel handeln mittlerweile genauso günstig sind wie die Standard-ETFs. Nach meiner Wissenlage sind Transaktionskosten aber nicht Teil der TER. Damit hast du deine Behauptung aber Begründundet.


T. sagt am 17. Juli 2017

@ChrisS: ich liege voll auf Deiner Linie. Es wird von verschiedneen Seiten versucht, den Begriff des passiven Investierens zu verwässern, um ihn madig zu machen.
Rob Arnott hat doch glatt mal behauptet, passives Investieren sei eine Momentumstrategie. Passiv ist dagegegen, so auch Bogle, den Aktienmarkt in seiner Marktkapitalisierung zu halten.
Alles Andere ist Faktorinvesting. Akademisch und auf Portfolioebene spricht man ja vom Marktportfolio, also alle Assets werden in ihrer Marktgewichtung gehalten.
Letztlich ist auch 70:30, wie hier auf dem Blog empfohlen, Faktorinvesting (bitte Albert, jetzt nicht sauer werden :-)), genauso wie Investieren nach BIP, also das berühmte 30:30:30:10. Alles was von der Marktneutralität, also von der Marktkapitalisierung abweicht, ist nicht mehr marktneutral und also "aktives Investieren". Ich würde mich nicht verwirren lassen wollen von Leuten, die behaupten, wenn ich morgens aufstehe und den Rechner anmache, dass ich dann schon aktiv geworden bin. Die Definitionen sind in Wahrheit ganz klar und einfach.

Gruss,
T.


ChrisS sagt am 17. Juli 2017

@ Tom

" Du sagst dass die smarten ETFs, die viel handeln mittlerweile genauso günstig sind wie die Standard-ETFs. Nach meiner Wissenlage sind Transaktionskosten aber nicht Teil der TER. Damit hast du deine Behauptung aber Begründundet."

Ja, das hätte ich auch noch anmerken können. Die anfallenden Transaktionskosten innerhalb der ETF-Ebene sind typischerweise eigentlich nicht in der TER mit inkludiert.
Da taucht nur der relativ fixe/wiederkehrende/vorher zu kalkulierende Teil der Kosten (wie zB Index-Gebühren, Börsenregistration, Wirtschaftsprüfung etc., und nicht zu vergessen die Vergütung fürs Management) auf - Transaktionskosten sind aber, gerade bei so ziemlich "aktiven" ETFs, nicht wirklich vorher exakt planbar, da man auch nie genau vorher weiß wieviel Handelsvolumen man im Portfolio fürs nächste Jahr umschlagen wird.
Gerade bei so zappeligen Geschichten wie "Momentum", wo eben durchaus Turnovers von jenseits der 100% dabei sein können, je nach Marktlage. Manche ETF-Anbieter haben daher auch teilweise eine Turnover-Begrenzung in ihre Methodologien mit eingebaut.

Um herauszufinden, welchen Einfluss der Transaktionskosten-Verlust bei hohen Turnovers auf die letztendliche Performance des ETFs hat, können sich Interessierte ja tief durch die einzelnen Posten in den Halb/Jahresberichten der Produkte wühlen.
Die ETF-Anbieter sind ja heutzutage auch alle recht effizient was ihre Transaktionsprozesse angeht und bekommen natürlich extrem günstige Großhandelskonditionen für ihre Orderabwicklung. Der Renditeverlust beläuft sich also im Normalfall nur auf einige wenige Basispunkte pro Jahr. Und nicht vergessen, die Anbieter haben ja auf der anderen Seite auch wieder noch einige Möglichkeiten, Zusatzgewinne zu erwirtschaften, die die Produktperformance wieder verbessern können (Wertpapierleihe etc).

Schauen wir uns das ganze mal an dem erwähnten Momentum-ETF in der Praxis an:
iShares Edge MSCI USA Momentum Faktor ETF (TER 0,15%, akt. Turnover so ca 130%)
https://www.ishares.com/us/products/251614/ishares-msci-usa-momentum-factor-etf
und vergleichen die Jahresrenditen des ETFs mit denen des zugrundeliegenden Index, um zu sehen ob/wie sich die Tracking-Abweichungen konkret ausgestalten.

2014

  • ETF: 14,48%
  • Index: 14,69%

2015

  • ETF: 9,12%
  • Index: 9,30%

2016

  • ETF: 4,89%
  • Index: 5,13%

das Renditedifferenzial kann man bis jetzt also noch alles im üblichen Rahmen bezeichnen.

@ T.

"ich liege voll auf Deiner Linie. Es wird von verschiedneen Seiten versucht, den Begriff des passiven Investierens zu verwässern, um ihn madig zu machen."

Kann sein. Natürlich stecken da vor allem von Anbieterseiten ja Verkaufsinteressen dahinter. Das eigentlich lustige an dieser Entwicklung ist ja, dass die ETF-Anbieter damit argumentiv fast schon eine "Rolle rückwärts" machen (müssen).
Die ganzen Jahre davor, als es noch darum ging besonders eben der alteingesessenen Konkurrenz von klassischen aktiven Fonds die Kunden und Marktanteile abzujagen, haben die ETF-Anbieter ja vor allem die Vorzüge der reinen Passiv-Philosophie in den Vordergrund gestellt (die man mit ihren, damals noch "plain vanilla", ETFs umsetzen konnte).
Nachdem dieser "Weltanschauungs"kampf ja mittlerweile ziemlich gewonnen ist und sich die Idee vom passiven Investieren mehr und mehr durchgesetzt hat, fangen die ETF-Anbieter nun wieder an, davon wegzugehen und quasi mehr oder weniger das Rad des aktiven Managements neu erfinden zu wollen und den Anlegern erneut die Alpha-Möhre (Versprechen der Überrendite ggü den jetzt wieder veraltet-langweiligen passiv-ETFs, durch den Einsatz von Faktorstrategien) vor die Nase zu baumeln.

Na was solls - ist ja auch nicht so das ich nun "dagegen" wäre oder sowas. Wer sich mit der Materie auskennt und daher die Produkte vernünftig einsetzen kann, für den ist diese neue Angebotsvielfalt ja nur positiv.
Und wer davon noch keine Ahnung hat, sollte eben lieber (d'accord mit dem Fazit des Podcasts) einfach die Finger von diesem Zeugs lassen. Wir alle können (und müssen) ja immer noch frei entscheiden, in was wir nun investieren und was nicht.

"Rob Arnott hat doch glatt mal behauptet, passives Investieren sei eine Momentumstrategie."

Ich kenne die Argumentation, das selbst die normale Marktkapitalisierungsgewichtung schon einen gewissen "impliziten" Momentum-Bias mit sich bringt. Denn so unähnlich ist sich ja die Wirkweise nicht - bei der MK steigt ja die Gewichtung einer Aktie im Portfolio automatisch dabei mit dem Steigen seines Kurses zusammen (dito umgekehrt).
Und da Momentum ja auch nichts anderes beschreibt als Kursanstiege, hat das den selben Effekt. Natürlich nicht so stark wie eine reine Momentum-Strategie (die zB eine gezielte Unterauswahl von den wenigen Aktien eines Marktes vornimmt, die den stärksten aktuellen Kursanstieg hatten), eher ein sanfteres "Tilting" (die Aktien mit dem stärksten letzten Momentum bekommen halt durch ihre dadurch vergrößerte MK eben auch automatisch mehr Platz, und damit mehr Einfluss, im Index).

"Letztlich ist auch 70:30, wie hier auf dem Blog empfohlen, Faktorinvesting"

Kann man so sehen. Halten wir uns vor Augen was man da ja eigentlich macht - man "über"gewichtet Emerging Markets (im Vgl zu ihrer Marktkapitalisierung im ACWI). Warum macht man das überhaupt ? Wahrscheinlich weil man damit von ihrem Renditepremium ggü dem World mehr partizipierend profitieren will (historisch gabs das ja).
Wenn wir uns nun überlegen, was denn eigentlich die "Quelle" dieser Überrendite sein könnte, nun Kommer wirft dafür zB den "Faktor Political Risk" in den Raum, für dessen Tragen man also die Überrendite von EMs als Risikoprämie bekommen würde. So ganz befriedigend finde ich diese Erklärung zwar auch noch nicht, aber es ist wenigstens zumindest mal eine erste.

Genauso könnte man auch nachvollziehbar argumentieren, dass selbst das überall empfohlene Rebalancing in gewisser Weise auch schon "aktiv" ist. In der rein passiven Theorie kommt sowas ja eigentlich nicht vor, da wird das Marktportfolio dann ohne weiteres eigenes Zutun frei nur sich selbst überlassen.
Rebalancing ist davon ein Eingriff/Abweichung - das kann ja durchaus trotzdem noch seine Berechtigung haben (Risikobegrenzung beim RK1-RK3 Verhältnis, antizyklisches ausnutzen von Mean Reversion -Gelegenheiten), daher wollen wir's mal nicht übertreiben und die Kirche im Dorf lassen - sonst kommt man schnell ans absolute Nischen-Ende der Diskussion an, wie zB die Frage, ob allein schon die Entscheidung wenn man sich nun zB den MSCI World von iShares oder den MSCI World von db-X oder so auswählt , das schon "aktiv" ist ?! :-D


bean-counter sagt am 17. Juli 2017

Zum Thema Sharpe Ratio. Grundsätzlich finde ich risikoadjustierte Renditen als Gedanke super, ich kann mich aber bis heute mit der (symmetrischen) Volatilität als Risikomaß nicht anfreunden. Risiko ist für mich nur die "Downside", nicht die Schwankung nach oben, die mit diesem Maß auch "bestraft" wird.
Beispiel: Wir haben zwei Fonds, A und B, die zu Beginn beide 10 EUR kosten und die wir 24m halten. Fonds A verliert jeden zweiten Monat 0,5% und gewinnt den darauffolgenden Monat 2%. Die Wertentwicklung ist also 10 - 9,95 - 10,15 - 10,10 - 10,30... - 11,77 - 11,71. Rendite auf 2J daher +17,1% (p.a. 8,2%), Std-Abw. 55%.
Nun haben wir Fonds B, der auch jeden zweiten Monat 0,5% verliert, aber den darauffolgenden Monat 5% gewinnt. Entwicklung ist hier daher deutlich besser mit 10 - 9,95 - 10,45 - 10,40 - 10,92... - 16,19 - 16,10.
Das sind wahnsinnige +61% nach 24 Monaten, aber mit einer Std.-Abw. von 194%!
Wenn wir jetzt die Sharpe Ratio berechnen (kann nun jeder selber... :-)), gewinnt knapp Fonds A, obwohl jedes gesunde Hirn klar sieht, dass Fonds B deutlich besser bei gleichem (Downside-!) Risiko ist...
Nur mal so...
Viele Grüße, bean-counter


ChrisS sagt am 17. Juli 2017

@ bean-counter

"Zum Thema Sharpe Ratio. Grundsätzlich finde ich risikoadjustierte Renditen als Gedanke super, ich kann mich aber bis heute mit der (symmetrischen) Volatilität als Risikomaß nicht anfreunden. Risiko ist für mich nur die "Downside", nicht die Schwankung nach oben, die mit diesem Maß auch "bestraft" wird."

Ja, das ist natürlich schon lange vor uns auch anderen Investoren aufgefallen, und sie haben über die Sharpe Ratio hinaus noch endlos viele weitere Ratios erfunden, mit denen man das Rendite-Risiko-Verhältnis einer Anlage zum Ausdruck bringen kann. Such dir aus dem "Angebot" einfach welche aus, die dich überzeugen.

Mal nur ein paar Beispiele:

Sortino Ratio
https://en.wikipedia.org/wiki/Sortino_ratio
eine Abwandlung der Sharpe Ratio, bei der jetzt nur die "Downside"-Volatilität betrachtet wird (um so also nicht auch die eigentlich ja positiven "Abweichungen nach oben" genauso mit zu bestrafen)

Calmar Ratio und Sterling Ratio https://www.evestment.com/resources/investment-statistics-guide/calmar-sterling-ratios/
relativ einfach zu berechnen, aber trotz (oder vielleicht wegen) ihrer Simplizität nicht unbedingt weniger effektiv. Dabei wird die Rendite eines Assets für einen Zeitraum einfach durch den Maximum Drawdown des Assets im selben Zeitraum geteilt (Calmar Ratio), oder durch den durchschnittlichen Drawdown zzgl eines gewählten Sicherheitsabschlages (Sterling Ratio).

Omega Ratio
https://www.evestment.com/resources/investment-statistics-guide/omega-ratio/
Ganz interessantes Teilchen, was auch ein bischen anders funktioniert als die übrigen Ratios und daher etwas mehr Verständis erfordert. Hier geht es jetzt darum, aus der Verteilungsfunktion der Renditen eines Assets die Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, mit der eine gewünschte Zielrendite erreicht werden kann.

Es gibt ja noch viele weitere verschiedene Risikomaße, nicht nur die alte Standardabweichung, und daher auch viele unterschiedliche Möglichkeiten, die mit der Rendite in Zusammenhang zu setzen um sich daraus ein jeweiliges risiko-justiertes Renditeverhältnis zu basteln. :-)


Leon sagt am 17. Juli 2017

Während die meisten Strategien im Prinzip eine Übergewichtung von einzelnen Aktien im MSCI World sind, ist der SmallCap Faktor meiner Meinung nach nochmal etwas anderes, da im MSCI World nur LC und MC vertreten sind. Also erhöht man ja die Diversifikation anstelle den MSCI World zu reduzieren


Stiller Leser sagt am 17. Juli 2017

@bean-counter:
Kannst Du kurz darstellen, wie Du die Standardabweichung ermittelt hast? Die Werte, die Du angegeben hast, sind um ein Vielfaches höher als die tatsächliche Standardabweichung. Da muss bei Dir irgendwo ein Rechenfehler drin sein. Deswegen interessiert mich, wie Du auf die Werte gekommen bist.

Zum eigentlichen Thema: Die Ratio, die Du suchst, gibt es bereits. Es ist die Sortino Ratio. Ist nicht so allgemein bekannt wie die Sharpe Ratio, aber ein Risikomaß, das tatsächlich nur die Downside berücksichtigt und die Kursanstiege außen vor lässt. Mehr kann man bspw. unter http://www.investopedia.com/terms/s/sortinoratio.asp oder, wer mehr auf Wikipedia steht, unter https://de.wikipedia.org/wiki/Sortino_Ratio finden.


Stefan LB sagt am 18. Juli 2017

@ChrisS

Na was solls - ist ja auch nicht so das ich nun "dagegen" wäre oder sowas. Wer sich mit der Materie auskennt und daher die Produkte vernünftig einsetzen kann, für den ist diese neue Angebotsvielfalt ja nur positiv.
Und wer davon noch keine Ahnung hat, sollte eben lieber (d'accord mit dem Fazit des Podcasts) einfach die Finger von diesem Zeugs lassen.

Welches Maß an Erfahrung würdest du dann als ausreichend bezeichnen?

Gerd Kommer fordert ja seine Leser dazu auf in "Small Cap" und "Large Cap Value" zu investieren.

An einer Stelle zieht er, beim vorhanden sein eines passenden ETF, "MSCI World Small Cap Value" in Betracht. Unter der Annahme das der Value-Effekt bei Small Caps deutlich stärker ist als bei Large Cap.


Reinsch sagt am 18. Juli 2017

Dass es verschiedene Ansichten gibt, was man denn nun unter „passiv“ versteht sieht man ja hier schon in diversen Kommentarsträngen. Laut ganz puristischer Definition wäre ja auch Kommers Portfolio keinesfalls passiv. Die Musterdepots des Wesirs auch nicht. Man könnte sogar ewig streiten, ob nun eine Gewichtung nach Marktkapitalisierung oder BIP das wahre Passiv ist. Auf der anderen Seite gibt es wieder Anleger, die passives Investieren quasi mit Buy&Hold gleichsetzen, auch wenn es nur eine Handvoll Einzelaktien sind.

Ein weites Feld also, und da es DIE eine und einzig richtige Definition nicht gibt kann man nun beliebig diskutieren. Dahinter nun aber gezielt eine Verschwörung zu sehen, die den Begriff diskreditieren soll, das ist mir nun doch etwas „aluhutig“.


ChrisS sagt am 18. Juli 2017

@ Stefan LB

"Welches Maß an Erfahrung würdest du dann als ausreichend bezeichnen?"

Keine Angst, die jeweilige Beurteilung obliegt ja nicht mir zu, sondern da kann/soll sich schon jeder selbst einschätzen, wie er will, solang man meint man weiß was man tut. Ist ja im Endeffekt auch nichts anderes als was hier eh schon als Grundlagen der Börsenanlagen allgemein immer wieder beigebracht wird - wie man Produkte versteht (und sie daher richtig einsetzen kann), welche Schwankungen an der Börse auftreten können (und wie man sich damit arrangiert), und so weiter.
Wer sowas vorher schon einigermaßen versteht (die nötige Bildung dazu wird einem ja hier und anderswo schon oft und gut verständlich gegeben), wird langfristig besser anlegen können als jemand der solche Basics nicht weiß und dadurch vermeidbare Fehler macht (wie zB von den Schwankungen der Börse "überrascht" oder "enttäuscht" zu sein).

Weil Faktor-Investing jetzt nochmal eine höhere Hausnummer ist als nur das "einfache" Breitmarkt passiv-Anlegen, ist es für mich nur selbstverständlich, das man dazu auch die nötige weitere Bildungsarbeit mit leisten sollte, um das ernsthaft langfristig durchziehen zu können. Ich persönlich würde mir gegenüber (ist also nur meine Meinung, keine Vorschrift oder so die ich anderen machen will) dabei folgende Dinge als "Mindest-Wissen" vorraussetzen:

  • Was sind Faktoren überhaupt, also wie sehen ein paar gängige Definitionen dafür aus? Welche Kriterien werden benutzt, um bestimmte Aktien als Value, Quality, Momentum, usw einzuteilen.
  • In welchem Bereich lag das historische Renditepremium? Das ist wichtig zu wissen, um sich zB von zu übertrieben optimistischen Annahmen zu lösen (die ja hinterher in der Praxis meist nur enttäuscht werden können), es handele sich hier um eierlegende Wollmilchsauen oder schnell-reich-werden Geschichten.
  • auch ganz wichtig, habe ich die dahinterliegenden Erklärungen, was die eigentliche "Quelle" dieser Renditepremien sein soll (meist risiko- oder verhaltensbasierte Ansätze) wirklich verstanden, und sind sie für mich schlüssig genug dass ich davon überzeugt genug, bin dass das Faktorpremium auch noch in Zukunft relevant existieren wird? An dieser Überzeugung muss man sich ja nämlich auch festhalten können, wenn bei den einzelnen Strategien immer wieder mal unvermeidliche Phasen der Unterperformance durchzuhalten sind. -gerade bzgl der durchzustehenden Unterperformancephasen ist es hilfreich schon vorher einen Überblick zu haben wie die historische Verteilungsfunktion der Überschussrenditen ggü dem Benchmark bisher aussah. Wer schon vorher gesehen hat und weiß, dass es die versprochene langfristige Überrendite nicht immer auch jedes Jahr garantiert automatisch gegeben hat, der wird auch von zukünftigen Unterperformances nicht so schnell aus der Bahn geworfen. Hilfreich dazu sind zB Analysen über verschiedene rollierende Zeiträume, mit denen man die "Wahrscheinlichkeit" auf positive/negative Renditen bestimmen kann, um daraus zB eine grobe Orientierung abzuleiten, wie lange Unterperformance-Phasen auch andauern können und welche Ausdauer man mitbringen muss bis sich das versprochene Renditepremium auch einigermaßen zuverlässig im langfristigen Durchschnitt eingestellt hat.
  • was man jedenfalls nicht machen sollte, ist nur ohne jeglichen Plan und Ahnung einfach mal so vorschnell in Sachen zu investieren, die man nicht versteht (und daher meist nicht richtig einsetzen und behandeln kann, und so am Ende auch schnell wieder unglücklich aufgibt), und das am Ende nur aus keinem besseren Grund als weil man das "irgendwo mal so gehört hat", in einer Werbebroschüre oder von vermeintlichen Autoritätspersonen. Value wird ja zB auch oft gern "verkauft" mit dem Verweis auf den "größten Investor aller Zeiten, Warren Buffett! ", das reicht vielen Leuten schon als Begründung aus und weiter prüfen sie nicht nach, wenn sie nur eine Alpha-Möhre vor die Nase gehalten bekommen. Ich finde, man sollte durchaus schon eine gewisse Ernsthaftigkeit dafür mitbringen, also zB auch den Aufwand, mal ein paar der akademischen Originalquellen zu den entsprechenden Faktorstrategien zu lesen.
  • um dann am Ende natürlich von der Theorie-Ebene in die konkrete Produkt-Praxis zu kommen, ist es auch unumgänglich, das man sich dazu noch mit den jeweiligen Konstruktionsmethoden der einzelnen Strategie- und Faktor- ETFs befasst. Nicht einfach nur irgendwas blind kaufen, nur weil zB "Value" draufsteht. Die unterschiedlichen Anbieter benutzen ja zum Teil auch unterschiedliche Indizes, mit unterschiedlichen Methoden, welche sich am Ende in unterschiedlichen Aktienauswahlen und damit unterschiedlichen Wertentwicklungen auswirken können. Da muss man dann auch die einzelnen verwendeten Konzepte lesen und verstehen, um einschätzen zu können von welchem Ansatz davon man noch am ehesten überzeugt ist.

"Gerd Kommer fordert ja seine Leser dazu auf in "Small Cap" und "Large Cap Value" zu investieren. An einer Stelle zieht er, beim vorhanden sein eines passenden ETF, "MSCI World Small Cap Value" in Betracht. Unter der Annahme das der Value-Effekt bei Small Caps deutlich stärker ist als bei Large Cap."

Ja, MSCI World Smallcap Value gibt es so als ETF auf dem deutschen Markt erstmal noch nicht, ist also vorläufig eh nicht möglich. Bis jetzt gibt es nur von SPDR zwei "value-weighted" ETFs, für MSCI Europe und USA.
Dass das Renditepremium von Valuet bei Smallcap-Aktien nochmal stärker wirkend ausgeprägt ist (oder ist es der Smallcap-Effekt bei Value-Aktien ? :-D) kann man sich ja aus den langfristigen historischen Renditereihen der verschiedenen Segmente durchaus ableiten. Der Gedanke liegt ja auch nahe, wenn man sieht "hm, Value hat eine langfristige Überrendite gebracht, und Smallcap auch" denkt man sich sofort "was wäre wenn ich einfach beides verbinde, dann müsste ja Smallcap-Value noch besser sein?" - da rutscht man fast schon ganz automatisch ins Prinzip von Multifaktor-Verbindungen mit rein. :-D

@ Leon

"Während die meisten Strategien im Prinzip eine Übergewichtung von einzelnen Aktien im MSCI World sind, ist der SmallCap Faktor meiner Meinung nach nochmal etwas anderes, da im MSCI World nur LC und MC vertreten sind. Also erhöht man ja die Diversifikation anstelle den MSCI World zu reduzieren"

Man könnte ja noch aufdröseln, ob "Smallcap" eigentlich überhaupt eine wirkliche "Smart Beta"-Strategie im eigentlichen Sinne ist. Dabei werden halt einfach alle Aktien unterhalb einer gewissen Marktkapitalisierung (zb alles unter 1 Mrd€), oder wie bei MSCI die 15% kleinsten Unternehmen, in den Index gepackt. Danach werden sie jedoch meist auch nur wieder ihrer Marktkapitalisierung gewichtet.

Demgegenüber gibt es auch noch einen anderen Ansatz, am eigentlichen "Size"-Premium (wurde im Podcast ja schon angesprochen der gewisse Unterschied) zu partizipieren, indem man einfach alle Aktien eines Index gleichgewichtet. So nivelliert man den ansonsten dominierenden Einfluss der Largecaps, und das regelmäßige Rebalancing zurück auf Gleichgewichtung bringt auch noch einen impliziten antizyklischen Value-Tilt mit rein. "Equal Weight"- ETFs gibts dafür auch schon so einige, aber natürlich noch nicht soviele wie klassiche Smallcap-ETFs.

@ Reinsch

"Dass es verschiedene Ansichten gibt, was man denn nun unter „passiv“ versteht sieht man ja hier schon in diversen Kommentarsträngen."

Ja - sagen wirs mal so, das wirklich "komplette Passiv" ist eigentlich eh nur ein abstraktes Ideal-Modell aus der akademischen Theorie, dem man sich nur mehr oder weniger annähern kann, aber wohl nie vollständig erreichen wird.
Jeder Anleger wird da bei der konkreten Umsetzung in der Praxis immer gewisse Kompromisse und Abweichungen vornehmen müssen, einfach weils produktmäßig noch nicht anders geht. Aber auch da gibt es Gradienten. Sowas wie der ACWI kommt dem passiven Ideal schon ziemlich nahe, während so Sachen wie Smart Beta Spezial-ETFs sich davon wieder mehr wegbewegen.
Apropos ACWI, wie man auch am Artikel vom Wesir ( https://www.finanzwesir.com/blog/msci-acwi-imi-fm ) sieht, könnte man vielleicht denken das die IMI FM - Variante (also jetzt noch mit Smallcaps und Frontier Markets) die eigentlich dem passiven, möglichst kompletten Weltaktien-Portfolio Ideal noch am nächsten kommende Produktlösung ist, aber da ja die Kleinvieh-Gewichtung dieser Hinzufügungen die Gesamtrendite nur noch unwesentlich beeinflusst (haja, abnehmende Grenzkostenfunktion halt), kann man auch den "normalen" ACWI, per Pareto, noch als durchaus ausreichend gut genug bezeichnen.
Am Ende ist das ja sowieso vor allem nur eine eher akademische Debatte - was jeder einzelne in der Praxis daraus macht, obliegt jedem selbst nach seinen eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen zu entscheiden.
Da geht es dann auch weniger um irgendwelches "richtig" oder "falsch", solang die Grundrichtung einigermaßen stimmt, geht es am Ende vor allem nur darum, das jeder das passende für sich macht, von dem er überzeugt ist und es auch langfristig durchziehen kann. Ob das dann nun ACWI, World+EM, oder Regionen und Faktoren sind, ist jedem selbst überlassen. Und weil wir alle ein bischen unterschiedlich sind, unterscheidet sich auch das was für den Einzelnen jeweils "passend" ist. :-)


ChrisS sagt am 19. Juli 2017

@ bean-counter

Nachtrag, achja wie Stiller Leser schon erwähnt hat, scheint mit deiner Rechnung was nicht zu stimmen. Überprüf das vielleicht nochmal, bzw lege deinen Rechenweg offen?

Wenn ich deine Kursreihen provisorisch mal fix durch Excel jage, komme ich bei "Fonds A" auf eine (annualisierte) Standardabweichung von 4,42%. Bei Fonds "B" sinds 9,73%.
(also jedenfalls weit entfernt von 55% oder 194%)

Renditemäßig ist A wie gesagt bei 8,20%, und B bei 26,91% per anno.

Was die Berechnung der Sharpe-Ratio angeht, nunja wenn wir die Risk-Free Rate mal unter den Tisch fallen lassen (passt ja im aktuellen Nullzinsumfeld :-D), ergäbe sich für Fonds A ein Sharpe von 1,85 und für Fonds B 2,76. Der "bessere" Fonds B gewinnt also trotzdem durchaus noch. ;-)
Solange die "plus-Rendite jedem zweiten Monat" bei Fonds B auch immer noch konstant höher ist als die 2% von Fonds A, wird auch die Sharpe Ration von B immer höher als A sein. Das passt also schon, die "Bestrafung" von "Schwankungen nach oben" bei der klassischen Sharpe Ratio ist in der Praxis meist garnicht so schlimm, oder anders herum gesagt, man muss schon ziemlich extreme Ausnahmebeispiele konstruieren, damit es zu signifikanten Aussageunterschieden zwischen Sharpe (die alle positiven und negativen Renditeabweichungen vom Mittelwert betrachtet) und anderen Ratios wie Sortino (welche nur die Schwankungen auf der Downside betrachtet) etc kommt.
In den allermeisten Fällen wird auch die Anlage der beiden, welche die höhere Sharpe Ratio hat, auch in den anderen Ratios die beste sein. Für den schnellen, "allgemeinen Hausgebrauch" ist die simple Sharpe Ratio meist schon aussagekräftig genug und kann zum groben Vergleichen verschiedener Anlagen benutzt werden.
Wer sich genauer für Details interessiert, kann sich natürlich auch mit den anderen Ratios beschäftigen. Das "Problem", die Dinge nur als "ausreichend exakt genug" bestimmt werden zu können, ist ja eine Kritik, die genauso schon dem Risikomaß Standardabweichung allgemein nachgesagt werden kann, unterstellt sie doch eine theoretische, schön symmetrische Normalverteilung der Renditen, welche so in der Realität (besonders halt an den exremen Tails) eigentlich nicht so ganz wirklich auftritt, aber wie gesagt, solche vereinfachten Modellannahmen sind für die grobe Daumen-Orientierung schon noch ausreichend gut genug, und werden (auch aufgrund ihrer einfachen Rechenbarkeit) immer noch als erstes verbreitet angewandt.

Was übrigens die Einordung der Zahlen von A und B angeht (ich weiß, waren ja eigentlich eh nur künstlich erzeugte Beispiele), also um Laien ein Gefühl für die "typischen Größenordnungen" davon zu geben, kann man vielleicht noch dazu erwähnen, dass die langfristige Durchschnittsrendite der breiten Welt-Benchmarkindizes so im Bereich von 6~8% liegt, ihre Standardabweichungen so im Bereich von 15~20% normalerweise, ein passiver B&H-Investor in solche ETFs also typischerweise mit Sharpe's von ugf 0,3~0,5 zu erwarten hat. (alles natürlich nur langfristige Mittelwerte wohlgemerkt, die kurzfristig natürlich auch immer mal wieder weit davon abweichen können, je nach aktueller Lage).
Das nur mal so zur Einordnung für Leute die's noch nicht wissen, was denn ein "realistischer" Sharpe-Wert überhaupt ist. Dauerhaft und zuverlässig Sharpe's jenseits der 1 erwirtschaften zu können ist jedenfalls sehr schwer und wird man nicht besonders oft finden. Jedenfalls nicht bei passivem Aktien-B&H. So relativ niedrige Volatilitäten, wie die 4,42% von Fonds A, gibt es eher im Anleihen-Bereich - wo aber natürlich gleichzeitig auch wieder keine Renditen von 8% und mehr zu erwarten sind. Haja die allgemeinen "Finanzgesetze" eben...

Achja und auch noch zur Einordnung von den "wahnsinnigen 61% in 24 Monaten" (also 27% per anno), für alle die's interessiert ob das wirklich so extrem selten ist (dass man das also fast schon als unmöglich bezeichnen könnte) - naja, ich hab hier zB die langfristige Renditeverteilung des SP500 grad offen, mal fix drübergelinzt zeigt sich, das Jahresrenditen größer als 25% historisch allgemein so in ungefähr 7% aller Fälle auftraten.
Ab und zu (also auch nicht so selten, dass man das nicht auch mal mit erleben kann) passiert sowas also schon - ein genauerer Blick in die zeitliche Abfolge der Renditen zeigt dabei natürlich auch, das solche Push-Phasen meistens so nach schweren Crashs auftreten, wo die Kurse schon vorher ordentlich runtergeprügelt wurden und nun danach wieder in der Gegenreaktion aus dem Tal steil emporklettern können.


hopla sagt am 19. Juli 2017

Mir ist folgendes nicht klar geworden, wäre dankbar um eine Erläuterung:

Bekommt man durch das Faktor-Investment die übliche Rediteprämie für mehr Risiko? Den gleichen Effekt könnte man doch dann simpler und günstiger dadurch erreichen, dass man das Verhältnis Tagesgeld, Staatsanleithen, etc. zu Aktien verschiebt.

Oder bekommt man eine Rediteprämie für mehr Risiko, wobei die Renditeprämie überproportional größer ist als das zusätzliche Risiko? Dann würde es für mich Sinn ergeben.


ChrisS sagt am 19. Juli 2017

@ hopla

"Bekommt man durch das Faktor-Investment die übliche Rediteprämie für mehr Risiko? Oder bekommt man eine Rediteprämie für mehr Risiko, wobei die Renditeprämie überproportional größer ist als das zusätzliche Risiko?"

Kommt halt darauf an wie man die Begriffe definiert. Wenn einen erstmal überhaupt nur die "nacken Zahlen" dazu interessieren (um zB überhaupt mal nachzusehen, ob das auch alles so ist), kann man zB bei verschiedenen Indexanbietern Angaben zu den Rendite/Risiko-Verhältnissen ihrer Faktor-Indizes finden.

Ich nehme mal einfach als Beispiel MSCI, weil die ja am meisten mit in der Praxis verwendet werden. In "Factor Indexes in Perspective" gibt es auf Seite 11 zB eine schöne Tabelle für den MSCI World und seine Faktorindex-Varianten über 40 Jahre. Renditen sind dabei, wie üblich, in USD, brutto und total return gemeint, und Risiko ist hier die Standardabweichung.

Erstmal als Benchmark der reine MSCI World:

  • Rendite: 10,7%
  • Risiko: 14,8%
  • (Verhältnis also 0,72)

und dazu mal einige gängige Faktoren als Vergleich erwähnt:

Value

  • Rendite: 12,2%
  • Risiko: 14,9%
  • (Verhältnis also 0,82. Achja, die konkret hier verwendete Indexvariante ist übrigens "Value-Weighted". MSCI bietet daneben auch noch einige andere Value-Indizes an.)

Momentum

  • Rendite: 13,8%
  • Risiko: 16,0%
  • (Verhältnis 0,93)

Equal Weight (also "Size")

  • Rendite: 12,5%
  • Risiko: 15,4
  • (Verhältnis 0,81)

Quality

  • Rendite: 12,1%
  • Risiko: 14,3%
  • (Verhältnis 0,84)

Minimum Volatility

  • Rendite: 11,1%
  • Risiko: 11,8%
  • (Verhältnis 0,94)

ähnliche Daten lassen sich natürlich auch zu den Faktorindizes von anderen Indexanbietern (zB S&P DJ, FTSE, etc.) finden, die unterscheiden sich natürlich durch die unterschiedlichen Konstruktionsmethoden bedingt immer leicht etwas, aber auch nicht so sehr dass sie nicht auch alle ungefähr in einer ähnlichen Grundtendenz liegen.
Achja, und der übliche Disclaimer, dass das alles natürlich erstmal nur theoretische Backtest-Daten sind (also höchstens nur als grobe Orientierung, nicht zur exakten Vorhersage der weiteren Zukunft zu gebrauchen sind), sollte auch jedem klar sein ;-)

Jedenfalls sieht man an den Zahlen schon, dass diese Faktoren das Rendite/Risikoverhältnis ein bischen in eine bessere Richtung schieben konnten, also eine erhöhte Rendite bei ähnlichem Risiko, oder (wie zB bei Volatility) eine ähnliche Rendite bei geringerem Risiko.
Aber wie gesagt, man soll nicht einfach glauben das damit schon der heilige Gral oder die eierlegenden Wollmilchsäue gefunden wären. Um das ganze zum Abschluss nicht allzu unkritisch nur "zu schön um wahr zu sein" dastehen zu lassen, sei auch noch auf gewisse Einschränkungen und Probleme zwischen Theorie und Praxis hingewiesen, zB hier:
http://www.dualmomentum.net/2017/02/factor-zoo-or-unicorn-ranch.html


Akim sagt am 19. Juli 2017

Handelskosten sind im TER nicht enthalten. Im Podcast klang es so, als ob diese Bestandteil des TER sind?!
Wenn also im ETF viele Aktien ausgetauscht werden, sollten auch höhere Transaktionskosten zusätzlich anfallen, plus weitere Kosten wie bspw. Bid/Ask Spreads, die nirgends ausgewiesen werden. Wer will kann dies im Jahrebericht der Fondsgesellschaft mal überprüfen. Hab dies auf die Schnelle bei 2 Ishares Faktoren ETFs getan, die Transaktionskosten belaufen sich auf ca. 50% der Managementgebühren, also on Top zum TER.


T. sagt am 20. Juli 2017

@hopla: zur emirischen Fundierung von ChrisS hier noch einmal eine wissenschaftliche Betrachtung von Faktorprämien:
http://www.aquila-capital.de/sites/51bb1bb94603d65165000005/content_entry51dc08dc4603d6340000007d/54293121b58f6b1e7a00035a/files/2015-03_Risk_Parity_Research_Faktorpr_mien_DEU.pdf

Gruß, T.


Joerg sagt am 20. Juli 2017

Warum du mit vielen heimisch-aufgelegten Faktor-ETFs auf die Nase fallen wirst:
https://www.nzz.ch/finanzen/fonds/europas-markt-fuer-index-anlagen-immer-mehr-etf-sind-zu-teuer-ld.1305855
Eine ordentliche Groesse (zB 100 Mio Fondsvolumen) werden von Faktor-ETFs selten erreicht.
Nach einer Schonfrist (Abebben der Marketing-Aktion) werden wohl die meisten dann wieder eingestampft, mit dem negativen Effekt fuer Dich:

  • ggfls Abgeltungssteuern zu zahlen / mit Verlust zu realisieren,
  • neue Gebuehren fuer Alternativ-Anlage ...

Also bleibe lieber bei den breiten markt-kapitalisierungs-gewichteten Dickschiffen der grossen Anbieter ... ?
Bzw wenn du es nicht lassen kannst: checke VOR dem Kauf die "Assets under Management" (Fondsgroesse).


ChrisS sagt am 20. Juli 2017

@ Akim

Mit ein bissel Wühlarbeit in den Unterlagen der ETF-Anbieter kann man ein wenig dazu finden.
Mal als Beispiel den (amerikanischen) iShares Core S&P 500 ETF (IVV), in den SAI's steht zB für 2016 brokerage commissions von 321.349 $. Turnover war 4%, von einem AUM von 71,1 Mrd $ also 2,84 Mrd $, was ein "Ordergebühren-Verhältnis" von 0,01129 % ergäbe.
Das sind eben die "Großhandelskonditionen", welche solche Riesenanbieter haben. Also von den reinen Transaktionsgebühren sind die schon mehr als hinreichend effizient, das beeinflusst die letztliche Fondsgesamtperformance nur noch im homöopathischen Nachkommabereich.
Was natürlich in der Tat nicht darin aufgeführt wurde sind die bid-ask spreads und sonstige "market impact costs", die der Handel von so Riesenblöcken an Aktien natürlich immer mit sich ziehen, aber sowas ist halt schwer zu bilanzieren. Allgemein darüber hinaus "verkompliziert" ja der ETF-spezielle creation-redemption Prozess den Vergleich mit uns Retailkunden, die ihre Aktien ganz normal bei einem Broker über eine Börse ordern müssen. :-D

@ Joerg

Das ist in der Tat eines der Haupt-Probleme, die bei der praktischen ETF-Umsetzung des ganzen Faktor-Zeugs lauert.
Also mal ganz unabhängig davon, ob die Faktoren selbst Sinn machen oder oder, muss man auch immer im Kopf behalten dass die konkreten ETF-Produkte investierbar sein (und vor allem bleiben) müssen.

Im Endeffekt ist es doch so:
Nachdem jeder ETF-Anbieter erstmal die typische Palette der großen breiten Benchmark-Indizes von MSCI, Stoxx, S&P etc. im eigenen Haus aufgebaut hat (die bei allen Anbietern ja auch mehr oder weniger gleich ist - man kann sich da eben nur noch in einem voneinander unterscheiden: der Preisgestaltung, und so ein Konkurrenzdruck nach unten erfreut uns Anleger natürlich), versuchen die sich nun wieder durchs Anbieten von Spezial- und Nischen-ETFs voneinander abzusetzen.
Das können eben sehr viele kleine Länder-ETFs sein (mal ehrlich, wer braucht denn wirklich einen MSCI Bolivia ETF ?) oder Sektor-"Trendthemen" (Internet, Biotech, Clean Energy, was auch immer), oder eben die ganzen Faktor-Geschichten, so kann man zu jedem regionalen MSCI-Index nochmal ein halbes dutzend verschiedene Varianten auf Value, Quality, Momentum, Volatility, Size usw verkaufen.
Natürlich auch mit dem Gedanken, hier noch etwas mehr Managementgebühren abgreifen zu können, während die Margen ja im Hauptgeschäft immer hauchdünner werden.

Ich mach mal schnell eine kleine unwissenschaftliche Untersuchung bei JustETF. Am deutschen Markt werden aktuell 1137 ETFs angeboten. Die Anzahl der ETFs, die JustETF vom Volumen her im "grünen Bereich" (>500 Mio €) listet, beträgt 198.
Der "gelbe Bereich" (500 bis 100 Mio€) hat 453 ETFs.
Und im "roten Bereich (unter 100 Mio€, also eingeschränkte Überlebensfähigkeit und potentielle Schließungskandidaten) sind 486 ETFs.
Die Verteilung ist also, wie mans aus vielen Bereichen kennt. Vorn am Anfang teilen sich ein paar wenige Dickschiffe den Löwenanteil des Anlegerkapitals unter sich auf (die großen "Brot-und-Butter" Benchmark-Indizes, die ja überall fürs Basisportfolio empfohlen und benutzt werden) und nach hinten hinaus zieht sich halt ein immer länger werdender "Rattenschwanz" von immer kleiner werdenden ETFs, von denen viele auch einfach nur als "Testballons" mal gestartet wurden (um zu schauen, ob man damit grad ein Trendthema erwischt, und wenn nicht, eben relativ schnell auch wieder eindampft).

Für Anleger, die vor allem langfristiges Buy&Hold betreiben wollen, ist das natürlich eine Sache, die sie immer im Hinterkopf behalten sollten.
Wir wollen ja nicht aller paar Jahre gezwungen werden unsere Allokation zu ändern, nur weil unsere benutzten Produkte abgeschafft wurden.
Nun kann man natürlich aber mit größerer Sicherheit davon ausgehen, dass etablierte ETFs auf vielverwendete Standardindizes wie MSCI World, SP500, etc, die eine ordentliche Größe erreicht haben, wohl auch noch viele Jahre und Jahrzehnte in Zukunft existieren werden können.
Während das bei kleinen Spezial-ETFs schon viel unsicherer ist. Sollten die nicht in genügender Zeit ein gewisses Anlegerinteresse (also letztlich AUM) angesammelt haben, wird da auch relativ schnell wieder kurz und schmerzlos die Reißleine gezogen.


NeulandFan sagt am 21. Juli 2017

Lieber Wesir! Diese Folge war mein persönliches highlight bisher. Als Höhrer der ersten Stunde und passiver Jünger war es für mich sehr spannend mal ein wenig die "Nieschen" auszuleuchten! Hat mir wunderbar die Heimfahrt ins Wochenende versüßt. Deine bildhaften Vergleiche sind herrlich.

Der Mehraufwand in Sachen Einarbeiten ins Thema ist ja doch erheblich im Vergleich zum marktkapitalisierten Standard-ETF, drum hätte mich ja noch interessiert, wie Du das mit der Einfachheit-Philosophie verbindest, (Schon klar, keiner muss sich mit den Faktoren beschäftigen), und bis zu welchem Alter - Stichwort erhöhte Volatilität - du die Faktoren für Langfristig-Anleger für sinnvoll hälst.

Happy weekend


SloMo sagt am 21. Juli 2017

@ Joerg

Mich tangieren sich die ständigen Warnungen vor den drohenden ETF-Schließung wegen der zu geringen Größe nicht.

Meine ETFs kaufe ich über INGDIBA in Tranchen >500€ kostenfrei, und meinen Steuerfreibetrag habe ich noch nicht ausgeschöpft. Was droht mir also schlimmstenfalls bei Schließung,wenn ich 20% meines Depots in einen ETF investiere, der zwar nur 50 Mio klein ist aber noch keine 3 Jahre existiert? Steuern werde ich ohnehin irgendwann zahlen müssen und ein erheblicher Teil des Steuerstundungseffekts wird vermutlich ab 2018 Geschichte in D sein.

Und weiterhin gilt: Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich freue mich über den Preiskampf und über viele kleine neue Spartenfonds diverser Anbieter. Kaufen tue ich kaum einen davon, lege aber Wert auf Anbieterdiversifizierung. Die Größe schreckt jedoch mich selten als erstes ab.


ChrisS sagt am 21. Juli 2017

@ Neulandfan

"Der Mehraufwand in Sachen Einarbeiten ins Thema ist ja doch erheblich im Vergleich zum marktkapitalisierten Standard-ETF, drum hätte mich ja noch interessiert, wie Du das mit der Einfachheit-Philosophie verbindest, (Schon klar, keiner muss sich mit den Faktoren beschäftigen), und bis zu welchem Alter - Stichwort erhöhte Volatilität - du die Faktoren für Langfristig-Anleger für sinnvoll hälst."

Bin zwar nicht der Finanzwesir, aber wenn die Fragen eher allgemein in die Runde gestellt waren:

Der "erhebliche Mehraufwand beim Einarbeiten" ist eigentlich subjektiv. Weiter oben hatte ich ja schon einige Punkte angesprochen, die ich persönlich für einen langfristig erfolgreichen Umgang mit Faktoren als mindestens nötig erachte.
Es werden sich aber natürlich verschiedene Menschen dabei unterscheiden, ob sie das nun als großen Aufwand empfinden - das ist abhängig von ihrer Erfahrung die sie mitbringen (also Vorbildung im Sinne von "ich kann mit den verwendeten Begriffen schon was anfangen, und muss nicht erst noch weitere Grundlagenarbeit wie zB 'was ist überhaupt ein KGV?' oder 'wie berechnet man eigentlich ne Standardabweichung?' leisten) und ganz besonders eben auch mit ihrer Lust und ihrem Interesse, sich tiefer mit sowas von selbst beschäftigen zu wollen.
Wer sich wirklich für solche Wissensaneignung begeistern kann, der empfindet die Beschäftigung damit ja auch nicht als unangenehme Last, sondern macht das gern. Dann geht das auch ganz einfach und dauert nicht besonders lang (oder kommt einem zumindest nicht lang vor).
Demgegenüber gibt es natürlich auch Leute, die das anders empfinden, denen es eher schwerfällt, sich zB nach Feierabend noch dafür zu begeistern. längere Papers und Studien mit vielen unverständlichen Finanzbegriffen in englisch zu lesen, das ganze also eine unangenehme Last wäre. Das ist ja auch legitim, und es ist insofern nicht "schlimm" wenn man deshalb lieber gleich nur bei den "einfachen" ETFs bleiben wollen würde, ist auf jeden Fall besser als sonst blind in irgendwas zu investierne, was man noch nicht richtig versteht (weil dabei ja erfahrungsgemäß die schnelle Abbrecherquote sonst höher ist).

Was die "Einfachheit-Philosophie" angeht - auf der Depot-Ebene des Endanlegers ist es ja erstmal nicht schwieriger.
Ein Smart-Beta ETF ist genauso leicht und einfach geordert und gehalten wie ein "plain vanilla" ETF. Klar, die "Kompliziertheit" kommt erst insofern hinterher, als das es meist ja nicht nur bei einem ETF bleibt, sondern erfahrungsgemäß Leute, die sich für komplexere ETFs interessieren auch gleichzeitig die Leute sind, die damit komplexere Allokation auf der Portfolio-Ebene fahren.
Hier kann tatsächlich wieder etwas "Mehraufwand" in der Verwaltung von eben kleinteiligeren ETF-Kombis lauern, aber da gilt eigentlich auch nur wieder dasselbe wie oben - ob man das überhaupt als "Aufwand" empfindet, hängt von den Leuten ab.
Manche tun sich schon schwer damit, World und EM zu rebalancen, andere haben kein Problem damit, ein dutzend ETFs im Handumdrehen zu jonglieren. Wie gesagt, das ist keine Frage von "richtig" oder "falsch" allgemein, sondern was jeder Einzelne für sich am passendsten umsetzen kann/will, im Einklang mit seinen persönlichen Ansprüchen und Bedürfnissen.

Wenn wir eher von der "Einfachheit auf Produktebene" reden, also ob Smart Beta ETFs jetzt generell "besser" (weil komplizierter?) wären als die "dummen" Standard-ETFs - nein, so pauschal kann man das sicher nicht sagen.
Sie sind erstmal nur eins, und zwar "anders". Ob das am Ende besser oder schlechter ist, hängt halt wie immer vom jeweiligen Anleger ab. Die verschiedenen Faktoren unterscheiden sich alle zB in ihrem Rendite/Risikoprofil vom Benchmark, und voneinander.
Jemand, der weiß was er tut, kann sich daraus also gezielt die für ihn passenden Produkte raussuchen und sein Depot damit feintunen. Wer das nicht weiß, der kann damit auch viel Mist produzieren, deshalb im Zweifelsfall lieber sein lassen.
Oder (die Möglichkeit gibt es ja auch) jemand weiß schon genau, das die einfachen Standard-ETFs vollkommen ausreichend für ihn sind und er nichts anderes will, dann braucht er eben auch nichts weiter. Wichtig ist da zB, dass man sich mit dem unvermeidlichen Tracking Error Regret auseinandersetzt.
Man investiert ja in die Faktoren, weil man sich davon zB eine höhere Rendite erhofft. Ganz langfristig mag es die ja auch durchaus geben können, jedoch muss man dafür auch auf der anderen Seite immer mal wieder ganz unvermeidbare Phasen der zwischenzeitlichen Unterperformance durchstehen. Wer ständig seine Faktor-ETFs ständig mit nem einfachen MSCI World vergleicht, und sofort unglücklich wird wenn sie mal ein paar Prozentpunkte hinterherhinken ("wo bleibt denn die versprochene Überrendite?"), die ganze Strategie zu hinterfragen beginnt und gleich wieder hinschmeißen will, für den ist das nichts.
Man muss davon überzeugt sein und das nötige oben angesprochene Wissen, Einstellung und realistische Erwartungshaltung mitbringen, um solche Durststrecken auch wirklich überwinden zu können.

Nach all dem bis hierhin gesagten wird dich auch meine Antwort auf deine letzte Frage wenig überraschen. Das "Alter" eines Anlegers hat wenig damit zu tun ob Faktor-ETFs für ihn nun "sinnvoll" sein könnten oder nicht.
Was wichtig ist, ist das er erstens seine persönlichen Ansprüche/Bedürfnisse kennt, und zweitens das in den obigen Punkten angesprochene Wissen über die Faktoren mitbringt, um letztendlich damit begründet abwägend darüber entscheiden zu können, ob und wie solche entsprechenden ETFs zu ihm passen könnten (dh, zum erreichen seiner Ziele hilfreich oder hinderlich) oder eben nicht.
Das hat auch erstmal eigentlich nichts mit "erhöhter" Volatilität oder so zu tun, die (wenn überhaupt) ja bei Lichte betrachtet auch nicht sooo weltbewegend anders ist.
Siehe zB die MSCI Daten oben, wir reden hier ja eigentlich nur von Unterschieden bis ca 1% mehr bis 3% weniger Volatilität). Wer sich im Alter Gedanken um zuviel Aktienvolatilität allgemein macht, der wird die Antworten weniger allein nur in den Smart Beta Produkten, sondern überhaupt eher in der allgemeinen Allokation von Aktien und Sicherheitsanlagen gemäß der persönlichen Risikotoleranz finden.


hopla sagt am 22. Juli 2017

@ChrisS und @T.

vielen Dank für Eure ausführlichen Antworten und die Links. Jetzt ist es klarer geworden.

Mein persönliches Fazit ist, dass die Sache sich eher nicht lohnt, wenn man die zusätzlichen Kosten, den Aufwand und die Unklarheit berücksichtigt, ob die Faktoren sich in der praktischen Umsetzung bewähren.


Toni sagt am 30. Juli 2017

Lieber Finanzwesir,

Tolle Folge. Finde das Thema sehr spannend, weiß aber noch nicht genau ob es sinnvoll umsetzbar ist (Kosten, etf Auswahl, Steuerstatus).

Hab mir jetzt aber auch mal "your complete guide to factor based investing" durchgelesen. Ein Punkt bei den vorgestellten portfolios ist mir aber nicht sicher klar. Wenn man sich die Tabellen anschaut sieht man ein market beta return von 8.3%. Die portfolios haben ca. 6%. Ist das als Premium zu verstehen oder ist die Rendite bei Kombination mehrerer Faktoren wirklich kleiner als die marktrendite (beta)?

Vielleicht kann hier jemand ein bisschen Licht ins dunkel bringen?

Viele Grüße
Toni


ChrisS sagt am 31. Juli 2017

@ Toni

"Vielleicht kann hier jemand ein bisschen Licht ins dunkel bringen?"

Ich leuchte mit meiner Fackel der Aufklärung: Im Buch werden die Faktor-Renditen als "isoliertes Long/Short-Premium" angegeben. Wird oft so in der akademischen Literatur gemacht.

Das geht schon beim "market beta premium" los. Die angegebenen 8,3% sind nicht einfach die "langfristige Aktienrendite" an sich, sondern abzüglich einer risikolosen Basisverzinsung (einmonatige T-Bills).

"We will now examine market beta against the criteria we established. We will begin by looking at the premium that market beta has provided over the standard benchmark, the return on the one-month U.S. Treasury bill (a “riskless” investment). Note that in finance, premiums are typically measured as the difference in the average annual (not the annualized, or compound) return of two factors. In other words, they are what are called long/short portfolios. Thus, in the case of market beta, we calculate the annual average return to the total U.S. stock market and subtract the annual average return of the one-month U.S. Treasury bill. From 1927 through 2015, the U.S. market beta premium has been 8.3 percent. Not only has there been a large premium, but it has been persistent as well."

Beim Size-Faktor geht es genauso weiter. Wie kommen die da auf 3,3% ?

"Our discussion of the size factor will again begin with a definition. As we explained, all factors are long/short portfolios. Thus, the size factor is calculated by taking the annual average return of small-cap stocks and subtracting the annual
average return of large-cap stocks. The factor is thus referred to as SMB, or small minus big. Small-cap stocks are the stocks within deciles 6–10 of the CRSP index, and large-cap stocks are those within deciles 1–5 of the CRSP index. From 1927 through 2015, the U.S. size premium was 3.3 percent."

Also immer die Jahresrendite der (nach Marktkapitalisierung sortierten) 50% kleineren US-Unternehmen (=small cap) minus Jahresrendite der 50% größeren Unternehmen, daraus dann den langfristigen Durchschnitt gebildet. Wenn die kleinen Aktien beispielsweise 12,1% Jahresrendite, und die großen Aktien 8,8% hatten, wird diese Differenz 3,3% als das Size-Faktorpremium bezeichnet.

Und so geht das für die anderen Faktoren auch weiter - die Definitionsmethoden stehen jeweils immer in der Kapiteleinleitung. Das Value-Premium (4,8%) ist zB die isolierte Rendite der 30% niedrigsten Book-to-Market Aktien abzüglich der 30% höchsten...

Beim Übergang von der akademischen Theorie in der praktischen Umsetzung gibt es dabei natürlich noch besondere Einschränkungen für uns Privatanleger. Wir können oder wollen ja nicht (im nötigen Umfang wie's die Theorie vorraussetzt) shorten, sondern sind gezwungen meist "long only".

Was heißt das, wenn wir uns jetzt zB einen Smart Beta "Value"-ETF ins Depot mit legen, um von seinem Premium zu profitieren? Nun, erstmal was es nicht heißt: Das wir das so naiv rechnen könnten wie "Marktpremium 8,3 + Valuepremium 4,8 = zu erwartende Rendite 13,1%". Da die Short-Seite (und damit die "Isolation" des "reinen Faktors") fehlt, wird die letztendliche Rendite vor allem weiter vom normalen Marktbeta bestimmt, da wir es nicht "wegneutralisieren" können durchs shorten.
Üblicherweise besteht die langfristige Rendite zu 80% und mehr aus dem bloßen Marktbeta, und der Value-Effekt beispielsweise beeinflusst die Rendite dann nur noch so zu etwa 20% (alles natürlich nur grobe langfristige Durchschnittswerte, wenn das genauer interessiert muss halt eine Regression der Faktor-Loadings durch Fama-French Pricing-Modell jagen).


Toni sagt am 01. August 2017

Vielen herzlichen Dank für die Arbeit! Ich hab die Definition zwar gelesen aber wohl erst Dank dir so richtig verstanden.
Für uns Privatanleger is die Frage wie groß das Premium eines Faktors gegenüber dem normalen beta ist viel interessanter als ein Premium "long vs short".
Schade dass es in dem Buch nicht so aufgearbeitet wurde. Zumindest in der portfolio sektion wäre es einfach spannend gewesen zu wissen wie sich zum Beispiel ein S&P 33%/33/33% momentum, size, value in Sachen Rendite und Volatilität gegenüber dem Index verhält.
So ist es schön akademisch rausgearbektet und man weiß dass die Faktoren existieren aber wie du selbst schon sagst fehlt es an der praxisrelevanz. Insbesondere wenn sogar diese long/short Ansätze weniger als das beta rausholen.

Gibt es vielleicht noch andere Literatur die das besser darstellt?


ChrisS sagt am 01. August 2017

| @ Toni

"Gibt es vielleicht noch andere Literatur die das besser darstellt?"

Ich hatte es vielleicht schon in den Kommentaren erwähnt, aber die Literatur von Index-Anbietern ist eigentlich immer recht lesenswert - weil "praxisorientiert": Die bieten ja selbst die Faktor-Indizes an, und haben daher in ihren Unterlagen ein ureigenes Interesse, das nachvollziehbar und überzeugend rüberzubringen.

zB von MSCI "Foundations of Factor Investing"
https://www.msci.com/documents/10199/71b6daf5-9e76-45ff-9f62-dc2fcd8f2721
"Factor Indices in Perspective"
https://www.msci.com/documents/10199/71ad36ee-cefe-4bca-92d8-b52202167031 "Multi Factor Indices Made Simple"
https://www.msci.com/documents/10199/82035963-0458-4619-b3c6-9fca601e2869
"Deploying Multi Factor Index Allocations in Institutional Portfolios"
https://www.msci.com/documents/10199/9c4fd1ca-867d-49cd-baec-2e96510dc204
(zu den Einzelfaktoren gibt es wie gesagt auch hier https://www.msci.com/factor-indexes noch spezielle Papers, wenn einem zB nur Value, oder Quality, Momentum etc interessiert)

alles relativ gut erklärt, auch noch laien-verständlich (also nicht zu abgehoben komplex). Die "Foundations" geben dir eine gute Einleitung in die Grundgedanken, die sich MSCI so beim Aufbau ihrer Faktorindizes generell machen, in den "Perspectives" findest du zum Beispiel Angaben über die langfristige Rendite der (long-only) Faktorindizes, und in den "Multi Faktor"-Aufsätzen behandelt man eben so Fragen wie sich gewisse Kombinationen verschiedener Faktorindizes zusammen verhalten.
Das Praktische für einen Anleger ist halt, das die MSCI-Indizes nicht nur abstrakte Theorie sind (man also, selbst wenn das ja an sich ganz interessant wäre, eigentlich garnichts davon hat), sondern ziemlich oft, wenn nicht gar an meisten (von allen anderen Indexanbietern) schon in konkreten, investierbaren ETF-Produkten genutzt werden. Die von iShares auch hierzulande angebotene "Edge"-ETF Serie setzt zum Beispiel auf die erwähnten MSCI-Faktorindizes. (natürlich, ob man darin überhaupt investieren sollte, ist wieder eine ganz andere Sache - da kann das Studium der Hintergründe hilfreich sein, aber man sollte natürlich dazu auch noch kritische Sachen, die nicht vom Anbieter mit Eigeninteressen stammen, lesen und mit gesunder Skepsis abwägen).

Auch von anderen Indexanbietern wie Standard&Poor's und FTSE gibt es ähnlich gute Artikelserien, einfach mal deren Seiten nach den entsprechenden Stichwörtern wie "Factor" oder "Smart Beta" durchsuchen.


Toni sagt am 03. August 2017

Super ChrisS, vielen lieben Dank!
Mit den Infos kann man sich sehr gut durcharbeiten und im zweiten Schritt muss man sich überlegen ob das in Dtl umsetzbar und sinnig ist.

Das einzige was ich jetzt noch nicht gut einschätzen kann sind die Kosten. Die TERs sind nicht viel höher als bei den meisten Standard-ETF aber wenn mich nicht alles täuscht sind die Transaktionskosten nicht einberechnet. Insbesondere bei einem Momentum-ETF mit 150% Turnover könnte das aber ein entscheidender Faktor sein.

Zitat zum Ishares USA Momentum: "Portfolio Turnover. The Fund may pay transaction costs, such as commissions, when it buys and sells securities (or “turns over” its portfolio). A higher portfolio turnover rate may indicate higher transaction costs and may result in higher taxes when Fund shares are held in a taxable account. These costs, which are not reflected in Annual Fund Operating Expenses or in the Example, affect the Fund’s performance. During the most recent
fiscal year, the Fund’s portfolio turnover rate was 129% of the average value of its portfolio."
Quelle: https://www.ishares.com/us/library/stream-document?stream=reg&product=I-MTUM&shareClass=NA&documentId=1253956%7E1253955%7E926269%7E1303722%7E1370869&iframeUrlOverride=%2Fus%2Fliterature%2Fprospectus%2Fp-ishares-edge-msci-usa-momentum-factor-etf-7-31.pdf

Vielleicht übersehe ich es aber nur? Ich würde einfach gern eine grobe Hausnummer wissen...

Viele Grüße
Toni


ChrisS sagt am 03. August 2017

@ Toni

"Das einzige was ich jetzt noch nicht gut einschätzen kann sind die Kosten. Die TERs sind nicht viel höher als bei den meisten Standard-ETF aber wenn mich nicht alles täuscht sind die Transaktionskosten nicht einberechnet. Insbesondere bei einem Momentum-ETF mit 150% Turnover könnte das aber ein entscheidender Faktor sein."

Ha, genau das Thema hatten wir in den Kommentaren hier schon behandelt. Einfach mal hochscrollen zB auf die Beiträge vom 17.Juli ;-)

Bezüglich der "Kosten" - im Endeffekt geht es doch dabei immer nur ums Ergebnis - wie wirkt sich das aus, was kommt hinten dabei raus ? Also das einzige was zählt sind die Abweichungen von "virtuelle theoretische Indexrendite - vs - konkrete realpraktische ETF-Rendite".
Diese Renditedifferenzen sind ja die einzige Art und Weise, wie du als Anleger die Kosten merkst und "bezahlst" (da die Kosten aus dem ETF-Anlagevermögen entnommen werden, also dessen Rendite direkt mindern).

Jetzt könnte man naiv-vereinfacht denken: "ETF-Rendite = Index-Rendite minus ETF-TER", aber so simpel ist das in der Praxis dann doch nicht immer. Natürlich wird die TER vom ETF abgezogen, aber es gibt darüber hinaus noch andere weitere Kostenposten, die nicht in der TER enthalten sind (also zB die Transaktionskosten), und auf der anderen Seite eben auch noch Mittel und Wege der ETF-Anbieter, Zusatzerträge zu erwirtschaften und damit die Rendite wieder etwas zu verbessern (am bekanntesten ist zB die Wertpapierleihe).
Wenn du jedenfalls für einige ETFs einige Jahre lang die Renditeunterschiede zu ihrem jeweiligen Referenzindex vergleichst, wirst du sehen dass die nicht fix sind sondern durchaus schwanken. Mal ist die Differenz zwischen ETF und Index größer als die eigentliche TER, mal ist die Differenz auch kleiner, und manchmal kommt es sogar vor das ein ETF eine minimal bessere Rendite als der zugrundeliegende Index gemacht hat. Und das ändert sich auch über die Jahre immer wieder. Hier mal ein Artikel dazu
https://www.finanzwesir.com/blog/perfekter-etf-ter-tracking-error

Jedenfalls, lange Rede kurzer Sinn, wenn du befürchtest, dass ein ETF mit Turnover von jenseits der 100% doch bestimmt horrende interne Transaktionskosten haben würde, die eine große Differenz zum Index erzeugen und damit jegliches potentielle Alpha in der Praxis zunichtemacht, dann überprüf das einfach an den konkreten Produkten:
Oben hatte ich zB mal die jährliche Performance des iShares US-Momentum ETFs und seines Index bis jetzt soweit aufgelistet. Die Abweichungen sind in etwa im Rahmen der üblichen normalen Erwartungen (also ugf um die TER herum, mal ein bissel mehr, mal weniger) und zumindest in dieser Hinsicht besteht eigentlich kein großes Problem.
Und wenn dich das noch genauer interessiert, kannst du ja mal ein bischen in den Abschlussunterlagen der Anbieter wühlen um ein paar der zusätzlichen Kostenposten zu identifizieren.


Smartinvestor sagt am 08. August 2017

@Joerg:
Obwohl dein wichtiger warnender Hinweis schon seit langem bekannt ist (s. z.B. “... Is small still beautiful ?”) und es auch aktuell schon reale Beispiele gibt (s. z.B. hier), fallen scheinbar immer mehr unbedarfte Anleger aus reiner Gier auf diesen neuesten Marketing-Gag der raffgierigen Finanzindustrie herein, den ich mal mit „Passive“ Factor Investing mit long-only ETFs zur Erzielung einer nachhaltigen Outperformance ggü. dem Marktportfolio“ präzisieren würde.
Wie wohltuend unterscheidet sich dieser kritische Podcast davon, der dem Thema in der vom Finanzwesir gewohnten Klarheit unübertroffen anschaulich auf den Grund geht. Dadurch werden hoffentlich etliche Anleger vor größerem Schaden bewahrt.

Besonders köstlich finde ich es, wie er seine kritische Grundeinstellung, die er in dem scheinbar neutralen Podcast gut verpackt, trotzdem immer wieder klar und anschaulich durchscheinen lässt.
Das abschließende Bild der "Miss Small Cap" und des "Sir Value", die den Anleger immer wieder voll im Regen stehen lassen, wird mir unvergesslich bleiben. Denn genau dieser Regen wird gegen Ende dieser Modewelle dann massenhaft zu dem "Tracking Error Regret" der meisten Faktor-ETF-Anleger führen.
Der wird wiederum deren Massenexodus aus Panik und dann die von Joerg erwähnte Schließung der meisten Faktor-ETFs nahe deren Kurstal verursachen.
Dadurch werden ausnahmslos alle deren Anleger große Verluste zwangsrealisieren, egal ob sie nun vermeintlich „passiv“ in Faktor ETFs investiert hatten oder nicht.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt merken sie dann, dass sie sehr „aktiv“ unterwegs sind bzw. schon lange waren, denn jedes „Factor Investing“ ist durch das damit praktizierte „Stock Picking“ ganz klar eine ausgesprochen aktive Anlagestrategie“ und durch das Market Timing beim erwähnten Exodus aus Panik oder wegen Schließung eine sehr renditevernichtend zyklische.
Und die birgt wie jede aktive Strategie große Risiken. Der Indexing-Altmeister Bogle weist entsprechend auf diese „tiefen Abgründe“, denen sich viele unbedarfte Anleger aus reiner Gier auf relativ geringe und völlig unsichere Outperformance um die 1% p.a. ausliefern, ja auch schon seit langer Zeit aus guten Gründen hin.
Seine Warnungen vor diesen „Sektoren-Fonds“ vor fast 20 Jahren in „Common Sense on Mutual Funds“ hat mich bis jetzt gut geleitet und gegen diese Mode immunisiert.

Dabei ist der Grundgedanke, die Performance d.h. die Kursentwicklung bzw. Rendite und Risiko eines Portfolios durch Faktoren zu erklären, sehr wertvoll für die Anlagepraxis.
Faktorprodukte können u.a. zur effektiven Risikosteuerung und auch sonst sinnvoll aktiv genutzt werden, aber nur wenn man ausschließlich Faktorprodukte wählt, die schon mindestens eine Regret-Phase unbeschadet überstanden haben.
Mit diesen Produkten kann man z.B. einen Markt gut untergliedern und damit eine zusätzliche Rebalancing-Prämie ernten, denn beide Teile divergieren und konvergieren durch Mean Reversion zueinander in größeren Zeiträumen mit größerer Volatilität als der ungeteilte Markt, ohne das Gesamtrisiko des Portfolios nennenswert zu erhöhen.
Denn je mehr unterschiedliche geringer bzw. negativ korrelierte Assets mit größeren Schwankungen und ähnlicher Rendite man im Depot hat, desto höher ist die Rebalancing Prämie, vor allem wenn man dafür optimales „Opportunistic Rebalancing“ einsetzt. Insgesamt kann damit die risikoadjustierte Gesamtrendite erhöhen werden, wenn die Finanzmärkte weiterhin ausgeprägte Mean Reversions aufweisen.

Eine von unbedarften Kleinanlegern wohl angestrebte direkte Outperformance durch eine nachhaltige d.h. nicht-zufällige Faktor-Prämie mit vermeintlich „passiv“ gehaltenen long-only Faktor ETFs ist hingegen m.E. illusorisch.
Denn laut der hilfreichen Tabelle „Wie lange dauert es, bis man bei einem Investmentfonds zufällige Outperformance von nicht zufälliger Outperformance (Überrendite) zuverlässig unterscheiden kann?“ von Kommer in „Souverän investieren“ würde solch ein Nachweis über 60 Jahre bei einer für Faktorprämien erwarteten Outperformance um die 1% p.a. bei 4% Standardabweichung derselben ggü. dem jeweiligen Gesamtmarkt (MCAP) erfordern.
In diesem Zeitraum haben sich die Faktorprämien aber nach Entdeckung und anschließender Veröffentlichung zunächst durch breite und jetzt durch historisch ganz neue massenhafte Ausbeutung durch diese Faktor-ETFs schon deutlich verringert, wenn es sie denn überhaupt noch geben sollte.
Die Nachhaltigkeit bzw. statistische Signifikanz von solch einer veränderlichen vermeintlichen Faktorprämie ist daher m.E. überhaupt nicht seriös nachweisbar.

Ganz anders sieht das aus, wenn man aktiv an diese Sache herangeht. Gute Beispiele dafür sind bekannte aktive Value-Investoren wie Warren Buffett oder Seth Klarmann.
Da muss man sich doch fragen, wie ein simpler „passiver“ Faktorindex je deren aktive Meisterschaft auch nur annähernd gleichkommen soll?? Ein anderes Beispiel sind Managed Futures Fonds, von denen manch gute seit Jahrzehnten ebenfalls sehr aktiv nachhaltige Outperformance aus dem Momentum-Effekt herausholen.
Passive Momentum ETFs wurden hingegen schon nach kurzer Zeit wegen inakzeptabler Underperformance und Anlegerschwund geschlossen.


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