05. August 2021


Die unheilige Allianz

Leser Jörg schreibt

"Die Alpha-Strategie hat bei den Allianzfonds versagt. Für mich ein zu hohes Risiko."

Worum geht es? Die Allianz hat in den USA über Ihre Tochter Allianz Global Invstors die Fondsfamilie "Structured Alpha" aufgelegt. Diese Familie hatte fünf Mitglieder.
Nach heftigen Verlusten im Corona-März 2020 wurden die beiden Fonds Allianz Structured Alpha 1000 und Allianz Structured Alpha 1000 Plus geschlossen. Die anderen Fonds Allianz Structured Alpha 250, 350 und 500 haben auch stark verloren, wurden aber nicht geschlossen.

Die Zahlen hinter dem Alpha stehen für die versprochene Rendite

  • 1000: Eine jährliche Performance von der Rendite von 90-tägigen Treasury Bills plus 10%. Netto, alle Gebühren sind schon abgezogen
  • 500: plus 5 % pro Jahr, auch netto
  • 350: plus 3,5 % pro Jahr, netto
  • 250: plus 2,5 % pro Jahr, netto

Alpha ist divers

Was den Begriff Alpha angeht: Der deckt ein weites Feld ab. Alpha lässt sich am besten dadurch definieren was es nicht ist:

Alpha ist nicht Beta

Alpha ist das aktive Abweichen von der Marktrendite, die man über ETFs bekommt. Wie diese Abweichung zustande kommt spielt erst einmal keine Rolle.

  • Positionierung Democratic Alpha: Alpha wird als Trendfolge und Long-Volatility umgesetzt. In Krisen fängt Alpha den Absturz der ETFs auf und verringert so die Depot-Volatilität. Wenn die Trends in konvergenten Jahren stark genug sind, kann die Trendfolge auch noch etwas beitragen. Die Long-Volatility-Funds haben es schwer, denn gute Jahre sind ruhige Jahre. Zielgruppe: private Anleger, Alpha ist Krisen-Alpha.
  • Positionierung Allianz-Alpha: Wir liefern einen Cashflow. Bitte hier ankreuzen, welches Niveau gewünscht wird (1000, 500…), Zielgruppe: Institutionelle Anleger wie der Public Pension Funds für Fairfield, Connecticut oder die Pensionskasse der Lehrer von Arkansas.

Außer dem Namen hat das Allianz-Alpha wenig bis nichts mit der Democratic-Alpha-Strategie gemein.

Im ganzen Dokument Structured Alpha March 2020 Performance kommt kein einziges Mal das Word Trendfolge vor. Statt dessen steht dort

"The Portfolio has held options positions grouped into three core strategies: (i) Range-Bound Spreads; (ii) Directional Spreads; and (iii) Hedging Positions.

Ebenfalls aus dem oben verlinken Dokument

  • Range Bound Spreads: Bringen den Profit in konvergenten Märkten; sind für rund zwei Drittel des Portfolio-Alphas seit Auflage verantwortlich.
  • Directional Spreads: Generieren Zusatzerträge in "less typical market conditions"; haben etwa ein Drittel zum Portfolio-Alpha beigetragen.
  • Hedging Positions: Bieten Schutz während eines kurzfristigen Crashs; reduzieren das Portfolio-Alpha, da die Ausgaben für diese Positionen selten wieder eingespielt werden.

Was für ein Irrsinn

Range Bound Spreads

Das ist kein Alpha. Zwei Drittel des Portfolios sind Beta. Da werden einfach Optionen verkauft mit dem Ziel die Optionsprämien zu vereinnahmen. Das ist Short Volatility pur. Fachleute nennen das: "Centmünzen vor einer Dampfwalze einsammeln".

Directional Spreads

Verräterische Sprache: Was sind "typical conditions" an der Börse? Wenn es typische Verhältnisse gibt, dann muss es auch untypische Verhältnisse geben. Was sind das für Verhältnisse? Meine Vermutung: Wenn die Volatilität ansteigt und die Kurse sich zügig bis heftig - in die eine oder andere - Richtung bewegen. An der Börse gibt es kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Immer wieder stark ansteigende Volatilität ist typisch für die Börse. "typical conditions" ist die Sprache von Schönwetterkapitänen.
Ist das schon Trendfolge? Ich weiß es nicht. Die Allianz mauert, was die Details angeht.

Hedging Positions

Sie reduzieren das Alpha nicht. Sie sind das Alpha!
Aber wer das Ganze durch die Controllerbrille sieht (Sirenen und ein Depot voller Sandsäcke kosten nur Geld, weg damit) und nicht die Traderperspektive einnimmt (der Ringwall bleibt, auch wenn die letzten Orks vor 100 Jahren gesichtet wurden) kriegt eines Tages die Quittung.
Achtung - wilde Spekulation: Es würde mich nicht wundern, wenn die Allianz die Hedging-Positionen zurückfährt, wenn das Jahresziel von zehn Prozent bedroht ist.

Was hat die Allianz gemacht?

Die Allianz hat ihr eigenes Modell entwickelt. Dieses Modell konzentriert sich auf den US-Amerikanischen Markt. Gehandelt wurden Spreads im Optionsmarkt. Dabei werden Optionen mit unterschiedlicher Laufzeit und oder Bezugspreisen gekauft und verkauft. Der Trader lebt von den Preisdifferenzen (das ist der Spread). Der Preis einer Option orientiert sich immer an einem Basiswert. In diesem Fall waren das der S&P-Index und ETFs mit US-Werten.

Institutionelle Anleger stehen vor einem Dilemma. Sie haben monatliche Zahlungsverpflichtungen. Die benötigten Geldströme generiert man am besten mit AAA-Staatsanleihen, die sieben bis neun Prozent jährlich abwerfen. Die zeichnet man bei der Emission, legt sie sich ins Depot und hält sie bis zur Fälligkeit.
Das Blöde: Diese Wertpapiere gibt es nicht. AAA liefert Minusrenditen und venezolanische Junkbonds bringen nur Mañana-Zinsen (komm’ ich heut’ nicht, komm ich morgen). Diesen Monat keine Pension, weil die Zinsen nicht kamen. Das will kein Feuerwehrmann hören.

Und dann werden Produkte wie die von der Allianz attraktiv. Das ist so ähnlich wie "Dividenden sind der neue Zins". Im juristischen Sinne waren die Alpha-Fonds keine Garantiefonds, aber das Management stand natürlich unter dem Druck diese Performance abzuliefern. Egal wie. In diesem Fall war es dann kein Alpha, sondern gehebeltes Beta und das ist konvergent (viele kleine Gewinne, ab und zu der Megaverlust).

Der Vorwurf lautet:

"Allianz’s desperation to generate gains and avoid losses across the entire family of Alpha Funds during March 2020 created the incentive to take extreme risks, and further deviate from the mandated investment strategy."
Quelle: Institutional Investor

Das ist der Uralt-Klassiker der Verhaltensökonomie: Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, werden Menschen risikoaffin und versuchen die Verluste zurückzuholen. Typisch konvergentes Verhalten.
Ein Trendfolger hätte die Verluste zügig realisiert, sich neu sortiert und dann geschaut was geht. Das wäre divergent gewesen. Aber wenn man bei seinen Geldgebern im Wort steht: "Zehn Prozent über Benchmark" bleibt nur der Heldentod.

Die unheilige Allianz

Bedürftiger Insti mit viel Geld trifft auf Golddigger.
Die Allianz ist ein alter Konzern. Konzerne sind konvergent und haben eine produktzentrierte Weltsicht. Welches Produkt können wir an wen zu welchem Preis verkaufen? Was ist für uns drin? Werfen Sie Excel an und prognostizieren Sie. Und dann wird dem Kunden das verkauft, was er will und nicht das was er braucht.
Die Instis sind auch froh, denn sie haben sich neben der Rendite auch einen Sündenbock eingekauft. Wenn’s nicht klappt, waschen sie ihre Hände in Unschuld und schieben den Vorgang rüber zu den Juristen. Merke:

Für jedes fachliche Problem gibt es eine juristische Lösung

Was wird gebraucht?

Für diesen Job braucht man Trader-Buden. Kleine agile Einheiten, die nicht vom Vertrieb oder Juristen geleitet werden, sondern von Tradern. An der Spitze dieser Firmen müssen Leute stehen, die automatisch beim Betreten eines Raumes die Lage der Notausgänge scannen.
Positionen aufbauen kann jeder. Die Kunst ist es das Zeug - wenn es darauf ankommt - auch blitzschnell wieder loszuwerden und sich neu zu positionieren. Das klappt, wenn man

  1. ein erfahrender Trader ist und
  2. keine Versprechungen macht. Wer keine Versprechungen macht, muss nicht verzweifelt versuchen diese zu halten, sondern kann sich mit dem zufrieden geben, was der Markt in diesem Jahr liefert. Das ist nachhaltig. Um Geld zu verdienen, muss ich erst einmal sicherstellen, dass ich überlebe.

Natürlich kann ich als Anleger meinen Fonds-Managern sagen: "Schafft mir die Kohle ran, egal wie." Damit erzwinge ich konvergentes Verhalten (verlässliche Gewinne) und ruiniere die ganze Diversifikation. Für die Konvergenz sind die ETFs zuständig.

Vorteil von Privatanlegern

Der souveräne Selbstentscheider ist die Krone der Schöpfung.
Warum?

  1. Er ist flexibler. Wenn die Märkte nicht die Rendite hergeben, dann hat er noch andere Geldquellen oder schnallt den Gürtel enger. Das hat nichts mit Alpha zu tun, sondern gilt für jede Börsenstrategie. Egal ob rein passives ETF-Engagement, Einzelaktien-Depot oder was mit Alpha. Verlassen Sie sich nie zu 100 % auf die Börse.
  2. Keine Kompromisse! Er ist der Sonnenkönig seines Depots. Ich möchte nicht wissen, bei wie vielen Instis das Board nach Proporz und nicht nach Kompetenz besetzt ist. Einen Sitz für die pensionierten Professoren, einen für den Landfrauenverband… Wie viele Entscheidungen im Stiftungsrat kommen wohl zustande, weil: "Du willst doch Dekan der juristischen Fakultät werden. Unterstütz’ mich hier bei dieser Allianz-Sache, dann stimme ich im Fakultätsrat für Dich."

Ein Privatanleger herrscht absolutistisch und kann deshalb kann in seinem Depot Dinge umsetzen, die in der konvergent durchregulierten Fragilwelt der Dickschiffe nicht möglich sind.

Fazit

Jörg hat recht: Die Allianzstrategie hat versagt. Das bedeutet nicht, dass man das Alpha mit dem Bade ausschütten sollte.
Was tun?
Alpha ist divers. Nur weil auf zwei Produkten "Alpha" draufsteht bedeutet das nicht, dass sie sich gleich verhalten. Sie müssen die Strategie verstehen. Wird die Abweichung vom Index konvergent oder divergent erzeugt? Ist es Krisen-Alpha oder gehebelte Martkrendite?

  • konvergent = viele kleine Gewinne, ab und an ein fetter Verlust, Fachbegriff: Short Volatility. Konvergente Strategien wollen ihr geregeltes 9-to-5 und dann ein Feierabendbierchen. Wenn sich Mr. Market in einen Werwolf verwandelt brechen sie zusammen.
  • divergent = viele kleine Verluste auf dem Weg zum Goldland, Fachbegriff: Long Volatiliy. Die divergente Strategie ist der Indiana Jones der Märkte. Nazis, Schlangen, Aliens, kein Problem. Je wilder desto besser. Zerschrammt und mit zerknautschtem Hut (kleine Verluste) kommt der Held doch immer irgendwie durch und rettet die Welt (mehr Jackpot geht ja kaum).

So wie es aussieht, hat die Allianz ihr strukturiertes Alpha zu einem guten Teil konvergent erzeugt. Und dann steht noch der Vorwurf im Raum, dass die Fondsmanager in den hektischen Tagen des März 2020 die Nerven verloren haben und angefangen haben zu improvisieren.
Ich habe mich hinter den Kulissen mal umgehört und mehrere langjährige Berufstrader dazu befragt. Beide haben diese Vermutung nicht als vollkommen abwegig vom Tisch gewischt. Näheres werden die Ermittlungen der SEC zeigen.

Unabhängig von den Ermittlungen der SEC: Was bleibt?

  1. Nicht der Name, der auf der Packung steht entscheidet, sondern der Inhalt.
  2. Um den Inhalt beurteilen zu können, brauchen Sie Grundkenntnisse zum Thema Optionen und Futures.
  3. Alpha-Fonds sind People-Business. Die Strategie muss stimmen, aber dann muss die Crew auch Kurs halten. Es reicht, wenn die Strategie gut genug ist. Entscheidend ist auf’m Parkett. Hervorragende Umsetzung toppt brillante Strategie.

Wenn Sie kein People-Business bei der Geldanlage möchten, bleiben nur ETFs.
Nichts ist prognosefreier als der ETF. Solange die Compliance stimmt und irgend jemand das Geld richtig verbucht ist alles gut.
Aktien? Aber hallo, so was von People-Business. Eine Wette auf die Qualitäten der obersten Heeresleitung.
Tagesgeld? Auch People-Buiness. Sie sind der Gläubiger der Bank. Hoffen wir mal, dass der Vorstand seinen Sorgfaltspflichten nachkommt.
Einzig der Brot&Butter-ETF wringt vollkommen seelenlos die Rendite aus dem Markt. Kapitalistischer geht’s nicht. Und genau deshalb immer willkommen in meinem Depot.

Links zum Thema

Hier eine Linksammlung zum Thema. Ich habe diese Links nicht auf sachliche und fachliche Korrektheit geprüft. Das ist ein Service um Ihnen einen Vormittag im Suchmaschinenraum zu ersparen.

Einführender Artikel ins Genre vom Institutional Investor: How to Lose a Billion Dollars Without Really Trying

Lieblingszitat zum Thema Volatiltiy-Trading

"Who chooses to specialize in something so hard to grasp, sell, and make money on? The same people who’d become theoretical physicists instead of plastic surgeons."

Solche Sheldons findet man nicht in Konzernen.

(awa)

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Kommentare

Timo sagt am 06. August 2021

Hallo Albert,

genau dieses "people-business" ist es, was mich am "Norbert'schen Krisen-Alpha" so stört. Ich investiere in ETF, weil du, Herr Kommer und x andere mir glaubhaft(!) versichern: Du alleine wirst nur mit Zufall bessere Aktien finden als den Gesamtmarkt. Und selbst die Profis schaffen das nicht (verlässich, prognostizierbar und über lange Zeiträume).

Warum ist es "unmöglich" einen Fondsmanager zufinden der mir zuverlässig Aktien-Alpha liefert, aber anständige Krisen-Alpha Fondsmanager zu picken ist "leicht"?


Finanzwesir sagt am 06. August 2021

Hallo Timo,

"Du alleine wirst nur mit Zufall bessere Aktien finden als den Gesamtmarkt."

Das sage ich immer noch. Deshalb ein Hoch auf den Brot&Butter-ETF was das Buy&Hold und das Thema "Mitbesitz" angeht. Langfristig, breit und fertig.

Alpha ist ein ganz anderes Konzept. Hier geht es nicht um Besitz, sondern um Meinungen.

  • Aktien oder ETFs: Ich besitze ein Teil der Produktivität, den diese Welt hervorbringt. Da will ich langfristig dabei sein.
  • Die Options- und Futures-Märkte sind Meinungsmärkte. Meinungen ändern sich und so entstehen Trends. Optionen und Futures sind dafür die passenden Vehikel. Mit ihnen kannst Du Dich mit überschaubarem finanziellen Einsatz positionieren. Und wenn Du Deine Meinung änderst kommst Du in liquiden Märten schnell von Long nach Short und wieder zurück. Mit Stockpicking hat das nichts zu tun.

"Warum ist es "unmöglich" einen Fondsmanager zu finden der mir zuverlässig Aktien-Alpha liefert, aber anständige Krisen-Alpha Fondsmanager zu picken ist "leicht"?"

Es ist ganz schön aufwändig einen anständigen Krisen-Alpha-Fonds zu finden. Du musst

  1. Dich lange mit dem Thema beschäftigen, um zu verstehen, wie Krisen-Alpha grundsätzlich entstehen kann. Es gibt so viele Strategien, die man erst einmal verstehen und dann aussortieren muss. Das ist ziemlich divergent. Anschauen & verwerfen und weiter. Bis dann Trendfolge und Long Volatility als Anlageklassen übrig bleiben. Aber da muss man erst einmal hin.
  2. sehr gut in Mathe sein, um dann die Fonds in der entsprechenden Anlageklasse zu durchleuchten. Das sind die ganzen Backtests. Du liest die Fondsprospekte, bildest eine Hypothese, wie der Fonds wohl in bestimmten Situationen reagieren wird und prüfst dann, ob Deine Hypothese von den wirklichen Kursverläufen gestützt wird. Wenn der Trendfolger eher langsam eingestellt ist und deshalb in der Subprime-Krise gut gearbeitet hat, dann sollte er beim Corona-V Probleme gehabt haben. Ein Trendfolger darf nicht in allen Krisensituationen gleich gut performen. Deshalb diversifiziert man über verschiedene Strategien. Das ist wie beim Schrauben. Der 15er-Schlüssel ist für die 15er-Schrauben und der 10er für die kleinen Schrauben. Jeder Trendfolger hat seinen Lieblingskrisentyp. In der Praxis ist das nicht so scharf abgegrenrt, wie bei den Schraubenschlüsseln, aber ein Trendfolger, der einen Jahreshorizont hat, taugt nichts beim Corona-V.
  3. mit den Fonds-Managern reden. People-Business eben.

Dann hast Du eine Chance.

Was die Stockpicker angeht: Stockpicker sagen die Zukunft voraus. Das ist schwer.
Trendfolger folgen einem Trend. Kein Trend, keine Trendfolge. Deshalb diversifizieren Trendfolger über die verschiedensten Märkte. Unter anderem Aktien, Aktienindizes, Rohstoffe, Geldmarkt (Bonds mit kurzer Laufzeit) und Forex (Währungen). Wenn Du noch CO2-Zertifikate, Strompreise und andere Märkte dazu nimmst, dann stehen den Trendfolgern bis zu 600 Märkte zur Verfügung. Da macht es nichts, wenn ein Markt mal jahrelang stabil bleibt. Irgendwas trendet immer.

Beim Alpha-Fonds wählst Du letztlich eine Strategie und setzt darauf, dass das Management diese Strategie dann operativ gut umsetzt. Da greift dann wieder das Prinzip Erfahrung.
Du musst nicht darauf hoffen, dass ein bestimmter Markt zu einer bestimmten Zeit in eine bestimmte Richtung trendet. Du setzt einfach darauf, dass sich irgendwo irgendwelche Trends bilden.

Gruß
Finanzwesir


Timo sagt am 06. August 2021

Hallo Albert,

aber das Grundproblem bleibt doch, woher weiß ich, dass die zukünftigen Krisen so sind, dass sie zu meinen Alpha Fonds passen? Entweder bilde ich mir eine Meinung, wie das Krisenprofil der Zukunft ist und wähle daraufhin die Länge der Trendfolger (wenn ich dich richtig vertsanden habe), oder ich lade mir sicherheitshalber alles von 1 Monat bis 18 Monate rein, dann werde ich schon alle nächsten Krisen ganz gut überstehen.
Aber wie ist denn dann die Gesamtperformance? Wenn ich 50% Beta habe und 5x 10% Alpha von denen aber immer nur 1-3 ihr volles Potential entfalten, was macht dann der rest? Geht der mit dem Markt runter, oder weniger, oder sogar mehr? Und reichen dann 10-30% Alpha um die Verluste (ALLE Vorkrisenverluste/-opportunitäten der 50% Alpha) zu (über-)kompensieren? Oder negieren sich die 50% Alpha im schlimmsten Fall und ich hätte mit Anleihen doch einen ähnlichen Effekt haben können?

Du bist irgendwo auf das Thema rebalancing mit Alpha eingegangen, ich finde den Artikel aber gerade nicht, könntest du den einmal bitte verlinken? Denn bei Norbert klang das so, dass Beta + Krisen-Alpha eine Überrendite erzeugt. Du fokussierst dich in deinen Beispielen eher auf die Vola Glättung. Also profitieren alle Anleger vom Krisen-Alpha oder nur diejenigen, die bei 100% Beta in der Krise dann doch Verkaufen?


Thomas sagt am 06. August 2021

Hallo FW Woher soll ich mir sicher sein, dass bei meinem Anlagehorizont (immerhin 25 Jahre) der Fondsmanager immer die richtigen Entscheidungen trifft? Oder wäre das Produkt für so einen langen Zeitraum dann gar nichts für mich? Lg Thomas


Finanzwesir sagt am 07. August 2021

Hallo Timo,

"woher weiß ich, dass die zukünftigen Krisen so sind, dass sie zu meinen Alpha-Fonds passen?

Das weiß keiner. Deshalb: Breiter Fächer an Alphas (wenige Wochen bis Ein-Jahres-Strategien) zwecks Diversifikation.
Norbert sagt immer: robustes Breitband-Antibiotika ;-)

Eine Spezialisierung auf enge Zeitbereiche ist extrem riskant und Unsinn, weil man ja keine Krise und ihre Eigenschaften voraussagen kann. Trendfolge funktioniert nur so robust breitbandig wie möglich.
Wenn Du Dir auf Youtube Diskussionen von Profitradern anhörst oder die Podcast-Reihe "Toptraders unplugged von Niels Kaastrup-Larsen anhörst, dann wird Dir auffallen, wie entspannt die meisten sind, wenn es um konkrete Sachen geht. Ein Beispiel: Wenn sich zwei gleitende Duchschnitte kreuzen, dann sollte man aufmerken. Aber ob jetzt die 40-Tage-Linie die 80-Tage-Linie kreuzt oder die 50-Tage-Linie die 100-Tage-Linie - oder Gott bewahre - die 150-Tage Linie überquert: Das geht den so was am Arsch vorbei.
Das erinnert mich an meine ETF-Lehrjahre: 70/30 World/Schwellenländer ist die richtige Mischung. 60/40 ist viel zu aggressiv, 80/20 bringt ja nichts.
Dieses erbitterte Streiten über Prozente übersieht: Es geht nicht um die Prozente, es geht darum durchzuhalten.
Bei Alpha ist es ähnlich: Die konkrete Ausformung eines einzelnen Parameters ist relativ egal. Solange er mit den ganzen anderen Parametern ein harmonisches System bildet und der Trader auch fähig ist dieses System durchzuhalten.
Da ist es wieder, das böse D-Wort, die teutonische Sekundärtugend des nicht Aufgebens. So, jetzt zurück zu Deinem Thema.

Wie funktionieren diese Trandingstrategien?
Hier das zweiminütiges Lehrvideo "Managed Futures Strategy" für das Grundverständnis.

Der Trick an der Sache heißt Pyramidisieren.
Der Trendfolger hat viele Pferdchen am Laufen. Irgendeine der Strategien wird schon ansprechen und dort wird dann weiter investiert. Im Futures-Markt werden Gewinne und Verluste täglich abgerechnet. Für eine Gewinnerstrategie bedeutet das: Auf dem Marginkonto geht täglich frisches Geld ein. Damit kauft der Trendfolger dann weitere Kontrakte und stapelt so die Pyramide immer höher.
So ein Trade entwickelt dann eine Eigendynamik.

Auf den trendlosen Märkten dieseln die anderen Strategien so vor sich hin. Immer bereit anzuspringen, wenn sich ein Trend blicken lässt. So sind sie bereit, aber ihr Einfluss auf den Gesamtertrag bleibt gering. Die wenigen erfolgreichen Einzeltrades dominieren das Ertragsprofil immer stärker, je länger der Trend anhält.
Die Steigung ist keine Gerade, sondern eine Kurve. Die erste Ableitung ist nicht konstant, sondern wächst. Die Steigung der Steigung steigt ;-) Das nennt sich "Konvexität des Gewinnprofils", von seinen Freunden auch CTA-Smile genannt.

Long-Volatilifonds sind das genau entgegengesetzte Breitband-Antibiotika. Sie liefern breibandig gut von mittellangen bis ultrakurzen Krisen und widerstehen selbst Volatilitätsspikes von wenigen Tagen.

Die Kombi aus Trendfolge und Long-Volatility soll eine gleichmäßig breite Abdeckung mit Krisenalpha in divergenten Zeiten bieten.
Aber natürlich nicht wie mit dem Lineal gezogen! Am Anfang eines schnellen Crashs - wie bei Corona - brauchen die mittel- bis langfristigen Trendfolger einige Zeit, bis sie sich drehen. Bei Corona haben die Trendfolger rund 10 Prozent verloren. Danach hatten sie die Seite gewechselt und es ging wieder nach oben.
Nochmal: Trendfolger sind keine Hellseher. Sie folgen einem Trend. Wenn der Trend wie von Furien gejagt an ihnen vorbei rast, brauchen sie einige Zeit um das Ruder herumzureißen.

"Aber wie ist denn dann die Gesamtperformance? Wenn ich 50% Beta habe und 5 x 10% Alpha von denen aber immer nur 1-3 ihr volles Potential entfalten, was macht dann der Rest? Geht der mit dem Markt runter, oder weniger, oder sogar mehr? Und reichen dann 10-30% Alpha um die Verluste (ALLE Vorkrisenverluste/-opportunitäten der 50% Alpha) zu (über-)kompensieren? Oder negieren sich die 50% Alpha im schlimmsten Fall und ich hätte mit Anleihen doch einen ähnlichen Effekt haben können?

Diese Frage kann niemand seriös beantworten.
Ein ETF-Index diversifiziert breit über Regionen, Sektoren und Firmengrößen. Die Masse der Aktien liefert keine Performance.

"25% of the stocks in the U.S. market were responsible for all the gains from 1980 to 2008."

Und trotzdem sind wir alle ganz zufrieden mit unseren ETFs. Das gleiche indexähnliche Vorgehen bei den Alpha-Fonds. Statt einzelner Firmen sind es die verschiedenen Fonds und die Fonds selbst diversifizieren wieder über die verschiedensten Märkte. Die Hoffnung: Die Kombi aus

  • kein Trend bei Gold
  • Aufwärtstrend beim Währungspaar Dollar/Euro
  • starker Abwärtstrend beim Rohöl
  • Langeweile auf den Aktienmärkten
  • plus 600 weitere Märkte

kombiniert mit der Konvexität des Gewinnprofils sollte es richten. Auch hier gilt wieder: Nicht der einzelne Fonds entscheidet, sondern das Portfolio. Damit sinkt die Bedeutung eines jeden Fonds und es geht immer weniger um die Managerauswahl, sondern darum breit diversifiziert zu sein.

Und vielleicht lachen uns am Ende die Einkommensinvestoren alle aus, denen dieses Alpha/Beta-Getue vollkommen egal ist, weil sie jeden Monat, jedes Quartal, jedes Jahr ihre Ausschüttungen verlangen. Kurse sind denen egal. Die wollen Cash.

Ein Wort noch zu Trendfolgern:

Trendfolger wollen nichts vom Leben. Sie wollen nichts vermeiden oder erreichen. Sie nehmen einfach das mit, was ihnen gegeben wird und fügen sich ansonsten stoisch in ihr Schicksal.

Es ist die Kombi, die den Wert der Strategie ausmacht

  • Bei sehr dynamischen Krisen wie Corona macht Long Vola den Durchmarsch und hält zusammen mit den schnellen Trendfolgern die Stellung.
  • Bei jahrelangen Krisen wie der Dotcom-Krise ist es genau umgekehrt. Long Vola ist so ok um Null oder ein bisschen drüber. Die Trendfolger - egal ob kurz-, mittel oder langfristig - haben ihre Sternstunde.
  • Bei mittlerer Krisendynamik wie bei der Subprime-Krise 2008 arbeiten alle recht gut und liefern auch wieder einen robust performanten Krisenalpha-Teil ab.

Achtung: Das bedeutet nicht, dass es keine Verluste gibt! Das gesamte Depot mit ETFs und Aktien auf der einen und Alpha auf der anderen Seite kann sehr wohl Verluste machen. Nur hoffentlich weniger als nur ETFs.

"Du bist irgendwo auf das Thema Rebalancing mit Alpha eingegangen, ich finde den Artikel aber gerade nicht, könntest du den einmal bitte verlinken?"

Eigentlich habe ich dazu noch nichts Konkretes geschrieben, außer das man sich um diesen Punkt kümmern sollte. Es sollte algorithmisch ablaufen, aber nicht zeitlich konstant. Also nicht so wie beim ETF, einfach am Jahresende schauen und dann glattziehen, sondern wenn sich Allokationen deutlich verschoben haben. Da kommt man dann aber schnell in steuerliche Themen und dann wird es individuell. Das ist was für einen eigenen Artikel und nichts für die Kommentare.

"Denn bei Norbert klang das so, dass Beta + Krisen-Alpha eine Überrendite erzeugt. Du fokussierst dich in deinen Beispielen eher auf die Vola-Glättung. Norberts Überrendite und meine meine Vola-Glättung sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

Was 50% fällt muss 100% steigen. Wenn ich die Vola auf minus 40 glätten kann, muss der arme ETF nur noch aus einem 67%-Loch krabbeln statt sich zu verdoppeln - und Voila: Überrendite ;-)
Das ist die Asymmetrie der Prozentrechnung. Wenn ich beim Absturz 10% verhindere, spart mir das eine Strecke von 33% wenn es wieder nach oben geht.

ETF und Alpha sind rein defensive Konstrukte. Die machen Dich nicht reich. Es ist nur ein weiterer Versuch nicht arm zu sterben.
Es gilt nach wie vor:

  • Konzentration bildet Vermögen
  • Diversifikation schützt Vermögen

Gruß
Finanzwesir


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