13. Mai 2015


Leserfrage: Ich schaffe keine Sparquote von 70 %. Ist das trotzdem ok?

Leser S. fragt

Es gibt da draußen einige Finanzblogs, deren Autoren bis zu 70 % ihres Einkommens in ihre Geldanlage investieren. Das ist doch schon extrem. Ich schaffe das leider nicht und könnte mit Ach und Krach auf 30 ‒ 40 % kommen.

Ich möchte trotzdem am Lebensabend gut abgesichert sein und ein passives Einkommen über Dividenden aufbauen. Wie errechne ich mir denn am besten meine eigene ideale Sparquote? Woher weiß ich denn, ob ich genug spare?

Der Finanzwesir antwortet

Die Frage, ob Sie genug gespart haben, können Ihre Enkel beantworten. Wenn sie die Beerdigungskosten übernehmen mussten, haben Sie nicht genug gespart.

Ich würde mich da nicht verrückt machen. Es gibt keine ideale Sparquote, sondern nur eine, die zu Ihnen passt.
Wir schauen 20, 30, 40, ja vielleicht sogar 50 Jahre in die Zukunft (ein Dreißigjähriger, der 80 Jahre alt wird).
Über so lange Zeiträume kann man nicht genau planen, da muss man immer wieder nachjustieren.

Diese Faktoren haben Auswirkungen auf die aktuelle Sparrate und auf das Einkommen im Alter.

  1. Ihr Alter: Wer jung anfängt, profitiert vom Zinseszins-Effekt.
  2. Ihre Risiko-Tragfähigkeit: 5 % oder 50 % in Aktien?
  3. Ihre Vorstellungen vom Leben: Single vs. Familienvater.
  4. Ihr Beruf: Welches Einkommen, welche Karrieremöglichkeiten?
  5. Rentenquellen: Nur die gesetzliche Rente oder gibt es eine Zusatzrente (Arbeitgeber, berufsständisch), ist ein Erbe zu erwarten?

Aufgrund Ihrer Zeilen ist es schwer, seriös etwas zu empfehlen.

Im übrigen finde ich eine Sparrate von 30 % sehr ordentlich. Auch hier gilt: Konsequente 20 % sind besser als einmal 30 %, dann 40 % und dann wieder ein halbes Jahr nichts …
Das ist wie beim Essen. Was bringt die Diät, wenn man danach wieder in alte Muster zurückfällt? Angstgetriebenes Zwangssparen hat noch nie langfristig funktioniert. Sobald am Horizont eine Erleichterung erscheint, fließt das Geld wieder.

Und die 70 % Sparquote? Die ist doch bestimmt gelogen!

Ich glaube nicht, dass die Kollegen lügen. Die 70 % sind eine unkonventionelle Zahl, die durch ein unkonventionelles Leben zustande kommt.
Ich vermute, dass es sich in den meisten Fällen um kinderlose Akademiker handelt, die in einer netten kleinen Wohnung in einer größeren Stadt wohnen und deshalb kein Auto brauchen. Wenn es dann noch akzeptabel ist, in Freizeitbekleidung in der Firma zu erscheinen, steht einer 70%igen Sparrate bei gleichzeitigem Einkauf im Bio-Laden nichts entgegen.
Sparquoten von 70 % sind möglich, aber nicht repräsentativ.

Praxistipp

Ich würde erst einmal analysieren: Warum ist meine Sparquote so, wie sie ist? Wo geht das Geld hin? Bekomme ich für mein Geld einen adäquaten Gegenwert?
Wenn die Wohnung der größte Posten ist, kann man rein nach Aktenlage (Excel) sicher sagen: Kürzen Sie da. Wenn Sie hier 10 % einsparen, sieht man das gleich.
Aber: Wollen Sie in einer kleinen, miesen Wohnung direkt an der Ausfallstraße wohnen, nur um die Sparrate zu erhöhen?

Mein Vorschlag ist ein Gedankenexperiment. Nehmen Sie jeden Posten und kürzen Sie ihn um 10 %. Was würden Sie für 10 % weniger bekommen?
Ist dieser Gegenwert

  • inakzeptabel
  • 10 % schlechter
  • eigentlich kein Unterschied feststellbar

Wenn die Antwort "inakzeptabel" lautet, dann sind Sie schon am unteren Minimum, also wird nicht gekürzt.
Bei "10 % schlechter" stellt sich die Frage: Macht das etwas oder können Sie damit leben?
Wenn Sie keinen Unterschied feststellen: Kürzen Sie um 20 %. Was passiert dann?

"Ausgaben unter Kontrolle" ist das Erfolgsgeheimnis aller erfolgreichen Anleger. Wo nichts ist, kann auch nichts angelegt werden. Sparen schafft das "etwas", das man dann anlegen kann.

Fazit

Ich würde die Frage umdrehen:
Statt nach der Sparquote zu fragen, würde ich mir überlegen: "Brauche ich dieses Ding oder will ich es nur?" Oft genug erledigt sich dann die Frage nach der Sparquote.

Zum Weiterlesen

(awa)

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Kommentare

Claudius sagt am 13. Mai 2015

Ich finde mit der Sparquote verhält es sich wie mit der Einkommenssteuer. Wer viel verdient kann auch prozentual mehr zurücklegen, da mit steigendem Einkommen seine Grundbedürfnisse nicht steigen (sollten). Ich persönlich bin Student und kann, egal wie Ich es drehe und wende, nicht viel mehr als meine 10-15% pro Monat sparen und anlegen.

Auf dem Blog von Claudius gibt es hierzu diesen Artikel: Die Top 5 Möglichkeiten, um beim Online shopping Geld zu sparen


PIBE350 sagt am 13. Mai 2015

Meine Sparquote liegt aktuell bei 75%. Ich bin finanziell und materiell wunschlos glücklich, würde aber niemals anderen mein Spardiktat aufdrücken wollen, Finanzwesirs beruhigende Antworten also unterschreiben. ;-)


Chris sagt am 13. Mai 2015

Die Frage ist doch völlig falsch herum gestellt. Erstmal gilt es, den gewünschten Zielzustand zu definieren, dann kann rückwärts ausgearbeitet werden, mit welchen Schritten er erreicht werden kann.

Also nicht "wieviel sollte ich sparen?" sondern "wieviel möchte ich am Ende haben?" - die für das Ziel nötige Sparrate ergibt sich daraus dann ganz alleine.

Der Leser sagt: "Ich möchte trotzdem am Lebensabend gut abgesichert sein und ein passives Einkommen über Dividenden aufbauen."

Was man wissen muss ist ein KONKRETER Geldbetrag, in Zahlen. Da der Individuell ist (manche können sehr spartanisch leben, andre wollen prassen) kann man da schwer pauschalisieren. Ich tu's aber trotzdem mal, damit etwas belastbare Fakten geschaffen werden.

Nehmen wir z.b. an man will 1000€ monatlich an passiven Einkommen durch Ausschüttungen haben. Nehmen wir mal weiter an der Kapitalmarkt gibt eine Rendite von 5% her (beispielsweise Dividenden- und Highyield-ETFs):
12.000€ / 5% = 240.000€ als investierter Grundkapitalstock sind dafür nötig.

Jetzt kann sich auch jeder selbst ausrechnen, wie lange es dauert, auf diesen benötigten Betrag durch Sparen zu kommen. Einfach Zielsumme durch seinen persönlichen Überschuss (Einnahmen minus Ausgaben) teilen. Nehmen wir mal beispielhaft an jemand hat ein Netto-Gehalt von 2000€, und monatl. Ausgaben von 1500€. Bleiben also 500€ über, im Jahr 6000€. Damit würde es 40 Jahre dauern, bis 240.000€ angesammelt sind.

(Das ist nur die simple arithmetische Berechnung, die geometrische mit Zinseszinseffekt (also gleich wieder reinvestierten Ausschüttungen) macht die Sache etwas besser. Schon nach 15 Jahren wären die Zinserträge höher als die eigenen Einzahl-Raten, und nach 25 Jahren hätte man die 240.000€ erreicht.
Auf der anderen Seite ignorieren wir in unserem Beispiel aber auch Faktoren wie Steuern und Gebühren die das ganze wieder schwieriger machen. Die Realität liegt also irgendwo dazwischen)

(achja und das alles ist auf den Fall bezogen, dass man dann auch wirklich NUR die Zins/Div - Ausschüttungen benutzt und nicht gleich auch noch das gesamte Grundkapital zum Konsum antastet. Wird sich in der Realität auch oft anders darstellen)

Das ganze kann jeder bei Zinsspar-Rechnern im Internet individuell für sich durchspielen. Da merkt man dann auch schnell welche möglichen "Stellschrauben" es gibt.
Zuallererst natürlich die individuelle Überschuss-Situation. Einnahmen steigern, Ausgaben senken. Wer ständig nur am finanziellen Limit operiert, kommt damit sein Leben lang auf keinen grünen Zweig. Die individuelle Anspar-Rate die man leisten kann, macht den Unterschied aus ob man am Ende als finanziell unabhängiger Privatier dasteht oder ob dabei "nur" eine kleine "Zusatzrente" herauskommt. Wie gesagt, die Bedürfnisse sind unterschiedlich, aber die zu leistenden Fähigkeiten eben auch.
Das "Problem" ist, solche leichthergesagten Ratschläge dann auch praktisch umzusetzen. "Ja, dann such dir doch einfach nen bessren Job" und "Ja, dann zieh doch einfach in ne billigere Wohnung", und so weiter. Schaff ich nicht, kann ich nicht, will ich nicht, denken dann die meisten Menschen. Ob das so stimmt oder nicht ist ja ihre Sache, nur sollten sie dann auch ihre Träume vom großen Vermögensaufbau dementsprechend gleich mit runterschrauben. Beides gleichzeitig geht nicht.
Genauso ist auch die Ausschüttungsrendite die der Kapitalmarkt in Jahrzehnten noch hergeben wird schwer abzuschätzen. Lieber pessimistischer kalkulieren als zu optimistisch (siehe grad die Probleme der Versicherer). Was die Steuergesetzgebung der Zukunft betrifft, möchte man auch nicht gern nachdenken.

Die "Sparquote" ist jedenfalls das letzte woran man denken sollte. Wie gesagt, zuerst den gewünschten Zielzustand konkretisieren (bestimmte Vermögenssumme bzw. Ausschüttungseinkommen), dann die eigene Einnahme-Ausgaben-Situation analysieren, daraus die benötigte SparHÖHE ableiten mit der das Ziel (in vertretbarer Zeit) erreicht werden kann, daraus ergibt sich dann die "Quote" am Ende von ganz alleine (ob das dann nun 10% oder 60% sind hängt dann immer von Ihren individuellen Möglichkeiten und Zielen ab)


Max sagt am 13. Mai 2015

Hallo,

meine Sparrate liegt über 60%. Ich bin Akademiker ohne Kinder und wohne in einer bezahlten Wohnung. Meine Freundin verdient ihr eigenes Geld. Mein Auto und Motorrad sind beide über 10 Jahre alt (und beide fahre ich immer noch auserordentlich gerne).

Ich spare nur deshalb so viel, weil ich keinen Bedarf habe mir ständig "Zeugs" (oder Schrott?) zu kaufen. Ich lebe jedoch sehr gut und wenn ich Lust habe teuer Essen zu gehen, dann tue ich das natürlich. Das Sparen ist für mich also kein Opfer sondern eher bedächtiger Umgang mit Geld.

Würde ich weniger verdienen oder hätte ich Kinder, fände ich eine Sparrate von 10% auch völlig in Ordnung. Als ich noch jünger war und die Wohnung noch nicht bezahlt war, hatte ich eine deutlich geringere Sparrate.

Ich finde man sollte sich zuerst überlegen was man JETZT benötigt und sich nicht verrückt machen, weil andere mehr sparen. Ich habe ohnehin den Eindruck, daß >50% der deutschen Bevölkerung auf Kredit lebt.


Mitleser sagt am 14. Mai 2015

Hallo und Guten Tag, Leser "S",

hier ein paar weitere, interessante Artikel zum Thema "Sparquote":

http://www.3-2-1-gleich-reich.info/2014/03/14/der-schluessel-zur-finanziellen-unabhaengigkeit-die-sparquote
http://www.finanzello.de/1004/der-schluessel-zu-sparvermoegen-und-finanzieller-unabhaengigkeit
http://www.jensjaeger.de/die-mathematik-der-finanziellen-freiheit
http://www.langsam-reich-werden.de/wie-weit-bringt-dich-deine-sparquote
http://www.smart-reich-werden.de/vermoegen-aufbauen/du-willst-millionaer-werden-so-gehts

Gruß, Mitleser.


HF sagt am 19. Mai 2015

Die Zeit bis zum Erreichen der Schwelle, bei der passives Einkommen die Lebenshaltungskosten übersteigt, sinkt bei Sparquoten über 50% dramatisch ab. Statt von vierzig Jahren redet man dann von weniger als einem Jahrzehnt. Das kann eine starke Motivation sein, und neu planen kann man danach immer noch.


Viktor Wenzel sagt am 11. Dezember 2015

Ein liebes Hallo an die Community, Ich denke hohe Sparqouten (50-70%) sind moeglich ich verweise auf 2 sehr schoene Blogs zu dem Thema: http://www.mrmoneymustache.com/ http://zenhabits.net/archives/

Finanzwesir tolle arbeit weiter so!


Janne sagt am 04. März 2018

Mit was für einem Zins muss man eigentlich rechnen, wenn man nach den üblichen Regeln sein Geld anlegt, also World /EM zu 70/30.
Ich habe hier mal von durchschnittlich 4% gelesen aber gilt das auch für die Ansparphase?
Da zahlt man ja noch keine Steuern (oder sehr wenig, bei thesaurierenden etf), Gebühren sind auch relativ gering wenn man einen geeigneten sparplan hat. Nur die Inflation haut nach wie vor rein.
Oder habe ich da nen Denkfehler?


Finanzwesir sagt am 05. März 2018

Hallo Janne,

"Mit was für einem Zins muss man eigentlich rechnen..."

Mit gar keinem. Es gibt keine Zinsen. Definition Zinsen:

"Als Zins bzw. Zinsen wird der Geldbetrag bezeichnet, mit dem ein Schuldner für geliehenes Kapital bezahlt. In diesem Sinne kann der Zins auch als Preis des Geldes bezeichnet werden. Die Höhe der Zinsen wird in Prozent gemessen und durch den Zinssatz angeben."

Aktien und deshalb auch Akienfonds (egal ob ETFs oder klassisch) sind unternehmerische Beteiligungen. Du kaufst einen Anteil am Unternehmen und hofffst auf

  • Kursgewinne (Dein Firmenanteil wird wertvoller)
  • Dividenden (Dein Anteil am Gewinn)

Auf beides besteht kein Rechsanspruch wie beim Zins. Wenn Du eine Siemensaktie kaufst, schuldet Dir Siemens nichts. Wenn der Laden insolvent wird, ist das Geld weg. Unternehmerisches Risiko.

Die 4% - 9% sind das langjährige Mittel (langjährig = mindestens 10 Jahre, besser 20 Jahre als Betrachtungszeitraum). Die Zahl schwankt, je nach dem ob sie vor oder nach Steuer angegeben wird und ob die Inflation berücksichtigt wird.
Aber egal welche Zahl es ist, es wird nie ein Jahr geben, in dem Du 4% erwirtschaftest. Es werden zwischen minus 50 und plus 40 Prozent sein. Wenn Du all diese -50/+40-Jahre mittelst, kommt die 4% raus.

Gruß
Finanzwesir


CarstenP sagt am 06. März 2018

@Janne

Wie der Finanzwesir schon sagt beim Investieren in Aktien spricht man nicht von einem Zins. Man kann allerdings langfristig eine Rendite erwarten. Doch woher kommt diese Rendite?
Mir fallen 2 Möglichkeiten ein, wie man die Aktienmarktrendite verstehen kann:

Erstens rein fundamental, eine Aktie verbrieft einen Anteil an einer Aktiengesellschaft. Was dabei wichtig ist, als Anteilseigner hat man auch einen Anspruch auf einen Anteil der zukünftigen Gewinne.
Wenn man sich also das Kurs-Gewinn-Verhältnis anschaut, dann kann man also schon ein Gefühl dafür bekommen, wie viel Gewinn eine Aktiengesellschaft relativ zum Aktienkurs erwirtschaftet.
Doch damit hat man noch keine Rendite, weil die große Unbekannte ist der Aktienkurs, der wird nämlich am Markt bestimmt. Der Aktienkurs hängt stark von Neuigkeiten und der Stimmung/Meinung aller Marktteilnehmer ab und was sie bereit sind für die evtl. zukünftigen Gewinne jetzt zu bezahlen, und das kann kurzfristig stark schwanken.
Die Gewinne selbst schwanken natürlich auch. Doch langfristig sollten die Aktienmarktkurse das allgemeine Wirtschaftswachstum/Gewinnwachstum widerspiegeln und somit dem Investor eine Rendite (inkl. Gewinnausschüttungen) bescheren.

Zweitens rein Finanz-theoretisch, ein rationaler risikoaverser Investor sollte für das Eingehen von Risiko, eine Risikoprämie verlangen.
Hier an einem Beispiel was das bedeutet:
Es wird eine faire Münze geworfen, bei Kopf bekommt man 2 EUR, bei Zahl bekommt man nichts. Was ist dieser Münzwurf wert?
Ganz nüchtern betrachtet, ist der Münzwurf exakt 1 EUR wert, wenn man den Münzwurf unendlich oft wiederholen könnte, dann ergäbe sich im Mittel genau 1 EUR.
Doch wir können nicht unendlich lang Münzen werfen und die Möglichkeit bei Zahl mit 0 EUR einen Verlust zu erleiden, stellt ein Risiko dar, also verlangt man rationalerweise eine Risikoprämie und der Münzwurf ist einem dann z.B. nur 0,90 EUR wert.
Damit verschiebt der rationale Investor die Quote zu seinen Gunsten, bei Kopf gewinnt er 1,10 EUR und bei Zahl verliert er 0,90 EUR. Im langfristigen Durchschnitt kann er somit eine Rendite von 0,10 EUR pro Münzwurf erwarten. Wohingegen derjenige, der nicht in diese riskanten Münzwürfe investiert, nur die risikolose Rendite von 0,00 EUR bekommt.
Doch kurzfristig sind die Ergebnisse reiner Zufall, wenn man Glück hat, kommt mehrmals Kopf infolge, und wenn man Pech hat, kommt einmal Zahl und man ist pleite.
Doch dieses Problem lässt sich abmildern, indem man nicht alles in nur einen Münzwurf investiert, sondern sein Kapital über viele Münzwürfe streut. Das schöne daran ist, dass der langfristige Erwartungswert erhalten bleibt, die Streuung der Ergebnisse aber reduziert wird und ein Totalverlust nahezu unmöglich wird, dafür müssten ja alle Münzen gleichzeitig Zahl zeigen, das nennt sich dann Diversifikation. Allerdings ist die Kehrseite der Diversifikation, dass es dadurch auch nahezu unmöglich wird ganz schnell reich zu werden.
Tatsächlich werden an den Kapitalmärkten Risiken eingepreist, das ist wichtig für das effiziente Funktionieren der Märkte, dass diejenigen, die ihr Eigenkapital riskieren, mit einer Risikoprämie belohnt werden. Daher gibt es in der Theorie auch keine risikolosen Überrenditen, die praktischen Märkte halten sich erstaunlich gut an diesen Grundsatz...

Also halten wir fest, wenn man langfristig breit gestreut in den Aktienmarkt investiert, dann gibt es gute Gründe eine Rendite größer als der risikolose Zinssatz zu erwarten. Für diese Rendite gibt es allerdings keine Garantie, das ist das Risiko was man eingeht, und kurzfristig kann am Markt alles mögliche passieren.


Janne sagt am 07. März 2018

Vielen Dank für die Antworten an finanzwesir und Carsten P.
Nun sehe ich um einiges klarer.
Wenn ich nun den zinsrechner anschmeiße, rechne ich dann mit durchschnittlich 4% Wert Steigerung durch Dividenden und kurssteigerungen?
Der vanguard all World macht ja im Durchschnitt 8%, die kosten liegen bei 1,50€ pro sparplanausführung. Das sind 0,16 %. Inflation und Steuern werden ja erst bei Auszahlung "fällig".
Ich würde denken ich müsste sozusagen vom endbetrag Inflation und Steuern abziehen und nicht schon in der ansparphase.
Wo ist mein Denkfehler?


Matthias sagt am 07. März 2018

@Janne

Das, was du annimmst und schlussfolgerst, ist für mich sehr unverständlich.

  1. Warum sollte der genannte ETF dauerhaft 8% „machen“?
  2. Wenn 1,50 Euro 0,16% sind, hast du eine monatliche Sparrate von 937,50 Euro. Ist das so?
  3. Was hast du mit der Inflation für Probleme?

CarstenP sagt am 08. März 2018

@Janne

Übrigens, die dritte von den 2 Möglichkeiten, wie man die Aktienmarktrendite verstehen kann, ist, dass absolut niemand weiß, wie der Aktienmarkt wirklich funktioniert.
Also schaut man in die Vergangenheit (Warnung: Die in der Vergangenheit erzielte Performance ist kein Hinweis auf die zukünftige Wertentwicklung.). Ich bin zwar kein Freund der Chartanalyse, doch selbst mir fällt es schwer diesen langfristigen Aufwärtstrend zu übersehen oder ihn gar als reinen Zufall abzutun.
Also falls einem die anderen Rendite-Erklärversuche nicht reichen, kann man natürlich auch frei nach dem Motto "the trend is your friend" auf den langfristigen Aufwärtstrend setzen.

Der vanguard all World macht ja im Durchschnitt 8%

Diese Aussage ist leider falsch, richtiger wäre:
Der Vanguard All-World hat in der Vergangenheit im Durchschnitt 8% p.a. gemacht (hab die Zahl nicht überprüft).
Das sagt leider nichts darüber aus, was er in der Zukunft machen wird. Du kannst zwar diese 8% als Erwartungshaltung einnehmen, doch was im Endeffekt passiert, kann keiner vorhersehen.
Du kannst Glück haben und er macht die nächsten 20 Jahre 15% p.a. oder du hast Pech und es sind nur 1%. Trotzdem egal was kommt, ist das ein gutes Investment gewesen, solange es einen guten Grund für eine Renditeerwartung (angemessen fürs eingegangene Risiko) größer als der risikolose Zinssatz gab.
Übrigens ist die Renditeerwartung für Aktien unter den "Experten" zurzeit deutlich gedämpft für die kommenden Jahre, aber auch die können die Zukunft nicht vorhersehen...

Zu deinen anderen Fragen, die Steuer zahlst du auf deinen Gewinn, von den 8% möchte der Staat 25% Abgeltungssteuer abhaben (+Soli und evtl. Kirchensteuer), damit bleiben dir nach Steuern nur noch ca. 6% Rendite.
Geschickter ist es allerdings die Gewinne nicht jedes Jahr versteuern zu lassen (was man ja auch normalerweise nicht tut wenn man langfristig hält und nicht unbedingt 8% Ausschüttung haben möchte), doch die Steueroptimierung ist ein Thema für sich.
Die Inflation hingegen arbeitet von der anderen Seite, sie lässt deine Kaufkraft sinken, d.h. wenn du dieses Jahr für 1000 EUR 500 Stücke Butter kaufen kannst, dann sind es nächstes Jahr bei 2% Inflation nur noch 490 Stücke Butter, die du für 1000 EUR kaufen kannst.

Zusammengefasst, von der angenommenen nominalen Rendite von 8% bleibt nach 25% Steuern und 2% Inflation nur noch ein realer Wertzuwachs von 4%. Mit dem Zinsrechner kannst du halt rumspielen und mal schauen, wie ist die nominale Wertentwicklung, wie ist der Einfluss der Steuern, was bleibt real übrig usw.


Janne sagt am 10. März 2018

Danke für die Antworten, nun sehe ich klarer.
@matthies - ich hab nicht geschrieben dauerhaft sondern in durchschnitt.
-ja das ist ungefähr meine sparrrate.

@carstenP
Das würde ja bedeuten, nominale Rendite von 8% - Inflation - steuern.
Da mein Freibetrag noch nicht ausgeschöpft ist und ich auf nen thesaurierer Switchen werde, wenn er ausgeschöpft ist, könnte ich ja mit 6% rechnen, wenn die Zinsen niedrig bleiben.
Oder?


Kirk sagt am 27. März 2019

Schöner entspannter Artikel. Die Sparquote gehört der Lebensphase und -situation angepasst. Meinem Neffen in der Ausbildung 10% Sparquote auf einen ETF-Sparplan abzuverlangen, ist fast schon zu hart. Da dürfen es gerne erstmal auch nur 5-10% sein.
In dem Absatz zur 70 % Sparquote fühle mich gnadenlos erkannt. Passt exakt auf mich.


MCTired sagt am 30. März 2019

Vielleicht sollte man sich auch nicht zu sklavisch an einen Prozentsatz (Sparquote) klammern, sondern auch mal die absoluten Zahlen dahinter betrachten.

30-40% von Viel kann mehr sein als 70% von Wenig.


CarstenP sagt am 01. April 2019

@MCTired

Die Sparquote sagt evtl. noch mehr aus als nur was in absoluten Zahlen gespart wird. Sie sagt indirekt aus, wie viel zum Leben benötigt wird.
Wenn jemand "nur" 30-40% von Viel sparen kann, dann heißt das, dass 60-70% von Viel ausgegeben werden.
Und 70% von Wenig zu sparen, heißt 30% von Wenig reichen zum Leben. Mit anderen Worten, mit 66% Sparquote, spart man jedes Jahr die Kosten für 2 Jahre. Mitt 33% Sparquote braucht man 2 Jahre um die Kosten für ein Jahr zu sparen...


Maike sagt am 20. April 2019

Und wofür spart ihr so viel? Insbesondere die kinderlosen Akademiker, die wahrscheinlich auch noch im öffentlichen Dienst sind und eine sehr gute Rente erwarten können?
Damit ihr nachher das schickste Altersheim bezahlen könnt? Oder damit eure Nichten und Neffen nachher einen bitterbösen Familienstreit führen können, wer das am Ende alles auf den Kopf hauen darf?

Oder ist es in Wirklichkeit vielleicht so, dass ihr viel mehr verdient, als ihr eigentlich zum Leben braucht oder wollt?
Falls ja, herzlichen Glückwunsch.
Dann lästert aber nicht über diejenigen, die gerne von dem Geld auf die Malediven fahren. Vielleicht ersparen sie ihren Nichten und Neffen einfach nur vorausschauend den Kummer ;).


Nostradamus sagt am 22. April 2019

@Maike:
Manch einer spart zum Beispiel, damit er mit 40 in Rente gehen kann. In Deutschland dürfte der Frugalist Oliver am bekanntesten sein, der wie ich gelesen habe bald nicht mehr kinderlos sein wird und dann wahrscheinlich wunderbar zeigen wird, dass er das auch mit Kind weiterhin so (ähnlich) durchzieht.
Andere wollen zumindest nicht bis 70 arbeiten, sondern es sich leisten können, zumindest ein paar Jährchen früher aufzuhören.
Vielen ist wichtig, dass sie einen Verlust der Arbeitsstelle im höheren Alter verschmerzen könnten, weil sie dann eben genug Rücklagen gebildet haben.
Sehr attraktiv finde ich auch, zwar schon zu arbeiten, aber nicht mehr auf das Einkommen in der Form angewiesen zu sein, dass man sich abbuckeln muss, weil man das Geld halt braucht.
Mit ausreichend Rücklagen hat man den Luxus, auch einfach mal zu kündigen und was anderes zu machen. Stichwort "Finanzielle Freiheit".


CarstenP sagt am 22. April 2019

@Maike
Na die sehr gute Rente gibt es aber erst, wenn man schon halbtot ist. Manch einer spart evtl. so viel um schon lange vor der Rente mehr Zeit mit seinen Kindern auf den Malediven verbringen zu können...


Timo sagt am 22. April 2019

Als kinderloser Akademiker in der freien Wirtschaft möchte ich mal die frage stellen, warum eigentlich immer auf uns gezeigt wird? Das ist ja schon fast so sprichwörtlich, wie die kaputte Waschmaschine, die vom Notgroschen ersetzt werden können muss.

Und, nur weil ich kurz nach dem Studium (bzw. der Promotion) kinderlos bin heißt das ja nicht, dass das so bleibt.
Wenn ich mir jetzt einen Lebensstandart "angewöhne" für den ~70% meines Einkommens reichen, brauche ich mich später dann nicht verbiegen wenn meine Freundin einzieht und das erste Kind kommt.
Dann brauche ich "nur" die Sparquote runterfahren in dem guten Gewissen, dass der Zinseszins aus meinem Ersparten der "fetten Jahre" (-> kinderloser Akademiker) eine anständige Altervorsorge macht. Wenn also alles nach Plan läuft, kann ich meinen jetzigen Lebensstil bis zur Urne inflationsbereinigt und an die körperlichen Möglichkeiten angepasst durchziehen.
Und egal ob Akademiker, Handwerker oder Sozialhilfeempfänger, ich glaube nicht, dass irgendwer Jahrgang 1980 und jünger alleine von seiner gesetzlichen Rente leben kann (existieren vielleicht, aber mehr..)

Aber klar, wenn die Miete im unteren Einkommensbereich bereits 40-70% des Einkommens verbraucht liegt das oftmals nicht zwangsweise daran, dass man über seine verhältnisse wohnt.
Und das dann 30% Sparquote unrealistisch ist, sollte auch klar sein. Dennoch sollte heutzutage jeder nicht nur jeden Euro, der am Ende des Monats übrig ist, für die Altersvorsorge sparen/investieren sondern sich vielmehr (wie schon tausendmal gesagt wurde) am Anfang des Monats selber bezahlen.
Und wenn man erstmal nur meint, dass mehr als 25€ im monat nicht machbar sind, dann fängt man dait an. Zieht das ein wenig durch und irgendwann sagt man sich vielleicht, 'ach komm, 50€ schaffe ich auch'. Und so wird das dann sukzessive mehr.

Bei mir ist s sogar so, dass ich irgendwie durchs (passive) investieren richtig "angefixt" wurde und jetzt kaum meine Bonuszahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld) abwarten kann um noch mehr zurück zu legen.
Die Rückzahlung meiner gestundeten Studiengebühren macht zwar leider meinen schönen Notgroschen kaputt (hatte erst nächstes Jahr mit der Rückzahlung gerechnet), aber ich finde es klasse, so eine Summe "vom Spesenkonto" zahlen zu können ohne eine unruhige Nacht zu haben. Das motiviert mich meine Ausgaben (Konsum) noch unter das angesetzte Budget zu reduzieren um den Notgroschen schneller wieder aufzufüllen.

Grüße
Timo


Niko sagt am 22. April 2019

Wenn man sich eine hohe Sparrate leisten kann - warum nicht?
Ich wäre lieber in der Position, sparsam leben zu können als sparsam leben zu müssen. Letzteres ergibt sich ganz von selbst z.B. mir der Gründung einer Familie oder dem Erwerb eines Eigenheims (oder beidem zusammen, was nun nicht gerade selten vorkommt).
Sparsamkeit ist in der Regel kein Selbstzweck, sondern jeder wird seine Gründe haben, weshalb oder wofür er spart. Wobei ich das sparsam eher mit genügsam ersetzen würde.

Gerade, wenn die Familiengründung ansteht, kann es von Vorteil sein, wenn man einen genügsamen Lebensstil gewohnt ist.
Es erhöht die Chancen, dass man nicht so leicht der (laut "Ja, aber wenn du erstmal Kinder hast..."-Argumenteure mit Geburt des ersten Kindes anscheinend unvermeidlichen) Lifestyle-Inflation unterliegt und sich auch mit den Herausforderungen, die so ein neuer Lebensabschnitt mit sich bringt, nicht finanziell übernimmt.

Wenn jemand sein Geld stattdessen lieber für zweimal Malediven pro Jahr ausgibt - who cares? Ist ja nicht meine Kohle.


Tf sagt am 15. Juni 2019

Wir haben zwei kleine Kinder und ein eigenes Haus.
Ich denke das was man erst einmal lernen muss ist, dass man das meiste nicht braucht.
Auch jeden Abend essen zu gehen etc. Ab und zu super.
Freunde von mir machen nach ein paar Jahren arbeite eine Weltreise für ein Jahr. Auch gut, leider nicht wirklich ein investment sondern eher Konsum...
Mit half das Buch: der Reichste Mann von Babylon, als Einstieg.
70% Konsum 20% Schulden tilgen 10% investieren. Trotzdem meine Frau noch in Elternzeit ist sparen wir ca 30% 1500€ ca. wobei hier Kredit Sondertilgung nicht inbegriffen ist.
Es gibt für den Anfang sehr gute Apps, welche die Ausgaben automatisch gruppieren. Hier kann man ziemlich schnell erkennen wo die täglichen kleinen Dinge konsumiert werden.

Erst einmal anfangen und dann steigern. Es es schließlich kein Sprint sondern ein Ausdauerlauf. :)

Auf dem Blog von Tf gibt es hierzu diesen Artikel: Keiner


Das Buch zum Blog: 440 Seiten voller Informationen. Jetzt im Handel erhältlich.


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