03. September 2014


Sparen? Wer, ich? Wozu?

Bei den heutigen Zinsen ist Sparen einfach Blödsinn. Die Holländer zahlen noch am besten. ABN Amro bietet dauerhaft 1,2 % Zinsen fürs Tagesgeldkonto. Davon die Inflationsrate von 0,8 % (August 2014) abgezogen und die schwarze Null bleibt übrig. Für 0,4 % Rendite renn‘ ich doch nicht zur Bank und eröffne ein Tagesgeldkonto. Wer sich von den 1,4 % der VW Bank ködern lässt, zahlt nach 4 Monaten drauf. Dann gilt der Regulärzins von 0,6 %.

Wozu dann noch sparen? Brüder und Schwestern, lasst uns leben, und zwar im Hier und Jetzt!

So kann man es auch sehen.

Wozu sparen?

Sparen hat zwei Funktionen. Zum einen möchte man natürlich Zinszahlungen erwirtschaften. Das Geld soll arbeiten.
Zum anderen zeigt Sparen aber auch: Ich kann mit Geld umgehen. Ich spare, weil ich weiß, dass ich nicht mehr ausgeben kann, als ich einnehme. Ich spare, weil ich Ziele habe, die ich erreichen möchte.

In diesem Artikel möchte ich zeigen, dass die Höhe der Zinsen vollkommen überbewertet wird. Für die meisten von uns ist es egal, ob sie 1 %, 2 % oder 4 % Zinsen kassieren. Warum?

Starten wir mit der Aussage "Sparen zeigt Geldkompetenz an". Dieser Punkt ist fundamental und vollkommen unabhängig vom herrschenden Zinsniveau. Es ist immer sinnvoll, sich nicht zu verschulden und über ein gewisses Cash-Polster zu verfügen. Das zu kapieren, ist schon mal die halbe Miete, wenn es darum geht, ein finanziell unbeschwertes Leben zu führen.

Bleibt der Punkt "Das Geld soll arbeiten". Hier spielt die Zinshöhe eine Rolle. Aber eine ziemlich kleine Rolle, wie wir gleich sehen werden.

Minizinsen stören nicht wirklich

Minizinsen stören nicht wirklich? So ein Blödsinn, Minizinsen bedeutet auch Minizinseszins. Artikel wie dieser hier: "Die Regel von der 72 macht Sie reich" zeigen doch, wie krass sich das Zinsniveau bemerkbar macht. Wenn ich 1 % Zinsen bekomme, muss ich 72 Jahre warten, bis sich mein Vermögen verdoppelt, wenn ich 3 % bekomme nur 24 Jahre und bei 7 % Zinsen verdoppelt sich mein Geld alle 10 Jahre.
Zinsrenditen von unter 1 Prozent, wie wir sie aktuell haben, sind in dieser Tabelle noch nicht einmal aufgeführt!
Trotzdem stören die Minizinsen nicht wirklich.
Wie sieht es denn aus im Leben? Man steigt in den Beruf ein, richtet sich ein und legt sich eine Tagesgeldreserve zu. Irgendwann kommt die Entscheidung: Eine Immobilie für die Familie: ja oder nein?
Wer sich für eine Immobilie entscheidet, verschuldet sich. Die Priorität für die nächsten Jahrzehnte heißt Schulden tilgen und nicht Geld anlegen. Das Geld wandert ins Haus und nicht auf ein Tagesgeld- oder Festgeldkonto.
Wer sich gegen eine Immobilie entscheidet, hortet sein Geld tunlichst nicht auf irgendwelchen Konten, sondern biegt gleich in Richtung Aktie ab und baut sich ein Weltportfolio auf, so wie es hier und hier beschrieben ist.

Was bleibt dann noch? Kurz- und mittelfristige Sparaufträge. Hier entscheidet nicht der Zins, sondern die Sparrate.
1.000 Euro für den nächsten Urlaub zurücklegen? Macht eine Sparrate von 83,34 Euro bei einem Zeithorizont von 12 Monaten. Wenn wir das ganze mit Zins und Zinseszins ausrechnen kommen wir bei einem Zinssatz von 1 % auf eine Summe von 1.004,68 Euro. 99,5 % der Summe kommen aus der Sparleistung, 0,5 % haben die Zinsen beigetragen.
Höhere Zinsen machen den Kohl auch nicht fett. Selbst bei einem Zinssatz von 5 % kommen am Ende nur 1.023,23 Euro zusammen. Knapp 20 Euro mehr, als bei einem Zinssatz von 1 %.

Auch wenn 10.000 Euro binnen 5 Jahren für ein neues Auto zurückgelegt werden sollen, entscheidet die Sparleistung. Jeden Monat müssen 166,67 Euro zurückgelegt werden, wenn das Guthaben nicht verzinst wird.

Guthabenzinsen monatliche Sparrate
0 % 167,67 €
1 % 165,00 €
2 % 163,33 €
4 % 160,00 €

Selbst bei traumhaften 4 % Guthabenzinsen sinkt die monatliche Sparrate nur um 7,67 Euro, das sind 4,6 % oder zwei Bier.

Für diese Sparjobs gilt:

  1. Spielentscheidend ist die Sparrate. Zu wie viel Konsumverzicht sind Sie bereit?
  2. Dann kommt die Sicherheit. Das Geld wird nicht bei einer windigen Hochzinsbank angelegt, sondern auf einem Konto, das der deutschen Einlagensicherung unterliegt.
  3. Als letztes interessiert der Zinssatz. Er sollte die Inflation ausbügeln, damit das Geld seine Kaufkraft behält. Suchen Sie sich eine Bank, die dauerhaft brauchbare Zinsen zahlt. Die ganzen Lockangebote mit einer vier- bis sechsmonatigen Zinsgarantie taugen alle nichts. Nach der Garantiezeit halbieren viele Banken den Zinssatz (VW Bank 1,4 % => 0,6 %, Consors 1,2 % => 0,7 %). Was machen Sie dann? Werden Sie zum Zinsnomaden?

Fazit

Sparen ist auch in Minizinszeiten sinnvoll. Bei Sparzielen, die in maximal fünf Jahren erreicht werden und bei denen es um haushaltsübliche Summen geht, hält sich der Verlust in Grenzen, da der Zinseszinseffekt nicht zum Tragen kommt.
Grämen Sie sich nicht, weil Ihnen monatlich 5 Euro entgehen (1 % Zinsen statt 4 %), sondern freuen Sie sich, dass Sie so viel verdienen und Ihre Finanzen so im Griff haben, dass Sie die monatliche Sparleistung stemmen können.

Langfristige Renditeziele werden über Aktien und nicht über Zinsprodukte realisiert. Deshalb spielt das Zinsniveau auch beim langfristigen Anlegen höchstens eine indirekte Rolle.

(awa)

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Kommentare

BlackHog sagt am 03. September 2014

Nun ja, der Sicherheitsanteil im Portfolio ist ja je nach Alter/Risikoneigung ein nennenswerter Teil des Gesamtvermögens, und da tun die Zinsen richtig weh - Festgeld und Staatsanleihen machen auch keinen Spaß...


Finanzwesir sagt am 04. September 2014

Hallo BlackHog, danke für das Lob. Ich hatte vor allem die Zinsjäger im Blick, die jammern, dass sie nichts gespart bekommen, weil die Zinsen ja ach so niedrig sind. Dabei ist es die Sparrate, die entscheidet, ob sich Geld auf dem Konto ansammelt. Auf ein bis fünf Jahre gesehen ist Sparen erstaunlich zinsunabhängig. Das wolle ich vor allem darlegen.

Gruß Finanzwesir


BlackHog sagt am 04. September 2014

Da bin ich ganz bei DIr - es ist vielleicht auch die Frage, ob man vererben oder selber in Saus und Braus altern will ;-). Ist letzteres der Fall, macht eine rechtzeitig Reduktion der Aktienquote schon Sinn. Und bei einem schick gefüllten Altersdepot von - sagen wir mal - 500k EUR und einer noch eher hoch angesetzten Aktienquote von 50% geht es um die Zinsen für 250k in RK1. Und da macht eine Differenz von drei Prozent mehr oder weniger 7500 EUR im Jahr aus. Das sind dann schon ein paar Monatsmieten... Danke für Deine spannenden Blogartikel, lese immer gerne hier rein!


Finanzwesir sagt am 04. September 2014

Hallo BackHog, was die Risikoneigung angeht hast Du recht. Das ist psychologisch. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Was die Altersabhängigkeit der Aktienquote angeht, so habe ich das nie verstanden. Diese Regel "100-Lebensalter = Aktienquote" verknüpft meiner Meinung nach Dinge, die nur mittelbar zusammengehören. Eine von diesen vielen Finanzmythen, die sich auf den ersten Blick plausibel anhören, von denen aber bei genauerem Hinsehen nicht viel übrig bleibt. Ein Dreißigjähriger soll 70% seines Vermögens in Aktien anlegen. Viele Dreißigjährige gründen gerade eine Familie. Familiengründung ist teuer. Was wird aus den laufenden Verpflichtungen, wenn die Börse dann südwärts geht? 70% Aktien sind hier zu viel. Wer 40 ist, soll 60% seines Vermögens in Aktien halten. Warum nicht 80%? Wenn das Kind/die Kinder aus dem Gröbsten raus sind und man seinen Lebensstil gefunden hat und beruflich sehr gut darsteht, kann man es sich leisten die Aktienquote hochzufahren. Selbst Rentner müssen nicht zwangsläufig ihre Aktien in Anleihen umtauschen. Das letzte Kind hat seine Ausbildung abgeschlossen, die Rente ist recht solide. Man hat gekauft, was man im Leben haben wollte, gibt das Geld für Reisen aus, braucht aber keine Businessklamotten mehr. Das angesparte Vermögen dient vor allem zur Aufstockung der Rente. Klar gibt es auch andere Fälle. Wer seinen Lebensunterhalt zum größten Teil aus seinen Ersparnissen bestreiten muß, der wird sein Portfolio viel konservativer strukturieren müssen.

Was ich sagen will ist: Die Aktienquote hängt für mich von der Risikotoleranz und den Lebensumständen und nicht primär vom Alter ab. Wobei natürlich auch das Alter die Lebensumstände bestimmt.


Covacoro sagt am 05. September 2014

Guter Artikel, erfrischende Sichtweise, Zustimmung. :-)


Finanzwesir sagt am 08. September 2014

Hallo Covacoro, schön, daß Du mal wieder vorbeischaust. Danke für die freundlichen Worte.

Gruß Finanzwesir


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