07. Mai 2014


Was tun mit einer Million?

Blogger Dimitri vom Moosparade-Blog stellt die Frage: "Was würdest Du mit 1.000.000 Million Euro machen?"
Zuerst sicher ein Furcht einflößender Gedanke. Was mache ich mit dem vielen Geld? Wie sorge ich dafür, dass mir nicht wieder alles durch die Lappen geht? Wie gewonnen, so zerronnen. Man will ja nicht so enden, wie der legendäre Lotto-Lothar.

Deshalb kommt das Geld ‒ Besonnenheit ist erste Bürgerpflicht ‒ erst ein mal aufs Tagesgeldkonto. So wird wenigstens der Inflationsverlust halbwegs ausgeglichen. Übereilte Investitionsentscheidungen vernichten mit Sicherheit mehr Kapital als drei Monate Parken im Tagesgeld.
Dann würde ich Excel auspacken und einige Berechnungen anstellen. Ich habe festgestellt, dass ein Tabellenkalkulationsprogramm oder sein kleiner Bruder, der Taschenrechner, in Finanzdingen die besten Ratgeber sind. Egal, ob es um 100, 1.000, 10.000 Euro oder ‒ wie hier ‒ um 1 Million Euro geht.

Ich würde zwei Grenzwertbetrachtungen durchführen:

  1. Welche lebenslange Rente werfen 1.000.000 Euro ab, wenn ich nach Steuern und Inflation (Realrendite) mit 2 %, 3 %, 4 % rechnen kann? Der Kapitalstock wird dabei nicht angetastet, deshalb muss die Summe jedes Jahr steigen, um den Kaufkraftverlust auszugleichen. Die erwartete Realrendite liegt langfristig bei einer Investition in Standardaktien bei 4 %. Mehr sind realistisch nicht drin. Die beiden anderen Renditen dienen der Abschätzung nach unten. Damit stehen pro Jahr zwischen 20.000 Euro und 40.000 Euro zur Verfügung.

  2. Wen ich unverzüglich kündige: Wie lange dauert es, bis die Million bei meiner heutigen Burnrate verbraucht ist? Unter der Annahme, dass ich wie oben angesprochen zwischen 2 % und 4 % Realrendite erziele. Dazu muss ich wissen, wie viel Geld ich aktuell monatlich brauche und wie sich mein Geldbedarf wohl in den nächsten Jahren entwickeln wird.

Diese beiden Zahlen bilden die Eckpunkte meiner Kalkulation. Nun ist Philosophiestunde angesagt. Wer bin ich, was will ich vom Leben und wie möchte ich mich entwickeln? Möchte ich beruflich kürzertreten, eine Immobilie bewohnen, in ein südliches Land umziehen, viel reisen oder wenig reisen, weil ich mit meinem Resthof in Meck-Vorpomm genug zu tun habe? Was sagen die Menschen, die mir wichtig sind, zu meinen Plänen?

Aus meiner Lebensplanung ergibt sich ein bestimmter monatlicher Geldbedarf. Dieser Geldbedarf wird ganz oder teilweise durch die mit der Million erwirtschaftete Rendite gedeckt. Das gibt mir die Freiheit, weniger zu arbeiten oder bei der Arbeit größere Risiken einzugehen. Ich muss nicht immer brav dieselbe Meinung wie der Chef haben, sondern kann mir eine eigene leisten. Sollte es darüber zum Bruch kommen, habe ich genügend Reserven, um eine Jobsuche zu überleben.

Erst wenn diese lebensphilosophischen Fragen geklärt sind, würde ich darüber nachdenken, in welche Investmentvehikel ich konkret investiere.

Worin konkret investieren?

Ich würde eine passive Anlagestrategie wählen und in einen Mix aus Aktien-ETFs und Anleihen investieren so wie ich es in diesem Artikel beschrieben habe.

(awa)

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Kommentare

Neugieriger sagt am 26. Dezember 2016

Hallo Finanzwesir,

dieser Blog hat mir sehr geholfen Klarheit in den Dschungel der möglichen Geldanlagen zu bringen. Vielen Dank dafür! Ich würde gerne Ihre Meinung zu dem Thema: "welche Strategie soll man verfolgen, wenn man eine wirklich grosse Summe mit einem mal zu investieren hat" erfahren. Ist es wirklich sinnvoll, dann für den risikobehafteten Teil des Depots bei einer 2 ETF Lösung aus MSCI World und Emerging Markets zu bleiben ?

Gerd Kommer bildet in seinem Muster Portfolio https://www.justetf.com/de/public-portfolio-profile.html?publicPortfolioId=15439511 den Aktienanteil über 7 verschiedene Fonds ab. Ist der Mehraufwand nicht berechtigt, wenn der Anlagebetrag hoch genug ist? Das Rebalancing sollte dann ja kein Problem sein.
Zuerst mal mit einer 2 ETF Lösung anfangen, um dann nach einer Lernphase umzustellen ist ja nicht empfehlenswert, wenn zum Startzeitpunkt schon mit hohen Beträgen investiert ist.

Gruß, Neugieriger


ChrisS sagt am 27. Dezember 2016

@ Neugieriger

"welche Strategie soll man verfolgen, wenn man eine wirklich grosse Summe mit einem mal zu investieren hat"

Meist ist mit der Frage ja eigentlich eher die allgemeine altbekannte Diskussion "ist es sinnvoller eine große Summe auf einen Schlag sofort zu investieren, oder lieber nach und nach in Raten (cost-average)?" gemeint. Die Antwort auf mathematischer Ebene ist eigentlich meist ersteres, allerdings gibt es eben noch die psychologische Ebene, die da auch noch reinwirkt. Na, brauchen wir jedenfalls erstmal nicht hier nochmal wieder aufwärmen.

"Ist es wirklich sinnvoll, dann für den risikobehafteten Teil des Depots bei einer 2 ETF Lösung aus MSCI World und Emerging Markets zu bleiben ?"

Andersherum gefragt, warum sollte es denn nicht sinnvoll sein ?

"Gerd Kommer bildet in seinem Muster Portfolio den Aktienanteil über 7 verschiedene Fonds ab. Ist der Mehraufwand nicht berechtigt, wenn der Anlagebetrag hoch genug ist? Das Rebalancing sollte dann ja kein Problem sein."

Ob der Mehrwaufwand "berechtigt" ist kann man ja nicht pauschal für alle, sondern nur im Einzelfall sagen - denn wir unterscheiden uns alle in dem, was wir überhaupt als "Aufwand" empfinden. Der Eine hat kein Problem damit, zwei dutzend Positionen im Handumdrehen zu jonglieren, der Andere tut sich schon schwer damit ein einfaches Überweisungsformular auszufüllen.

Wenn wir es mal von der Kostenseite betrachten wollen (die es zu minimieren gilt), ist ja klar wo ein "Problem" entsteht - bei zu kleinem Anlagevolumen und zu vielen Positionen kommt man schnell an eine Grenze, wo man beim Rebalancing eigentlich nur Mickerbeträge hin-und-her schiebt, bei denen unverhältnismäßig viele Gebühren abgehen.

Wo allerdings diese Sinngrenze nun genau liegt, ist wieder Ermessenssache für jeden Einzelnen. Dem kann man sich aber mit ein paar individuellen Grundannahmen und Regeln annähern. Zum Beispiel wenn man sagt, wir tätigen keine Transaktion, bei denen die Kosten über 1% ausmachen würden. Wenn man jetzt weiß was die Ordergebühren bei seinem Broker ist, kommt man ja mit einfachem Dreisatz auf ein Mindestvolumen einer Transaktion. Bei den bekannten deutschen Standardbrokern, die zB etwa 10€ pro Order nehmen, wären das 1000€. Jetzt kann man schauen, ob die Rebalancing-Abweichung überhaupt verhältnismäßig dem Mindestvolumen entspricht. Ums an einem Beispiel zu verdeutlichen - im vorgestellten "Kommer-Portfolio" sind die kleinsten Positionen zwei mickrige 3-Prozent ETFs (AsPac Smallcap, AsPac Dividend). Erst ab einem 33.333€-Portfoliovolumen kommen die ja überhaupt auf eine Einzelgröße von jeweils 1000€, und selbst das reicht ja noch nicht aus um sie auch sinnvoll beim Rebalancing zu berücksichtigen (da deren normale Abweichungen, darüber und darunter, ja wiederrum auch lange nicht im Tausender-Bereich liegen werden, und somit unsere 1%-Kostenregel nicht erreicht). Erst wenn wir nochmal um den Faktor 10 hochgehen, also ein 333.333€ Portfolio, hätten diese kleinsten Positionen auch ein Volumen von 10.000€, dann entsprechen auch deren mögliche jährliche Schwankungen (größer als +/- 10%) einer Rebalancing-Umschichtung von größer als 1.000€, wo es also der allgemeinen Kostenregel entspricht.
Weiteres zur Theorie und Praxis des Rebalancing findest du zB auch in diesen Artikeln:
http://www.finanzwesir.com/blog/rebalancing
http://www.finanzwesir.com/blog/finanzen-im-griff-mit-excel-teil4
Was die Sinngrenzen und Kostensensitivität angeht muss halt jeder seine zu ihm selbst passende Vorgehensweise finden, zB welches Gebührenverhältnis man hat, welche "Toleranzen" man in den Rebalancing-Wertabständen hat, kurz gesagt wie penibel und auf die dritte Nachkommastelle korrekt man sein will versus eigentlich nur das Allgemeinverhältnis einigermaßen auf Kurs halten will.

Wenn man erstmal eine für sich passende Strategie festgelegt hat (also weiß in welche ETFs man investieren will, in welcher Aufteilung, und vor allem -warum- man das überhaupt so macht und das die beste Lösung wäre) ist das auch relativ unabhängig vom jeweiligen Anlagevolumen (abgesehen eben jener angesprochenen Sinngrenzen nach unten, wo die Kosten prohibitiv würden) - wenn ich zB für mich eine 2 ETF-Strategie als die richtige entschieden habe, bleibt sie das im Prinzip auch, egal ob ich nun 20.000€ oder 200.000€ zum Anlegen habe. (Natürlich, wer irgendwann mal soviel Geld hat, dass man damit den kompletten ETF als Einzelner aufkaufen würde, sollte sich vielleicht wieder etwas zügeln ;-). Klar, mit dem Geld wachsen natürlich auch die Möglichkeiten, in was man so alles investieren kann, aber auch hier gilt es ja einfach nur weiter, ganz unabhängig davon Passendes und Unpassendes anhand seiner jeweiligen Anlagepolitik zu trennen und eben nur in die Sachen zu investieren von denen man wirklich begründet überzeugt ist, dass man sie so braucht.

Also nochmal allgemein sollte man sich eher die Frage klären, warum man überhaupt "mehr als nötig" Positionen haben will. Klar, was man für "nötig" hält, empfindet wieder jeder anders, aber nehmen wir mal als Basis das einfache World/EM-Portfolio.
Bei Kommer zum Beispiel wird das nochmal aufgesplittet in 4 Regionen und 2 Faktoren.
Der World zum Beispiel besteht ja aus den entwickelten Ländern der Regionen Nordamerika, Europa und Asien-Pazifik. Die sollen dann jeweils möglichst nach ihrem BIP-Anteil gewichtet werden. Desweiteren werden auch nicht einfach die Standard-Breitmarktindizes verwendet, sondern es wird auf das Value- und Size-Premium abgezielt indem hälftig in jeweils dazu vorhandene Spezial-ETFs investiert wird.
Warum überhaupt dieser Aufwand ? Nun, dahinter steht halt die allgemeine Überzeugung, dass sich ein solches Vorgehen langfristig in einer gewissen Überrendite ggü dem Basisportfolio auswirkt. Ich spare mir mal hier die lange alte Diskussion über das ob und wie, genauso wie man sich auch Debatten über das Restporfolio (kurzl. dt. Staatsanleihen, Rohstoffe, REIT-ETF) hinfällig schenken kann.

Jedenfalls erkennt man halt schon an der Auswahl der Aktien-ETFs dass eben nicht alles aus der schönen Theorie auch so leicht in der Praxis umsetzbar ist, da einfach die konkrete Produktauswahl noch nicht den Wunsch-Indizes entspricht. Mangels Value- und Smallcap ETFs auf den MSCI North America wird hier erstmal nur auf MSCI USA zurückgegriffen (ist sicher nicht kriegsentscheidend, aber wer so penibel veranlagt ist, eine solche Strategie möglichst "perfekt" durchzuziehen, wird eben immer solche Kompromisse eingehen müssen), genauso wie auch keine Value- und Smallcap ETFs für den MSCI Pacific zur Verfügung stehen und man sich so notgedrungen mit dem DJ Asia Pacific Select Dividend 30 und dem AC Far East ex Japan Small Cap aushelfen muss, was beides auch nicht unbedingt dem Ideal entspricht. Bei den Emerging Markets hat man wiederum diese Unterscheidung garnicht erst getroffen (könnte man ja auch, EM SC-ETFs gibts einige, genauso wie Pseudo-Value Proxies per EM-Dividenden) und gleich auf einen kompletten Breitmarkt-ETF gesetzt.

Naja, lange Rede, kurzer Sinn - worauf ich hinauswill kommt ja eben darauf an worauf du eigentlich hinauswillst. Wenn es dir darum geht, wissen zu wollen, in welches Portfolio du nun investieren "sollst" ... keine Ahnung. Das weiß weder ich noch der Finanzwesir, sondern dass ist allein deine Aufgabe und Entscheidung (denn nur du musst ja auch am Ende dann mit den Konsequenzen davon leben).
Vergleiche also doch einfach für dich die verschiedenen Pro und Contra Argumente der verschiedenen Ansätze. Was der Wesir von der Simplizität und Bequemlichkeit eines Basisportfolios hält, wurde ja schon in vielen Artikeln dazu gutverständlich dargelegt. Und wenn dich dagegen ein etwas komplexerer Ansatz ala Kommer mehr überzeugt (d.h. du auch für dich selbst die Frage beantworten kannst, warum das nun besser sein soll - und das musst du auch verstanden haben um es langfristig durchzuziehen) kannst du ja gern mal in justETF (oder heimischen Excel) versuchen dir eine Allokation zusammenzubasteln die deinen Wünschen näher kommt (und zB auch bei einem Demo-Broker das Rebalancing durchspielen, um für dich einzuschätzen ob du das als Aufwand empfindest). Am Ende wird es, nach ein paar Jahrzehnten, grundsätzlich ja weniger wichtig sein in wieviel ETFs du nun genau investiert hast und in welcher Aufteilung, sondern dass du überhaupt allgemein so lange investiert gewesen bist.

Da sich wie gesagt der Finanzwesir auch schon oft mit solchen Themen auseinandergesetzt hat, kann man dazu auf die entsprechenden Artikel verweisen. Wenn du dir die durchgelesen hast, wird dir die Meinung auch klarer ohne nochmal groß zu wiederholen.
http://www.finanzwesir.com/blog/etf-mischung-egal
http://www.finanzwesir.com/blog/optimale-zusammenstellung-der-assetklassen-fuers-depot
http://www.finanzwesir.com/blog/etf-index-rendite-vergleich
http://www.finanzwesir.com/blog/etf-depot-geld-anlegen-vermoegensaufbau


Neugieriger sagt am 14. Januar 2017

@ChrisS

Ich sehe deine Antwort (vielen dank dafür) erst jetzt, obwohl ich bis in die erste Januarwoche täglich hier reingeschaut habe. Ich habe inzwischen die verwiesenen Artikel gelesen und mich nun für die verbreitete Mischung (30% USA,NA/30% Europa/30% EM/10% Pacific) entschieden und bin erleichtert das Thema fürs erste zumindest erledigt zu haben.

Ich hätte gerne a la Kommer den Fokus mehr auf Small Caps / Value Aktien gelegt, aber wie du ja sagst, ist der Schritt von der Theorie in die Praxis hier nicht so einfach. Und wenn die infrage kommenden Fonds, sofern sie verfügbar sind, deutlich höhere Verwaltungskosten haben, dann fühle ich mich doch wohler mit einem relativ simplen Depot.
Ich erwarte keinen großen Vorteil gegenüber einer 70/30 Mischung von World/EM, halte aber den Zusatzaufwand für überschaubar und hoffe auf der anderen Seite etwas besser diversifiziert zu sein. Wenn man aber den radikalen Weg geht und in nur einen breit aufgestellten Fonds z. B. auf MS World investiert, verschenkt man die Möglichkeit zu Rebalanzieren, was soweit ich es verstanden habe, auf die Dauer eine Zusatzperformance ergeben sollte.


spacetime sagt am 10. Mai 2017

@ChrisS
bitte um Aufwärmung der Frage "ist es sinnvoller eine große Summe auf einen Schlag sofort zu investieren, oder lieber nach und nach in Raten (cost-average)?" zitiere " Die Antwort auf mathematischer Ebene ist eigentlich meist ersteres..."
Betonung auf meist. Laut Studien jedoch nicht wenn das ganze nach Einmalzahlung sauber abstürzt.
Trifft dies also auch bei Höchstständen wie gerade zu?
Gewisse Streuung der Einzahlungen über gewisse Zeitdauer könnte durchaus sinnvoll sein, aber welche Zeitdauer?


Schwachzocker sagt am 10. Mai 2017

@Spacetime

Wir wissen nicht, wie wir die aktuellen Aktienkurse in 10 Jahren beurteilen werden. Werden wir dann auch noch sagen, dass es Höchststände waren? Was Höchststände sind, weiß man trivialerweise erst in ferner Zukunft.
Da die Aktienkurse in der Vergangenheit langfristig stets gestiegen sind, gab es laufend "Höchststände".

Man kann natürlich abwarten bis die Aktienkurse zurückgehen, sagen wir um 1%. Dann wäre man wenigstens sicher, nicht zu "Höchstständen" investiert zu haben. Oder man wartet ab bis es 10% Kurseinbruch gibt. Dieses Abwarten kostet aber auch Geld.
Oder man wartet ab, bis es 50% Kurseinbruch sind und investiert möglicherweise nie.

Wozu ist es von Bedeutung, ob die Kurse einen Tag nach der Investition einbrechen oder erst in 10 Jahren? Meinst Du in 10 Jahren tut es weniger weh?

Natürlich verstehe ich die menschlichen Bedenken, jetzt eine größere Summe zu investieren. Es lässt sich dazu aber nichts sinnvolles sagen. Es ist und bleibt ein Risiko. Wer gestaffelt einsteigt, trägt dieses Risiko aber auch. Man verzichtet dann auf Renditechancen, weil man nicht voll investiert ist. Und wenn man dann endlich voll investiert ist, kann der Einbruch kommen.


ChrisS sagt am 10. Mai 2017

@ spacetime

"Betonung auf meist. Laut Studien jedoch nicht wenn das ganze nach Einmalzahlung sauber abstürzt.
Trifft dies also auch bei Höchstständen wie gerade zu? Gewisse Streuung der Einzahlungen über gewisse Zeitdauer könnte durchaus sinnvoll sein, aber welche Zeitdauer?"

Unterteilen wir den "Sinn" der zeitlichen Streuung mal in zwei Komponenten, die wirtschaftliche und die psychologische. Wirtschaftlich ist das relativ leicht zu untersuchen, man nimmt einfach die historischen Renditereihen des Aktienmarktes und vergleicht die Wertentwicklung einer Einmalanlage mit beliebigen Streu-Methoden über verschiedene Zeiträume.
Warum da meist die Einmalanlage am Ende mehr gebracht hat, entspricht halt dem dass der Aktienmarkt, trotz aller kurzfristigen Schwankungen, doch einen allgemeinen langfristig deutlichen Aufwärtstrend hat (an dem man also stärker partizipieren kann wenn schon von anfang an das volle Kapital zum Mitwachsen zur Verfügung steht).
Natürlich sagt "meist" auch, dass es durchaus einzelne Phasen gab, in denen Streckung günstiger war (wobei, da muss man eigentlich auch noch genauer aufdröseln, welche Art der Streckung genau, also Höhe der Beträge und Verteilung der Einzahlungen - auf Sicht von 20+ Jahren danach macht es zum Beispiel relativ wenig Unterschied ob man im Jahr 1 nun eine Einmalanlage getätigt hat oder auf vier quartalsweise Raten aufteilt, etc. Eine gewisse Länge der Streckung muss schon sein, um relevante End-Unterschiede zu erzeugen).
Das "Problem" an der Sache ist halt, tja niemand weiß was die Börsenzukunft kurzfristig bringt (langfristig glauben ja alle Anleger an einen allgemeinen Aufwärtstrend - sollten sie zumindest, warum sind sie sonst an der Börse?).
Man begibt sich da auch relativ leicht aufs dünne Eis des aktiven Markttimings - wer ernsthaft glaubt, der Crash steht demnächst bevor (mir sind die Höchststände unheimlich, etc), der sollte, logisch zuendegedacht, eigentlich garnicht investieren, sondern erst auf den Absturz und die Erholung warten.
Leider haben die meisten Menschen ziemlich schlecht ausgeprägte Vorhersagefähigkeiten und können weder gute Ausstiege, noch gute Einstige, vorher besser erkennen, deshalb auch meist die Empfehlung sich auf solche Spielchen garnicht erst einzulassen und stur-konsequent in der passenden Risiko-Allokation immer investiert zu sein.

Die Psychologie ist halt die andere Seite der Medaille. Natürlich, trotz der allgemeinen wirtschaftlichen Vorteilhaftigkeit der Einmalanlage ist sie doch psychologisch eine größere Hürde zu überwinden (gerade für Anfänger, die sich überhaupt zum ersten mal ins Börsenwasser begeben, und je größer die Summe wird umso mehr saust die Muffe) als die Stückelung.
Ich bin da auch relativ undogmatisch - wer das einfach so braucht, um sich überhaupt an die Börse zu trauen, wird von mir keine langen Vorträge, sondern auch nur Ermunterung bekommen. Denn eins ist auch klar, egal ob Einmalanlage oder Verteilen, beides ist langfristig immer noch besser als das Geld einfach nur zum Nullzins auf dem Sparbuch gebunkert zu lassen.


Marcel sagt am 16. März 2018

Hallo Zusammen,
ich finde die Thematik hier sehr spannend und ich finde es schön, dass sich die Leute so ausführlich Zeit nehmen ein Thema zu diskutieren. Ich habe habe gerade die Neuauflage 2018 von Kommer (Souverän investieren) gelesen und habe zusätzlich noch ein Finanzcoaching gemacht. Die Faktoren klingen interessant sind wohl aber nichts für mich. Ich habe Geld geerbt und möchte dies anlegen. Ich habe den Artikel und die Kommentare gelesen, weil mich die Small Cap Thematik nicht loslässt. Ich bin jetzt etwas verwirrt.
Es geht um diese Small Caps. Ursprünglich wollte ich dieses 70/30 von World & EM für den Aktienteil anpeilen. Ich habe mich jedoch statt für den einfachen EM für den iShares Core MSCI Emerging Markets IMI UCITS ETF entschieden. Dort sind wie ich es verstanden habe zusätzlich über die Schwellenländer die Small & Mid Caps verteilt.

Meine Frage jetzt: Hat sich meine Small Cap-Frage erledigt und fahre ich damit ähnlich/gleich gut wie mit einem ETF auf World/EM & Small Caps?
Wenn ja, wie sieht "neu" mein Mischungsverhältnis von MSCI World und EM IMI korrekt aus?
Ich bin da überfordert. Zusätzlich ein Small Cap aus den USA macht dann aber trotzdem Sinn, dass die Small und Mid Caps aus dem EM IMI nur die Schwellenländer betrifft und ich somit die USA und andere entwickelten Länder nicht drin habe. Oder gibt es sowas, wie einen globalen Small Cap ETF?

Danke für die Hilfe.
Liebe Grüsse Marcel


Joerg sagt am 16. März 2018

@Marcel Glueckwunsch zum Erbe. Jetzt heisst es Art.14 GG: "(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."

auch fuer Dich googeln wir gerne ...:

"FINANZWESIR small cap SPDR"

dann kommt:

Alle Infos zu deinen Fonds bekommst du jeweils bei dem Anbieter. Hier dein iShares MSCI EM IMI:
https://www.ishares.com/de/privatanleger/de/produkte/264659/ Du kannst die gesamten Positionen auch herunterladen (xlsx/csv) und dann selber auswerten:
https://www.ishares.com/de/privatanleger/de/produkte/264659/ishares-msci-emerging-markets-imi-ucits-etf/1478358465952.ajax?fileType=csv&fileName=IS3N_holdings&dataType=fund

Viel Erfolg beim Lesen/Analysieren!

Falls noch Fragen uebrigbleiben, einfach wieder melden (nach dem Lesen!).


Marcel sagt am 18. März 2018

Hallo Joerg!

Danke für deine Ausführungen. Die haben erstmals weitergeholfen. Ich habe jetzt ein neues Problemchen :).

Aktuell strebe ich etwas das gleiche an Wesir, wenn er sagt: "Heute würde ich maximal 4 ETFs kaufen und es gut sein lassen". Im Moment verfüge ich über:

  • ca. 50% MSCI World (large und mid cap, Industrieländer)
  • ca. 30% MSCI EM IMI (large, mid und small caps, Schwellenländer)
  • ca. 20% MSCI World Small Cap (small cap, Industrieländer)

Ich möchte gerne den STOXX Europe 600 für den europäischen Teil reinnehmen. Meine Frage ist, wie stark sich dieser mit dem MSCI World überschneidet und es daher vielleicht in diesem Fall keinen Sinn macht den STOXX Europe 600 hinzuzufügen?

Falls ich den STOXX Europe 600 reinnehme, würde ich die Aufteilung wie folgt ändern:

  • ca. 45% MSCI World (large und mid cap, Industrieländer)
  • ca. 35% MSCI EM IMI (large, mid und small caps, Schwellenländer)
  • ca. 10% MSCI World Small Cap (small cap, Industrieländer)
  • ca. 10% StoXX Europe 600

Kann man so machen nehme ich an oder sich dann eben den Stoxx Europe schenken und bei den ersten 3 ETFs bleiben?

Gerne nehme ich Anregungen an. Vielen Dank und liebe Grüsse
Marcel


Tammo sagt am 19. März 2018

Hallo Marcel,
die Aktien des Euro-Stoxx 600 sind auch im MSCI World enthalten. Viele nehmen den Stoxx (oder ähnliche) nur dazu, um Europa überzugewichten.

Mein Tip an dich: Lass das mit den SmallCaps, mach dein Depot schön einfach und verzichte auf den minimalen Rendite Vorteil den SC versprechen. Selbst wenn SC +5% besser laufen als der normale MSCI (was unwahrscheinlich ist), hast du auf dein gesamtes Deport gerechnet 1% bzw. 0,5% mehr Rendite gemacht. Ob das den Aufwand wert ist? Deine Entscheidung!


Joerg sagt am 19. März 2018

@Marcel, Moin, mach' was du fuer richtig haelst!

Wichtig ist: nicht verkaufen/umschichten, wenn du das Geld nicht brauchst. Nur mit neuem Geld graduelle Veraenderungen vornehmen (Bild vom Super-Tanker).
Weil sich deine Sicht auf die Dinge mit weiterem "Lernen" sowieso anfangs noch veraendern wird.

Du weisst ja, "nicht Market Timing sondern Time in the market" ist relevant. Das wird schwer genug, in kommenden Baissen durchzuhalten.

Persoenlich halte ich ca. 30% Europa, etw mehr(33%) USA (war die letzten Jahre suboptimal -> mal sehen wie die naechsten Jahre werden), 25% EM, Rest Pacific+Japan.
Dabei 25% SmallCap (World).
Die Asset-Allocation innerhalb der Aktien-Fraktion ist wenig relevant (das Rebalancing unter dieser Fraktion ist quasi irrelevant).

Entscheidend ist: Finger weg von wildem Umschichten. Moeglichst hohe Aktienquote langfristig aushalten. Moeglichst guenstige ETF-Produkte halten. Bzw: Core(Kern) Depot mit 80-90% mit ETFs und 10-20% fuer Spielwiese "ich-kann's-nicht-lassen-weil-es-Bock-macht".

Viel Erfolg!


ChrisS sagt am 19. März 2018

@ Marcel

"Ich möchte gerne den STOXX Europe 600 für den europäischen Teil reinnehmen. Meine Frage ist, wie stark sich dieser mit dem MSCI World überschneidet und es daher vielleicht in diesem Fall keinen Sinn macht den STOXX Europe 600 hinzuzufügen?"

Die überschneiden sich sehr stark - der MSCI World selbst besteht zu etwa 25% aus Europa, also denselben Firmen die auch im Europe 600 drin sind. Sich beides gleichzeitig ins Depot zu legen hat also nur den Effekt, hier doppelt zu moppeln. Welchen "Sinn" das macht, Europa noch extra etwas übergewichten zu wollen, muss jeder selbst entscheiden - mal ganz konkret, deine langfristige Portfolio-Rendite wird von so 10% Gewichtungsspielchen nur an der Nachkommastelle beeinflusst, also mir wäre das zu popelig.

Wenn man schon eigenhändig an der Weltregionen-Verteilung herumdoktern will, bin ich eher dafür, das gleich "richtig" mit getrennten dezidierten ETFs für jede Region einzeln zu machen (also US, Europa, Asien, EMs), damit man auch wirklich keine Überschneidungen hat und durch die verschiedenen Entwicklungen der einzelnen Wirtschaftsräume konsequenter Rebalancingopportunitäten ausnutzen kann, allerdings ist das halt aufgrund des höheren Aufwandes und Kapitalbedarfs nicht mehr so einsteiger-empfehlenswert wie es ein einfaches 70/30 World/EM Portfolio für die meisten Anfänger schon genausogut tut.


Marcel sagt am 19. März 2018

Hallo Leute,

Danke Chriss, Joerg & Tammo für eure Antworten.

"ich-kann's-nicht-lassen-weil-es-Bock-macht" - Das trifft es ziemlich gut hehe :).

Das Argument mit den 10% und den Nachkommastellen hat was. Übergewichten durch Verdopplung ist ja nicht der Sinn der Sache. Dann knall ich den Stoxx raus und mache:

  • ca. 50% MSCI World (large und mid cap, Industrieländer) + 5% vom aufgeteilten StoXX Europe
  • ca. 35% MSCI EM IMI (large, mid und small caps, Schwellenländer)
  • ca. 15% MSCI World Small Cap (small cap, Industrieländer) +5% vom aufgeteilten StoXX Europe

@Joerg

"Die Asset-Allocation innerhalb der Aktien-Fraktion ist wenig relevant (das Rebalancing unter dieser Fraktion ist quasi irrelevant)."

Das verstehe ich nicht ganz. Dieser Satz widerspricht sich doch? Die Verteilung innerhalb der Aktien ist nicht soo wichtig, "Hauptsache" man hat Aktien (,die breit gestreut sind). Soweit so gut. Allerdings soll man das Rebalancing strikt durchführen, weil man sich dadurch langfristig einen kleinen Renditebonus erhofft? Stehe ich jetzt auf dem Schlauch?

Liebe Grüsse
Marcel


CarstenP sagt am 20. März 2018

@Marcel

Allerdings soll man das Rebalancing strikt durchführen, weil man sich dadurch langfristig einen kleinen Renditebonus erhofft? Stehe ich jetzt auf dem Schlauch?

Rebalancing ist in erster Linie ein Werkzeug fürs Risikomanagement, d.h. du hältst mittels Rebalancing deine Asset-Allokation ein.
Deine Asset-Allokation legst du vorher fest, aber Marktbewegungen rütteln da immer wieder dran, und damit deine Aktienquote nicht größer/kleiner als gewünscht wird, schafft das Rebalancing Abhilfe.
Beim Rebalancing kann es zu einem Renditebonus kommen, das hängt vom tatsächlichen Marktverlauf ab und natürlich gibt es dafür keine Garantie. Allerdings kann Rebalancing auch oftmals die Rendite verringern:

  • Wenn die Aktien steigen, musst du welche verkaufen, dadurch verringert sich aber auch evtl. der Gewinn, der danach noch kommt.
  • Wenn die Aktien fallen, musst du welche nachkaufen, dadurch verstärkst du evtl. den Verlust, der danach noch kommt.

Daher ist die gängige Empfehlung, nicht zu häufig zu rebalancen, damit man sich nicht gegen den aktuellen Trend stellt. Außerdem sollte man beim Rebalancing auf die Kosten und Steuern achten, und Rebalancing innerhalb eines Assets (z.B. Aktien) bringt evtl. nicht viel bzw. ist zu teuer. Recht kosteneffizient ist es, wenn man mit frischen Geld rebalancen kann, also man nicht extra was steuerpflichtig verkaufen muss.


ChrisS sagt am 20. März 2018

@ Marcel

"Das verstehe ich nicht ganz. Dieser Satz widerspricht sich doch? Die Verteilung innerhalb der Aktien ist nicht soo wichtig, Hauptsache man hat Aktien (,die breit gestreut sind). Soweit so gut. Allerdings soll man das Rebalancing strikt durchführen, weil man sich dadurch langfristig einen kleinen Renditebonus erhofft? Stehe ich jetzt auf dem Schlauch?"

Das kann man ja nochmal aufdröseln, und zwar geht es darum, was genau man mit "Rebalancing" eigentlich meint.

a) auf der Meta-Ebene, das grundlegende (wieder)Herstellen der Zielgewichtungen von RK1 (Sicherheitsanlagen, zB Tagesgeld, Anleihen, etc.) und RK3 (Risikoanlagen, hier hpts Aktien-ETFs gemeint) allgemein.

Hier geht es vor allem dabei sinn- und zweckmäßig um die langfristig konstante Einhaltung der selbstgesetzten Risikotoleranz-Grenzen.
Wenn du schon etwas länger hier mitliest, wird dir ja sicher schonmal die "-50% Crashtest"-Methode begegnet sein, mit der wir hier in der Laiencommunity einfach und unkompliziert überschlagsmäßig die Frage beantworten: "Wieviel von seinem Gesamtvermögen sollte man, unter Berücksichtigung persönlicher Risikotoleranzen und Verlust-Schmerzgrenzen, überhaupt in Aktien investieren?".
Dazu unterstellen wir, dass sich Aktien in Krisenphasen halbieren können, und man dem durch ein angepasste Anlagenverteilung schon vorher Rechnung tragen sollte, die Höhe der Aktieninvestitionen also nur bis zu einem Grad an dem man eine Halbierung dieses Kapitals noch aushalten könnte.
Sinn des ganzen ist, sich nicht zu "übernehmen" und dann sonst panische Verkaufsfehler zu machen. Umgekehrt gesagt, was ist dein noch ertragbares Verlustlevel? Verdoppele diesen Prozentbetrag und du erhälst deine empfohlene Aktienquote, und den Rest deines Gesamtvermögens legst du lieber sicherer an.
Beispielsweise, wer nur einen möglichen (Aktien)-Maximalverlust von 25% will, sollte nur 50% von seinem Kapital in Aktien investieren, und den Rest der anderen Hälfte lieber auf stabile RK1-Anlagen.

Nun ist es natürlich so, dass sich durch die fortlaufenden Kursentwicklungen die Gewichtungen der RK1-RK3 Metaebene immer ein bischen weiter verschieben.
Steigen die Aktien (ja eigentlich was schönes), nehmen sie aber auch immer mehr Prozentanteil in der Verteilung ein. Das erhöht natürlich dann aber auch wieder das Risiko-Exposure beim nächsten Abschwung (siehe oben) immer weiter ein bischen, vielleicht übers gewünschte Ziel hinaus, und dafür gibt es halt das Rebalancing, das wieder für Ausgleich und Einpegelung der Ist/Soll-Allokation sorgt.

Wie gesagt, das ist das Meta-Rebalancing zwischen RK1 und RK3 allgemein.
Hier geht es vor allem primär um Risikokontrolle, das ist der Hauptsinn und -Nutzen des ganzen. Alles weitere sekundäre Effekte, wie zB der Versuch dadurch gleichzeitig auch noch ein bischen Rendite-Vorteile herauszuschinden, sind eher vernachlässigbar und stellen sich, wenn überhaupt, eh nur erst nach Jahrzehnten konsequenten Durchziehens einigermaßen messbar ein.
In diese Richtung sollte man sich also von dem Tun keine Wunderdinge erwarten, das ist aber auch eben nicht sein primärer Zweck.

b) ein bischen anders ist es (und wahrscheinlich auch der Ursprung deiner Verwirrung), wenn wir über Rebalancing innerhalb einer Anlageklasse reden.
Zb jemand hat verschiedene Aktien-ETFs (zB über Regionen verteilt) und hat nun für diese auch Zielgewichtungen die er immer wieder einpegeln und anpassen muss. Also wenn sich zB mal die gewünschte 70/30 World/EM Verteilung mit der Zeit in eine 75/25 oder so verschoben hat.

Wenn gesagt wurde, dass ein Rebalancing hier eher "wenig relevant" ist, dann ist gemeint, dass der messbare Effekt (also entweder Rendite-Steigerung oder Risiko-Reduzierung) solcher Rebalancing-Aktionen innerhalb einer Anlageklasse eher minimal ist (und sich wie gesagt eh nur erst nach langfristigem, konsequenten Durchziehen überhaupt einstellt).
Das heißt jetzt nicht dass man sich nun garnicht mehr drum kümmern brauch und einfach alles frei rumschweben lassen soll, aber man soll sich auf der anderen Seite eben auch keine Wunderdinge erwarten wenn man seine Aktien-ETF Regionenverteilung immer jedesmal auf die dritte Nachkommastelle exakt rebalanced. Das nützt vielleicht vor allem nur der eigenen Pingeligkeit, für die konkrete Portfoliorendite sind solche Spielchen aber eher vernachlässigbar.

Ein Artikel, der sich mit genau dieser Thematik auseinandersetzt (Meta-Rebalancing RK1 RK3 Anlagenebene versus Detail-Rebalancing einzelner Aktien-ETFs) ist zB dieser hier:


Tammo sagt am 20. März 2018

@ Marcel
Es gibt Untersuchungen die Besagen, das Rebalancing (innerhalb der Aktienposition) so gut wie keinen Effekt auf die Rendite hat. Deswegen kann man es machen, oder sein lassen.

Um dich etwas zu verwirren: Warum nimmst du nicht den SPDR® MSCI ACWI IMI UCITS ETF (IE00B3YLTY66), der hat 10% Small Caps und 10% EM schon drin. Wenn du dann noch mehr EM haben willst, nimmst du noch 25% MSCI EM IMI dazu, dann hast du auch deine 35% EM.


Joerg sagt am 20. März 2018

@Marcel Rebalancing von Aktien-Regionen-ETFs oder Faktoren-ETFs(SmallCap, Value, Quality, low Vol, ...) bringen leider nicht viel (vgl ChrisS) Irgendetwas zwischen 0-0,3% p.a.. Es handelt sich hier eher um "Aktions-Illusionen".

Der Grund ist die relativ hohe Korrelation von Aktien-Regionen untereinander (0,7-1,0).
D.h. wenn's faellt, faellt alles aehnlich und falls es steigt, geht alles mehr oder weniger hoch ("geht Butter, geht auch Kaese"; "Flut hebt alle Boote").

Fuer eine Rebalanzierungs-Praemie bzw einen deutliche Effekt braucht es also moeglichst unkorrelierte Assets, die du dann gegeneinander wieder in's Lot bringst (Verhaeltnisse wiederherstellst).
Und eben auch hohe Depot-Anteile, damit es etwas ausmacht (bei 5-10% Anteilen bringt Rebalancing - von einem Bruchteil darauf - eben wenig). Frueher waren Renten zu Aktien oder zT Rohstoffe wenig-korreliert. Deshalb sind diese Komponenten in Vermoegensbildungs-Konzepten wie zB AReRo etc. zu finden.
Hier auf dem Blog halten etliche xy% Bonds/Fest/Tagesgeld mit der Absicht das gegen den Gesamt-Aktien-Anteil zu Rebalanzieren (zB jaehrlich oder mit %-Korridor= opportunistisches Reblancing)

Manche mischen dann noch Exoten dazu (Liquid Alternatives, HedgeFonds) oder Diversifizieren weiter mit weniger Korreliertem: Erneuerbare-Energien-Fonds, Immos, Gold, Kunst, Antiquitaeten, Muenzen, Schnaps, usw ...

Letztendlich kann man immer nur hinterher wissen, was gut/besser gewesen waere! Nicht im Vorfeld.

Mit deinem Weltdepot hast du schon alles drin: EM, SmallCap, Rohstoff-Werte, Immobilien-, Bio-/High-Tech-, Agrar-, Schnaps-, Auktionshaeuser- etc Man kann auch alles sich selbst ueberlassen und darauf setzen: Die Fittesten im Langzeit-Marathon setzten sich durch (und liegen mit der Zeit uneinholbar vorn?)
zB ist Japan vor 30 Jahren viel zu gewichtig gewesen; USA die letzten 20 Jahre immer gewichtiger geworden oder EM hatten Zeiten der Expansion (bis 2008) und Stagnation (bis heute), deshalb ja zB die geringe EM-Gewichtung im ACWI zur Zeit.
Du hast ja eine kraeftige Wette auf EM am Start (35% Anteil). Kann gut gehen, muss aber nicht ...

Nochmal zur Erinnerung: Woher kommt Rendite/Performance? Von wertvoller-gewordenen/dafuer gehaltenen Einzel-Unternehmen.
Typischer Weise werden (nur) 10-20% der Unternehmen weltweit über die Zeit wertvoller. 30-40% stagnieren. Der Rest hat Schwindsucht.
Welche Unternehmen jetzt weltweit gesehen in Euro (das ist ja deine geplante Konsum-Waehrung?) ueber die naechsten 20-40 Jahre wertvoller werden, weiss heute keiner.
Die einen versuchen die "schlechten" zu vermeiden (Einzelaktien-Anleger), die anderen sagen: ich kann es nicht wissen, deshalb setze ich auf den Index.

Dann die Pseudo-Schlauen, die sagen "BIP-Gewichtung ist besser" (weil es in der Vergangenheit mal Phasen gab, in denen Aktien aus Laendern mit hohem BIP-Wachstum besser waren, zB AReRo setzt darauf).
Die vermeintlich Dummen, die sagen: "ich weiss es nicht, lasse den Markt entscheiden" und setzen auf Marktkapitalisierungs-Gewichtung (das halte ich pers. fuer das "Konsequenteste").
Trotzdem weiche ich pers. "etwas" ab. 10% mehr EM(guenstig?), 15% weniger USA(teuer?), 5% mehr EUROPA(Heimat), einen Schnaps mehr PAC/JAP(Sentimentalitaet).
Aber ehrlich gesagt: das ist so geworden aber es ist ziemlich wurscht und ob es "besser" fuer mich sein wird, weiss ich schon gar nicht (ist auch egal, "das Spiel ist gewonnen").

Ist Rebalancing zwischen Aktien-Klassen nur eine Ueberhoehung von Robo-Advisorn und Vermoegensverwaltern, die "einen Mehrwert" vorgaukeln muessen?
Oder ein Ventil fuer "a bisserl geht doch noch on Top". So hat man selbst als passiver Investor noch etwas zu tun ...?

Vielleicht bist du auch smart und kannst kontinuierlich eine Mehrrendite herausholen?
http://freiheitsmaschine.com/2017/11/17/millionaer-werden-sein-interview-nr-8-smartinvestor-power-of-antifragilitaet-zinseszins/

Angeblich haben sich vergessene Depots von Verstorbenen ueber die Jahrzehnte ganz gut/super entwickelt (weil sie unterwegs keiner verschlimmbessern konnte)?!

Hier noch weitere Links zum Rebalancing:


ChrisS sagt am 20. März 2018

@ Joerg

"Rebalancing von Aktien-Regionen-ETFs oder Faktoren-ETFs(SmallCap, Value, Quality, low Vol, ...) bringen leider nicht viel (vgl ChrisS) Irgendetwas zwischen 0-0,3% p.a.. Es handelt sich hier eher um Aktions-Illusionen"

Es ist sogar noch "schlimmer", da die Aktienregionen-ETF Rebalancing Untersuchung, die ich bei dem entsprechenden Finanzwesir-Artikel gemacht hatte, sich ja nur auf die virtuellen Index-Renditen bezog.
Und selbst mit solchen "Idealbedingungen" kam da für die beobachteten letzten 15 Jahre gerade mal ne Nullrenditen-Nummer 'bei raus. In der konkreten Praxis wäre es noch schlimmer, also negativ gewesen, da ja in der Realität auch noch Produktkosten, Handelsgebühren und Steuern anfallen, die solche Aktionen netto performanceschädigend wirken lassen.

Eine konkrete Bezifferung des "Schadens" lässt sich natürlich schwer verallgemeinert pauschalisieren (da TERs, Brokerkonditionen und Steuergesetzgebung individuell sind), aber je nach ungünstiger Ausgangslage (zB geringkapitalisiertes Depot voller teurer Produkten, wo jemand nur Mickerbeträge mit hohen Orderkosten hin und her schiebt) kann solches wirtschaftlich sinnloses Rebalancing durchaus mehr als 1 % Rendite pa kosten (statt zu bringen).

Man muss schon viel weiter zurückgehen um überhaupt einen nennenswert erkennbaren Renditevorteil durch Aktienregionen-Rebalancing zu sehen. Ich hatte die Untersuchung ja privat mal mit MSCI-Regionenindexdaten bis 1970 zurück gemacht.
Da kam über die ganzen knapp 45 Jahre ein Renditevorteil von knapp unter 1% pa von eines rebalancierten Regio-Mixes (US/Europa/Japan in 50/30/20 Mischung) ggü der unrebalanciert freischwebenden Regionen-Marktkapitalisierung innerhalb des MSCI World raus.
Allerdings auch hier wieder als Einschränkung, das sind erstmal nur virtuelle Indexwerte, in der Praxis-Realität schmilzt so eine kleine Outperformance schnell wieder auf null oder negativ zusammen.
Die eigentliche Quelle der Outperformance rührt übrigens hpts nur von dem singulären Phänomen der Japanblase in den 80ern bzw dessen Platzen in den 90ern her.
Im marktkapitalisierten MSCI World ist Japans Gewichtung beim Höhepunkt mal auf bis knapp unter 50% Anteil angestiegen - dessen Niedergang (auf heute knapp 10% wieder) natürlich entsprechend renditebremsende Auswirkungen auf den Index hatte, im Gegensatz zur Rebalancing-Variante die solche Übertreibungen etwas stabiler umschifft hatte.
Seit den 2000ern jedenfalls gab es wie gesagt keinen besonderen Performanceunterschied mehr zwischen freier MK Gewichtung (also MSCI World selbst) und fest rebalancierten Regionen.

Naja, Sinn der ganzen durchexerzierten Übung ist ja erstmal nur, dass Anfänger/Einsteiger das Aktien-ETF Rebalancing nicht überbewerten, bzw nicht zu naiv nur Wunderdinge davon erhoffen.
Deshalb sagen wir ja auch, lieber erstmal solang wie's geht die Finger von lassen (Verkäufe zum Umschichten sind, gerade bei noch kleinen Depots, eher sinnlos) und lieber mit der gezielten Steuerung der Nachkauf-Raten in die am weitesten unterm Soll zurückhinkende Position noch ein konstantes automatisches "Rebalancing" zu betreiben.

"Dann die Pseudo-Schlauen, die sagen BIP-Gewichtung ist besser. Die vermeintlich Dummen, die sagen: ich weiss es nicht, lasse den Markt entscheiden und setzen auf Marktkapitalisierungs-Gewichtung."

Ich würde das vielleicht weniger in so Kategorien wie (pseudo) "schlau oder dumm" behandeln, da wie gesagt die langfristigen Unterschiede (also konkret, was macht das nach Jahrzehnten für meine praktische pa-Rendite aus) ob man in die Aktienregionen nun mk-gewichtet oder bip-gewichtet investiert gewesen war, sehr wahrscheinlich nur irrelevante Differenzen an der Nachkommastelle ausmacht.
Wichtig ist hauptsächlich, dass man überhaupt solange investiert war und durchgehalten hat. Wem es dabei hilft, sich an der einen oder anderen Gewichtungsmethode besser orientieren zu können, der soll das machen wie er's braucht, am Ende ist das viel weniger kriegsentscheidend als man vielleicht denkt.


Marcel sagt am 20. März 2018

Hallo Leute,
herzlichen Dank für die ausführlichen Antworten.
Sehr spannend und hilfreich der Hinweis mit der Asset-Allocation. Ich sage, dass deshalb, weil ich dies vorläufig gar nicht geplant habe. Ich bin 30 Jahre und unterrichte am Gymnasium in der Schweiz.
Ich habe mich in einem anderen Artikel vom Wesir wiedererkannt, als es um die den Aktienanteil im Depot ging. Dort hiess es dann, es kommt auf die Umstände drauf an, was verständlich ist. Wesir meinte dabei: "100% Aktien für einen 30-jährigen Beamten? Warum nicht"?
Weil ich sonst (noch) keine Verpflichtungen habe und ich Geld geerbt habe möchte ich dies anlegen und stehenlassen. Vorläufig möchte ich 100% Aktien fahren mit ca. 80'000 Fr., die ich verteilt übers Jahr ins Depot bringen will.
Daneben bleibt noch ca. 10.000-20.000 auf dem Konto liegen. Daher sind es nicht "wirkliche" 100% Aktien. Die Verteilung wäre natürlich gegeben, wenn ich sage ich möchte jeweils 10-15% in Cash halten und der Rest wird gnadenlos in ETFs geknallt :).

35% auf EM ist ein riskantes Ding? Dann nehme ich wohl besser etwas mehr vom Bewährten. Danke für den Hinweis. Damit komme ich in etwa auf die vielerseits empfohlenen 70/30.

  • 60% Aktien Welt
  • 25% Aktien Emerging Markets IMI
  • 15% Small Caps global

Jetzt ist es aber dann spannend, da ich bezüglich den Aktien nicht viel falsch machen kann, wenn ich diese einfach laufen lassen...?
Dass bedeutet in diesem konkreten Fall, dass wenn jetzt die Welt gut läuft und sich dieser Anteil im Depot auf 70-75% zubewegt, es nicht zwingend förderlich sein muss, diese Teile zu verkaufen und die anderen auszugleichen oder aber mit neuem Geld seinen Ursprungszustand herzustellen?

@ Joerg: (ist auch egal, "das Spiel ist gewonnen"). Der war gut :).

Liebe Grüsse
Marcel


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