17. Dezember 2021


Sind drei ETFs zwei zu viel?

Leser M. schreibt

Ich habe versucht, den Aufbau meines ETF Depots von Anfang an zu "perfektionieren". Dazu habe ich zunächst einen ausschüttenden ETF auf den MSCI World gekauft, um den Sparerpauschbetrag auszuschöpfen. Ab einem bestimmten ETF-Wert habe ich jeweils einen thesaurierenden MSCI-World-ETF und einen thesaurierenden Emerging-Markets-ETF dazugekauft.

Jetzt ist absehbar, dass der ausschüttende ETF bald "zu viele" Ausschüttungen abwirft, sodass der Steuervorteil an Wert verliert und die drei ETFs das Depot leicht verkomplizieren, die Übersichtlichkeit nicht optimal ist. Auch im Alter wird die Auszahlung (leicht) komplexer.

Mein Plan ist, langfristig auf eine einfache Ein-ETF-Lösung mit einem thesaurierenden MSCI ACWI umzusteigen. Haben Sie einen Beitrag oder Tipps, ob so ein Plan sinnvoll ist und wie sich dieses größere Umschichten am besten umsetzen lässt? Der Depotwert liegt im fünfstelligen Bereich, die Gewinne im mittleren vierstelligen Bereich.

Der Finanzwesir antwortet

Was das Umschichten angeht: Gewinne im mittleren vierstelligen Bereich bedeutet: Rund 5.000 Euro. Die 801 Euro Freibetrag werden von den Ausschüttungen in Anspruch genommen. Das bedeutet: Die Gewinne sind voll zu versteuern. Kapitalertragssteuer plus Soli sind 26,375 %.
Die Umschichtung kostet

  • Steuern: Zwischen 1.200 und 1.500 Euro (25 % von 5.000 - 6.000 €)
  • Transaktionsgebühren: Drei mal Verkauf, einmal Kauf. Das kann je nach Broker nichts oder zwischen 100 und 200 Euro kosten. Überschlägig gilt: Ausschütter im Wert von 50.000 Euro liefern rund 800 Euro an Ausschüttungen. 50.000 in den ACWI kosten bei Scalable 3,99 Euro, bei Consors 69 Euro.
  • Zeit: Erst muss M. sich für den perfekten MSCI ACWI entscheiden und dann die Transaktionen durchziehen.

Und das alles, nur um zwei Zeilen loszuwerden?

M.s Problem

Das Problem sind die Worte "perfektionieren", "optimal" und "übersichtlich". Investieren heißt Kontrollverlust. Perfekt und optimal haben da keinen Platz. Statt dessen heißt die Devise: robust und so gut wie nötig.
Perfekt und optimal funktionieren nur, wenn

  1. klar definiert ist, was denn perfekt und optimal bedeuten und
  2. das Perfekt und das Optimal des Jahres 2021 auch noch 2032 perfekt und optimal sind.

Beim Investieren heißt das große Ziel "Nicht arm sterben" und das lässt sich mit einem und mit drei ETFs erreichen. Diese ganze Optimiererei ist nur Nachkommastellengefummel.

Entscheidend für den Erfolg sind

  1. Das allgemeine Börsenregime. Wenn es gut läuft, hebt die Tide alle Boote und wenn es schlecht läuft, dann für alle.
  2. Die politische Großwetterlage. Reichensteuer, Kapitalertragssteuer, was immer sich die Politiker ausdenken mögen.

Das führt zu diesen enormen Spreizungen, wenn man den Monte-Carlo-Simulator mal 10.000 mögliche Depot-Zukünfte ausrechnen lässt.

Monte Carlo Simulation

839.043 Dollar versus 5.560.377 - das ist ein Faktor von 6,6.
Und der hängt weder von der Zahl der Zeilen im Depot ab, noch von irgendwelchen Steuerspartricks.

Was wir eigentlich tun

Wir sind keine ETF-Sparer, sondern Indexer. Das ist ein gravierender Unterschied. Wir besparen Indizes. Die ETFs sind nur willenlose Minions; austauschbares Kanonenfutter.

M.s Investorenreise

  1. Investment-Idee: Ich möchte in die großen und mittleren Firmen von 23 Industrieländern investieren. Passender Index: MSCI World (hätte ja auch der FTSE Developed World sein können).
  2. Investment-Idee: Ich möchte die Welt komplett abdecken und auch an den großen und mittleren Firmen der 26 Schwellenländer beteiligt sein. Passender Index: MSCI Emerging Markets. Der ist genau auf den MSCI World abgestimmt.
  3. Die Sache mit dem ACWI ist keine neue Investment-Idee. M. ist nach wie vor in 23 Industrie- und 26 Schwellenländer investiert. Das Einzige, was sich ändert, ist die Gewichtung; aber egal ob 70 / 30, 80 / 20 oder 90 / 10 - diese Differenzen werden im Rauschen der kommenden Jahrzehnte untergehen.

Noch ein bisschen taktische Nachkommaverwirrung

"Auch im Alter wird die Auszahlung (leicht) komplexer."

Dafür aber flexibler. Beim Verkauf gilt Fifo: Was zuerst gekauft wurde, verlässt das Depot auch als erstes.

  • MSCI ACWI: Fifo und fertig
  • Drei ETFs: M. hat drei Fifos, aus denen er wählen kann. Ja, jede einzelne ETF-Position muss ge-fifot werden. Aber wenn das World-Fifo steuerlich ungünstig ist, kann M. ja den EM fifoen.

Nehmen wir an, 2037 verkauft M. ETF-Anteilsscheine im Wert von 10.000 Euro. Unrealistische Annahme: In den nächsten 15 Jahren ändert sich das Steuerregime nicht. Aber trotzdem, lassen Sie uns mal rechnen:

  • World: Von den 10.000 Euro hat M. 8.000 Euro eingezahlt und 2.000 sind Gewinne. Steuersatz 26,375 % auf 2.000 Euro. Macht rund 500 Euro. M. verkauft World-Anteilsscheine im Wert von 10.000 Euro und 9.500 Euro landen auf seinem Girokonto.
  • Emerging Markets: Von den 10.000 Euro hat M. 5.000 Euro eingezahlt und 5.000 sind Gewinne. Steuersatz 26,375 % auf 5.000 Euro. Macht rund 1.300 Euro., M. verkauft EM-Anteilsscheine im Wert von 10.000 Euro und 8.700 Euro landen auf seinem Girokonto.

Nun kommt es auf die Mikrolage an. Wie sieht es mit Krankenkasse, steuerlichen Grenzen und anderen Bürokratismen aus. In diesem taktischen Bermudadreieck muss sich M. dann entscheiden, welche Option in der aktuellen Situation das Gesamtvermögen optimiert. Sorgt der MSCI World dafür, dass er irgendwelche steuerlichen Höchstgrenzen nicht reißt oder hilft ihm der EM bestimmte Hürden zu überspringen, so dass er als unbilliger Härtefall gilt und Erleichterungen beantragen kann? Das wird man dann 2037 sehen.
Fachwort: Holistische Herangehensweise.
Als Optionalitäts-Sammler bevorzuge ich die Drei-ETF-Lösung.

  • Downside: Drei Einträge in die Anlage KAP statt nur einer. Was das Depot angeht: Da halte ich es wie mit dem Zimmer meiner Tochter: Ich besuche es nicht täglich, dann kann ich über die Unordnung hinwegsehen.
  • Upside: Ich habe ein paar mehr Freiheitsgrade beim Verkaufen.

Wie gesagt, alles Nachkommakram. Aber wenn ich Optionalität billig mitnehmen kann: Warum nicht?

Thesaurierer oder Ausschütter

Bier oder Wein, Alster oder Elbe, BVB oder Schalke - alles Belanglosigkeiten, über die man sich stundenlang ereifern kann.

"Dazu habe ich zunächst einen ausschüttenden ETF auf den MSCI World gekauft, um den Sparerpauschbetrag auszuschöpfen."

Dieses "die 801 Euro ausschöpfen" hat sich mir nie erschlossen. Was soll das? Wer einen Thesaurierer will, kauft sich gleich einen und zahlt in der aktuellen Situation gar keine Steuern. Der Basiszinssatz liegt aktuell bei -0,45 %. Worauf das Bundesministerium der Finanzen bedauernd feststellt:

"Aufgrund des negativen Basiszins wird keine Vorabpauschale erhoben."

Thesaurierer so: Tschakka!

Im Jahr 2020 lag der Basiszinssatz bei fast Null (0,07 %). Wenn das jetzt noch eine Weile so weitergeht, haben wir das folgende Szenario:

  • Ausschütter: Schüttet aus. Aber der Staat kriegt nix, weil ja unter 801 Euro. Der deutsche Steuerzahler kurz vor dem Orgasmus: Ich! zahle!! keine!!! Steuern!!!! Ich muss die Ausschüttungen zwar wieder anlegen, aber als Brokerfuchs geh’ ich immer dahin, wo das nichts kostet. Und meine Zeit ist nichts wert.
  • Thesaurierer: zahlt einfach keine Steuern.

Nun steigen die Zinsen wieder. Der Thesaurierer fängt an Vorabpauschalen zu zahlen. Dann - wenn der Basiszins über zwei Prozent klettert - zahlt der Thesaurierer mehr Vorabpauschale als der Ausschütter mit seiner Flat-Fee von 26,375 %.

Der Ausschütter zum Thesaurierer: "Hö, hö, siehste, jetzt bin ich besser!"
Finanzminister zum Ausschütter: "Nix da, Gerechtigkeitslücke! Die Vorabpauschale entspricht einer Kapitalertragssteuer von rund 30 %, das zahlst Du jetzt auch."
Soviel zum Thema: Wie gut altern "Perfekt" und "Optimal"…

Das Einzige, was bleibt wenn der Thesaurierer dereinst gefifot wird:

  • Der Sparplan kichert höhnisch: Welcher Anteil welcher Vorabpauschale wird jetzt noch mal für diesen Teilverkauf angesetzt?
  • Ein Sparfuchs wechselt regelmäßig den Broker. Kann man nach drei Brokerwechseln den Berechnungen des Brokers noch trauen oder rechnet man das besser selbst mal nach?
  • Wenn ja, wie lautet der Rechenweg? Was muss wo abgezogen werden?
  • Und vor allem: Die Dokumentation - Alles Kraut und Rüben, man findet ja nichts. Wer hat diesen Mist denn so beschissen abgeheftet?

Was sollte M. tun?

Einfach weiter seine beiden ETFs besparen, sein Leben leben und dafür sorgen, dass 801 Euro nur noch ein Rundungsfehler sind.

(awa)

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